Der Tod der Anderen. Und das eigene Überleben.

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Viereinhalb Jahre ist es nun her, dass der feige Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo verübt wurde. Ein Anschlag auch auf die freie Meinungsäußerung. Und, Freunde, hat sich seitdem etwas geändert, gibt es weniger Hass und Gewalt zwischen Himmel und Erde? Die Antwort ist kurz und niederschmetternd: Nein. Genau genommen ist es sogar noch schlimmer geworden. Egal, aus welcher Ecke die Gewalt kommt, ob sie politisch, rassistisch oder religiös motiviert ist: Sie hat nie stichhaltige Argumente, aber immer die Aktion auf ihrer Seite. Eine Aktion mit oft entsetzlichen Folgen für die Menschen, die dieser Gewalt ausgesetzt waren und sie überlebt haben. Genau davon erzählt »Der Fetzen« von Philippe Lançon. Einem Mann, der unglaublich viel Glück hatte und dem doch großes Unglück widerfahren ist. Philippe Lançon wurde bei dem Attentat auf Charlie Hebdo schwer verletzt und entsetzlich entstellt. Die Kugeln der Killer haben ihm den halben Kiefer weggeschossen. Aber er hat überlebt: »Ich war einer von ihnen, aber ich war nicht tot.«
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Der ganze Thomas Bernhard. Und sein Hab und Gut dazu.

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© Suhrkamp Verlag

Am 12. Februar 1989 ist Thomas Bernhard gestorben. Dieser sprachgewaltige Weltankläger hat also vieles nicht mehr miterlebt. Den Fall der Mauer, das Ende der Sowjetunion, den Zerfall Jugoslawiens, wo er mehrfach hinreiste, ganz zu schweigen vom Internet und Menschen, die sich eine Berufsbezeichnung geben, die irgendwie nach dem lateinischen Wort für Grippe klingt. Hochansteckende Hysterie als Reaktion auf seine Literatur war ihm trotzdem nicht fremd. Seine Anklage gegen eine gedankenlose und gleichgültige Welt entlud sich nicht selten in legendären, kunstvollen Beschimpfungen. Kein Fremdenverkehrsverband hätte mehr für Augsburgs Berühmtheit tun können, als Bernhard mit seiner Lechkloake. Und erst das Burgenland! Eine Strafanstalt, fad und häßlich. Aber das mit der Kunst verstanden viele nicht, folgerichtig kam es zu ebenso legendären Reaktionen von Reaktionären, die zumeist unsouverän bis offen feindselig ausfielen. Bestes Beispiel: Die Hasstiraden auf sein letztes Theaterstück Heldenplatz.
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Mann mit Eigenschaften.

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Michel Houellebecq? Ist das nicht dieser Skandalautor? Ist das nicht der mit den provokanten Ansichten, dieser islamophobe Erfolgsschriftsteller? Der mit der Vorliebe für Alkohol und Zigaretten, dieser absolute Befürworter der Prostitution? Ja und nein. Alles stimmt und ist doch nicht wahr. „Wer ist Michel Houellebecq?“ fragt auch Julia Encke, Autorin und verantwortlich bei der FAS für das Literaturressort in ihrem gleichnamigen Porträt des französischen Enfant Terrible. Sie hat den Autor mehrfach getroffen, ist eine Kennerin des Literaturbetriebes und versucht, das Phänomen Houellebecq in mehreren Kapiteln zu erklären. Diesem Mann der vielen Gesichter, auf dem schon zahlreiche Etiketten kleben, die er mit der nächsten Häutung, mit jedem neuen Roman zuverlässig wieder abstreift.
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Bukowski übers Schreiben, das Leben und den Tod.

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Es gibt Neues von Charles Bukowski, genauer: neues Altes. Der Mann war ein eifriger Briefeschreiber, und nun sind eine ganze Reihe seiner Briefe in dem Band Über das Schreiben bei Kiwi erschienen. Aber wir können uns entspannen, denn hier wird keine geschäftstüchtige Bukowski-Folklore betrieben, diese Briefe waren noch nicht in dem ebenfalls lesenswerten Werk Schreie vom Balkon enthalten und bieten selbst demjenigen, der schon alles von Buk gelesen hat, noch neue Einblicke. Er spricht – wie der Titel des Buches schon sagt – übers Schreiben. Und sagt dazu viele kluge und wahre Dinge.
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Kafka und die starke Frau an seiner Seite.

Wir sind ihnen allen schon einmal begegnet – Gregor Samsa, Josef K. oder dem Landvermesser K. Doch eine gewisse Felice Bauer habe ich bisher nicht mit Franz Kafka verbunden. Wobei man unterscheiden muss, denn die zuerst genannten Protagonisten entstammen Kafkas Phantasie, seinen Werken. Felice Bauer hingegen hat es als leibhaftigen Menschen wirklich gegeben. Und was für eine beeindruckende Frau sie war! Unda Hörners Neugier habe ich es zu verdanken, dass ich Felice näher kennenlernen durfte und mit ihr einen weiblichen Blick auf den großen Schriftsteller werfen konnte. In ihrem Roman »Kafka und Felice« zeichnet die Autorin die besondere Liebesgeschichte der beiden in Romanform nach, auf Basis von Kafkas Briefen an Felice. Und sie unternimmt mit ihren Lesern gleichzeitig eine aufregende Zeitreise ins Berlin zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Doch wie sind die beiden überhaupt zusammengekommen? Einen Einblick in das kenntnisreiche, berührende und anregende Buch schenke ich euch heute an diesem kalten Novemberabend. Weiterlesen

Mögen wir die Morgenröte noch sehen.

XVerleih_VDM_011 © X Verleih Stefan Zweig (Josef Hader) in New York.JPG
© X Verleih Stefan Zweig (Josef Hader): Vor der Morgenröte

Kriegsgeschrei, Kriegstreiben und Kriegführen, nur unterbrochen von kurzen, trügerischen Momenten des Atmens im abziehenden Rauch. Zwischendrin steht Stefan Zweig und weiß nicht, wie ihm geschieht. Der Kopf leicht geneigt, der Blick melancholisch. Der bescheidene, besonnene Mann wird überrollt von den Ereignissen einer Welt, deren gewalttätiges Treiben er nicht mehr versteht. Nicht, nachdem er die Welt selbst erklärt, ihre Sternstunden moderiert hat. Die leuchtenden wie die finsteren. Aus der Lust an der Unsterblichkeit wurde die Welt entdeckt, neue Horizonte taten sich auf für die Menschheit. Kleine, eigentliche unbedeutende Zwischenfälle entscheiden über den Untergang eines Reiches, der Wankelmut eines Untergebenen wird zum sprichwörtlichen Waterloo eines Herrschers. Eine einzige Nacht macht aus einem mittelmäßigen Dichter den Schöpfer eines weltbekannten Liedes. Große Künstler werden im Angesicht von Krankheit und Tod zu Sterblichen, ihre Kunst jedoch bleibt unsterblich. Welthistorische Stunden werden wieder lebendig. Der große Denker und Dialektiker Cicero will der Brutalität der Politik entfliehen, nur, es gelingt ihm nicht. Der geistige Mensch wird Opfer seiner eigenen Bestrebungen, das Volk zu befreien. Er vergisst die Mächtigen, denen nur ihre Macht wichtig ist. Man trennt ihm den Kopf ab und stellt diesen grausam zur Schau. Ciceros Gedanken überleben das unwürdige Schauspiel um tausende von Jahren, und die Werke von Stefan Zweig strahlen heute ebenso wie vor achtzig Jahren.
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Dorothy Parker: Lauter Liebeserklärungen.

Seit einigen Wochen trudeln die neuen Bücher der Herbstsaison im Hause der Klappentexterin ein. Herr Klappentexter schlägt die Hände über den Kopf zusammen und fragt: Wohin nur mit all den Büchern? Und ich? Freue mich wahnsinnig, schaue sie jedoch nur kurz an und stelle sie dann seufzend ins Regal. Zugegeben, die Neugier ist groß und es fällt mir nicht leicht, sie erst einmal zu ignorieren. Doch die Neugier auf eine bestimmte Autorin ist mindestens genauso groß: Dorothy Parker. Am 7. Juni jährt sich ihr Todestag zum 50. Mal. Bis vor wenigen Wochen hatte ich noch gar nichts von der New Yorker Autorin gelesen. Was eigentlich gar nicht sein konnte. Nun schreibt hier ein frisch gebackener Fan dieser wunderbaren Autorin, die nie, nie in Vergessenheit geraten darf. Weiterlesen

Aus Liebe zu Nabokov.

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Die Liebe zu einem Autor ist eine ganz besondere – denn es ist ein eigentlich fremder Mensch, mit dem man sich dennoch durch eine unsichtbare Schnur verbunden fühlt. Nur allein dadurch, was und wie er seine Geschichten schreibt und einen so begeistert. Deshalb war ich neugierig, was die junge Autorin Lila Azam Zanganeh in ihrem Buch »Der Zauberer Nabokov und das Glück« über ihren Lieblingsautor Vladimir Nabokov schreiben würde.

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Das Leuchten der Bilder. Und der Worte.

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Zart wie Schneeflocken schweben David Foenkinos Worte in meine Augen. Aber erst einmal muss ich mich an seine ganz eigene Art zu erzählen gewöhnen. Es ist ein wenig so, als würde ich aus dem Licht kommen und einen dunklen Raum betreten. Den ich trotz allem nicht mehr verlassen möchte. Zu anziehend sind seine schlichten Sätze, die nicht hintereinander sondern untereinander stehen, dabei eine enorme Kraft versprühen und an ein sehr langes Gedicht erinnern. So lese ich ganz langsam Satz für Satz auf und tauche in eine zutiefst bewegende Geschichte.

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Kleines Büchlein, große Geschichte, großartige Frau!

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Für gewöhnlich sprudele ich wie eine Wasserfontäne, wenn ich von einer Lesung wieder nach Hause komme. Doch dieses Mal ist die Klappentexterin auffallend still, noch ganz in sich gekehrt. Das fällt dem Liebsten sofort auf. Und selbst jetzt, einen Tag später, bin ich weiterhin tief berührt. Die Buchpräsentation von »Und du bist nicht zurückgekommen« von Marceline Loridan-Ivens im Jüdischen Museum zu Berlin war bewegend, unvergesslich und traurig schön.

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