150 Jahre Proust. Auf der Suche nach dem Mythos.

Das Universum schlägt zurück. 

Vor 150 Jahren wurde Marcel Proust geboren – lassen wir sie also beginnen, die Proust-Festspiele. Ein derartiges Jubiläum lässt sich natürlich kein Verlag und schon gar kein Proust-Kenner entgehen, so dass wir in diesem Jahr die Auswahl unter vielen Neuerscheinungen, Wiederveröffentlichungen und neuen Übersetzungen haben. 

Sicher, Proust ist ein Mythos, vor allem sein Weltepos Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ein Universum für sich. Aber wie zeitgemäß ist Proust noch, lohnt sich die investierte Zeit in die ausufernde Lektüre des vielbändigen Werkes, und was gewinnt man dadurch? Oder ist das alles am Ende verlorene Zeit? Genug der Wortspielereien, aber dieses Opus Magnum gehört zu den Werken, über die viele reden, aber kaum jemand hat es wirklich von vorn bis hinten gelesen. Trotzdem ist es Dauergast in Filmen und Foren, es wird zitiert und drüber doziert und doch bleiben die gestellten Fragen hartnäckig im literarischen Raum. 

Auch für mich. Eigentlich sollte ein ganzer Blog das ganze Jahr einzig und allein Proust gewidmet werden. Je länger ich jedoch in der Recherche (wie die Suche von frankophilen Fans gern genannt wird) las und selbst recherchierte, erste Zweifel mich beschlichen, ob ich das wirklich will, also ein ganzes Jahr Proust um mich haben, desto mehr schien der Autor selbst aus seinem Grab zurückzuschlagen. Er forderte und überforderte mich, lies mich nicht mehr los. Beginnen wir nun die Reise, von der ich selbst noch nicht weiß, wohin sie geht und wie lange sie dauert. 

Bleiben wir bei den Fragen. Zunächst: Ist es verlorene Zeit, dieses epische Werk heute zu lesen? Fritz J. Raddatz hat sich ja mehrfach an ihm abgearbeitet und war selbst auf der Suche nach dem verlorenen Proust steckengeblieben und hat sich in seinen Erinnerungen gefragt, wie diese gepuderte und gezuckerte Ausdrucksweise jemals Weltliteratur werden konnte. Und erst mauve! Was soll denn das für eine Farbe sein? 

Bereits zu Lebzeiten von Proust gab es ratlose Stimmen. Der Lektor Jacques Normand schrieb 1912 nach der Lektüre des ersten Bandes: „Am Ende von siebenhundertzwölf Seiten dieses Manuskripts …  – nach unendlicher Verzweiflung darüber, in unauslotbaren Verwicklungen zu ertrinken und nervenzerrüttender Ungeduld darüber, niemals an die Oberfläche aufsteigen zu können – hat man keine, aber auch nicht die leiseste Ahnung, worum es eigentlich geht. Wozu das Ganze? Was soll es bedeuten? Wohin soll es führen?“ 

Lesenswert auch der Kommentar von Alfred Humblot, Verlag Ollendorff, der schon beim Einstieg des ersten Bandes zweifelte: „Lieber Freund, ich mag ja total vernagelt sein, aber mir will nicht in den Kopf, wie ein anständiger Mensch dreißig Seiten darauf verwenden kann, zu schreiben, wie er sich in seinem Bett dreht und wälzt, bevor er Schlaf findet. Da kann ich nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen …“ Damit meint er den legendären Anfang von In Swanns Welt, oder in der neuen Übersetzung  Auf dem Weg zu Swann. Ob sich die beiden Monsieurs am Ende genauso geärgert haben wie der Plattenmanager, der seinerzeit die Beatles nicht unter Vertrag nehmen wollte? 

Blick ins Buch: Auf der Suche nach Marcel Proust / Reclam Verlag

In jedem Fall gab es Ungeduld seitens Lektoren und Verlegern schon damals. Wie viele Werke, die auch Weltliteratur hätten werden können, sind so nie erscheinen? Und heute? In Zeiten des allgegenwärtigen Marketings, wo von vornherein mögliche Verkaufszahlen im Kopf der Entscheider die Schere ansetzen und Werke von bekannten Schauspielern oder Kolumnisten stets bevorzugt werden, da hätte es ein Marcel Proust sicher nicht leicht, einen Verlag zu finden. 

Die Stellungnahmen der Herren Normand und Humblot sind nachzulesen in dem opulent gestalteten Band Auf der Suche nach Marcel Proust – Ein Album in Bildern und Texten. Noch so ein Wortspiel, allerdings hat der Herausgeber Bernd-Jürgen Fischer auf seiner Suche Proust nicht verloren wie Raddatz. 

Dafür verliert sich der Leser in einer nahezu endlosen Reihe von Familienmitgliedern und Freunden Prousts, die auf den knapp zweihundertfünfzig Seiten vorgestellt werden. Es zieht eine Prinzessin und eine Herzogin nach der anderen vorbei, auf einen Prinzen folgt der Marquis, und zwischendurch findet sich tatsächlich auch nicht blaublütiges Volk. Denn Proust selbst umgab sich gern mit Menschen aus dem sogenannten Milieu, mit Bardamen, Schauspielrinnen und Bediensteten aller Art. Vor allem aus den männlichen bezog er nicht selten seine Liebhaber. 

Noch tiefer in das Leben von Proust und sein Werk taucht ein, wer das Das Proust-ABC von Ulrike Sprenger zur Hand nimmt. Sprenger ist Literaturwissenschaftlerin, was die Texte manchmal einerseits ein wenig sperrig macht, andererseits aber auch fundiert und reichhaltig. Schließlich möchte das Buch nichts weniger sein als ein Wegweiser durch die Recherche und Zusammenhänge aufzeigen. Angefangen bei A wie Albertine, Aristokratie (sehr wichtig bei Proust!) und Auteuil bis hin zu Z wie Zeit, verlorene und Zimmer. Im letzteren hielt sich Proust am liebsten auf, vor allem, weil es dank Korktäfelung nahezu schalldicht war. 

Alexander Kluge meint dazu in seinem süffigen Vorwort: „Kork-Täfelung, schwere, schalldichte Vorhänge, Verdunkelung gegen die Werbewelt, Hysterie, die Elektrizität und Unruhe der Gegenwart: Davor schützt das abgeschottete Zimmer den Dichter. In dieser Trennung von der Aktualität gedeiht seine Einbildungskraft.“ Ersetzt man ein paar Worte durch Internet und soziale Medien, dann hätten wir den idealen Denkraum für Schriftsteller von heute. Fragt Jonathan Franzen. 

Wobei Proust sicher der Maßstab ist für Sensibilität, für eine Empfindsamkeit, die derartig durchlässig ist, dass jedwede Unruhe direkt auf die ungeschützte Seele prallt. Sein Werk bezeichnete Marcel Proust auch als Die Melancholie der Erinnerung. Und Melancholie, liebe Leute, die ist nicht eben in Mode, aber umso wichtiger in der heutigen Welt, in der oft die Lauten den Ton angeben. So gesehen, kann ich nur sagen: Willkommen in Prousts Welt. 

Zum Einstieg ins Proust-Universum sind beide Bücher nur zu empfehlen. Apropos Einstieg: Dies war mein erster Beitrag zum Proust-Jahr und nicht der letzte. Bleibt dran, denn demnächst gibt es für die Interessierten unter euch auch etwas zu gewinnen. Ein berühmter Fragebogen wartet auf Wagemutige, die ihn ausfüllen möchten. Und natürlich weitere Werke sowie das berühmteste Epos der Weltliteratur selbst. Möge die Macht seines Universums mit uns sein! 

Bernd-Jürgen Fischer (Hrsg.) – Auf der Suche nach Marcel Proust : Reclam, 246 Seiten, 28,- € 

Ulrike Sprenger – Das Proust-ABC: Reclam, 318 Seiten, 20,- €

4 Gedanken zu „150 Jahre Proust. Auf der Suche nach dem Mythos.

  1. Sandra von Siebenthal

    Irgendwann… irgendwann lese ich ihn… ich will es so lange schon und schiebe es vor mir her. Zu umfangreich erscheint das Werk, zu kurz meine Aufmerksamkeitsspanne für Bücher neben meinen persönlichen Projekten und Lektüren. Und doch. Er lässt mich nicht los. Auch sind die Bücher meiner Ausgabe so schön, ich möchte sie in den Händen halten. Aber die Hürde ist noch zu hoch, wie mir scheint. Aber eben: Irgendwann… ich freue mich, bei dir mitzulesen. Und wer weiss….

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  2. Alexander Carmele

    Was einfach sehr seltsam ist, dass so viel über Bücher geredet wird, die so wenig gelesen haben. Mich beschleicht dabei eher eine Art peinlicher Elitismus. Ich habe Proust gelesen (vor nunmehr beinahe zwanzig Jahren) und muss sagen, soweit meine Erinnerung mich nicht trügt, es war phantastisch. Jede Zeile ein Genuss. Jedes Wort ein Gedicht. Ich kenne aber niemanden in meinem Umfeld, der es auch gelesen hätte (und dies in einem akademischen Milieu). Sagt das nicht alles? Danke für die schöne Rezension dieser zusätzlichen Proust-Ornamente, ein Anlass für mich mal wieder in die verlorene Zeit zu schauen!

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    1. soerenheim

      „Jede Zeile ein Genuss. Jedes Wort ein Gedicht“, das kann ich so zumindest partiell unterschreiben. Die obzessiven Albertine-Sektionen ziehen sich dann doch etwas. Im Zweifel muss man Leseunwilligen das Hörbuch aufs Auge bzw. Ohr drücken. Dann stellen sich solche Fragen kaum noch: „Wozu das Ganze? Was soll es bedeuten? Wohin soll es führen?“ “

      Nebenbei ist die Recherche mE ein ziemlich unheimliches Buch, und besonders unheimlich darin, wie leicht sie das vergessen macht: https://soerenheim.wordpress.com/2018/11/22/marcel-der-verhinderte-killer-das-unheimliche-an-die-suche-nach-der-verlorenen-zeit/

      Elitismus sehe ich hier kaum, es handelt sich um keines dieser sowieso vor allem fürs akademische Milleu verfassten Bücher voller „Referenzen“ und Spielereien. Wer will kann das Buch lesen. Auf deutsch wohl noch nicht gemeinfrei, aber so viel Text fürs Geld gibts selten. Und da sich Menschen durch zigtausende Seiten Tad Williams quälen, oder gar durch Jordans „The Wheel of Time“…

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  3. Pingback: Fragen an und von Proust. Wer antwortet, gewinnt. | Klappentexterin und Herr Klappentexter

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