Der ganze Thomas Bernhard. Und sein Hab und Gut dazu.

Bernhard, GAB02
© Suhrkamp Verlag

Am 12. Februar 1989 ist Thomas Bernhard gestorben. Dieser sprachgewaltige Weltankläger hat also vieles nicht mehr miterlebt. Den Fall der Mauer, das Ende der Sowjetunion, den Zerfall Jugoslawiens, wo er mehrfach hinreiste, ganz zu schweigen vom Internet und Menschen, die sich eine Berufsbezeichnung geben, die irgendwie nach dem lateinischen Wort für Grippe klingt. Hochansteckende Hysterie als Reaktion auf seine Literatur war ihm trotzdem nicht fremd. Seine Anklage gegen eine gedankenlose und gleichgültige Welt entlud sich nicht selten in legendären, kunstvollen Beschimpfungen. Kein Fremdenverkehrsverband hätte mehr für Augsburgs Berühmtheit tun können, als Bernhard mit seiner Lechkloake. Und erst das Burgenland! Eine Strafanstalt, fad und häßlich. Aber das mit der Kunst verstanden viele nicht, folgerichtig kam es zu ebenso legendären Reaktionen von Reaktionären, die zumeist unsouverän bis offen feindselig ausfielen. Bestes Beispiel: Die Hasstiraden auf sein letztes Theaterstück Heldenplatz.

 

Eigentlich hätte Österreich seinem wahrscheinlich größten Dichter einen ebensolchen Platz widmen müssen. Vielleicht wäre das unter den Sozialdemokraten sogar inzwischen geschehen, denn nicht selten werden ja erst die Unbequemen gewürdigt, wenn sie sich nicht mehr wehren können. Also, liebe Österreicher, wenn es eine nationalkonservative Regierung bestimmt nicht tun wird, so baut ihr selbst einen Heldenplatz für Thomas Bernhard! Bisher wurde nach ihm nur eine öde Straße in Salzburg benannt. Wobei Bernhard den Heldenplatz selbst sicher nie angeregt hätte.

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© Walter Anton

Er blieb sich bis zuletzt treu, und verzichtete sogar auf ein Ehrengrab. So kann es gut sein, dass sein Grab, das er mit seinem Lebensmenschen, seiner Tante Hedwig Stavianicek, teilt, eines nicht allzu fernen Tages eingeebnet wird. Sein Grabstein wurde bereits mehrfach beschädigt und gestohlen, und es darf bezweifelt werden, dass es sich bei den Tätern um Anhänger des Autors handelt. Einebnung, Zerstörung, Auslöschung – das wäre ganz nach Bernhards Geschmack. Einerseits. Andererseits wäre es ein Fest für alle Bernhardhasser, die es ja immer noch gibt, diese Idioten und Wahnsinnigen, diese Betonköpfe, in deren Herzen naturgemäß nur der tiefste Frost herrschen kann.

Bevor wir jedoch mit der Auslöschung dieser Spezies beginnen und uns womöglich in ein großes, ja, das allergrößte Unglück stürzen, sollten wir uns auf das besinnen, was wirklich wichtig ist: Bernhard zu lesen. Immer wieder, und der Todestag ist ein hervorragender Anlass. Wenn Claus Peymann Bernhards Witwe ist, so ist der Suhrkamp Verlag sein Nachlassverwalter. Und er kann nur als der gewissenhafteste und stilvollste bezeichnet werden. Nicht anders ist es zu erklären, dass der Verlag eine Taschenbuch-Gesamtausgabe vorlegt, die derartig großartig gestaltet ist, dass man sie nur als Schmuckstück jeder Bibliothek bezeichnen kann.

Ein Lebenswerk und Begleiter fürs Leben. Viel Holz, gewiss. Aber Bernhard selbst hat ja empfohlen, Bücher nicht konsequent von vorn bis hinten durchzulesen, sondern immer wieder hineinzuschauen, ein paar Seiten nur zu lesen, sie sozusagen durchzublättern, wobei stets das wunderbare Geräusch von Papierrascheln entsteht. Ein Hauch von Geräusch, kein Lärm, kein hektisches Wischen.

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© Foto: Andrej Reiser

In Alte Meister legt er Reger folgende Worte in den Mund: „… Ich habe niemals in meinem Leben ein einziges Buch ausgelesen, meine Art zu lesen ist die eines hochgradig talentierten Umblätterers. (…) Ich habe in meinem Leben millionenmal mehr umgeblättert, als gelesen, aber am Umblättern immer wenigstens so viel Freude und tatsächlich Geisteslust gehabt, wie am Lesen.“ Stimmt doch auch, wer hat denn schon alle Bücher im Schrank gelesen? Und: Muss man das überhaupt? Reger gibt eine glasklare Antwort: „Es ist doch besser, wir lesen alles in allem nur drei Seiten eines Vierhundertseitenbuches tausendmal gründlicher als der normale Leser (…) Es ist besser, zwölf Zeilen eines Buches mit höchster Intensität zu lesen und also nur zur Gänze zu durchdringen…“ Beendet wird dieser phänomenale Exkurs in Lesenserziehung von dem Fazit: „Wer alles liest, hat nichts begriffen.“

Marcel Reich-Ranicki hat Thomas Bernhard ja den schwierigen Patienten unter den Literaten zugeordnet. Oh, wie man sie sich zurückwünscht, diese schwierigen Patienten! In Zeiten, wo alle Schriftsteller plötzlich smart und medienkompatibel zu sein haben und ebensolche smarten YouTube-Filmchen drehen, eigene Websites betreiben, auf denen noch jeder Furzpreis gefeiert wird, jeder erklommene Platz auf der Bestsellerliste. Oh, da wünscht man sie sich zurück, die schwierigsten der schwierigen Patienten, die Unbeugsamen, die noch den Tod vor Augen hatten, wenn sie um jedes Wort rangen, die nächste Zeile könnte das Ende oder den Olymp bedeuten. Die noch Gegenwind auszuhalten hatten und sich davor nicht in die behagliche Beliebigkeit flüchteten.

Und unter den schwierigen war Bernhard sicher einer der besonders schwierigen Fälle, wenn nicht sogar der allerschwierigste. Preise und Auszeichnungen nahm er trotzdem an, beschimpfte oder zumindest düpierte bei der sogenannten Dankesrede jedoch nicht nur einmal die anwesenden, hochwohlverlogenen Repräsentanten aus Politik, Wirtschaft und einem ja aufs Ungeheuerlichste korrupten Literaturbetrieb. Bernhard war stets aufrichtig und bekannte sich zu seiner Geldgier. Er sammelte Häuser, besaß mehrere Autos und ließ es sich speziell in Wien mit Vergnügen in den Kaffeehäusern und ersten Hotels am Platze gut gehen. Also hieß es stets – her mit der Kohle! Ehrlich, immer ehrlich, dieser Bernhard, immer ganz ehrlich Theater gespielt, wenn jemand ihn fragte. Und somit auch ehrlich entrüstet, als es für den Grillparzer-Preis kein Geld gab. „Als ich gefragt worden bin, wie hoch denn die Preissumme sei, war mir zum erstenmal richtig zu Bewußtsein gekommen, dass der Preis mit gar keiner Summe verbunden war. Meine Demütigung empfand ich damit erst recht als gemeine Unverschämtheit.“

thomas_bernhard_gab_und_gut_coverWeder demütigend noch unverschämt, sondern höchst heldenhaft ist ein von André Heller herausgegebenes Buch über Das Refugium des Dichters, genannt Hab & Gut. Hier ist nichts weniger als ein Standardwerk für alle Wissbegierigen entstanden, die wissen wollen, wie man so als Solitär und Ausnahmewesen lebt. Attribute, die Heller in seinem (angenehm kurz gehaltenen) Vorwort für den Menschen und Literaten Bernhard verwendet. Und dieser, ganz Theatermensch in jeder Lebenslage, hat einen Privatkosmos voll der Täuschungen, Ablenkungsmanöver und falschen Behauptungen von erlesener Eleganz geschaffen. Bernhard-Kenner werden mit der Zunge schnalzen, wenn sie die zum Teil vom Autor selbst gestaltete Einrichtung in ihrer wahrhaftigen Stilsicherheit vielleicht zum ersten Mal sehen und in vollendete Arrangements eintauchen, die zu Lebzeiten des Autors selten jemand zu Gesicht bekam. Bernhard war stets Gast seiner selbst, Besuch ertrug er nur in homöopathischen Dosen: „Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, dass jemand zwei Tage und Nächte bei mir im Haus wohnt, ganz wurscht, wer das ist…“ Sehr berührend auch das Nachwort von Bernhards Halbbruder Peter Fabjan, der ihn ja als Arzt behandelte und den der Autor selbst als Universalerben eingesetzt hat.

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Also, lasst uns die Welt anklagen! Thomas Bernhard ist der Staatsanwalt eines Staates, den es noch nicht gibt. Ein Staat ohne Idioten. Versetzt Mutters Schmuck, storniert die stumpfsinnige Kreuzfahrt oder lasst euch einen Teil eures Erbes auszahlen und gönnt euch diese Gesamtausgabe – über zehntausend Seiten Bernhard! Und als Schlagobers gleich noch das ganze Hab & Gut. Nie wird es weniger zu bereuen geben.

Thomas Bernhard – Taschenbuch-Gesamtausgabe. Suhrkamp Verlag,
10324 Seiten, 298,- €

Thomas Bernhard – Hab & Gut. Das Refugium des Dichters. Herausgegeben von André Heller. Fotografiert von Hertha Hurnaus. Brandstätter Verlag, 144 Seiten, 35,- €

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