Schlagwort-Archive: Kunst

Das Leben ist eine Reise.

Ein Blick aufs Meer verursacht ja oft Fernweh, und auch der Roman „Offene See“ ist eine Einladung zu einer Reise. Der Autor Benjamin Myers nimmt uns mit ins England der späten Vierziger Jahre, der Zweite Weltkrieg ist endlich vorbei, alle atmen auf, doch die Narben sind noch spürbar. Genauso wie beim Protagonisten dieses vielfach gelobten Romans – Robert ging als Kind in den Krieg und kehrt als junger Mann zurück.

In seinem Rucksack trägt er nach den aufregenden Erlebnissen eine unbändige Sehnsucht nach Natur und – vor allem – dem Meer. So macht sich Robert auf den Weg, eine Wanderung mit offenem Ausgang, der wir uns nur zu gern anschließen. Das Buch wurde schon vor Erscheinen überschwänglich gelobt, und das nicht nur wegen seiner wundervoll anmutenden äußeren Erscheinung. Wir Buchhändler sind ja so etwas wie Goldgräber: Aufmerksam und neugierig forschen wir bei den zahlreichen Neuerscheinungen nach herausragenden Titeln. Weiterlesen

Optimismus in Zeiten des Virus.

Bild von Chickenonline auf Pixabay

Es gibt Bücher, bei deren Lektüre ganz viel mit einem passiert. „Die Optimisten“ von Rebecca Makkai ist so eines: Unzählige Gedanken und Gefühle krabbeln wie Ameisen durch Geist und Körper, während man atemlos und zutiefst berührt Seite um Seite umblättert. Eine wahrlich bewegende Geschichte. Beginnen wir mit einem nachdenklichen und gleichsam optimistisch stimmenden Zitat: »Optimisten wie wir haben schon etwas durchgemacht und stehen trotzdem jeden Tag auf, weil wir glauben, wir könnten verhindern, dass es noch einmal passiert. Oder wir tricksen uns einfach aus, um das zu glauben.« Aus diesen Zeilen spricht nichts weniger als ein unerschütterlicher, starker Überlebenswille. Und so einen Willen braucht, denke ich, jeder hin und wieder in Momenten, wo das Leben finster und bedrohlich erscheint. Weiterlesen

Man kann nicht immer gewinnen.

© George Steinmetz, Über den Dächern von New York, DUMONT Kalenderverlag

Wenn etwas Großes zu Ende geht, ist nichts mehr wie es war. So auch bei 1200 Seiten Literatur, die ich gerade beendet habe. Auf der einen Seite ein Seufzer der Erleichterung, der aus den Tiefen des Bauches nach draußen strömt. Auf der anderen eine Träne, die über ein erhitztes Gesicht läuft und kurz für Abkühlung sorgt. Der Blick schweift durch das Fenster nach draußen, die Augen halten sich fest am frischen Grün der Bäume, am friedvollen Blau des Himmels. Das Jahr ist noch nicht einmal halb rum, aber ich habe das Gefühl, schon jetzt das wohl umfangreichste und erstaunlichste Buch dieses Literaturjahres gelesen zu haben. Weiterlesen

Ein Regenbogen von Buch.

meg_wolitzer_die_interessanten

Fast hätte ich „Die Interessanten“ von Meg Wolitzer verpasst. Und das wäre ein großer Verlust gewesen. Denn dieser Roman schlägt zwar nicht kometenartig ein, aber er entfaltet sich mit jeder Seite, bis er im Kopf sitzt und dort auf angenehme Weise kitzelt. „Die Interessanten“ ist wie ein guter Wein, der Luft braucht, um sein volles Aroma zu verströmen. Wenn man dem Roman mit Geduld entgegentritt, erlebt man ein großes Wunder der aktuellen zeitgenössischen Literatur.

Weiterlesen

Die Menschen in Zeiten des Krieges.

pat_barker_tobys_zimmer

Kann ein Roman trotz der Grausamkeit des Krieges schön sein? Das kann er, wenn er aus der Feder von Pat Barker stammt. Hierzulande war die 1943 geborene Autorin bislang eher unbekannt, doch das hat sich jetzt geändert. Dem Dörlemann Verlag sei Dank, hat er uns doch mit Tobys Zimmer ein einzigartiges Leseerlebnis geschenkt.

Weiterlesen

Ein Zauber. In Extraklasse!

Mit Tauben fängt alles an, mit einer Krone hört dieses brillante Buch auf. Genauso schräg, wie es sich anhört ist es auch. Als Russell H. Greenan „In Boston?“ geschrieben hat, gab es mich noch gar nicht. Trotzdem glaube ich, er hat es auch für mich verfasst. Der Amerikaner wusste genau, dass es 44 Jahre nach Erscheinen immer noch jemanden auf der Welt gibt, der diesen Roman mit Begeisterung verschlingen wird. Das Buch wurde 1968 unter dem Titel „It Happened in Boston?“ von Random House herausgebracht und hat mich vollkommen begeistert. Es ist unwahrscheinlich erfrischend, facettenreich und bleibt für mich unvergesslich.

Nun, kehren wir zu den Tauben zurück. Der Ich-Erzähler glaubt, „dass die Tauben mich ausspionieren.“ Sie hocken auf dem Fenstersims und glotzen in seine Wohnung. Im gegenüberliegenden Park betrachtet Alfred das Haus genauer, zählt sechsundvierzig Fenster, „aber nur eins – meins – war mit diesen böse dreinblickenden Vögeln garniert. Fünfundvierzig ohne, eins mit. Das kann kein Zufall sein.“ Alfred probiert alles, um sie zu verjagen, hat vergiftete Brotkrumen verstreut und hofft so, dass er sie endlich loswird. Alfred sitzt gern im Bostoner Public Garden, dort kann er sich den Tagträumen hingeben. Seine Bewusstseinsverschiebung führt ihn an „verschiedene Orte in Zeit und Raum“. So findet er sich mal auf dem Bord eines Schiffes wieder, ein anderes Mal in Sibirien, auf einem einsamen Berg oder auf einem anderen Planeten. Er hüpft zwischen den Epochen hin und her. Ich frage verwundert, wo will der Autor mit mir hin? Will er mich auf den Arm nehmen? Es bleibt bei den Reisen wie Alfred sie selbst nennt, sie sind ganz normal wie der morgendliche Kaffee, den er zum Frühstück trinkt. Wenn Alfred nicht verreist, unterhält er sich mit einem altklugen Jungen. Randolph ist sieben oder acht Jahre alt und trägt als besten Freund eine Frosch-Handpuppe mit sich herum. Ausflüge ins Café und in die Bibliothek gehören genauso in Alfreds Tagesablauf wie die Platten, die er abends hört. Ein ruhiges Leben, das trotzdem auf eine bestimmte Weise aufregend ist und mich sofort an Haruki Murakami denken lässt. Denn es hat was von den Alltagshelden aus der Welt des Japaners, in der sich eigentlich nichts ereignet und doch so viel passiert. Die Wolken am Himmel brauen sich zusammen und verschlucken allmählich die Sonne, so ungefähr. Sei auf der Hut, lieber Leser, und ruh dich nicht aus, denn der Wolkenbruch naht…

Aus dem Buch strömen zunächst entspannte Melodien, die mir öfter bei den amüsanten Dialogen und den Gedanken des Ich-Erzählers ein Schmunzeln entlocken. Ich mag Alfred sofort. Der Kerl ist mir sehr sympathisch, ein bisschen eigen vielleicht, aber bemerkenswert. Ich mag seine Art durchs Leben zu laufen und die Lebensweisheiten, die er mir vor die Augen streut: „Unglück ist ein Zufall, der nichts kostet.“ Herrlich komisch! Das ist Alfred. Er malt auch Bilder, keine modernen, sondern die der Alten Meister, die ihm ein exzentrischer italienischer Maestro in den jungen Jahren beigebracht hat. Daran hält er bis heute fest, nur hat Alfred damit in der modernen Welt wenig Erfolg, bis er eines Tages auf den Kunsthändler Victor Darius trifft.

Jonathan Lethem spricht in dem Nachwort von einem „Zauberbuch“. Ja, das ist es, aus dem Bereich der Extraklasse wohlbemerkt! Es berührt die Sinne und offenbart Geheimnisse, von denen du nicht ansatzweise geahnt hast. Gerade zum Ende hin wird es äußerst rasant und skurril. Der Wahnsinn kriecht wie eine Maus aus dem Loch und hängt sich dem Protagonisten ans Hosenbein. Erst jetzt weiß ich, was mit dem Ausspruch gemeint ist: „Ich weiß nicht, warum ich das alles aufschreibe. Wen interessiert es schon? Es gibt keine Action, die dem Leser wacklige Knie machen oder einen Schauer über den Rücken jagen, nichts Nervenaufreibendes, Blutrünstiges, Zähneklapperndes, Haarsträubendes oder Herzergreifendes, um ihn bei der Stange zu halten. Zumindest noch nicht. Aber ich bin auf der Hälfte mit meinem Bericht – wenn überhaupt. Was noch kommt, ist interessant; zumindest glaube ich es.“ Hiermit streiche ich einfach mal das „glaube“, denn es knallt gewaltig. Der Ich-Erzähler schleudert mich aus dem Sitz, später erst, wenn ich nicht damit rechne und noch die Wolken betrachte. Plötzlich weht ein Orkan durch die Seiten, der messerscharf alle Sinne ergreift.

Überraschende Wendungen bringen mich vom Weg ab und jagen meinen Puls in die Höhe. „In Boston?“ ist ein Spaziergang durch alle Genres der Literatur und Jahreszeiten. Es ist verheißungsvoll wie der Frühling, erhitzend wie der Sommer, melancholisch wie der Herbst und fröstelnd wie kalte Wintertage. Russell H. Greenan entführt mich in die Kunstwelt, bringt mich zu den Kunst-Revoluzzern Benjamin Littleboy und Alfred. Jeder hält an seinem Stil fest, hungert lieber, anstatt sich zu verbiegen. Littleboy sucht irgendwann Geld auf der Straße, um seine Familie zu ernähren. Leo Faber, der Dritte im Bunde, vertritt eher das konservative Glied in der Kette, die von tiefer Freundschaft geprägt ist.
Ich sehe jedes Kunstwerk vor mir, so exakt beschreibt der Autor die Bilder und die Ansichten des Künstlers: „Es ist traurig, aber wahr, dass gute Gesichter in der heutigen Zeit eine Seltenheit sind, denn der Wert eines Gesichts hängt von seinem Ausdruck ab, und moderne Züge haben entweder keinen Charakter oder sind von Aspekten geprägt, die dem Auge unangenehm sind.“

Das Buch wird bei mir bleiben, im Regal und im Kopf gleichermaßen. Unsere Begegnung war schicksalhaft. Ich habe den Roman 2007 das erste Mal im Vorbeigehen als gebundene Ausgabe irgendwo liegen sehen. Jetzt fiel es mir durch Zufall wieder ein, wie ein Staubfusel tauchte es unerwartet auf. Es war nur eine logische Schlussfolgerung, dass ich es mir dieses Mal anschaffen und endlich lesen sollte. Welch gute Entscheidung, welch Genuss, welch Glück! Eben ein Zauber.

Russell H. Greenan.
In Boston?
Februar 2010, 400 Seiten, 9,90 €.
Diogenes Verlag.

Very british: Signierstunde mit Gilbert & George.

Einen Tag nach der königlichen Hochzeit von Kate & William flatterte auch mein Herz: Ich befand mich mit Gilbert und George zusammen in einem Raum der Galerie ARNDT. Dort saßen die englischen Künstler und signierten den neu erschienenen Katalog „The Complete Postcard Art of Gilbert and George“.

Gilbert & George stehen bei uns zu Hause ganz oben. Der Liebste ist ein großer Fan der beiden und ich mittlerweile auch. So war es eigentlich sonnenklar, dass wir nicht einfach an dem Stapel vorbeigelaufen sind…

… ohne ein Exemplar zu greifen und es persönlich signieren zu lassen.

Nach der ganzen Anstrengung ging es very british weiter. Zu einer Tasse Earl Grey gab es kleine Köstlichkeiten, wie es zur Teatime in England üblich ist…

Was hat es nun mit den Bildbänden auf sich? Schließlich dreht sich bei mir alles um Bücher. So sollte ich der Ordnung halber ein paar Worte dazu fallen lassen.

Es handelt es sich um einen zweibändigen Katalog, der auf über 1080 Seiten 1006 Werke der Postcard Art illustriert. Herausgegeben hat ihn Prestel. Buch eins – „The Postcard Art of Gilbert & George 1972-1989“ – enthält die Werke von 1972 – 1989 und Buch zwei – „The Urethra Postcard Art of Gilbert & George 2009“ – die Werke aus dem Jahre 2009. Beide Bücher unterscheiden sich erheblich. Die früheren Bilder bestehen aus unterschiedlichsten Anordnungen und Motiven. Sie sind lebendig, warm und teilweise strahlen sie eine Art von besonderer Gemütlichkeit aus. Ungefähr so als würde ich auf einer weichen Couch sitzen und an meiner heißen Tasse Tee nippen. Die Augen fahren mit einem flotten Zwinkern über die Bilder, weil die Unterschiede stärker hervorstechen. Bei „Fall“ aus dem Jahre 1980 schmücken fünf Landschaftspostkarten die Leinwand. In einer Reihe bilden sie eine gerade Linie. Ganz anders sieht es da bei „Climbing World“ von 1989 aus: 225 Karten bilden nicht nur einen größeren Rahmen, sie erinnern mich auch an einen Teppich. Mit gerade mal vier Motiven haben Gilbert & George ein Kunstwerk geschaffen, aus dem man sich nicht lösen kann. Ja, man hängt klettenartig drinnen fest.

Buch zwei ist etwas kühler, distanzierter und minimalistischer. Ein Gegenpol. Das beliebteste Motiv ist neben der britischen Fahne ebenso der Tower, Big Ben und natürlich andere Karten, die Touristen gern verschicken. Hierfür verwendeten Gilbert & George meist 13 gleiche Karten, bei denen 12 den äußeren Rahmen bilden und eine einzelne in den Mittelpunkt rückt. Besonders skurril finde ich die Reihe „London Telephone Box“. Hierfür haben sie Karten, die man gewöhnlich in englischen Telefonzellen findet, angeordnet. Ist natürlich nicht jugendfrei, wenn ich an Wörter wie Boy, Man2Man, Bizarre Fantasies denke.

Gilbert & George sind Meister der Collage und Fotokunst, das wird mir beim Blättern durch die Bücher wieder bewusst. Von Seite zu Seite legt sich ein schelmisches Grinsen ins Gesicht, exakt so eins, wie ich es von George höchst persönlich während meiner Signieranfrage aufgefangen habe. Und natürlich staune ich über die Kunstwerke, die sie mit einfachen Mitteln zaubern.

Wer mag, kann sich 52 der bisher größten Werke noch bis zum 27. August in der Galerie ARNDT anschauen. Nähere Infos findet ihr auf der Homepage. Zum Abschluss habe ich hier noch ein kleines Video mit Gilbert & George.

Die Augen lauern träge und werden nicht wach.

Der Vorhang bewegt sich langsam als könne er sich nicht richtig entscheiden, ob er Tageslicht durchs Fenster lassen will oder nicht. Im richtigen Zeitlupentempo lässt es nur stückchenweise etwas in den Raum. So geht es eine ganze Zeit, so scheint es zumindest – über 333 Seiten. Der Vorhang ist eigentlich ein Lid, denn die Augen des Lesers von Louise im gestreiften Leibchen bleiben stets ein Stückchen geschlossen, weil etwas fehlt. Ist es Louise? Ist es die Farbe Blau? Oder ist es etwas vollkommen anderes, was sich heimlich hinter den Buchstaben versteckt?

Mathias Nolte schickt in seinem neuen Roman Charlotte Pacou, genannt Charlie, als Privatdetektivin auf die Suche nach einem Bild, das den Titel Louise im gestreiften Leibchen trägt. Während ihrer Recherche gerät sie immer mehr in das Leben dieser Frau, dem Maler und das Leben Ende der Fünfziger Jahre in Berlin. Der Leser streift mit ihr zusammen durch Straßenzüge, besucht bekannte Lokale – das alles fühlt sich täuschend echt an. Doch die Menschen selbst in dem Roman sind leer, blutleer. Vor allem Charlie verwirrt durch ihr Verhalten, ihre Äußerungen. Würde sie eine Namenskette tragen, wäre das Wort suspekt genau das passende, das ihren Hals schmückte.

Die beiden Geschichten, die sich im Roman wiederfinden, sind raffiniert miteinander verwoben und bringen eine gewisse Spannung mit, aber das Buch bleibt die ganze Zeit auf dem gleichen Level, es gibt keinen Tiefpunkt und es gibt keinen Höhepunkt. Das ruhige Dahinplätschern von Wasser, das sachte aus einer Dachrinne auf den Boden tropft.
Mathias Nolte konnte mich dieses Mal kein bisschen überzeugen. Der Unterschied zwischen Roula Rouge und Louise im gestreiften Leibchen ist so enorm wie ich es selten bei einem Autoren erlebt habe. Schade, denn ich hätte ihm und mir etwas anderes gewünscht.

Louise im blauweiß gestreiften Leibchen.
Mathias Nolte.
Juli 2009, 19,90 €.
Deuticke im Zsolnay Verlag.