Nicht fürs Leben gemacht.

Foto: Michel Houellebecq | © Philippe Matsas /
Flammarion

Wie viele Gegenwartsautoren von Weltrang gibt es noch? Also solche, die wirklich relevant sind, die gesellschaftliche Debatten auslösen und im besten Fall sogar noch in die Zukunft schauen statt auf den eigenen Nabel. Die Liste ist verdammt kurz, liebe Freunde. Ganz oben thront seit Jahren ein unbeugsamer Franzose, für den das Attribut umstritten eher unter- als übertrieben ist: Michel Houellebecq.

Denis Scheck findet bei ihm „intelligente Gegenwartsdiagnosen von schmerzhafter Klarheit und zwingender Radikalität“, Heinz Strunk (sic!) sieht in ihm weniger den Meister des Stils, stattdessen den König des Plots.

Wie auch immer – niemand hat in den letzten 25 Jahren seinen Büchern Titeln gegeben, die zu geflügelten Worten wurden. Denken wir nur an „Ausweitung der Kampfzone“ oder „Die Möglichkeit einer Insel“. Nun also „Vernichten“. Eine Wucht von Titel, der man erstmal gerecht werden muss.

Lesenswert bis zur allerletzten Silbe.

Vorab: Houellebecq wird dem Titel seines neuen Romans mehr als gerecht, was einem als Leser jedoch in seiner ganzen, ja, vernichtenden Konsequenz erst im letzten Drittel bewusst wird. Oh ja – dieses Schwergewicht von einem Roman zwingt dich dazu, seine bittere Botschaft bis zur allerletzten Silbe auszukosten. Und keine der über sechshundert Seiten ist langweilig.

Natürlich macht es Houllebecq einem nicht leicht (hat er das jemals getan?): Den Rahmen der Handlung bildet der französische Präsidentschaftswahlkampf 2027, der von beunruhigenden Attacken einer bisher völlig unbekannten terroristischen Gruppe überschattet wird. Die Terroristen sind keine der üblichen Verdächtigen, keine Islamisten, auch keine Rechtsradikalen.

Sie sind hocheffizient und digital auf dem neuesten Stand. Ihre Aktionen treffen zum Teil den weltweiten Handel, aber auch ein äußerst verstörendes Video ist unter ihren Botschaften, in dem der beliebte und erfolgreiche Wirtschaftsminister Bruno Juge guillotiniert wird.

Eine französische Spezialität: die Guillotine.

Es rollen also Köpfe bei Houellebecq – in mehrfacher Hinsicht. Die politische Seite des Buches dient eigentlich nur als Rahmenhandlung für eine Familiengeschichte, die es in sich hat. Und wir reden hier nicht von einem dunklen Familiengeheimnis, das inflationär in zeitgenössischen Romanen als Plot herhalten muss. Wir reden von einer für unsere Moderne so typischen Familie, deren Mitglieder sich oft erst durch Schicksalsschläge wieder näherkommen.

Sozusagen das Bindeglied zwischen Politik und Familie ist Paul Raison, der Assistent von Bruno Juge und seines Zeichens ein typischer houellebecqscher Charakter: Labil, zweifelnd, dem Alkohol nicht abgeneigt und dem Sex schon mal gar nicht.

Wobei Pauls Sexleben zu Anfang der Geschichte genauso in Trümmern liegt wie seine Ehe mit Prudence. Besonnenheit bedeutet ihr Name übersetzt und ist angelehnt an den Song der Beatles Dear Prudence. Einer der schwächeren Titel der Beatles, wie Houellebecq gnadenlos feststellt.

Überhaupt – und da liegt der Mann des fleischlichen Gemüses falsch und der wonneproppige Kritiker richtig – pflegt der französische Autor weiterhin seinen sezierenden Blick, der in seiner Schonungslosigkeit gegenüber den Illusionen und Selbsttäuschungen des Bürgertums durchaus ein unverwechselbares Stilmittel ist. Er geißelt die Mittelmäßigkeit der Menschen und der Welt: „…war ein mittelmäßiger Mensch, sie trug Schuld an der Mittelmäßigkeit der Welt, sie hätte sie förmlich symbolisieren können.“

Beschimpfungen als Stilmittel.

Was haben sich nicht Vertreter der humorlosen Linken und Feministinnen sowie hysterische Minderheitensprecher an Houllebecq abgearbeitet! All diesen zeigt er den Stinkefinger und bezeichnet einen bestimmten Typ Frauen weiterhin konsequent als Schlampen. Um nur ein Beispiel aus seinem Repertoire der Beschimpfungen zu nennen. Oder er macht sich einfach nur lustig über die überkandidelten Beschreibungen von Gerichten auf Speisekarten sogenannter anspruchsvoller Restaurants, wo man auf Wortschöpfungen wie „Regionales Adagio“ oder „Seine Majestät der Hummer“ trifft.

Andererseits nennt er zärtlichen Sex ebenso zärtlich Liebe machen und singt überhaupt das Hohelied auf eine gelungene Zweisamkeit.

Und wer ihm Rechtspopulismus vorwirft, nur weil er Wähler des Rassemblement National als ganz normale Menschen zeichnet, der verkennt die Realität. Es sind ja oft gerade die ganz normalen Menschen, die rechtspopulistische Parteien wählen. Die wahren Monster, die Anstifter und Brandbeschleuniger toxischer Thesen sitzen in klimatisierten Redaktionen, Büros und politischen Schaltzentralen.

Wo ich schon mal dabei bin: Da gibt´s noch diejenigen, die auch dieses Werk von Houellebecq als Dystopie in eine Schublade stecken, auf der steht: „So schlimm wird´s schon nicht werden“. Geht auf die Straße, lest die Zeitungen und schaut Nachrichten, vielleicht redet ihr noch mit Freunden, die plötzlich seltsame Theorien vertreten. Und dann fragt euch: welche Dystopie? Es ist, liebe Freunde der Familie Klappentexterin, doch längst Realität. Von Russland mal ganz zu schweigen.

Wenn die Wahrheit ans Kreuz genagelt wird.

Inzwischen lacht sich der kettenrauchende und trinkende Franzose in sein Fäustchen und denkt: Na, sind sie mir wieder auf den Leim gegangen! Aber bitte, ohne Häme. Wer wurde stets ans Kreuz genagelt? Doch nicht derjenige, der Lügen verbreitet.

Kommen wir zurück zu Paul und seiner Familie. Wie viele Familien in der heutigen Zeit ein versprengter Haufen von Individuen, die sich mehr oder weniger nahestehen. Meist eher weniger. Bis der Vater einen Schlaganfall erleidet. Noch so ein Naturgesetz: Schicksalsschläge schweißen zusammen. Wobei Pauls Familie sich zunächst schwertut mit der erzwungenen Nähe.

Aber die Einweisung des Vaters in ein Heim für Komapatienten bringt ziemlich konträre Charaktere – buchstäblich auf engstem Raum, einem Krankenzimmer – zusammen. Neben Paul sind dies noch seine Schwester Cécile, die streng gläubig ist, und ihr Mann Hervé, beide Wähler der Rechtspopulisten, dann noch sein hochsensibler Bruder Aurélien mit seiner weniger sensiblen Frau Indy, einer stramm linken Journalistin, ausgestattet mit erheblichem Sendungsbewusstsein und destruktiver Rachelust. Nicht zu vergessen Madeleine, die Lebensgefährtin seines Vaters, einst dessen Reinigungskraft, die Paul zunächst geringschätzig betrachtet, aber im Laufe der Geschichte menschlich entdeckt und schätzen lernt.

Houellebecq streut immer wieder kluge Reflexionen über Religion und Glauben ein, wobei er auch hier seinen Gepflogenheiten treu bleibt und besonders den Buddhismus wohlwollend betrachtet: „Wenn der Buddha Shakyamuni zur Weisheit gelangte, das wussten sie, dann war es nicht nur er, dann war es nicht nur die Menschheit, die vom Samsara befreit wäre, sondern die Gesamtheit aller Lebewesen könnte ihm darin folgen, das Reich des Scheins zu verlassen und zur Erleuchtung zu gelangen.“

Gut, man muss nicht gleich die Erleuchtung erlangen, aber in Zeiten der allgegenwärtigen Selbstdarstellung ein wenig das Reich des Scheins zu verlassen, das möchte man ein paar Zeitgenossen sehr ans Herz legen. Den Baum der Weisheit statt den zweifelhaften Früchten des schnellen K(l)icks.

Wozu sind Religionen da?

In nicht wenigen seiner Werke hat sich Houllebecq der Esoterik und Sekten gewidmet, so auch in Vernichten. Seine Frau hat sich Wicca zugewandt, einer neureligiösen Bewegung, die sich einer naturverbundenen Spiritualität verschrieben hat. Und die Paul am Ende ernüchtert: „In einer Woche wäre der 31. Oktober, nach dem Wicca-Kalender der Tag des Samhain-Sabbats. (…) Dabei diente dieser Tag im Glauben der Wiccaner dazu, auf das vergangene Jahr, ja das ganze Leben zurückzublicken und sich auf den Tod vorzubereiten. Es war ein wenig enttäuschend, dachte Paul, dass ihre Religion ihm in diesen Fragen nicht weiterhalf; dafür war eine Religion schließlich normalerweise gemacht.“ Dann doch lieber das gute, alte Morphium: „Dank des Morphiums sind sie in ein Universum vorgedrungen, in dem Harmonie, Frieden und Glück herrschen.“

Als Realist landet Paul am Ende zwangsläufig bei Pascal, dem Philosophen, der dem Autor – neben Schopenhauer – am nächsten steht. „Pascal, der größte Geist, den die gallische Rasse geboren hat“, schrieb Egon Friedell einst, als das Wort Rasse noch nicht kontaminiert war.

Im Gegensatz zu seinen Protagonisten liebt Houllebecq bekanntlich das Leben, insbesondere seine Genüsse, aber in Vernichten überrascht er auch mit der unbedingten Liebe zu seinem Land, die sich in diversen, fast meditativen Beschreibungen der Schönheit Frankreichs äußert: „Die Rhône war ein imposanter Fluss von erstaunlicher Breite, es war schon mindestens fünf Minuten her, dass er die Pont de l´Université betreten hatte; ein majestätischer Fluss, der Ausdruck war nicht übertrieben…“

Bei aller Liebe zu seiner Heimat spart er naturgemäß nicht mit Kritik an der modernen Gesellschaftsordnung: „…dass einige ländliche Gebiete hinsichtlich öffentlicher Dienstleistungen und medizinischer Versorgung auf das Niveau eines afrikanischen Landes abgesunken waren.“

Und Paul? Paul bleibt ein pessimistischer Mensch: „Er fühlte eine stille und grenzenlose Untröstlichkeit in sich aufsteigen, begleitet von dem Gedanken, dass er nun wirklich in den letzten Teil seines Lebens eintrat, in die Endphase, dass als Nächstes er an der Reihe sein würde…“. Was sich am Ende bewahrheiten soll.

Trostspendende Bücher.

Aber er findet doch noch Trost – in Büchern. Hilft ihm zunächst Der Fetzen von Philippe Lançon (meine Besprechung findet ihr hier), braucht er später nur noch Zerstreuung: „Es bedurfte unbedingt eines fiktionalen erzählerischen Werkes; es mussten Geschichten anderer Leben als seines eigenen erzählt werden.“ So lenkt sich mit Sherlock Holmes von Arthur Conan Doyle und Agatha Christie ab. Durchaus Literatur, wie Paul anmerkt. Und Literatur, liebe Freunde, die schenkt selbst in den finstersten Lebenslagen noch Licht.

Die Geschichte um die terroristischen Anschläge – zu deren teilweiser Aufklärung schließlich auch Aufzeichnungen seines Vaters beitragen, der als pensionierter Mitarbeiter des Geheimdienstes selbst als Rentner noch aktiv war – verliert sich im Laufe der Geschichte völlig hinter dem Schicksal der Familie im Allgemeinen und der von Paul im Speziellen.

Hier schließt sich der Kreis in Sachen Vernichtung. Einfühlsam erzählt Houllebecq, wie die Existenz durch eine banale, aber todbringende Krankheit vernichtet wird. Ein Schicksal, dem nichts Außergewöhnliches anhaftet, ein alltägliches Schicksal, das jeden von uns treffen kann.

Und dann raunte mir jemand neulich noch zu, dass Vernichten auch als Aufarbeitung der Depression des Autors gelesen werden kann. Okay, vielleicht passt es ins Bild, dass Houellebecq am Ende der – für ihn unüblichen – Danksagungen einen Satz stellt, der viel Raum für Interpretationen lässt: „Für mich ist es Zeit aufzuhören.“

Depressive lieben das Leben.

Nicht zu interpretieren sind die Worte von Prudence, die sie kurz vor dessen Tod an Paul richtet: „Wir waren nicht so richtig zum Leben gemacht, nicht wahr?“ Traurig, aber wunderschön. Worte, die mich an die Erkenntnis eines anderen Autors erinnern, Matt Haig, der in einem Interview treffend sagte: „Es sind ja oft diejenigen, die an Depressionen erkranken, die das Leben eigentlich lieben.“

Tiefe Traurigkeit und die Lust am Leben waren nie Gegensätze. Sie sind die Pole, die das Leben eines jeden Menschen ausmachen, der sich gegen grassierende Banalität und Gleichgültigkeit einer Gesellschaft auflehnt, die unsere sogenannte moderne Lebensweise mit sich bringt. Und die ist oft wahrlich vernichtend.

Hüten wir uns also vor allzu großen Erwartungen. Aber in Zeiten des Krieges sollten wir wissen, dass auch wir Waffen haben: Die Bücher natürlich und die Liebe sowieso. Von der Liebe sollten wir stets das Größte halten. Denn die, die fehlt im Leben jedes Kriegstreibers. Wer liebt und geliebt wird, der führt keine Kriege.

Michel Houellebecq: Vernichten. Aus dem Französischen übersetzt von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek. Dumont Buchverlag, Januar 2021, 624 Seiten, 28,- €. Jetzt portofrei bei der Scheller Boyens Buchhandlung bestellen oder ein Buch vor Ort reservieren. Das Buch ist in beiden Läden vorrätig. Das eBook kostet 24,99 € und kann dort ebenfalls bestellt werden.

4 Gedanken zu „Nicht fürs Leben gemacht.

  1. Constanze Matthes

    Ach, ich mag ihn irgendwie nicht, was nicht heißt, dass ich ihn nicht lesen werde. Denn aktuell halte ich die französische Gegenwartsliteratur für spannender als die deutsche mit Blick auf gesellschaftskritische Fragen und Themen. Habe kürzlich den Roman „Wie später ihre Kinder“ von Nicolas Mathieu gelesen und fand ihn großartig. Viele Grüße

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  2. Pingback: Ausatmen beim Betrachten einer Buchbesprechung im Fernsehen. | Klappentexterin und Herr Klappentexter

  3. Konstantin

    Danke für diesen Einstieg: ‹Wie viele Gegenwartsautoren von Weltrang gibt es noch? Also solche, die wirklich relevant sind, die gesellschaftliche Debatten auslösen und im besten Fall sogar noch in die Zukunft schauen statt auf den eigenen Nabel.› denn ich könnte vor allem in Bezug auf deutsche Literatur nicht weniger zustimmen. Selbiges gilt im Film, es ist die wiederkehrende Bearbeitung von Nazideutschland, es ist nun auch die Aufarbeitung eigener (Nabel!) DDR-Vergangenheit, es ist wenig Relevanz zu erkennen, die aktuellen Themen treffend.

    Hier musste ich Schmunzeln: ‹Was haben sich nicht Vertreter der humorlosen Linken und Feministinnen sowie hysterische Minderheitensprecher an Houllebecq abgearbeitet! All diesen zeigt er den Stinkefinger und bezeichnet einen bestimmten Typ Frauen weiterhin konsequent als Schlampen.› denn ich betrachte vor allem auf Twitter die, die sich Links verorten schon länger und frage mich, wie reaktionär sie häufig sind und wo dieses Links eigentlich heute steht. Es steht haufiger da, mit erhobenem Zeigefinger und mokiert sich, anstatt über notwendige Utopien in die Debatte zu gehen.

    Entschuldige, dass ich abgeschweift bin, ich habe es mir auf die Liste gepackt, mal schauen, was ich in einigen Wochen dazu denke – die Beschaffung deutscher Bücher ist hier immer etwas größer zu planen.

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  4. Frederik Golzberg

    Ein super Gedankenanstoß!
    Ich weiß noch, dass ich an der Universität einen Kurs hatte, der sich „The Death of the Author“ nannte. Darin ging es darum, dass sowohl der Beruf des Autoren (verbunden mit einer gewissen, nationalen/internationalen Popularität) als auch dessen Einfluss auf die kulturelle Entwicklung der Gesellschaft langsam immer mehr schwindet. Grund dafür war natürlich auch, dass insgesamt weniger gelesen wird. Allerdings war eine andere potenzielle Ursache, die ich sehr spannend fand, dass Autoren seltener bereit sind, eine Entwicklungsrichtung vorzugeben, sondern mehr nach dem Status Quo schreiben.
    Jetzt darf man natürlich nicht alle Autoren über einen Kamm scheren und es gibt sicherlich auch noch eine Menge mutige, fortschrittliche Autoren. Der Kerngedanke blieb allerdings hängen und zumindest die Theorie leuchtet mir ein.

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