Der Tod der Anderen. Und das eigene Überleben.

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Viereinhalb Jahre ist es nun her, dass der feige Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo verübt wurde. Ein Anschlag auch auf die freie Meinungsäußerung. Und, Freunde, hat sich seitdem etwas geändert, gibt es weniger Hass und Gewalt zwischen Himmel und Erde? Die Antwort ist kurz und niederschmetternd: Nein. Genau genommen ist es sogar noch schlimmer geworden. Egal, aus welcher Ecke die Gewalt kommt, ob sie politisch, rassistisch oder religiös motiviert ist: Sie hat nie stichhaltige Argumente, aber immer die Aktion auf ihrer Seite. Eine Aktion mit oft entsetzlichen Folgen für die Menschen, die dieser Gewalt ausgesetzt waren und sie überlebt haben. Genau davon erzählt »Der Fetzen« von Philippe Lançon. Einem Mann, der unglaublich viel Glück hatte und dem doch großes Unglück widerfahren ist. Philippe Lançon wurde bei dem Attentat auf Charlie Hebdo schwer verletzt und entsetzlich entstellt. Die Kugeln der Killer haben ihm den halben Kiefer weggeschossen. Aber er hat überlebt: »Ich war einer von ihnen, aber ich war nicht tot.«
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The Acid States: Ein amerikanischer Alptraum.

America the Beautiful! America the Land of the Free! Das weite Land, in dem angeblich jeder vom Tellerwäscher zum Millionär werden konnte, wenn er nur hart genug arbeiten würde, das Sehnsuchtsland von Auswanderern und Aussteigern, was ist nur aus dir geworden? Beunruhigende Nachrichten erreichen uns aus den Vereinigten Staaten, die einst Garant für Freiheit, Frieden und Wohlstand waren. Diese Vereinigten Staaten sind ein gespaltenes Land geworden, canyontiefe Risse ziehen sich durch die Gesellschaft. Beautiful? Millionen von Amerikanern sind fettleibig und die Natur wird weiterhin systematisch von Gas- und Ölkonzernen zerstört. Freiheit? Vielleicht mit der richtigen Hautfarbe und einem gut gefüllten Bankkonto. Frieden? In keinem Land kommen proportional mehr Menschen durch Schusswaffen ums Leben als zwischen New York und Los Angeles, zwischen Seattle und San Diego.
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Ein Lied von Heimat und Freundschaft.

Wie muss es sich anfühlen, wenn man seine Heimat verloren hat und sie nicht einmal mehr besuchen kann? Wohin mit all der großen Sehnsucht, die in den Tiefen des Herzens vibriert und ein trauriges Lied singt? Schreiben mag eine Möglichkeit sein. Ein Weg zumindest, den Elif Shafak geht, und ich bin ihr äußerst dankbar dafür, dass sie ihr Heimweh mit der Kraft der Literatur lindert. »Unerhörte Stimmen« lautet der Titel ihres neuen Werkes, und wir reisen zusammen in die Türkei, ihre verlorene und sehnsüchtig vermisste Heimat. In ihrem Buch verankert die Autorin nicht nur die Geschichte Istanbuls, sie setzt auch Andersdenkenden und Außenseitern ein ganz und gar lesenswertes Denkmal. Weiterlesen

Man kann nicht immer gewinnen.

© George Steinmetz, Über den Dächern von New York, DUMONT Kalenderverlag

Wenn etwas Großes zu Ende geht, ist nichts mehr wie es war. So auch bei 1200 Seiten Literatur, die ich gerade beendet habe. Auf der einen Seite ein Seufzer der Erleichterung, der aus den Tiefen des Bauches nach draußen strömt. Auf der anderen eine Träne, die über ein erhitztes Gesicht läuft und kurz für Abkühlung sorgt. Der Blick schweift durch das Fenster nach draußen, die Augen halten sich fest am frischen Grün der Bäume, am friedvollen Blau des Himmels. Das Jahr ist noch nicht einmal halb rum, aber ich habe das Gefühl, schon jetzt das wohl umfangreichste und erstaunlichste Buch dieses Literaturjahres gelesen zu haben. Weiterlesen

Pianos, Paris und ein packender Plot.

Für gewöhnlich schrecken mich allzu umfangreiche Bücher meist ab, außer sie stammen von Nino Haratischwili oder Haruki Murakami. Warum? Nun, der Gedanke, mir könnten während der Lektüre andere Bücher entgehen, macht mich fast wahnsinnig. Ist natürlich alles Quatsch mit Soße, besonders in diesem Frühjahr, in dem mich ein Schwergewicht nach dem anderen fasziniert. So erklärt sich auch die kleine Winterpause auf dem Blog, die mittlerweile beendet ist und nachträglich mit Rezensionen meiner großen Lesefreuden gefüllt wird. Beginnen wir mit »Blinde Liebe – Die Verzückung des Brodie Moncur« von William Boyd, demnächst folgt Johan Harstads Meisterwerk »Max, Mischa & die Tet-Offensive«. Weiterlesen

Bücher zur Zeit! Das Geschenke-Spezial, Teil 2.

Weihnachtszeit ist Bücherzeit. Zum Glück, einerseits. Andererseits sind das für mich als Buchhändlerin aufreibende Zeiten. Am Abend sind nicht nur die Füße müde, die Zunge hat einen Knoten und der Kopf ist leer gepustet, als wäre dort ein Hurrikan durchgefegt. Wesentlich entspannter sind die ruhigen Nachmittage an freien Tagen zu Hause und dabei über Lieblinge zu schreiben. So schließe ich heute an Herrn Klappentexter an, der vergangene Woche unser Geschenke-Spezial einläutete. Schenkt also Bücher! Weiterlesen

Stille Stunden mit einer guten Freundin.

Weihnachten. Trotz allem Stress für mich immer noch ein Zauberwort für Sternenglanz, Zimtküsse, Kerzenschein und geheimnisvolle Geschichten. Gemütlich und hyggelig macht man es sich an diesen Tagen. Der Tod passt da irgendwie nicht hinein. Zsuzsa Bánk macht in ihrem kleinen, feinen Buch Weihnachtshaus eine Ausnahme und öffnet dem Tod die Tür. Er ist gleich zu Beginn anwesend und setzt sich in einen Sessel. Das ist mutig, aber Zsuzsa Bánk darf das. Denn sie ist eine Meisterin dieser ganz eigenen tragischen Geschichten, die einen trotz aller Tragik niemals ganz hinunterziehen. Egal, wie hart das Schicksal ihren Figuren ins Gesicht schlägt, ich fühle mich nie verloren. Weil stets eine tröstende Hand auf der Schulter liegt, die sagt: »Alles wird gut. Bleib ruhig, atme.« Ja, bei Zsuzsa Bánk kann es noch so finster sein, es bleibt warm in unseren Herzen, wenngleich sie hier und da nicht aufhören wollen, zu zittern. Weiterlesen

Wiederentdeckte Größe: Cees Nooteboom.

IMG_0473Gibt es sie eigentlich noch, die großen Autoren? Nein, nicht die sogenannten Klassiker, bei denen nach Angabe des Geburtsjahres sofort das Jahr folgt, in dem sie uns verlassen haben. Ich meine große Autoren, die noch unter uns sind. Nein, nicht die handelsüblichen Bestseller-Garanten, nicht die Feuilleton-Lieblinge oder gar die Experten für genau kalkulierte Saisonware. Ich meine wirklich, wirklich große Autoren, solche, die zum Beispiel für den Nobelpreis in Frage kämen, so er dann eines Tages wieder verliehen werden sollte. Große Autoren scheinen eine seltene Spezies geworden zu sein. Noch seltener als die – sagen wir mal – schon ziemlich seltene Knoblauchkröte. Und ich glaube, ich habe so einen entdeckt, besser: wiederentdeckt. Cees Nooteboom, der im vergangenen, nicht enden wollenden Sommer seinen 85zigsten Geburtstag feierte. Weiterlesen

Talking about Georgien mit Frank Menden.

Heute gibt´s weitere Georgien-Tipps von einem belesenen Literaturkenner: Frank Menden. Der geschätzte Buchhändlerkollege arbeitet bei stories! Die Buchhandlung in Hamburg. Frank betreibt keinen eigenen Blog, sondern ist wie Maria-Christina Piwowarski sehr aktiv auf Instagram. Beide inspirieren mich immer wieder aufs Neue mit Ihren Literaturtipps. Als ich sah, dass Frank einige georgische Titel gelesen hatte, wollte ich mehr von ihm wissen. So verrät er mir im Interview, welche Erfahrungen er beim Lesen georgischer Literatur gesammelt hat, und welche Bücher er aus dem diesjährigen Gastland der Buchmesse ganz besonders empfiehlt. Weiterlesen