Es lebe die Freundschaft!

Wir hatten uns lange, das Buch und ich. Als ich »Schlafen werden wir später« von Zsuzsa Bánk begann, war es grau und kalt draußen. Jetzt hat die Sonne die Kraft eines frühen Sommertages: Blüten strecken sich ihr hungrig entgegen, erste Insekten schwirren auf dem Balkon, ich atme auf. Und spüre gleichzeitig den schweren Atem des Abschieds im Gesicht. Man sagt, Bücher können wie gute Freunde sein. So ist es mir mit diesem berührenden Briefroman ergangen. Deshalb bin ich hin- und hergerissen zwischen Aufbruchfreude und Abschiedsschmerz. Aufbruchfreude, da es mich lange festgehalten hat, länger als zunächst angenommen. So habe ich die vielen eintrudelnden Neuerscheinungen ruhen lassen müssen, um dem Buch die Zeit zu geben, die es fordert. Doch man schenkt sie ihm gern, wenn man sich darin fest verankert hat und wohl fühlt. Abschiedsschmerz, weil ich Márta und Johanna vermissen werde. Selbst nach der Lektüre frage ich mich hin und wieder, was sie nun machen und wie es ihnen wohl geht. Und in all dem kreisen Gedanken wie Möwen durch meinen Kopf, kreischen und wollen hinaus. Auf den Blog, in der Hoffnung, dass wir uns wieder gerade biegen, die Gedanken und ich, und dabei vielleicht weitere Freunde für das Buch aufspüren können. Das wäre schön. »Schlafen werden wir später« ist ein Buch, das seine Liebhaber finden wird. Ich bin eine davon. Warum, das möchte ich euch erzählen.

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Aleppo, mon amour.

Nach der Vorstellung des Buches »Suppen für Syrien« kommen wir jetzt zu einem weiteren, heldenhaften Unternehmen – dem unabhängigen Weidle Verlag. Das Verlegerpaar Barbara und Stefan Weidle hat mir bereits wunderschöne bibliophile Bücher und unvergessene Lesestunden beschert. Wenn ich ein Weidle-Buch in den Händen halte, weiß ich, warum ich meinen Blog betreibe. Mit einer weiteren Rarität läutete der Verlag für mich nun den Bücherfrühling 2017 ein. »Der Spaziergänger von Aleppo« von Niroz Malek ist kürzlich erschienen und hat bereits etliche Leser begeistert.

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Das ganze Leben ein Gedicht.

Wäre das schön! Wenn man nur von Gedichten und der Philosophie leben könnte. Eine traumhafte Vorstellung, die mir Chaya zuflüstert. Ich nicke ihr mit leuchtenden Augen zu und lächle über die junge Frau, an deren Seite ich für kurze Zeit weilen konnte. Ach, ich werde sie vermissen, meine neue Freundin. Wir haben uns im gleichnamigen Buch getroffen, das Kathy Zarnegin geschrieben hat. Die Autorin hat meinen wintermüden Geist mit Sonne aufgeladen, auch wenn man dem Buch diese Kraft auf dem ersten Blick nicht ansieht. Eher unauffällig liegt es derzeit zwischen den farbenfrohen Büchern der Saison, doch das im weissbooks-Verlag erschienene Buch ist so überhaupt nicht zurückhaltend. Bereits auf den ersten Seiten weht eine selbstbewusste Prise. Weiterlesen

Das Mädchen und das Wir.

carson_mccullers_frankieFrankie – dieses junge, unruhige Mädchen aus Carson McCullers gleichnamigem Roman geht mir immer noch nicht aus dem Kopf. Es schaut mich mit seinen grauen Augen an und weckt in mir den Wunsch, es zu umarmen. Ich möchte es beschützen und weiß, dass ich es doch nicht kann. Genauso wenig würde Frankie es zulassen, dass ich sie umarme. Frankie erinnert mich ein bisschen an eine Katze. Und so wird Frankie noch einige Zeit neben mir sitzen, mal schnurrend, mal miauend, und ich werde mich voller Dankbarkeit an ein erneut beeindruckend schönes Buch von Carson McCullers erinnern. Ein Buch, das deshalb heute hier einen Platz bekommt.

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Carson McCullers: Die tragische Geschichte eines Wunderkindes.

landes_die_ballade_vom_wunderkindHeute vor hundert Jahren erblickte ein Wunderkind das Licht der Welt. Die kleine Lula Carson Smith wusste damals noch nicht, dass sie ein berühmter Mensch werden sollte. Eine Autorin, die noch viele Jahre nach ihrem Tod in ihren Büchern weiterlebt. Und hier eine begeisterte Leserin dazu inspiriert, über sie zu schreiben, um sie zu ehren und an ihr eindrucksvolles Schaffen zu erinnern. Beinah jeder Carson McCullers-Leser wird mir bestätigen: Dies ist keine Sorte Literatur, die man einfach so wegschlürft und danach sofort vergisst. Carson McCullers Geschichten – in einer schlichten und klaren Sprache erzählt – graben sich in die Tiefe der Seele ein, erzeugen eine elektrisierende Wirkung und hinterlassen ein ganz besonderes Echo. Genau dem möchte ich heute nachspüren und das literarische Erbe würdigen, das die Autorin hinterlassen hat.

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Bücherfrohe Weihnachten!

petra_hartlieb_ein_winter_in_wienIch stehe gerade auf dem Gipfel des Bücherberges und winke euch von dort fröhlich zu. Stürmisch ist es hier oben, aber auch unglaublich aufregend. Wir haben im Buchhandel beinah den Zenit erreicht und es wird in den nächsten Tagen noch ein bisschen höher gehen, der Wind schleicht bereits um meine Ohren und flüstert mir zu, dass er zunehmen wird. Für mich ist es damit an der Zeit, im Internet auf Tauchstation zu gehen. Bevor ich mich aber für ein paar Tage abmelde, möchte ich euch allen ein wunderschönes, bücherfrohes Weihnachtsfest wünschen. Besinnliche Stunden voller Lichterglanz im Kreise eurer Lieben mit feinen Büchern an eurer Seite. Wie vielleicht mit Petra Hartliebs »Ein Winter in Wien«. Ja, ohne eine Buchempfehlung gehe ich nicht weg.

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Ein verlorenes Paradies?

elif_shafak_der_geruch_des_paradieses»Welchen Lebensweg soll ich einschlagen?« Ich spüre den Blick von Peri auf mir und drehe mich verlegen zur Seite. Diese große existenzielle Frage hallt durch Elif Shafaks Romanheldin direkt zu mir. Peri erinnert mich an eine junge Biene, die zu lange am süßen Nektar genascht hat. Nun ist sie ganz mit Blütenstaub gefüllt und sie weiß nicht, wohin mit dem Gewicht. In ihrem Falle sind es allerhand Gedanken und Gefühle. Sie arbeiten in ihr wie fleißige Ameisen, und der Wind bahnt sich einen Weg durch ihren Kopf, doch die Gedanken über Gott, das Gute und das Böse, die verschlüsselten Träume und die Einsamkeit des jungen René Descartes, sie wollen partout nicht verschwinden.

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Echte Männer, Sattelschmerzen und eine verspätete Reise – junge Literatur aus Flandern und den Niederlanden.

mag_coverMein geschätzter tolino bekommt Konkurrenz. Von einem Produkt, das es vom Gewicht her durchaus mit ihm aufnehmen kann. Obendrein ist der bibliophile Lesefreund für unterwegs ein haptisch schönes Erlebnis. Der mairisch Verlag hat uns von seinem Ausflug nach Amsterdam DAS MAG, The Best Of mitgebracht. Das Magazin ist die jüngste Stimme in der niederländischen Gegenwartsliteratur, erscheint seit 2011 vierteljährlich und jetzt erstmals auf Deutsch.

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Bitterkalt und herzenswarm.

rishoi_winternovellenFür jedes Buch gibt es den richtigen Augenblick. Ich weiß nicht, wie oft ich den Satz schon geschrieben habe. Und doch werde ich nicht müde, ihn aus der Schublade meines Wortschrankes hervorzuziehen, wenn er perfekt passt – wie in diesem Falle. Mir ist »Winternovellen« von der jungen Norwegerin Ingvild H. Rishøi bereits mehrfach begegnet. Und nach der Bekanntgabe der Hotlist 2016 war er also da, der richtige Augenblick. »Winternovellen« zählt in diesem Jahr zu den besten zehn Büchern aus unabhängigen Verlagen. Und ich freue mich sehr darüber, weil es dort einfach hingehört.

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Die Magie des kleinen Glücks.

j-l-carr_ein_monat_auf_dem_landIn der Bücherwelt gibt es immer wieder Überraschungen. »Ein Monat auf dem Land« von J.L. Carr ist so eine. Das zierliche und wunderschön gestaltete Büchlein aus dem Dumont Verlag tanzt in den Stapeln der Neuerscheinungen aus der Reihe. Weil es kleiner und zurückhaltender ist, mit nur wenigen Farben und einer schlichten Gestaltung daherkommt. Zudem verströmt es eine Stille, die mich als Erstes beim Aufschlagen empfängt. Und nicht nur das: Eine zauberhafte Note schlängelt sich empor, die sich sofort aus den Buchseiten herauswindet. Berauschend ist das Gefühl, wenn man als Buchhändlerin solch einen Schatz gefunden hat. Überwältigend ist es, wenn andere ebenso von einem Buch begeistert sind. Während ich dies schreibe, weiß ich, dass das Buch bereits zahlreiche Leserherzen in Windeseile erobert hat. Und daran sind wir Buchhändler nicht ganz unschuldig. Haben wir erst einmal einen besonderen Schatz von Buch entdeckt, empfehlen wir es unseren Kunden mit viel Herzblut gleich weiter – und das mit den leuchtenden Augen von Verliebten. Denn wir lieben, was wir tun.

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