Archiv der Kategorie: Zeitgenössische Literatur

Gesucht: starke Nerven.

Für sein Debüt „Was auf das Ende folgt“ wurde Chris Whitaker völlig zu Recht 2017 mit dem CWA John Creasey New Blood Dagger Award ausgezeichnet. Zum Glück ist es nun auch bei uns erschienen.

Und immer noch läuft mir ein Schauer über den Rücken, wenn ich an das Gelesene zurückdenke. Denn Whitakers Geschichten gehen einfach unter die Haut.

Weiterlesen

Auf dem Karussell des Lebens.

»Jede Ursache sorgt für eine Wirkung, und wir Menschen sind das Ergebnis eines riesigen Durcheinanders. Wir sitzen in einem Karussell, das sich unaufhörlich dreht und versucht, uns in hohem Bogen fortzuschleudern. Was immer wir tun, die Vergangenheit holt uns zuletzt unweigerlich ein.« Eben die Vergangenheit ist es, die den Figuren in Leonardo Paduras neuem Roman »Wie Staub im Wind« zusetzt und sie begleitet wie ein dunkler Schatten. Elisa, Clara, Irving heißen die Protagonisten, und ich bin ihnen begeistert gefolgt.

Weiterlesen

Nicht von Pappe: Mein Buch des Sommers. 

Plötzlich ist es da, wie die Erinnerung an einen vergessenen Traum. Ich möchte dieses Etwas greifen. Von irgendwoher kenne ich diese Stimmung, die mir aus »Der Papierpalast« entgegenströmt. Ein mitunter rauer, melancholischer Atem. Nichts durchgängig Negatives, dafür hält das Buch einige helle und mitunter witzige Momente bereit. Woher nur kannte ich diesen besonderen Mix aus tiefer Nacht und leuchtendem Tag? Als ich mir die Vita der Autorin genauer anschaute, macht es sofort »Klick«. Natürlich: Miranda Cowley Heller war in leitender Position bei HBO tätig, wo sie verantwortlich war für die Entwicklung der bahnbrechenden Serien »The Wire« und »The Sopranos«. Daher dieser vertraute Sound. 

Alles beginnt mit einem sommerlichen Katertag. Elle erwacht sehr früh in ihrem Sommerquartier in Back Woods und spürt noch den Alkohol der letzten Nacht in ihrem Kopf, wo obendrein seltsame Erinnerungen aufsteigen. Die Ich-Erzählerin macht sich auf dem Weg zum nahen See und schwimmt ihre erste Runde. Sie lässt dabei den letzten Abend Revue passieren und spricht es geradewegs aus: »Gestern Abend habe ich mit ihm gefickt, endlich.« Ziemlich anzügliche Worte, die für mich so gar nicht in den Erzählfluss passen und sich zunächst wie ein Holzsplitter anfühlen. Aber vielleicht sind sie so etwas wie ein Befreiungsschlag – von einer Frau in den mittleren Jahren, die ihr Leben hinterfragt.  

Weiterlesen

Schicksale in der Schwebe. 

Foto: Kristine Bilkau | © Thorsten Kirves

»Nebenan« von Kristine Bilkau ist ein stilles Buch. Der Sound ist eher eine zarte Melodie, in der ich von Beginn an versinke, jedes Wort trinke. Dem Buch wohnt gewissermaßen ein Zauber inne, eine besondere Magie. Die Geschichte umarmt mich derartig liebevoll, dass ich nicht genug bekommen kann. 

Die Hamburger Autorin erzählt in ihrem neuen Roman über zwei Frauen, die in einem beschaulichen Ort am Nord-Ostsee-Kanal leben. Und dann passieren ein paar unvorhergesehene Dinge.  

Weiterlesen

Humor ist eine starke Waffe.

Foto: Katerina Poladjan | © Andreas Labes

Seit jeher verspüre ich eine ganz eigene Verbindung zur Kommunalka. Sobald sie mir in Büchern begegnet, werde ich hellhörig. So erging es mir auch mit Katerina Poladjans neuem Werk »Zukunftsmusik«. Darin steht so eine legendäre russische Wohngemeinschaft im Mittelpunkt.  

Die Autorin war mit ihrem Buch für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchpreis nominiert. Absolut verdient, und noch verdienter wäre die Auszeichnung gewesen. Denn die Autorin schreibt außerordentliche Geschichten. So stand sie bereits mit »Hier sind Löwen« auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.  

Weiterlesen

Wenn die Chemie stimmt.

Bild von Konstantin Kolosov auf Pixabay

»Eine Frage der Chemie« von Bonnie Garmus enthält eigentlich alle Zutaten, um aus einem gewöhnlichen ein ganz besonderes Buch zu machen. Eigentlich deshalb, weil das Cover der deutschen Ausgabe der Hauptfigur Elizabeth Zott so gar nicht gefallen hätte.

Warum nicht? Nun, weil sie auf dem Cover wie eine folgsame Hausfrau aussieht, die sie eben nicht ist. Und schon gar keine durchschnittliche Frau der damaligen Zeit, den 5oer und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts. So möchte ich an dieser Stelle eine Lanze brechen für mehr Sensibilität bei der Gestaltung der Buchcover.

Weiterlesen

Bis an die Schmerzgrenze.

Rachel Cusk zählt zu den stärksten weiblichen Stimmen unserer Zeit. Und es lohnt sich wirklich, ihr Werk zu entdecken. Viele ihrer Bücher kreisen um das Thema Mutterschaft, aber man muss nicht unbedingt Mutter sein, um sich mit ihren Romanen anzufreunden. Auch politisch hat sie ihre eigene Meinung und lebt mittlerweile aus Protest gegen den Brexit nicht mehr in England.

Obendrein hat ihr ihre offene und bisweilen radikale Art, über das Muttersein zu schreiben, in ihrem Heimatland viel Kritik eingebracht. Mittlerweile lebt die Autorin in Paris, lernt die neue Sprache und schreibt nach wie vor Bücher mit ihrem ganz eigenen Sound.

Weiterlesen

Überraschungsmomente.

Foto: Véronique Olmi | © Astrid di Crollalanza

Selbst mich kann die Literaturwelt noch überraschen. Natürlich war mir der Name Véronique Olmi geläufig, aber gelesen hatte ich von der französischen Autorin noch nichts. Nun, das kann selbst der besten Buchhändlerin passieren. Aber dieses kleine Versäumnis wurde mittlerweile korrigiert, denn ich habe »Die Ungeduldigen« gelesen und staune immer noch.

Schon der Klappentext wedelte vielversprechend in meine Richtung: Frankreich in den 70er Jahren, drei Schwestern, die aus der Provinz und dem konservativen Leben in die Metropole nach Paris ausbrechen wollen. Simone de Beauvoir und Gisèle Halimi sind ihre großen Heldinnen. Das klang vielversprechend.  

Weiterlesen

In Kindheitsgewittern.

Foto: Svealena Kutschke | © Dorothea Tuch

Inwieweit prägt uns die eigene Kindheit? Die diesjährige Hebbelpreisträgerin Svealena Kutschke nähert sich dieser Frage in ihrem neuen Buch „Gewittertiere“. Ein vielschichtiges Werk, dem ich mehr Aufmerksamkeit wünsche. In ihrem Roman thematisiert die 1977 in Lübeck geborene Autorin verbale und psychische Gewalt. Gleichzeitig flechtet sie ein Stück Zeitgeschichte unserer Republik sowie Fremdenhass mit ein.

Weiterlesen

Ausatmen beim Betrachten einer Buchbesprechung im Fernsehen.

Foto: Emmanuel Carrère | © Julia von Vietinghoff

Das Atmen ist wichtig. Klar, ohne atmen können wir nicht leben. Anders ausgedrückt: Wer nicht mehr atmet, der ist tot.

Gleichzeitig ist das Atmen zentraler Bestandteil diverser Meditationstechniken. Und darüber hinaus: „Wer seine Atmung kontrolliert, der kann sein Leben kontrollieren“, hat sinngemäß die Performancekünstlerin Marina Abramovic gesagt.

Da fallen mir sofort diese begnadeten buddhistischen Mönche ein, die es schaffen, innerhalb einer Minute tatsächlich nur zwei- oder dreimal zu atmen. Was gar nicht mal so schwer ist, wenn man sich nur konzentriert. Konzentration ist also auch wichtig. Atmen. Konzentrieren. Auf den Atem konzentrieren nennt man meditieren. Oder gleich Yoga, wie wir von Emmanuel Carrère in seinem neuen Werk erfahren, das eben diesen Titel trägt.

Überhaupt nicht Yoga ist, ein neues Buch unbedingt sofort und am liebsten als Erste oder Erster besprechen zu wollen, manchmal sogar vor dem Erscheinungsdatum. Das ist Ego.

Weiterlesen