Ein Lichtstrahl in dunklen Zeiten.

»Pantherzeit ist Seelenzeit.« Dieser Satz schnurrt seit einigen Wochen in meinem Kopf, und er hat etwas sehr Beruhigendes. Aufgespürt habe ich ihn in Marica Bodrožić’ Essayband »Pantherzeit – Vom Innenmaß der Dinge«. Im Frühjahr 2020 brachte der erste Lockdown das Leben der Autorin und ihrer Familie ebenfalls zum Stehen. Und so begann sie, gemeinsam mit Freunden das Gedicht »Der Panther« von Rainer Maria Rilke zu rezitieren. Der Panther in seinem Käfig – ein Sinnbild für den Stillstand des Lebens. Marica lud ihre Nachbarn ein, das Gedicht jeden Abend um 20 Uhr gemeinsam auf den Balkonen zu sprechen. Schon bald wanderte die Raubkatze über die Berliner Balkone weiter nach Tel Aviv, Basel, Bremen und St. Andrews in Schottland – zu allen Freunden, denen sie davon berichtete.  

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Proust fragt. Wer antwortet, gewinnt.

Es gibt einen legendären Fragebogen, der in der Pariser Gesellschaft des Fin de Siècle die Runde machte. Proust hat ihn offensichtlich mehrfach ausgefüllt, sein Ursprung wird einerseits Antoinette Faure zugerechnet, andererseits soll Proust selbst das Muster der Fragen entworfen haben. 

So stehen wir auch hier – wie so oft bei Proust – vor einem Mysterium. In jedem Fall ist es ein höchst interessanter Fragebogen, der beim Ausfüllenden eine gewisse Offenheit und Mut voraussetzt. Schließlich geht es um durchaus intime Fragen. Zumindest war es vor über hundert Jahren so. In Zeiten von Instakram & Co. ist es mit der Vertraulichkeit und der Zurückhaltung in Sachen intimer Bekenntnisse nicht mehr weit her. Heute sagen wir eher: Es sind sehr persönliche Fragen. 

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Atemlos.

„Ist Atmen eine bewusste Entscheidung?“ fragt sich die Ich-Erzählerin gleich zu Beginn. Die junge Olivia wird diese Frage im Laufe der Geschichte wie ein Mantra wiederholen, vor allem dann, wenn es ihr nicht gut geht. Eine Frage wie eine Schulter, an die sich die Romanheldin immer wieder anlehnt.  

„Unter Deck“ von Sophie Hardcastle zählt für mich zu den erstaunlichsten Debüts der Saison. Die 1993 in Australien geborene Autorin hat einen unglaublich facettenreichen Roman geschrieben, in den ich eingetaucht bin wie in ein wohltuendes, warmes Bad. 

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150 Jahre Proust. Auf der Suche nach dem Mythos.

Das Universum schlägt zurück. 

Vor 150 Jahren wurde Marcel Proust geboren – lassen wir sie also beginnen, die Proust-Festspiele. Ein derartiges Jubiläum lässt sich natürlich kein Verlag und schon gar kein Proust-Kenner entgehen, so dass wir in diesem Jahr die Auswahl unter vielen Neuerscheinungen, Wiederveröffentlichungen und neuen Übersetzungen haben. 

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Vom Leben und Überleben.

Für gewöhnlich bespreche ich ja keine Bestseller. Keine Regel ohne Ausnahmen – so geschehen neulich bei Benedict Wells und heute erneut. Warum? Ganz einfach – auch sogenannte Bestseller sind hin und wieder richtig gute Bücher. Und liegen mir am Herzen. In diesem Fall sind es zwei stille Titel, denen trotzdem eine enorme und inspirierende Kraft innewohnt.   

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Take a Walk on the wild Side.

Nie war New York näher dran, tatsächlich wie Gotham City zu wirken als in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Es war eine Zwischenzeit, denn die Swinging Sixties mit ihrer Aufbruchstimmung waren definitiv vorbei, der Glamour der folgenden 80er und vor allem die sogenannte Nulltoleranzpolitik des 1994 gewählten Bürgermeisters Giuliani noch weit entfernt. New York war laut, rauh und eine Spielwiese für Künstler und Lebenskünstler aller Art. Es war das New York, wie wir es aus Taxi Driver kennen – eine nicht unbedingt sichere Stadt, aber eine aufregende, die noch nicht durch Gentrifizierung zu einer geleckten Kulisse für Touristen und Spielball von Immobilienspekulanten geworden war.

Genau in dieser Phase unternahm der Fotograf Langdon Clay in den Jahren 1974 bis 1976 nächtliche Streifzüge durch New York und das nahe Hoboken. Immer dabei – seine Leica, bestückt mit Kodachrome-Filmen. Im Zusammenspiel mit dem Licht der neuen Gasentladungslampen, die der Stadt nun auch in der Nacht ein deutlich klareres Licht spendeten, entstanden diese einzigartigen Aufnahmen.

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„Weil das Leben auch an Grenzen geht.“ Benedict Wells im Gespräch.

Foto: © Roger Eberhard

Benedict Wells st heute Gast auf unserem Blog. Gerade ist sein fünfter Roman beim Diogenes Verlag erschienen: »Hard Land« hat auch mich begeistert, wie ihr ja bereits gelesen habt. Ich freue mich sehr, dass ich ihm zu seinem neuen Werk und ein paar anderen Dingen Fragen stellen durfte. Coronabedingt leider nur per Mail.

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Alles geht vorbei.

Der Frühling ist herrlich verregnet! So ungefähr klingt die Euphancholie. Was bitte? Benedict Wells beschriebt mit dieser neuen Wortschöpfung ein Gefühl, irgendwo zwischen Euphorie und Melancholie. In seinem neuen Roman »Hard Land« empfindet eine der Protagonistinnen das folgendermaßen: »Einerseits zerreißt’s dich vor Glück, gleichzeitig bist du schwermütig, weil du weißt, dass du was verlierst oder dieser Augenblick mal vorbei sein wird.« Kurz gesagt: Euphancholie. Melancholie bedeutet für mich in diesem Frühjahr, dass die Pandemie immer noch nicht überwunden ist, dass wir weiter durchhalten müssen, dass es einfach zermürbend ist. Auf der anderen Seite haben wir die Bücher, die uns wieder einmal ihre Rettungsringe zuwerfen.

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Zu gut, um nicht wahr zu sein.

Ich erzähle ja nichts Neues, wenn ich sage, dass Haruki Murakami mein absoluter Lieblingsschriftsteller ist. Da werde ich schon mal nach dem Einstiegswerk in die Welt des japanischen Autors gefragt. Die Antwort will wohlüberlegt sein, denn sie kann Leben ändern, wenn jemand plötzlich in die phantastische Welt dieses Ausnahmeschriftstellers eintaucht. 

Bisher lautete meine Antwort oft Naokos Lächeln oder Die farblosen Pilgerjahre des Herrn Tazaki. Aber die Zeiten ändern sich, alles ist im Fluss, und nun würde ich allen Ratsuchenden antworten: Startet mit Erste Person Singular.  

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Im Schatten großer Ereignisse.

Oft werfen große Ereignisse ihre Schatten voraus. Bei uns sind es Bücher und ihre Autoren, oder besser gesagt: bestimmte Bücher und Autoren, die wir besonders lieben und die in diesem Jahr mit ihren neuen Werken oder auch einem Jubiläum sehr große Schatten vorauswerfen. 2021 werden wir uns auf unserem Blog auf wenige Bücher und Autoren konzentrieren. Für all die feinen Sachen zwischendurch gibt es ja noch andere Kanäle, auf denen wir außergewöhnliche Werke präsentieren. Und wer sind nun die mit den großen Schatten?

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