Schlagwort-Archive: Krieg

Aleppo, mon amour.

Nach der Vorstellung des Buches »Suppen für Syrien« kommen wir jetzt zu einem weiteren, heldenhaften Unternehmen – dem unabhängigen Weidle Verlag. Das Verlegerpaar Barbara und Stefan Weidle hat mir bereits wunderschöne bibliophile Bücher und unvergessene Lesestunden beschert. Wenn ich ein Weidle-Buch in den Händen halte, weiß ich, warum ich meinen Blog betreibe. Mit einer weiteren Rarität läutete der Verlag für mich nun den Bücherfrühling 2017 ein. »Der Spaziergänger von Aleppo« von Niroz Malek ist kürzlich erschienen und hat bereits etliche Leser begeistert.

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Schrecklich-schöne Poesie.

wilfried_owen_die_erbärmlichkeit_des_krieges

Dem Krieg ins Gesicht schauen – mit jeder Faser des eigenen Körpers die Schmerzen und das Leid der Soldaten spüren. Das passiert, während ich »Die Erbärmlichkeit des Krieges« von Wilfred Owen lese. Dieser Lyrikband ist in der Edition ReVers beim Verlagshaus J. Frank | Berlin erschienen und bringt uns einen hierzulande eher unbekannten Lyriker näher. Und das Unbekannte und Unentdeckte, das reizt die Klappentexterin ja seit jeher besonders.

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Die russische Seele ist verliebt.

manon

Heute möchte ich euch eine kleine Kostbarkeit vorstellen. Die Manon Lescaut von Turdej von Wsewolod Petrow. Kostbar einerseits, weil es das einzige literarische Werk ist, das Wsewolod Petrow jemals geschrieben hat. Kostbar andererseits, weil es in diesem Jahr in dem ebenso wunderbaren Weidle Verlag erschienen ist. Und seit Oktober trägt diese Rarität eine besondere Auszeichnung, denn das Buch hat den Hauptpreis der Hotlist 2013 als bestes Buch aus unabhängigen Verlagen erhalten. Verdienterweise!

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Vibrationen.

„Heimsuchungen“ von Chimamanda Ngozi Adichie ist ein Buch, das alles in mir in Bewegung setzt und mich aufspringen lässt. Wie stellt die Autorin das nur an? Hat sie doch einen ruhigen, klaren Erzählstil, der mich an Alice Munro erinnert.

Die Stimme ähnelt einem stillen See, der aussieht, als wäre er ein glattes Tuch. Von aufwühlenden Strömungen kann keine Rede sein und dennoch spüre ich Vibrationen vom Zeh bis in den Kopf. Es ist das Innenleben ihrer zwölf Erzählungen, die wie kleine Kontrastmittel Dinge beleuchten, was sonst nur die Technik vermag. Die Autorin bewegt sich zwischen Nigeria und Amerika, schreibt über die Unruhen in Nigeria und über die Hoffnung in dem großen Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Sie verdeutlicht die Widerstände in Nigeria und die Kulturunterschiede beider Länder. Warmes wird kalt, Helles wird dunkel.

Gleich in der ersten Erzählung „Zelle eins“ legt die Autorin ihrem Protagonisten Nnamabia eine Beobachtung in den Mund, die mich aufhorchen lässt. Der junge Student ist verhaftet worden, weil er die Ausgangssperre nicht eingehalten hat. Nun berichtet er seiner Familie von den Zuständen auf der Polizeiwache: „Wenn Nigeria wie diese Zelle regiert würde“, sagte er, „hätten wir in diesem Land keine Probleme. Alles ist durchorganisiert. Unsere Zelle hat einen Chef, General Abacha, und er hat einen Stellvertreter. Wenn du eingeliefert wirst, musst du ihnen Geld geben. Wenn du’s nicht tust, kriegst du Ärger.“ Hatte er Geld? Ja, hatte er, versteckt in seinem After. Die Geschichte führt immer tiefer in die Machenschaften der Gefangenen, durchleuchtet die Brutalität und rüttelt den übermütigen Nnamabia mehr und mehr auf. Währenddessen berichtet seine Schwester von der Außenwelt, so gab es erneut einen Kultangriff auf dem Campus. Die Axt bewegt sich weiter und haut unerschütterlich zu.

Etwas ruhiger scheint die anschließende Erzählung „Imitation“, in der Nkem von der Geliebten ihres Mannes erfährt. Sie lebt in Amerika und ihr Ehemann pendelt zwischen Nigeria und den Vereinigten Staaten hin und her. Die Schwangerschaft brachte Nkem nach Amerika. Stolz war sie damals, „weil sie in die begehrte Klasse der reichen Nigerianer eingeheiratet hatte, die ihre Frauen für die Geburt der Kinder nach Amerika schickten.“ Ein Haus wurde gekauft, obwohl anfangs nie die Rede davon gewesen war, länger zu bleiben. Mittlerweile lebt Nkem in Amerika und ihr Mann kommt nur in den Sommerferien in die neue Heimat. Warum wählt er so ein geteiltes Leben? Eine Bekannte von Nkem bringt es auf den Punkt: „Weil Amerika keine Großen Herren anerkennt. In Amerika sagt keiner: Sir! Sir!“ Das scheinbar sichere Leben von Nkem bekommt jetzt Risse, die Nkem nicht stopft, sondern hindurchschlüpft und der aufkommenden Rebellion nachgibt. Das Ruhige erliegt dem Kampf.

Mindestens genauso einschneidend ist „Ein privates Erlebnis“. In der Erzählung fokussiert Adichie neben einem religiösen Gewaltakt zwei Frauen aus verschiedenen Verhältnissen, die nach den Ausschreitungen auf einem Markt in einen Laden flüchten. Nach der Ankunft wird ihnen bewusst, was sie verloren haben: Die Händlerin eine Kette und ihre Tochter. Die Medizinstudentin ihre Burberry-Tasche und ihre Schwester. Hier werden die Gegensätze wie ein vorsichtiger Stoß spürbar, ohne zu bewerten, schieben sich die Unterschiede vors Gesicht. Chika ist Igbo-Christin, die andere Muslimin, die gebrochene Sprache zwischen den beiden Frauen agiert als dokumentierendes Element. Chikas Mutter reist zu Geschäftsreisen nach London, die Händlerin hingegen hat sechs Kinder zu versorgen und verkauft Zwiebeln auf dem Markt, dort wo sich Igbo-Christen und Hausa-Muslime einen Kampf geliefert haben. Langsam nähern sich die beiden in ihrem Gespräch an. Während sich Chika bedeckt hält, scheut die Händlerin nicht davor zurück von ihren brennenden Brustwarzen zu sprechen und ihre Bluse auszuziehen, als sie erfährt, dass Chika Medizin studiert. Chika ist immer noch betroffen von dem einschneidenden Erlebnis: „Sie und ihre Schwester sollten von dem Gewaltausbruch nicht betroffen sein. Über solche Gewaltausbrüche las man in Zeitungen. Sie stießen anderen zu.“

Das Radikale lauert in jeder Geschichte und bricht vulkanartig aus. Das Erzählte brodelt aus dem Drama, das sein Gesicht zeigt, erschütternde Vibrationen schlängeln sich durch die Sätze, führen eine tiefe Bestürzung herbei, schnüren mir an manchen Stellen die Kehle zu, dass ich nicht schlucken kann und mich festkralle. Die Autorin bewegt sich zwischen beiden Ländern wie ein Pendel, spricht den jungen Nigerianern aus der Seele, die in Amerika auf ein besseres Leben hoffen und nicht selten an spitze Kanten stoßen. Beziehungen, die durch die Distanz auf eine harte Probe gestellt werden, plötzlich andere Formen annehmen, mit denen keiner gerechnet hat. Leichte Träume, die sich auf einmal anfühlen, als wären sie schwere Steine. In alldem vereint Adichie das Afrikanische und Westliche, bewegt sie aufeinander zu und erzeugt damit einen ganz eigenen Ton, bei dem nicht an Ruhe zu denken ist. Es vibriert jederzeit.

Chimamanda Ngozi Adichie.
Heimsuchungen.
April 2012, 300 Seiten, 19,99 €.
S. Fischer Verlag.

Über die Autorin:
Chimamanda Ngozi Adichie wurde 1977 in Nigeria geboren. Sie lebt heute in Nigeria und den Vereinigten Staaten und ist eine der bedeutendsten Stimmen Afrikas. Ihr erster Roman „Blauer Hibiskus“ stand auf der Longlist für den Booker Prize, der Roman „Die Hälfte der Sonne“ gewann den Orange Prize for Fiction. Adichie steht auf der renommierten Liste der „20 besten Schriftsteller unter 40“ des „New Yorker“.

Mehr als nur ein Krimi.

Oliver Bottini hat sich mit seinem neuen Krimi „Der kalte Traum“ was Großes vorgenommen. Einerseits taucht dieses Mal nicht seine beliebte Kommissarin Louise Bonì auf. Andererseits widmet er sich einem jüngeren Teil europäischer Geschichte und verknüpft dabei verschiedene Menschenschicksale miteinander.

Idyllisch und poetisch beginnt das Geschehen, ganz vertraut im Bottini Stil. Von „rotgoldenen Wäldern“ und einem „sanftmütigen Tal“ ist die Rede. Nur wenige Atemzüge und ich lehne mich entspannt zurück, bis ein kalter Wind durch die Seiten fegt, der mich aufhorchen lässt und die Ruhe zur Seite schiebt. Es ist der Fremde, der die Landschaft beobachtet. Da gehen meine Alarmantennen ganz automatisch an, so wie er das Tal bei Rottweil in Augenschein nimmt. Saša Jordan sucht Thomas Ćavar.
Mehrere Kilometer nordöstlich bittet Richard Ehringer seinen Neffen, ein Berliner Kommissar, nach Thomas Ćavar in den Datenbanken zu suchen. Und in Zagreb stößt die engagierte Journalistin Yvonne Ahrens auf ein Kriegsbild vom Kapetan. Hinter dem Namen soll sich kein anderer als Thomas Ćavar verbergen, ihr Jagdinstinkt ist geweckt. Woher kommt plötzlich das Interesse an einem Mann, der vor 15 Jahren im Bosnienkrieg gestorben sein soll? Eine Frage, die über allem schwebt und eine Hetzjagd nach sich zieht.

In verschiedenen Handlungssträngen verfolge ich die Suche und bewege mich zwischen dem Gestern und dem Heute. So begegne ich im Jahre 1990 dem jungen Thomas. Damals, als alles noch in Ordnung war. Glücklich umschleicht er wie ein Hund seinen neuen Ford Granada 2.0. und kann es kaum erwarten loszufahren. Hat er sich doch „ein Jahr und sieben Tage“ darauf gefreut. Unbeschwert genießt Thomas mit seiner Freundin Jelena die Autofahrt: „Der warme Fahrtwind, die Musik, Jelenas Hand auf seinem Schenkel, so konnte das Leben bleiben.“ Doch das wird es nicht. Wenige Stunden später brodelt es im heimischen Wohnzimmer, der Vater bringt es auf den Punkt: „Sie stehlen uns die Heimat!“ Der Blick wandert nach Kroatien, wo einige Tage zuvor „Serben Straßen- und Schienensperren errichtet und eine kroatische Polizeistation geplündert“ wurde. Zu diesem Zeitpunkt nimmt Thomas den Konflikt mit jugendlichem Leichtsinn hin, träumt mehr von einer romantischen Nacht mit seiner Liebsten, interessiert er sich nicht für Politik und Heimat. Noch nicht. Nur wenige Monate später sollte sich das ändern, als er der persönliche Chauffeur von Josip Vrdoljak, dem Mitbegründer der Kroatischen Demokratischen Gemeinschaft (HDZ) wird.

Im Oktober 2010 erfährt unterdessen der Kommissar Lorenz Adamek bei seinen Recherchen, dass sich auch andere nach Thomas Ćavar erkundigen, wie Ivica Markoić, ein Vertrauter Tuđmans. Das verrät ihm sein Onkel, ein ehemaliger hochrangiger Politiker. Er ist es auch, der den Kommissar nicht nur die Hintergründe über den Krieg in Osteuropa näher erläutert, sondern ihn auf eine zweite Möglichkeit bringt, die da lautet: „Keine Leiche. Kein Grab.“ Denn wer interessiert sich schon für einen Toten?

Die Lektüre setzt mehr Wissen über den Balkankonflikt heraus, als ich angenommen habe. Oliver Bottini fordert mich. Er schickt mich durch den jüngeren Teil europäischer Geschichte, der mir durchaus bekannt, aber nicht immer hundert Prozent vertraut ist. Es tauchen Namen und Abkürzungen wie Tuđman, Operation „Sturm“, ICTY sowie politische Hintergründe auf. Einige Lücken stoppen meinen Lesefluss, aber ich bin da nicht die Einzige, wenn ich zu Adamek schaue: „Er wusste nicht viel über Kroatien und diesen dummen, grauenhaften Krieg.“ Gott sei Dank gibt es ein umfassendes Glossar, in dem ich wichtige Namen nachlesen und aufkommende Fragezeichen wegwischen kann. Der Autor hat viel Zeit in sein Werk investiert und gewissenhaft recherchiert, das merke ich mit jeder Seite mehr. Dabei zieht er den Vorhang auf und öffnet mir den Blick hinter die Kulissen. Ich erspähe die politischen Machenschaften und die Konflikte zwischen den Volksgruppen, den Hass aufeinander und das Blutvergießen. Oliver Bottini verdeutlicht in seinem Krimi genauso das Schicksal der unabhängigen kroatischen Journalisten, die Licht in das Dunkel bringen wollen und immer wieder zum Schweigen gebracht werden, nicht selten sogar ihr Leben verlieren müssen. „Wer kroatische Kriegsverbrechen recherchiere, begebe sich in Gefahr.“ Den Journalisten hat er seinen Krimi gewidmet und damit ein Denkmal gesetzt.

Oliver Bottini ist ein großer Roman gelungen, wenngleich ich natürlich gestehen muss, dass mir Louise Bonì ein bisschen gefehlt hat. Ich bin eine sporadische Krimileserin, die vor allem ein Herz für eigenwillige und etwas entrückte Ermittler und Kommissarinnen hat. Der Autor konnte meine Sehnsucht trotzdem ein wenig stillen, indem er jedem seiner Protagonisten charakterstark gezeichnet und mir nahe gebracht hat wie den hin- und gerissenen Berliner Kommissar oder die engagierte Journalistin Yvonne Ahrens. Für mich ist dies kein typischer Krimi, in dem nur die Aufklärung eines Mordes im Vordergrund steht. „Der kalte Traum“ ist viel mehr ein packender und wissensreicher Politthriller in einer gut erzählten Sprache, die manchmal poetisch und manchmal unwahrscheinlich klar heraussticht. Man sollte in jedem Fall Zeit für dieses anspruchsvolle Buch mitbringen. Wer dies beherzigt, wird eindrucksvolle und spannende Lesemomente erleben.

Oliver Bottini.
Der kalte Traum.
Februar 2012, 448 Seiten, 18,99 €.
DuMont Buchverlag.

Der Blick der Eule.

Vorsicht! Téa Obreht ist eine Verführerin. Die junge Autorin nimmt dich an die Hand und zieht dich mitten hinein in ihren Roman „Die Tigerfrau“. Du kannst ihr nicht entkommen, zu faszinierend ist die Geschichte, zu vibrierend der Ton. Noch kannst du hier aufhören, weiter zu lesen, noch steht dir alles frei. Doch wenn du den Worten folgst, kann ich für nichts garantieren.

Den Roman umgibt von Anfang etwas Mystisches, als wenn mir eine Eule mit ihren großen Augen ins Gesicht blicken würde. Dieser geheimnisvolle Schein verwundert nicht, denn die Autorin baut gerade auf einer zweiten Ebene nebulöse Erzählungen ein. Schnell begreife ich: Téa Obreht ist nicht nur eine Verführerin, sondern auch eine Meisterin des Fabulierens.

Die Autorin verknüpft in ihrem Debüt zwei Geschichten miteinander, die der Ich-Erzählerin, Natalia, und die ihres Großvaters. Mit einer Freundin ist die junge Ärztin auf dem Weg zu einem Waisenhaus, das dringend Impfstoff benötigt. Da erfährt sie von der Großmutter, dass ihr Großvater verstorben ist. Nicht zu Hause, sondern in der Ferne, in Zdrevkov. Eine Stadt, die keiner kennt und selbst seine engvertraute Enkelin, weiß nicht, was ihn dort hintrieb. Hatte er sie doch stets in so vieles eingeweiht, wie in seine Erkrankung.

Es sind vor allem die Erzählungen des Großvaters, die dem Roman eine Sogwirkung verleihen. Sie sind die Quintessenz, die goldenen Mitte, die schillernd hervorschimmert. Aus dem Mund der Ich-Erzählerin klingt das dann so: „Alles, was nötig ist, um meinen Großvater zu verstehen, liegt zwischen zwei Geschichten: die von der Tigerfrau und die von dem Mann, der nicht sterben konnte.“

Genau dorthin entführt mich die Ich-Erzählerin, indem sie die Lebenslinie ihres Großvaters entlangläuft, von der Kindheit bis zur Gegenwart. Ich folge dem Tiger, der in den Wirren des Kriegs 1941 aus der Zitadelle flieht, bis er schließlich etliche Kilometer von der Hauptstadt entfernt im Dorf des Großvaters ankommt. Als der Hirte ihn „während eines Schneesturms Ende Dezember auf dem Galina-Kamm oberhalb des Dorfes“ entdeckt, glauben ihn die anderen nicht, so sehr er auch mit den Armen rudert und vom Teufel spricht, der nach Galina gekommen ist. Der Großvater sieht im Teufel mit dem orangefarbenen Fell und Streifen Shir Khan, dem Tiger aus dem Dschungelbuch.

Alle fürchten sich vor dem wilden Tier, bis auf ein taubstummes Mädchen. Die Fremde, mit der Luka nach Galina zurückkehrte. Bald wird sie die Tigerfrau genannt, wobei es im Original The Tiger’s Wife lautet. Ein Titel, der treffender ist. Das Mädchen hat zum Tiger eine besondere Beziehung, sie ist es, die ihn in der Räucherkammer mit einem Stück Fleisch erwartet. Als der Großvater eines Abends von der Neugier angetrieben in der gleichen Kammer auf den Tiger trifft, versteckt er sich unter einer Plane und entkommt dem Tier. Das taubstumme Mädchen eilt zu ihm, befreit ihn von der Plane, als er bemerkt: „Ihre Hände, mit denen sie ihm über das Gesicht strich, rochen stark nach Tiger, nach Schnee, Kiefern und Blut“. Hier wie auch an anderen Passagen schiebt sich sanft eine Ahnung in das Bild, der Blick wandert zur Autorin, doch sie schweigt und lässt mir Raum, meine eigenen Vermutungen auszumalen.

Besonders nah tastet sich die Autorin an die Menschen heran, durchleuchtet ihre Wesen und erzählt lebensnahe bewegende Geschichten. Sie gräbt sich bis in die tiefsten Schichten und bleibt in alldem so menschlich, nicht verurteilend. Viel mehr möchte sie sagen: Alles hat seinen Ursprung. Schaut auch hinter die Fassaden eines Hauses, bevor ihr über den Schmutz schimpft. Während ich noch die Menschenschicksale und das gestreifte Fell des Tigers vor den Augen spüre, erscheint der Mann, der nicht sterben konnte. Er ist der Neffe des Todes und trifft in verschiedenen Situationen auf den Großvater. In den Dialogen der beiden tobt sich der Schalk richtig aus, der Ernst verdrückt sich in die Ecke, auch wenn es eigentlich wenig zu lachen gibt, geht es doch um den Tod. Anfangs sind die Stellen mit dem Mann, der nicht sterben konnte, schon leicht befremdlich, aber im Laufe der Zeit gehören sie genauso dazu wie der unbesiegbare Tiger, der wie eine Legende weiterlebt und sich durch die Geschichte fortbewegt.

Téa Obreht wurde 1985 in Belgrad geboren und lebt seit ihrem zwölften Lebensjahr in den USA. Mit ihrem Roman kehrt sie zurück in ihre Heimat. Sie hält sich bedeckt, hat die Orte mit anderen Namen versehen, aber Schauplatz ist das ehemalige Jugoslawien, das ahne ich schnell. Der Krieg ist allgegenwärtig, damals beim Großvater und Natalia erlebt ihn selbst. „Der Krieg begann leise, fast unmerklich, nachdem wir ein Jahrzehnt lang am Abgrund gelebt und darauf gewartet hatten, dass er anfing.“ Die junge Autorin hat ein eindrucksvolles Buch geschrieben und wurde zu Recht im vergangenen Jahr mit dem „Orange Prize for Fiction“ ausgezeichnet. Es glänzt nur so vor Leben und Menschen, ist reich an unzähligen Geschichten. Ich wollte nicht aufhören, zu lesen und habe mich verloren zwischen dem umher streifenden Tiger und dem Mann, der nicht sterben konnte. Dazwischen eine junge Frau, die sich auf die Spuren des Großvaters begibt und mich mitgenommen hat auf eine Reise, die ich nicht beenden wollte.

Téa Obreht.
Die Tigerfrau.
März 2012, 416 Seiten, 19,95 €.
Rowohlt Berlin Verlag.

Krieg und Liebe.

Ich wollte das Buch trinken, jedes einzelne Wort auf der Zunge tanzen lassen. So wunderschön fühlte sich die Sprache der italienischen Autorin Margaret Mazzantini an. Bei dem Gedanken entschlüpft mir ein Lächeln. Ich schaue zur Ich-Erzählerin, die auf der ersten Seite „laute Atemzüge“ kaut und denke wie so oft in dem Buch: Sie ist mir verdammt nah. Von Anfang an herrscht eine wohlige Harmonie zwischen der Protagonistin und der Leserin. Ein Gefühl, für das eigentlich jedes Wort zu viel ist, weil allein seine Anwesenheit den gesamten Raum einnimmt und keiner Erklärung bedarf. Vielleicht gibt es dort draußen noch jemanden, dem es genauso ergehen wird wie mir. Deshalb öffne ich „Das schönste Wort der Welt“ und trinke es noch einmal in langsamen Zügen.

Der Zufall spielt im Leben eine nicht ganz unwesentliche Rolle. Bei mir führt er mich zu diesem Werk, in der Geschichte trifft die junge Gemma im eingeschneiten Sarajevo der 80er Jahre eines Abends auf Diego, diesen schmächtigen jungen Mann. In einer Kneipe feiern die Italiener den Olympiasieg im Rennrodeln, genau dort macht sie der gemeinsame Freund Gojko miteinander bekannt. Schon die ersten Momente des Treffens, die ich mit Gemma auflese, zeigen, wie intensiv diese Begegnung ist: „Wir verharren reglos wie zwei Insekten und spüren diesen gleichzeitigen Taktschlag der Dinge. Meine Wangen sind rot, da ist zu viel Rauch, sind zu viele Ellenbogen, zu viele Stimmen. Da ist gar nichts mehr. Nur noch der Fleck dieses Pullovers, der auf mich zukommt. Im Nu brennen meine Augen die Konturen dieses Körpers nieder. Mir ist, als spürte ich seine Seele, das ist alles.“

Jahre später wird Gemma in der Früh von einem Anruf aufgeschreckt. An der anderen Leitung ist Gojko, Gemmas alter Freund aus Sarajevo. Gojko ist für Gemma der Dichterfreund für den „das Leben wie eine lange Ballade“ ist. Sofort taucht vor Gemmas Augen das Bild von Gojko auf, seine Eigenart, „sich an die Nase zu fassen“, eigentlich unverständlich, wie sie es so lange ohne ihn ausgehalten hat. Das führt gleich zu einem Gedanken, einen sehr einprägsamen, der den Ton des Romans perfekt reflektiert: „Wie kommt es nur, dass wir im Leben auf die besten Menschen verzichten und uns anderen zuwenden, die uns nichts angehen, die uns nicht gut tun, die uns einfach über den Weg laufen, um uns mit ihren Lügen bestechen und uns daran gewöhnen, Angsthasen zu werden?“ Nachdenklich, gefühlvoll und bewegend.

Gojko lädt Gemma zu einer Ausstellung nach Sarajevo ein, dort sollen auch Diegos Fotografien gezeigt werden. Zunächst zögert sie und sagt, sie überlege sich das, aber Gojko in seiner forschen Art stößt sie liebevoll mit einem Zitat an. Nach weiteren Atemzügen spricht sie den Satz aus: „Gut, ich komme.“ Damit beginnt eine Reise in ihre Vergangenheit, das andere Leben vor dem, was sie jetzt lebt. Ein Leben voller Leidenschaft, großer Liebe, Träume, aber auch ein Leben mit Qual, Elend, Verzweiflung und dem Krieg. Margaret Mazzantini schlüpft vollkommen aus der Rolle einer Erzählerin und überlässt Gemma das Feld, gibt ihr den Stift und lässt sie aufschreiben. Über die große Liebe zu Diego, eine nicht enden wollende Liebe, die sie auch mitten hineinführt in die Hölle des Bosnienkrieges, später erst, aber es passiert im Laufe der Geschichte, wahrhaftig und brutal, dass ich stillschweigend mit den Erschütterungen zu kämpfen hatte. Sprache – so gut sie auch ist – kann eben nicht alles verdecken wie es eine friedliche Schneedecke vermag. Das zusammenfallende Sarajevo, Diego und Gemma sind bald nicht mehr voneinander zu trennen.

Als Leserin wechsle ich zwischen dem Hier, in dem Gemma mit ihrem Sohn Pietro im heutigen friedlichen Sarajevo unterwegs ist, und dem Damals, in dem sie alte Spuren aufliest, in dem Vergangenen immer wieder hängenbleibt. Anfangs halten sich die beiden Zeitebenen die Waage, doch später übernimmt die Vergangenheit das Ruder in der Hand und hindert Gemma am Entkommen.

Es fällt mir schwer, dieses Buch in ein Raster zu legen, es enthält einfach zu viele Schichten, die ich erst während des Lesens durchbrochen habe. Dachte ich anfangs an eine romantische Liebesgeschichte, traf ich in der Mitte des Buches auf das Schicksal einer Frau, die einen großen Wunsch in ihrem Herzen trug, für den sie bereit war, viel zu opfern. Plötzlich legte sich für kurze Zeit ein Schatten über die große Liebesgeschichte, nur Gemma zählte, stand vor mir und suchte die Hoffnung, an der sie sich festhalten konnte.

Eindrucksvoll ist dieses Stück Literatur. Von der ersten Seite begeistert mich die bildhafte, sensible Sprache. Margaret Mazzantini malt so unendlich viele schöne Bilder, von denen ich mich nicht lösen kann, zwischen den Worten bleibe ich sitzen und spüre den Durst auf der Zunge. Sie streut die Wörter ganz einfach dazwischen, pustet sie hinein und so fühlen sie sich nicht aufgedrückt an, sondern bleiben ein Teil ihrer Sprache. Mit nur wenigen Worten schafft die Autorin eine durchdringende Nähe, der ich nicht entkommen kann, sie ist weich wie meine liebste Kuscheldecke auf der Couch und unheimlich vertraut. Sie knipst etwas in mir an und überlässt mir die Entscheidung, wann ich gehen möchte, aber ich will bei ihr bleiben und ihr zuhören. Zwischen all der Melancholie, die aus den Sätzen sickert, schwebt eine Leichtigkeit, die das Schwere tragbar macht, irgendwie am Ende des Tages, wenn alle schlafen, sitze ich da und höre meinen eigenen Atem, der aus dem Buch aufsteigt.

Die Tür, die Margaret Mazzantini zu einem schrecklichen Feld öffnet, ist beklemmend. Sie führt ihre Leser mitten hinein in den Bosnienkrieg, beschreibt sehr authentisch die Qualen, die Gewalt und das Elend, wenn aus Menschen Tiere werden, Soldaten über wehrlose Frauen fallen oder Passanten einfach erschossen werden. Granaten explodieren, Bomben fallen. Die Angst kriecht aus jeder Seite empor, macht fassungslos, haut unerbittliche Peitschenschläge auf die Augen, es schmerzt gewaltig. Und in alldem sitze ich mit Gemma, halte ihre Hand, hoffe auf ein friedliches Ende. Bis dahin trinke ich jeden Satz und freue mich über den Zufall, der mir dieses beeindruckende Buch zugeworfen hat.

Margaret Mazzantini.
Das schönste Wort der Welt.
August 2011, 704 Seiten, 22,99 €.
DuMont Buchverlag.

Schatten der Vergangenheit.

Die Vergangenheit wiegt in „Engel des Vergessens“ einiges, so viel, dass ich manchmal kurz davor war, unter dem Gewicht zusammenzubrechen. Die diesjährige Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises Maja Haderlap hat in ihrem Roman die Geschichte der slowenischen Minderheit in Kärnten niedergeschrieben und ein Zeugnis abgelegt über das furchtbare Schicksal, das sich während des Zweiten Weltkrieges in dem Landstrich abgespielt hat. Mit ihrem Debüt tritt Maja Haderlap den Beweis an, wie bedeutend es ist, die Vergangenheit literarisch zu verarbeiten.

Die Geschichte beginnt zunächst sehr friedlich und hat sogar etwas Gemütliches in sich. Für kurze Zeit ist es warm und heimelig. Ich atme sofort die Düfte der Speisen ein, von der die Ich-Erzählerin berichtet. Sie beobachtet die Großmutter, wie sie das Essen zubereitet und spürt eine Magie: „Ihre Gerichte haben eine verborgene Kraft, sie können das Diesseits mit dem Jenseits verbinden, sichtbare und unsichtbare Wunden heilen, sie können krank machen.“ An der Stelle fühle ich schon jetzt einen kalten Schatten auf meiner Schulter, der Dunkles ahnen lässt.

Das Mädchen lebt mit der Familie in einem kargen Haus, in dem überall noch die Kälte des Krieges spürbar ist. Er hat sich in die rissigen Wände gesetzt und in den erschöpften Köpfen der Menschen. Einige kommen mit den Folgen des Zweiten Weltkrieges nicht zurecht und begehen Suizid. Nach und nach erzählt die Großmutter von den eigenen Kriegserlebnissen. Es fallen Wörter wie Dachau, Ravensbrück und Mauthausen. Das Mädchen blickt den Verbrechen der NS-Zeit ins Gesicht und stößt auf Furchtbares, bei dem ich oft stoppen muss, doch damit nicht genug. Der eigene Vater zerbricht unter den Folgeerscheinungen des Krieges, er war Partisane und hat wie viele andere auch zahlreiche schmerzhafte Verluste erleben müssen. So sind Verwandte und Nachbarn bei Kämpfen und in den Lagern ums Leben gekommen. Wie eine Ratte frisst ihn die Vergangenheit fast auf, dass sich eine nicht enden wollende Todessehnsucht in ihn festsetzt, vor der ihn seine Tochter beschützen will. Nach dem Selbstmord eines Freundes des Vaters wacht das Mädchen auf und wird sich der prekären Lage bewusst: „Jetzt wird es ernst, glaube ich zu begreifen, jetzt muss ich meinen Auftrag erfüllen, jetzt bin ich an der Reihe, Vater zu retten.“ Fortan beobachtet sie ihren Vater mit Adleraugen, wie ein Schutzengel fliegt die Tochter um den Vater, der sich in den Alkohol flüchtet und mit Gewaltausbrüchen seine Familie in Angst und Schrecken versetzt.

Im zweiten Teil des Romans folge ich einer jungen erwachsenen Frau, die in den Theaterwissenschaften einen sicheren Ort gefunden hat, „weil ich nach vielen Theaterbesuchen überzeugt bin, dass die Bühne für mich ein Raum werden könnte, wo ich allen Verzweiflungen und Verstrickungen gefahrlos begegnen würde. Die Katastrophen auf den Bühnen sind begrenzt, alle Protagonisten überleben, auch wenn sie noch so oft zu Tode gebracht werden.“ Bald schon fängt sie an, sich in die Sprache zu flüchten, schreibt Gedichte und verliert trotz allem nie die Verbindung zur Heimat und der Familie.

Das Werk spaltet sich für mich. Einerseits ist da die eine magische Sprache, in der man die Kraft der Lyrikerin spürt. Es tauchen unglaublich schöne Beschreibungen auf: „Im Kopf beginnen blank geputzte, zaghafte Wünsche zu kreisen. Sie duften nach Maiglöckchen und wirken, als seien sie gerade dem Schönheitsbad entstiegen. Sie tragen Prinzessinnenkleidung und mit Fell gefütterte Stöckelschuhe.“

Sätze wie diese gibt es etliche in dem Werk, die sich wärmend ins Gemüt legen und wie helle Funken in der dunklen Geschichte aufblitzen. Andererseits verändert sich an einigen Stellen die Form der Sprache und ich laufe den Sätzen angestrengt hinterher, verliere den Fluss und muss oft umkehren, damit ich den Faden wieder aufnehmen kann. Plötzlich stellt sich mir eine Blockade in den Weg, die ich nicht überschreiten kann.

Insgesamt bin ich jedoch tief beeindruckt von der Geschichte, die sich für mich nicht ganz entscheiden kann, was sie nun ist. Als Roman kann ich „Engel des Vergessens“ nicht stehen lassen, dafür birgt er zu viele biographische Ansätze in sich und enthält historische Aspekte, die leider nicht immer mit dem poetischen Grundton harmonieren. Es ist ein wichtiges Werk, das uns das Schicksal der slowenischen Minderheit in Kärnten vor Augen führt und zeigt, wie viel Macht die Sprache haben kann. Die Autorin schreibt es selbst: „Ich bin übervoll von Sprache, von den slowenischen Wortgebilden, die ich von mir abgebe ins Leere, weil ich nichts mit ihnen anzufangen weiß.“ Ich lese das Suchende heraus und weiß, sie wird die Antwort finden wie es ihr mit dem Schatten der Vergangenheit gelungen ist.

Maja Haderlap.
Engel des Vergessens.
Juli 2011, 250 Seiten, 18,90 €.
Wallstein Verlag.