Aleppo, mon amour.

Nach der Vorstellung des Buches »Suppen für Syrien« kommen wir jetzt zu einem weiteren, heldenhaften Unternehmen – dem unabhängigen Weidle Verlag. Das Verlegerpaar Barbara und Stefan Weidle hat mir bereits wunderschöne bibliophile Bücher und unvergessene Lesestunden beschert. Wenn ich ein Weidle-Buch in den Händen halte, weiß ich, warum ich meinen Blog betreibe. Mit einer weiteren Rarität läutete der Verlag für mich nun den Bücherfrühling 2017 ein. »Der Spaziergänger von Aleppo« von Niroz Malek ist kürzlich erschienen und hat bereits etliche Leser begeistert.

Es ist ein schmales, berührendes und gleichsam hoffnungsfrohes, stilles Buch, wenngleich es darin meist sehr laut, dunkel und schmerzvoll ist. Immer und überall ertönen Detonationen und Maschinengewehrsalven. Gebäude fallen zusammen, Menschen sterben, färben den Krankenhausboden mohnblumenrot. Doch in dem Buch steckt genauso ein Pflänzchen der Hoffnung, das seinen Hals tapfer hervorstreckt und mir ein leises Lächeln entlockt.

Einmal aufgeschlagen, kann ich das Werk nicht mehr aus der Hand legen. Es enthält 57 elegante und literarisch fein geschliffene Miniaturen aus dem Kriegsalltag, die Larissa Bender aus dem Arabischen übersetzt hat. Das Buch gibt’s bisher nur auf Französisch, nicht auf Arabisch, aber nun immerhin auf Deutsch. Und das ist eine wahre Bereicherung.

Der Schriftsteller Niroz Malek ist im Kriegsgebiet geblieben, während seine Familie Syrien längst verlassen hatte und auf Deutschland, Kanada und die USA verteilt wurde. Er konnte nicht weg aus Aleppo. Aus seiner Feder klingt das so: »Weil ich meine Seele nicht in einen noch so großen Koffer stopfen kann. Meine Seele ist all das, was du in meinem Zimmer siehst… Tausende Bücher. Hunderte Schallplatten, Zeichnungen, Gemälde und Photographien.« Berührende Zeilen, an denen ich lange hängenbleibe, bis ich meinen Blick durch das heimische Wohnzimmer schweifen lasse und verstehe. Niroz Malek schreibt seitdem gegen das Vergessen an. Er erzählt davon, was es bedeutet im Krieg zu leben, wo ständig der Strom ausfällt, er bei Kerzenschein schreibt, es permanent knallt und man nicht weiß, wo die Bomben und Granaten als nächstes explodieren werden.

Zwischen seine Beobachtungen mischen sich auch Briefe an die weit Entfernte sowie Erinnerungen an seine Kindheit, die oft in ihm nach oben steigen, wenn er Plätze besucht, die es heute so nicht mehr gibt, weil der Krieg Schneisen der Verwüstung hinterlassen hat. Traumsequenzen und Gedanken über Literatur und Kunst schweben wie leichte Federn in das zerstörerische Leben vor seinen Fenstern.

Die Angst ist allgegenwärtig und genau das hat mich zunächst vor dem Buch zurückweichen lassen. Doch ich konnte mich der Kunstfertigkeit des Autors einfach nicht entziehen. Obwohl viele Geschichten wie Stecknadeln in den Augen pieksen und ich erschrocken zusammenzucke. Die Miniaturen unterscheiden sich in der Länge, manche füllen noch nicht einmal eine Seite und haben trotzdem die Kraft einer langen Erzählung. Wie zum Beispiel in Wie das Leben. Dort bleibt der Krieg draußen, er atmet nur kurz auf, kaum hörbar, ein leichtes Zischen wie der Wind, der durch einen Türspalt hindurchweht. Ansonsten bleiben wir bei den Büchern, sitzen gedanklich auf Holzbänken, lauschen Thomas Mann, Hermann Hesse, José Saramago und Alejo Carpentier. Bücherfreunde unter sich.

Eindringlicher liest sich hingegen die Geschichte Mongoloid, in der mich der Schrecken des Krieges förmlich am Nacken packt, noch jetzt spüre ich den Abdruck. Ein mongoloide Junge läuft zu schnell, will am Checkpoint vorbei und wird von einem Vermummten festgehalten und brutal niedergeschlagen, nicht einmal die Worte des Spaziergängers, das imaginäre Ich des Erzählers, können den Vermummten aufhalten. Der greift schließlich sogar zur Waffe und drückt ab, als der Junge fliehen will. Ein Aufschrei! Aus dem Buch oder war ich das? Fassungslos blicke ich auf die Buchstaben, die vor mir verschwimmen.

Mitunter flackern in der hässlichen Kriegsszenerie durchaus helle Lichtpunkte, sternengleich glitzern sie zwischen den Seiten. Ich schaue zur Geschichte, als der Spaziergänger seinem Freund einen checkpointfreien Ort zeigen will. Doch egal, wohin er beide führt, tauchen sie immer wieder auf, die Stationen der Angst. Die Kaimauer am Fluss ist schließlich das ersehnte Ziel, das sie trotz aller Checkpoints erreichen. Dort klettern sie hinauf, unter ihnen erstreckt sich »ein grüner Teppich aus Gras und Gebüsch«, dann springen sie auf seinen Aufruf. »Und wir schwebten hoch oben, so frei und ungebunden wie die Figuren Chagalls in seinen blauen Himmeln

Niroz Malek verziert seine Miniaturen an vielen Stellen mit einem mystischen Glanz. So vermischt sich die Realität mit dem Schleier des Phantastischen. Das tiefe Schwarz verwischt, wirkt nicht mehr ganz so erdrückend. Die Toten kommen in seinen Berichten selten zur Ruhe, sie erscheinen oft im wirklichen Leben, wie der junge Mann, der im Kühlschrank des Krankenhauses liegt. Ihm ist es dort zu kalt, daher kommt er ins Café, kann sich aber nicht setzen und ist bald wieder verschwunden.

Verschwunden. Kurz denke ich über das Wort nach. In dem Buch geht es viel um das Verschwinden und noch mehr um den Verlust. Den Verlust von Freunden und Herzensmenschen. Den Verlust einer geliebten Stadt, die nur noch aus Ruinen besteht. Den Verlust von Ruhe und Frieden. Auch wenn ich die furchtbaren Bilder aus den Nachrichten kenne, war mir dieser Verlust, dieser pochende Schmerz nie derart nah wie bei Niroz Maleks eindringlichen Geschichten. Literatur hat auch die Funktion, einfach das zu zeigen, was ist.

Auf den letzten Seiten schließt noch ein berührendes und persönliches Nachwort des Autors an, dessen Wunsch ich hier Raum geben möchte: »Ich wünsche mir, daß jeder Syrer in seine Heimat zurückkehrt, in seine Stadt, sein Dorf, sein Haus. Daß die Syrer ihr Land wiederaufbauen. Daß sie Gräber ausheben, um ihre Toten angemessen zu bestatten, die Toten beider Seiten des Konflikts, und dass sie vor jedem Grab eine hochaufragende Zypresse pflanzen und diese mit einem Blumengrab umgeben. Und daß der Frieden Einzug hält

Niroz Malek: Der Spaziergänger von Aleppo. Aus dem Arabischen von Larissa Bender. Weidle Verlag, März 2017, 144 Seiten, 17,- €. Das eBook ist bei CulturBooks erschienen und kostet 11,99 €. Beide Ausgaben können direkt und portofrei bei Hugendubel.de bestellt werden.

Weitere Stimmen über das Buch:

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4 Gedanken zu “Aleppo, mon amour.

  1. Ich habe das Buch auch gerade beendet und kann deine Besprechung vollends unterschreiben. Immer wieder habe ich gedacht: Wie schön Aleppo vor dem Krieg gewesen sein muss. Aus vielen Geschichten las man zugleich eine Liebeserklärung an die Stadt und das Leben dort hinaus. Berührend und schön und eine viel intimere Sichtweise, als man sie aus allen Kriegsreportagen gewinnen kann.

    Gefällt 2 Personen

  2. „Es enthält 57 elegante und literarisch fein geschliffene Miniaturen aus dem Kriegsalltag“ – das ist eine ganz wundervolle Beschreibung des „Spaziergängers“, der ich voll und ganz zustimme.
    Viele Grüße, Claudia

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