Der Blick der Eule.

Vorsicht! Téa Obreht ist eine Verführerin. Die junge Autorin nimmt dich an die Hand und zieht dich mitten hinein in ihren Roman „Die Tigerfrau“. Du kannst ihr nicht entkommen, zu faszinierend ist die Geschichte, zu vibrierend der Ton. Noch kannst du hier aufhören, weiter zu lesen, noch steht dir alles frei. Doch wenn du den Worten folgst, kann ich für nichts garantieren.

Den Roman umgibt von Anfang etwas Mystisches, als wenn mir eine Eule mit ihren großen Augen ins Gesicht blicken würde. Dieser geheimnisvolle Schein verwundert nicht, denn die Autorin baut gerade auf einer zweiten Ebene nebulöse Erzählungen ein. Schnell begreife ich: Téa Obreht ist nicht nur eine Verführerin, sondern auch eine Meisterin des Fabulierens.

Die Autorin verknüpft in ihrem Debüt zwei Geschichten miteinander, die der Ich-Erzählerin, Natalia, und die ihres Großvaters. Mit einer Freundin ist die junge Ärztin auf dem Weg zu einem Waisenhaus, das dringend Impfstoff benötigt. Da erfährt sie von der Großmutter, dass ihr Großvater verstorben ist. Nicht zu Hause, sondern in der Ferne, in Zdrevkov. Eine Stadt, die keiner kennt und selbst seine engvertraute Enkelin, weiß nicht, was ihn dort hintrieb. Hatte er sie doch stets in so vieles eingeweiht, wie in seine Erkrankung.

Es sind vor allem die Erzählungen des Großvaters, die dem Roman eine Sogwirkung verleihen. Sie sind die Quintessenz, die goldenen Mitte, die schillernd hervorschimmert. Aus dem Mund der Ich-Erzählerin klingt das dann so: „Alles, was nötig ist, um meinen Großvater zu verstehen, liegt zwischen zwei Geschichten: die von der Tigerfrau und die von dem Mann, der nicht sterben konnte.“

Genau dorthin entführt mich die Ich-Erzählerin, indem sie die Lebenslinie ihres Großvaters entlangläuft, von der Kindheit bis zur Gegenwart. Ich folge dem Tiger, der in den Wirren des Kriegs 1941 aus der Zitadelle flieht, bis er schließlich etliche Kilometer von der Hauptstadt entfernt im Dorf des Großvaters ankommt. Als der Hirte ihn „während eines Schneesturms Ende Dezember auf dem Galina-Kamm oberhalb des Dorfes“ entdeckt, glauben ihn die anderen nicht, so sehr er auch mit den Armen rudert und vom Teufel spricht, der nach Galina gekommen ist. Der Großvater sieht im Teufel mit dem orangefarbenen Fell und Streifen Shir Khan, dem Tiger aus dem Dschungelbuch.

Alle fürchten sich vor dem wilden Tier, bis auf ein taubstummes Mädchen. Die Fremde, mit der Luka nach Galina zurückkehrte. Bald wird sie die Tigerfrau genannt, wobei es im Original The Tiger’s Wife lautet. Ein Titel, der treffender ist. Das Mädchen hat zum Tiger eine besondere Beziehung, sie ist es, die ihn in der Räucherkammer mit einem Stück Fleisch erwartet. Als der Großvater eines Abends von der Neugier angetrieben in der gleichen Kammer auf den Tiger trifft, versteckt er sich unter einer Plane und entkommt dem Tier. Das taubstumme Mädchen eilt zu ihm, befreit ihn von der Plane, als er bemerkt: „Ihre Hände, mit denen sie ihm über das Gesicht strich, rochen stark nach Tiger, nach Schnee, Kiefern und Blut“. Hier wie auch an anderen Passagen schiebt sich sanft eine Ahnung in das Bild, der Blick wandert zur Autorin, doch sie schweigt und lässt mir Raum, meine eigenen Vermutungen auszumalen.

Besonders nah tastet sich die Autorin an die Menschen heran, durchleuchtet ihre Wesen und erzählt lebensnahe bewegende Geschichten. Sie gräbt sich bis in die tiefsten Schichten und bleibt in alldem so menschlich, nicht verurteilend. Viel mehr möchte sie sagen: Alles hat seinen Ursprung. Schaut auch hinter die Fassaden eines Hauses, bevor ihr über den Schmutz schimpft. Während ich noch die Menschenschicksale und das gestreifte Fell des Tigers vor den Augen spüre, erscheint der Mann, der nicht sterben konnte. Er ist der Neffe des Todes und trifft in verschiedenen Situationen auf den Großvater. In den Dialogen der beiden tobt sich der Schalk richtig aus, der Ernst verdrückt sich in die Ecke, auch wenn es eigentlich wenig zu lachen gibt, geht es doch um den Tod. Anfangs sind die Stellen mit dem Mann, der nicht sterben konnte, schon leicht befremdlich, aber im Laufe der Zeit gehören sie genauso dazu wie der unbesiegbare Tiger, der wie eine Legende weiterlebt und sich durch die Geschichte fortbewegt.

Téa Obreht wurde 1985 in Belgrad geboren und lebt seit ihrem zwölften Lebensjahr in den USA. Mit ihrem Roman kehrt sie zurück in ihre Heimat. Sie hält sich bedeckt, hat die Orte mit anderen Namen versehen, aber Schauplatz ist das ehemalige Jugoslawien, das ahne ich schnell. Der Krieg ist allgegenwärtig, damals beim Großvater und Natalia erlebt ihn selbst. „Der Krieg begann leise, fast unmerklich, nachdem wir ein Jahrzehnt lang am Abgrund gelebt und darauf gewartet hatten, dass er anfing.“ Die junge Autorin hat ein eindrucksvolles Buch geschrieben und wurde zu Recht im vergangenen Jahr mit dem „Orange Prize for Fiction“ ausgezeichnet. Es glänzt nur so vor Leben und Menschen, ist reich an unzähligen Geschichten. Ich wollte nicht aufhören, zu lesen und habe mich verloren zwischen dem umher streifenden Tiger und dem Mann, der nicht sterben konnte. Dazwischen eine junge Frau, die sich auf die Spuren des Großvaters begibt und mich mitgenommen hat auf eine Reise, die ich nicht beenden wollte.

Téa Obreht.
Die Tigerfrau.
März 2012, 416 Seiten, 19,95 €.
Rowohlt Berlin Verlag.

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15 Gedanken zu “Der Blick der Eule.

  1. Liebe Klappentexterin,
    herzlichen Dank für diese schöne Rezension. Ich beneide dich für die Worte, die du für den Roman finden konntest.
    Die Sprache hat auch mich begeistert, die Geschichte ist dagegen in meinen Augen etwas abgefallen. Ich hätte mir ein bisschen mehr Stringenz und Zielführigkeit gewünscht. Diesen Zwiespalt habe ich auch versucht in meiner Rezension zum Ausdruck zu bringen, ohne dass ich glaube, das mir dies wirklich gelungen ist. Vielleicht tue ich dem Roman auch Unrecht oder habe ihn nicht ganz verstanden.
    Verunsicherte Grüße
    Mara

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    1. Liebe Mara,
      hab vielen Dank für dein Lob, das ich nur zurückgeben möchte. Ich konnte es kaum erwarten, deine Eindrücke mit meinen Augen aufzulesen und wurde wie immer bei dir belohnt. Weil meine Gedanken zu deiner Kritik hier und bei dir nicht wenige sind, habe ich sie zu dir getragen.

      Herzliche Grüße
      Klappentexterin

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  2. Liebe Klappentexterin,
    dieses Buch habe ich für mich dank des Orange Prize, den du ja auch erwähnst, entdeckt, seither steht er auf meiner Wunschliste und wartet geduldig (kann ein Buch ungeduldig warten?) darauf, gekauft und dann natürlich auch gelesen zu werden. Nun weiß ich, dass es ganz und gar richtig war, es auf die Liste zu setzen – ach, was sag ich: dass es ganz dringend seinen Weg in meine Hände finden muss, denn ich weiß, es würde mich be- und verzaubern! Vor allem dieses Magische – sowohl auf inhaltlicher als auch auf sprachlicher Ebene – zieht mich, nun ja, magisch an 😉
    Ich glaube, beim nächste Bücherrauschkauf ist es mit dabei.
    Herzlichen Dank wie immer für die schönen, anregenden Worte und liebe Grüße,
    caterina

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    1. Liebe caterina,
      ich freue mich über deine Zeilen und darüber, dass du dich auch von dem Buch verzaubern lassen möchtest. Vielen lieben Dank! Mara hat in der Zwischenzeit auch ihren Eindruck zu „Die Tigerfrau“ in einer schönen Rezension beschrieben. Nun hast du also zwei Sichtweisen. Eins vereint uns beide, also Mara und mich: Dieses Buch hinterlässt eindrucksvolle Spuren. Ich bin gespannt, wie es dir mit der geheimnisvollen Lektüre gehen wird.

      Liebe Grüße
      Klappentexterin

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      1. Liebe Klappentexterin,

        vielen Dank für die Rezension, auf die ich ja sehr gespannt war (und die ich nicht erst jetzt gelesen habe). Bei mara habe ich auch ein paar (allgemein gehaltene) Zeilen hinterlassen. Ich bin auf das Buch über eine Liste der New York Times gekommen, in der es zu den 10 besten des vergangenen Jahres gezählt wird.
        In naher Zukunft werde ich es wahrscheinlich nicht lesen, da zu viele andere Bücher ungeduldig warten, verspeist zu werden (und das liebe
        Geld…), allerdings komme ich immer wieder auf Bücher meiner
        Vorgemerkt-Liste zurück.

        Viele Grüße!

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      2. Vielen Dank für deinen Kommentar und den Link zu einer interessanten Seite. Dort habe ich doch tatsächlich „Swamplandia“ entdeckt. Ha, das habe ich noch in meinem Regal zu stehen. Na, wie bereits an anderer Stelle schon mal geschrieben, können manche Bücher auch warten, denn weglaufen können sie uns nicht. Freuen darfst du dich in jedem Fall schon mal auf dieses Werk!

        Viele Grüße
        Klappentexterin

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  3. Liebe Klappentexterin,
    was tue ich nur mit diesem Roman? Du verführst mich wie all die anderen Rezensenten dazu, ihn zu lesen, aber ich scheue davor zurück, weil er einfach überall ist und ich diesem aufdringlichen Gelb nicht entkommen kann 😉 Vielleicht ziere ich mich mal wieder ein wenig. Aber scheinbar ist der jungen Tea ein Buch gelungen, das einfach alle, alle wunderbar finden … was bestimmt heißt, dass es das auch ist.

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    1. Liebe Mariki,
      soll ich dir was verraten? Als ich das Buch gelesen habe, musste ich auch an dich denken. Weil ich mir dachte: „Die Tigerfrau“ könnte Mariki gefallen. Einfach so war der Gedanke da. Das Gelb ist leider sehr gewöhnungsbedürftig, aber schau mal zu den englischen Büchern. Ich glaube, dort habe ich auch ein Nichtgelbes gesehen.

      Herzlichst,
      Klappentexterin

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  4. Ich habe gerade mit der Lektüre dieses Buches begonnen und musste an dich denken – das wollte ich nur mal sagen! 🙂 Das Buch begegnete mir und ich wusste gleich: das hast du doch bei der Klappentexterin schon gesehen! Und das war gut so, denn hinter diesem gelben Cover und dem Titel hätte ich etwas gänzlich anderes erwartet. Nun bin ich gespannt, ob ich diesen Sog, von dem du sprichst, auch empfinden werde.

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    1. Oh wie schön, da freue ich mich sehr, liebe Ailis und danke für deine Wortmeldung, die mich sehr, sehr neugierig macht! Ich bin gespannt, was das Buch mit dir anstellt und ob es dich auch so sehr hineinzieht, dass du nicht mehr raus möchtest. Ich wünsche dir wundervolle Lesestunden!

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