Nur für Erwachsene.

Hesse Burkhard Neie_SV
Bild: © Burkhard Neie/Suhrkamp Verlag

»Hesse! Unlesbar, wenn man kein Jugendlicher mehr ist.« Ich höre ihn noch, den berühmten Literaturpapst, wie er dieses Urteil in seiner ihm eigenen Urteilsverkündungsprosa ausrief. Ebenso gut erinnere ich mich, wie ich von einem befreundeten Büchersammler durch seine gesamte, mit tausenden von Werken sogenannter bedeutender Autoren bis unter die Decke zugesammelten Wohnung verfolgt wurde und er genauso vehement wie der Bücherpapst vorwurfsvoll predigte: »Hesse? Hast du als Erwachsener etwa noch Hesse gelesen?«
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Das Leuchten der ersten Liebe.

»Siebzehnter Sommer« kann ohne Zweifel als Klassiker bezeichnet werden, ist es doch bereits 1942 erschienen. Ein durch und durch großartiges Buch – und das aus der Feder einer 17jährigen Autorin! Der Text liest sich immer noch so herrlich frisch und modern, als wäre er erst gestern geschrieben worden. Dieses kleine literarische Wunder habe ich einer äußerst engagierten Buchhändlerin zu verdanken: Anna Jeller hat ihr ganz persönliches Lieblingsbuch in ihrem eigenen Verlag Edition Anna Jeller neu übersetzen lassen und herausgebracht. Und so etwas Feines blieb der Klappentexterin natürlich nicht lange verborgen, schon gar nicht in meiner Funktion als Buchhändlern. Buchhändler haben ja feine Spürnasen und sind stets auf der Suche nach besonderen Entdeckungen. Haben wir erstmal einen Liebling unter den zahlreichen Büchern erspäht, wird daraus schnell eine mitreißende Welle. So erging es »Siebzehnter Sommer«, das jetzt als Taschenbuch erschienen ist. Weiterlesen

Der ganze Thomas Bernhard. Und sein Hab und Gut dazu.

Bernhard, GAB02
© Suhrkamp Verlag

Am 12. Februar 1989 ist Thomas Bernhard gestorben. Dieser sprachgewaltige Weltankläger hat also vieles nicht mehr miterlebt. Den Fall der Mauer, das Ende der Sowjetunion, den Zerfall Jugoslawiens, wo er mehrfach hinreiste, ganz zu schweigen vom Internet und Menschen, die sich eine Berufsbezeichnung geben, die irgendwie nach dem lateinischen Wort für Grippe klingt. Hochansteckende Hysterie als Reaktion auf seine Literatur war ihm trotzdem nicht fremd. Seine Anklage gegen eine gedankenlose und gleichgültige Welt entlud sich nicht selten in legendären, kunstvollen Beschimpfungen. Kein Fremdenverkehrsverband hätte mehr für Augsburgs Berühmtheit tun können, als Bernhard mit seiner Lechkloake. Und erst das Burgenland! Eine Strafanstalt, fad und häßlich. Aber das mit der Kunst verstanden viele nicht, folgerichtig kam es zu ebenso legendären Reaktionen von Reaktionären, die zumeist unsouverän bis offen feindselig ausfielen. Bestes Beispiel: Die Hasstiraden auf sein letztes Theaterstück Heldenplatz.
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Starke Stimmen der Hoffnung.

Bisher symbolisierten die 50er und 60er Jahre für mich vor allem eins: ein unglaubliches Stilvermögen. Ganz oben thront Audrey Hepburn, die mich schon als junges Mädchen mit ihrer Rolle als Holly Golightly in Frühstück bei Tiffany für immer geprägt hat. Einerseits durch ihre entzückende Ausstrahlung, andererseits durch die umwerfende Kleidung. Diese schlichte Eleganz – unaufdringlich und überwältigend zugleich. Oder nehmen wir die Automobile aus diesen Dekaden; Herr Klappentexter machte mich mit der atemberaubend schönen Welt der Oldtimer bekannt, zum Beispiel einem Auto, das Göttin genannt wird. Umwerfend und unerreicht ist dieser Citroën DS. Neben all der Raffinesse und Augenfreude steht diese Epoche jedoch auch für eine der wichtigsten politischen Bewegungen auf der ganzen Welt. Auch in den Vereinigten Staaten tat sich in diesen Jahren viel: Die Bürgerrechtsbewegung Civil Rights Moments erreichte ihren Höhepunkt, und die unglaublichen Demütigungen der Rassentrennung begannen endlich zu bröckeln. Aus dem Kampf für die Bürgerrechte der Afroamerikaner und gegen die Rassentrennung sind einzigartige literarische Stimmen hervorgegangen, denen ich mich heute widmen möchte. So wurde die angloamerikanische Literatur für mich zu der Entdeckung des vergangenen Jahres. Weiterlesen

Schenkt Liebe, schenkt Bücher.

Vor zweitausend Jahren haben böse Kapitalisten ein rauschhaftes Jahresendzeitfest erfunden, eine verrückte Zeit des Konsums. Glücklicherweise kamen in den letzten Jahren besinnliche, spirituell angehauchte Menschen auf die Idee, dass es doch eigentlich ein Fest der Liebe sein soll. Der Liebe zu anderen Menschen und der Freude, sie zu diesem Anlass reichlich zu beschenken. Zum Beispiel mit Büchern und der Lust auf unglaubliche, phantasievolle und berührende Geschichten. Als Buchhändlerin kann ich das nur vorbehaltlos unterstützen.

Und so möchte auch Familie Klappentexterin die Gunst der Stunde nutzen, um euch in unserem Weihnachtsspezial ganz besondere Bücher zu empfehlen. Bücher, die selten auf dem Bestsellertisch liegen und doch Aufmerksamkeit verdient haben. Ich beginne heute, Herr Klappentexter folgt mir am Montagabend. Weiterlesen

Bukowski übers Schreiben, das Leben und den Tod.

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Es gibt Neues von Charles Bukowski, genauer: neues Altes. Der Mann war ein eifriger Briefeschreiber, und nun sind eine ganze Reihe seiner Briefe in dem Band Über das Schreiben bei Kiwi erschienen. Aber wir können uns entspannen, denn hier wird keine geschäftstüchtige Bukowski-Folklore betrieben, diese Briefe waren noch nicht in dem ebenfalls lesenswerten Werk Schreie vom Balkon enthalten und bieten selbst demjenigen, der schon alles von Buk gelesen hat, noch neue Einblicke. Er spricht – wie der Titel des Buches schon sagt – übers Schreiben. Und sagt dazu viele kluge und wahre Dinge.
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Truman Capote. Immer und immer wieder.

Truman Capote ist einer meiner großen literarischen Helden und hat mein Stilbewusstsein im doppelten Sinne wachgeküsst. Als ich »Frühstück bei Tiffany« mit der bezaubernden Audrey Hepburn sah, war’s das erste Mal um mich geschehen. Mit zarten vierzehn Jahren wusste ich noch nicht, dass es sich um eine Literaturverfilmung handelt. Und ich den Autor Truman Capote erst einige Jahre später entdecken würde. Ich saß einfach nur mit glänzenden Augen vorm Fernseher und war beschwipst von all dem Schönen und dem Stil, besonders von der bezaubernden Audrey. Kurz spürte ich ein Ziehen in meiner Herzgegend und hatte zum ersten Mal das Gefühl, in einer falschen Zeit geboren zu sein. Ich wollte in den Film hineinkriechen und die gleiche Kleidung wie Holly Golightly tragen. Die unglaublich schöne schlichte Eleganz! Und die frechen, charmanten Dialoge. Gleichzeitig war da die leichte Melancholie, die wie ein Lufthauch katzengleich um die Ecke schleicht. Das Zusammenspiel war unglaublich faszinierend, und die kleine Klappentexterin glücklich. Kein Wunder, dass ich den Film bis heute unzählige Male gesehen habe. Weiterlesen

Schöne Bücher. Zur schönsten Jahreszeit.

Die Großstadt fühlt sich dieser Tage viel leichter an. Die Straßen sind leerer und die Menschen weniger gestresst. Dies sind alles Indizien dafür, dass etwas anders ist. Klar, die Urlaubszeit ist da. Einen Großteil der Menschen hat sie bereits mitgenommen, während die anderen hier noch ausharren und warten, bis sie an der Reihe sind. Mein Urlaub ist noch in weiter Ferne, aber das Fernweh hat sich trotzdem schon zu mir gesellt. Nur kann ich nicht zaubern, doch meine Bücher können es, indem sie mich in ferne Welten und Zeiten tragen. So ist eine kleine Sammlung an Büchern entstanden, die den Sommer atmen und mir das ganz besondere Gefühl schenken. Vielleicht stecken sie euch ebenso an. Oder habt ihr selbst welche, von denen ihr mir berichten möchtet? Immer her damit! Eine literarische Urlaubshungrige dankt und wünscht euch weiterhin einen schönen Sommer. Weiterlesen

Ein Abschied. Ein Geburtstag. Ein Prozess.

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Herr K. ist Autor und lebt in einer großen Stadt. Gelegentlich schreibt er für den Literaturblog seiner Frau. Eines Morgens klingelt es an der Tür. Zwei Herren in langen, grauen Mänteln bitten ihn, mitzukommen. Jemand muss ihn verleumdet haben. Gelächter im Hausflur. Man führt ihn ab, steckt ihn in eine schwarze Limousine der Marke Wolga und bringt ihn in ein unbekanntes Gebäude. »Was wollen Sie von mir?« fragt Herr K. »Wir sind nicht befugt, Ihnen das zu sagen.« K. ist verzweifelt und möchte seine Frau anrufen. Oder einen Anwalt. Alles unmöglich. »Sie führen sich auf wie ein kindischer Autor.« Man schleppt ihn in den Keller. Eine Zelle, finster. K. fällt in einen fiebrigen Schlaf. Als er wieder aufwacht, fühlt er sich schwer und ziemlich rechteckig, zerfallen in viele Seiten. Er versucht sich aufzurichten, in einen kleinen, nahezu blinden Spiegel zu schauen. »Was ist mit mir geschehen?« Kein Traum, nun erkennt er im Spiegel, dass er zu einem Buch geworden ist.
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Mögen wir die Morgenröte noch sehen.

XVerleih_VDM_011 © X Verleih Stefan Zweig (Josef Hader) in New York.JPG
© X Verleih Stefan Zweig (Josef Hader): Vor der Morgenröte

Kriegsgeschrei, Kriegstreiben und Kriegführen, nur unterbrochen von kurzen, trügerischen Momenten des Atmens im abziehenden Rauch. Zwischendrin steht Stefan Zweig und weiß nicht, wie ihm geschieht. Der Kopf leicht geneigt, der Blick melancholisch. Der bescheidene, besonnene Mann wird überrollt von den Ereignissen einer Welt, deren gewalttätiges Treiben er nicht mehr versteht. Nicht, nachdem er die Welt selbst erklärt, ihre Sternstunden moderiert hat. Die leuchtenden wie die finsteren. Aus der Lust an der Unsterblichkeit wurde die Welt entdeckt, neue Horizonte taten sich auf für die Menschheit. Kleine, eigentliche unbedeutende Zwischenfälle entscheiden über den Untergang eines Reiches, der Wankelmut eines Untergebenen wird zum sprichwörtlichen Waterloo eines Herrschers. Eine einzige Nacht macht aus einem mittelmäßigen Dichter den Schöpfer eines weltbekannten Liedes. Große Künstler werden im Angesicht von Krankheit und Tod zu Sterblichen, ihre Kunst jedoch bleibt unsterblich. Welthistorische Stunden werden wieder lebendig. Der große Denker und Dialektiker Cicero will der Brutalität der Politik entfliehen, nur, es gelingt ihm nicht. Der geistige Mensch wird Opfer seiner eigenen Bestrebungen, das Volk zu befreien. Er vergisst die Mächtigen, denen nur ihre Macht wichtig ist. Man trennt ihm den Kopf ab und stellt diesen grausam zur Schau. Ciceros Gedanken überleben das unwürdige Schauspiel um tausende von Jahren, und die Werke von Stefan Zweig strahlen heute ebenso wie vor achtzig Jahren.
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