Mögen wir die Morgenröte noch sehen.

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© X Verleih Stefan Zweig (Josef Hader): Vor der Morgenröte

Kriegsgeschrei, Kriegstreiben und Kriegführen, nur unterbrochen von kurzen, trügerischen Momenten des Atmens im abziehenden Rauch. Zwischendrin steht Stefan Zweig und weiß nicht, wie ihm geschieht. Der Kopf leicht geneigt, der Blick melancholisch. Der bescheidene, besonnene Mann wird überrollt von den Ereignissen einer Welt, deren gewalttätiges Treiben er nicht mehr versteht. Nicht, nachdem er die Welt selbst erklärt, ihre Sternstunden moderiert hat. Die leuchtenden wie die finsteren. Aus der Lust an der Unsterblichkeit wurde die Welt entdeckt, neue Horizonte taten sich auf für die Menschheit. Kleine, eigentliche unbedeutende Zwischenfälle entscheiden über den Untergang eines Reiches, der Wankelmut eines Untergebenen wird zum sprichwörtlichen Waterloo eines Herrschers. Eine einzige Nacht macht aus einem mittelmäßigen Dichter den Schöpfer eines weltbekannten Liedes. Große Künstler werden im Angesicht von Krankheit und Tod zu Sterblichen, ihre Kunst jedoch bleibt unsterblich. Welthistorische Stunden werden wieder lebendig. Der große Denker und Dialektiker Cicero will der Brutalität der Politik entfliehen, nur, es gelingt ihm nicht. Der geistige Mensch wird Opfer seiner eigenen Bestrebungen, das Volk zu befreien. Er vergisst die Mächtigen, denen nur ihre Macht wichtig ist. Man trennt ihm den Kopf ab und stellt diesen grausam zur Schau. Ciceros Gedanken überleben das unwürdige Schauspiel um tausende von Jahren, und die Werke von Stefan Zweig strahlen heute ebenso wie vor achtzig Jahren.
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Machen mehr als glücklich: Maeve Brennans Erzählungen.

Kann man sich in eine Autorin verlieben? Die Frage holte mich wiederholt ein, als ich mir mit Herrn Klappentexter Das literarische Quartett anschaute. Exakt den gleichen Gedanken hatte ich bereits vor zwei Jahren, als ich Maeve Brennan erstmals las. Thea Dorn sagte, dass sie in die Autorin verliebt sei, und Volker Weidermann schien kurz etwas irritiert. Er sei ganz angetan von der Autorin, gewiss, aber verliebt, nein. Ulrich Matthes indes schritt ein und hielt eine derart begeisternde Rede über die Autorin, dass ich Tränen in den Augen hatte. Und ob man sich in eine Autorin verlieben kann! Ich saß mit hochrotem Kopf auf der Couch, neben mir glühte die Schmuckausgabe »Sämtliche Erzählungen« von Maeve Brennan, die kürzlich bei Steidl erschienen ist. Die Gesamtausgabe ist kein Massenprodukt, sondern ein ganz besonderes Geschenk an alle Leser, die sich in die Autorin verliebt haben und es noch werden. Obendrein ist sie wieder ein Beweis für den Mut der unabhängigen Verlage, die sich solche Projekte trauen und uns damit beglücken. Weiterlesen

Dorothy Parker: Lauter Liebeserklärungen.

Seit einigen Wochen trudeln die neuen Bücher der Herbstsaison im Hause der Klappentexterin ein. Herr Klappentexter schlägt die Hände über den Kopf zusammen und fragt: Wohin nur mit all den Büchern? Und ich? Freue mich wahnsinnig, schaue sie jedoch nur kurz an und stelle sie dann seufzend ins Regal. Zugegeben, die Neugier ist groß und es fällt mir nicht leicht, sie erst einmal zu ignorieren. Doch die Neugier auf eine bestimmte Autorin ist mindestens genauso groß: Dorothy Parker. Am 7. Juni jährt sich ihr Todestag zum 50. Mal. Bis vor wenigen Wochen hatte ich noch gar nichts von der New Yorker Autorin gelesen. Was eigentlich gar nicht sein konnte. Nun schreibt hier ein frisch gebackener Fan dieser wunderbaren Autorin, die nie, nie in Vergessenheit geraten darf. Weiterlesen

Reiches Land. Reiche Tage.

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Die Dame vor uns am Schalter der Bank möchte 5.000,- € in Schweizer Franken wechseln. Ungläubig schauen wir auf unsere wenigen Scheine, die zusammen nur achtzig Euro ergeben. Willkommen in der Schweiz! Wobei der Flughafen Zürich für uns nur Durchgangsstation auf dem Weg nach Solothurn ist. Solothurn? Natürlich hat man den Namen schon einmal gehört, wäre jetzt aber nicht zwingend darauf gekommen, dorthin zu reisen. Dabei findet in der Stadt das wichtigste Literaturfestival der Schweiz statt, und dies bereits zum 39. Mal. Große Namen fanden den Weg an den Jurasüdfuss, darunter Günter Grass, Herta Müller und Claude Simon. Allesamt Nobelpreisträger. So können wir von einer veritablen Bildungslücke bei Familie Klappentexterin sprechen. Gut, füllen wir sie auf: Willkommen zu den Solothurner Literaturtagen!
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Ein Meister und sein Werk.

soseki_kokoroWenn es um Einsamkeit, Schuld und den Konflikt zwischen traditionellen Werten und der Moderne geht, kann man oft von einem typisch japanischen Buch sprechen. Wenn das Werk obendrein in seiner bildreichen Sprache an einen ruhigen Fluss erinnert, seufzt man als Freundin japanischer Literatur glücklich auf. Doch der Schein trügt manchmal, denn zwischen den scheinbar stillen und friedlichen Buchdeckeln brodelt es mitunter gewaltig. Hier liegen oft gewaltige Konflikte verborgen. All diese Elemente vereint »Kokoro« von Natsume Soseki. Das Meisterwerk ist im vergangenen Jahr in einer überarbeiteten Übersetzung in der Manesse Bibliothek der Weltliteratur erschienen, deren Bücher stets ein haptischer Traum sind.

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Ein Fest für Bücher.

IMG_6421Heute ist der Welttag des Buches. Mittlerweile gibt es ja für alles Mögliche Welttage. So wurde im Januar tatsächlich der Jogginghose gedacht. Aber bleiben wir beim Buch. Bücher sind wichtig. Besonders, wenn sie uns etwas zu sagen haben. Wenn uns die Lektüre eines Buches bereichert, berührt und bestenfalls neue Türen öffnet, durch die unser Geist gehen kann. Erfrischt, gefordert und staunend. Nie sollte ein Buch uns langweilen. Das ist eine Todsünde. Unterhaltung ist selbstverständlich erlaubt, das Niveau bestimmt der Leser selbst. Niemand zwingt uns, schlechte Bücher zu lesen. Oder böse Bücher, die mit der Feder der Agitation, des Hasses oder des Zynismus geschrieben sind. Das sind Bücher, die hässlich machen. Ansonsten macht Lesen tatsächlich schön. Von innen, der Rest ist bekanntlich Hülle.

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Mädchen ohne Heimat.

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Manche Autoren sind wie Lieblingsspeisen, von denen man nie genug bekommen kann. So war ich kolossal begeistert, als mich eine Neuauflage von Irmgard Keuns Roman »Kind aller Länder« anstrahlte. Ich spüre eine innige Verbundenheit mit der Autorin – ihre Sprache, der ganze Sound und der Zauber ihrer Geschichten begeistern mich immer wieder. Da wollte ich natürlich sofort in das erstmalig 1938 erschienene Werk eintauchen.

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Von und über große Mädchen.

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Zufälle können wunderbar sein, voller Zauberei und Glückseligkeit. Vor allem, wenn sie so bezaubernd wie diese Begebenheit daher kommen: Während mir mein Liebster die Tage aus einem Buch von Irmgard Keun vorliest, entzückt mich gleichzeitig Ruth Landshoff-Yorck, deren Todestag sich am heutigen 19. Januar zum fünfzigsten Mal jährt. Zu diesem Anlass hat der Berliner Aviva Verlag »Das Mädchen mit wenig PS« herausgebracht, das ich heute vorstellen möchte. Und euch so gleichsam an der Keun-Landshoff-Yorck-Zauberei teilhaben lasse.

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Ein kleines, großes Wunder. Jetzt wiederentdeckt.

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»Cocktails« von Pamela Moore ist prickelnd wie ein Glas Spritz und verströmt gleichsam den Duft von dunkler Schokolade. Es perlt einerseits herrlich lebensfroh und lässt andererseits aus Eiswürfeln den Nebel der Melancholie aufsteigen. Ein wunderbar berauschendes Werk liegt hinter mir und ich bin sehr froh, dass der Roman neu aufgelegt wurde. Und er darf nie mehr verschwinden – dafür ist er einfach zu brillant.

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Zisch, dampf, sprüh – der Sound einer Großwäscherei.

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Kann ein Buch Funken versprühen? Aber natürlich – hier kommt der Beweis! »Die Großwäscherei« von Andor Endre Gelléri hat mich aus dem Lesesessel gehoben und wie eine Uhr aufgezogen. Ganz aufgedreht war ich während der Lektüre, weil der ungarische – leider viel zu früh verstorbene – Autor ein begnadeter Wortakrobat ist. Und mich mit beinah jeder seiner poetischen und bildreichen Zeilen entzückt hat. Ich vernasche ja zu gern schön geschriebene Bücher und fühlte mich hier einer nektarliebenden Biene sehr ähnlich.

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