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Das Herz ist eine Black Box.

Ich habe acht Monate lang darauf gewartet und jetzt ist es endlich da: Mein persönliches Lesehighlight 2012! Es ist nicht so, dass ich vorher nicht schon wunderbare Bücher gelesen hätte, aber mir fehlte genau dieses eine, das mich vollkommen begeistert und aus dem Lesesessel in den Himmel trägt. Das kein Wenn und Aber kennt, sondern vollkommen ist. Gerade steige ich aus dem neuen Roman „Die Logik des Herzens“ von Priya Basil und muss mich festhalten. Ja, das ist es! Die Sätze hängen noch in meinen Augen, kleine Blütenblätter, die nicht wegfliegen wollen und mein ganzer Körper erinnert mich an eine Sturmflut. Ich zittere, bin zutiefst aufgewühlt und glücklich. Draußen klopfen Regentropfen ans Fenster. Ich atme auf und lächele. Selten habe ich Regen so genossen wie jetzt.

Wenn ich ganz ehrlich sein soll, habe ich schon vor dem ersten Satz gewusst, dass „Die Logik des Herzens“ ein besonderes Werk ist, das die Chance hat, für mich eines der besten in diesem Jahr zu werden. Das wunderschöne Cover berührte meine Sinne und lockte mich. Ich war eine Biene, die den Blütennektar entdeckt hatte und den süßen Saft gierig aufsaugte. Das gelb-grüne Licht strahlte sanft über den Kopf einer Frau, deren Schwermut ich in der Brust spürte. Auch der Klappentext versprach Großes und so öffnete ich neugierig das Buch.

Am Anfang warte ich mit Anil zusammen. In einem Londoner Café hat sich der Kenianer mit Lina verabredet. Sie ist jemand, der ihm viel bedeutet, das erkenne ich nach den ersten Sätzen: „Wie oft hat er gewartet, keine Ahnung gehabt, wann sie erscheinen würde, und sich ausgemalt, was alles dazwischengekommen sein könnte.“ Es ist einige Jahre her, dass sie sich gesehen haben. Später erfahre ich, dass das Warten ein tragendes Element in der Beziehung sein sollte.
Anil kehrt in dem Café zurück in jene Zeit, als die Liebe begann. Vor mir entfaltet sich eine Liebesgeschichte, die unvergesslich bleibt und einen Fußabdruck hinterlässt wie alles, was mit unseren Herzen in Berührung kommt. Die Autorin beschreibt es an einer Stelle so: „Doch noch in den schlimmsten Momenten gibt es einen Trost: dass nämlich auch du nie vergessen kannst. Denn das Herz ist eine Black Box.“

Lina. Anil. Zwei Namen, die sich spiegeln und eins sind, zwei Menschen, die sich magisch anziehen und verschmelzen wollen. Es wäre so schön, wenn da nicht die Hindernisse wären, die sich wie Feinde dazwischen stellen. Das größte ist Linas Religion. Sie ist Moslemin und stammt aus bescheidenen Familienverhältnissen. Die Eltern kommen aus Indien, vor allem Linas Eltern sind sehr streng gläubig. Ihr Vater betet jeden Tag fünfmal, zu Hause gibt es nur Fleisch, das halal ist und Verabredungen mit nichtgläubigen Jungs sind eine Schande. Anils Eltern hingegen sind vermögend und leben in Nairobi ein ganz anderes Leben. Anils Mutter veranstaltet regelmäßig Soirées, bei denen sie Leute aus dem öffentlichen Leben einlädt, der Vater hat sich als erfolgreicher Unternehmer einen Namen gemacht.

Anil studiert in London Architektur und trifft dort eines Tages bei einem Konzert auf Lina. Was für ein kosmischer Moment. Anil ist sofort von Lina verzaubert: „Er glaubte den Kopf vor dieser Fremden neigen zu müssen. Ihre Gliedmaßen waren so schön, dass er am liebsten gebetet hätte, dabei hatte er es nie zuvor getan.“ Aber Lina ist nicht perfekt, sie hat eine kleine Narbe an ihrer Oberlippe. Trotzdem und wohl gerade deshalb brennt sich dieser fremde Mensch, diese unbekannte Schöne, direkt in Anils Herz: „Sie ist es, dachte er.“ Lina ist anders als die anderen Mädchen. Sie muss ihre Beziehung geheim halten und lässt Zärtlichkeiten nur bis zu einem gewissen Punkt zu, denn mit einem Mann schlafen wird sie erst, wenn sie verheiratet ist. So sieht es die Religion vor. Doch was soll man machen, wenn die Leidenschaft größer ist als alle Gesetze dieser Welt? Anil könnte es einfacher haben und kriegt es von seinem besten Freund Merc immer wieder aufs Butterbrot geschmiert, aber er lässt nicht los, Lina ist seine große Liebe, komme, was da wolle. So dreht sich das Rad der Zeit und zieht die Liebenden immer tiefer in ihre eigene Geschichte, die zunehmend gegen Widrigkeiten kämpfen muss und im Feld reibender Konflikte steht.

Dieser Roman erzählt aber nicht nur die Liebesgeschichte zwischen Anil und Lina. Er geht viel weiter, bewegt sich aus dem Liebesnetz der beiden hinaus. Priya Basil thematisiert in ihrem Roman genauso die kritische Lage im Sudan und den Waffenhandel in Afrika. Lina arbeitet nach ihrem Jura Abschluss für die Vereinten Nationen in einem Lager im Sudan. Dort ist sie für die Unterbringung der Flüchtlinge verantwortlich und erfährt bald vom Waffenhandel. Diese Seiten im sandigen heißen und zerrütteten Land haben einen ganz eigenen Ton. Sie führen das Elend und den Konflikt vor Augen, erzählen von der Bedeutung der Waffen, die sie für die Menschen dort haben. Lina selbst bekommt es eines Tages am eigenen Leib zu spüren. Ein Satz brennt sich in diesem Zusammenhang besonders ein, ein Satz, der erschreckt und Lina verstört: „Ja, und wer keine Waffen hat, wird schließlich sterben.“ Er stammt aus dem Mund eines Vaters, dessen Sohn wegen Waffenbesitz verhaftet worden ist. Waffenbesitz ist in den Lagern der Vereinten Nationen streng verboten. Nur kurze Zeit später gibt es draußen einen Schusswechsel: Die bewaffnete Miliz aus der Region Darfur, genannt Dschandschwawid, schießt um sich und ruft: „Ihr da! Schwarze Frauen, wir werden euch ausrotten, ihr habt keinen Gott! Wir sind euer Gott! Eurer Gott ist Omar al-Baschir!“ In diesen Sekunden bleibt die Uhr stehen und der Atem stockt, nicht nur Linas, auch meiner.

Die Autorin gibt den Eltern der Liebenden ebenfalls genügend Raum, ihre Geschichte zu erzählen. Einfühlsam durchleuchtet Priya Basil die Gedanken und Gefühle der Eltern. Das Leben von Linas Vater zoomt sich dabei besonders nah heran, durch seine eigene Lebensgeschichte, die sich mir erst im Verlauf der Geschichte offenbart. Zum ersten Mal blicke ich in die Köpfe gläubiger Moslems, versuche zu verstehen und bleibe trotzdem manchmal mit hängenden Schultern stehen, weil ich nicht begreifen kann, das dass Glück ihrer Tochter nicht von der selbst gewählten Liebe abhängig ist, sondern von etwas anderem, wie es Linas Vater eines Tages sagt: „Das Gesetz ist vorhanden. Es steht eindeutig in der Schrift geschrieben. Ich habe nur gelobt, das Gesetz zu befolgen.“ Anil passt nicht in dieses Gesetz, weil er kein Moslem ist. Nur Lina kann nicht ohne Anil und Anil nicht ohne Lina. Lina muss sich entscheiden: Entweder Anil oder ihre Familie. Bei dieser Zerissenheit und dem Drama taucht ein Vergleich auf: Die Liebenden sind wie Romeo und Julia.

Priya Basil hat einen mitreißenden, vielschichtigen Roman geschrieben, der von einer kraftvollen Sprache getragen wird. Er ist unwahrscheinlich intensiv, durchbricht die Oberfläche und reißt mich wie ein Strudel mit. Er berührt mich und knistert vor Spannung. Stellt euch eine tanzende Flamme vor, von der man sich nicht lösen kann, in der man drinnen hängen bleibt und schließlich am eigenen Leib glüht, ohne zu brennen. So erging es mir während des Lesens. Dieser Roman lässt mich nicht los. Er brennt sich in die Tiefen meines Herzens und erschüttert mich. Er macht mich ohnmächtig, raubt mir mein Gleichgewicht und wühlt mich wie ein Tornado auf. Er schenkt mir die leidenschaftliche Liebe und trotz aller Dramatik das Glück und die Zuversicht, dass sich am Ende alles fügen wird. Wird es das? Das verrate ich natürlich nicht. Nur so viel: Dieses Buch hinterlässt solche Spuren, wie wir sie aus den vertrauten Kammern unserer Herzen kennen. Das Herz ist eine Black Box und speichert manchmal auch Bücher wie dieses.

Priya Basil.
Die Logik des Herzens.
Aus dem Englischen von Barbara Christ.
August 2012, 488 Seiten, 22,95 €.
Schöffling & Co.

Über die Autorin:

Priya Basil wurde 1977 geboren und wuchs in Kenia auf. Sie studierte englische Literatur in Bristol und lebt heute in London und Berlin. Neben ihrem Engagement für weltweite Waffenkontrolle begründete sie die Aktion „Authors for Peace“ mit. Ihr Debütroman wurde für zahlreiche Preise nominiert, darunter für den renommierten IMPAC-Preis; dies ist ihr zweiter Roman.

Und hier folgt noch ein kleiner Veranstaltungs-Hinweis:

Priya Basil liest beim 12. internationalen literaturfestival berlin.
Am 12.09. stellt sie ihren Roman in der JVA Moabit vor.
Am 14.09. betritt sie zusammen mit Zeruya Shalev, Carol Birch und Eric-Emmanuel Schmitt auf zum Thema „Abenteur der Seele“ die Bühne.
Am 16.09. liest die Autorin aus ihrem Buch.
Weitere Infos findet ihr hier.

Vibrationen.

„Heimsuchungen“ von Chimamanda Ngozi Adichie ist ein Buch, das alles in mir in Bewegung setzt und mich aufspringen lässt. Wie stellt die Autorin das nur an? Hat sie doch einen ruhigen, klaren Erzählstil, der mich an Alice Munro erinnert.

Die Stimme ähnelt einem stillen See, der aussieht, als wäre er ein glattes Tuch. Von aufwühlenden Strömungen kann keine Rede sein und dennoch spüre ich Vibrationen vom Zeh bis in den Kopf. Es ist das Innenleben ihrer zwölf Erzählungen, die wie kleine Kontrastmittel Dinge beleuchten, was sonst nur die Technik vermag. Die Autorin bewegt sich zwischen Nigeria und Amerika, schreibt über die Unruhen in Nigeria und über die Hoffnung in dem großen Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Sie verdeutlicht die Widerstände in Nigeria und die Kulturunterschiede beider Länder. Warmes wird kalt, Helles wird dunkel.

Gleich in der ersten Erzählung „Zelle eins“ legt die Autorin ihrem Protagonisten Nnamabia eine Beobachtung in den Mund, die mich aufhorchen lässt. Der junge Student ist verhaftet worden, weil er die Ausgangssperre nicht eingehalten hat. Nun berichtet er seiner Familie von den Zuständen auf der Polizeiwache: „Wenn Nigeria wie diese Zelle regiert würde“, sagte er, „hätten wir in diesem Land keine Probleme. Alles ist durchorganisiert. Unsere Zelle hat einen Chef, General Abacha, und er hat einen Stellvertreter. Wenn du eingeliefert wirst, musst du ihnen Geld geben. Wenn du’s nicht tust, kriegst du Ärger.“ Hatte er Geld? Ja, hatte er, versteckt in seinem After. Die Geschichte führt immer tiefer in die Machenschaften der Gefangenen, durchleuchtet die Brutalität und rüttelt den übermütigen Nnamabia mehr und mehr auf. Währenddessen berichtet seine Schwester von der Außenwelt, so gab es erneut einen Kultangriff auf dem Campus. Die Axt bewegt sich weiter und haut unerschütterlich zu.

Etwas ruhiger scheint die anschließende Erzählung „Imitation“, in der Nkem von der Geliebten ihres Mannes erfährt. Sie lebt in Amerika und ihr Ehemann pendelt zwischen Nigeria und den Vereinigten Staaten hin und her. Die Schwangerschaft brachte Nkem nach Amerika. Stolz war sie damals, „weil sie in die begehrte Klasse der reichen Nigerianer eingeheiratet hatte, die ihre Frauen für die Geburt der Kinder nach Amerika schickten.“ Ein Haus wurde gekauft, obwohl anfangs nie die Rede davon gewesen war, länger zu bleiben. Mittlerweile lebt Nkem in Amerika und ihr Mann kommt nur in den Sommerferien in die neue Heimat. Warum wählt er so ein geteiltes Leben? Eine Bekannte von Nkem bringt es auf den Punkt: „Weil Amerika keine Großen Herren anerkennt. In Amerika sagt keiner: Sir! Sir!“ Das scheinbar sichere Leben von Nkem bekommt jetzt Risse, die Nkem nicht stopft, sondern hindurchschlüpft und der aufkommenden Rebellion nachgibt. Das Ruhige erliegt dem Kampf.

Mindestens genauso einschneidend ist „Ein privates Erlebnis“. In der Erzählung fokussiert Adichie neben einem religiösen Gewaltakt zwei Frauen aus verschiedenen Verhältnissen, die nach den Ausschreitungen auf einem Markt in einen Laden flüchten. Nach der Ankunft wird ihnen bewusst, was sie verloren haben: Die Händlerin eine Kette und ihre Tochter. Die Medizinstudentin ihre Burberry-Tasche und ihre Schwester. Hier werden die Gegensätze wie ein vorsichtiger Stoß spürbar, ohne zu bewerten, schieben sich die Unterschiede vors Gesicht. Chika ist Igbo-Christin, die andere Muslimin, die gebrochene Sprache zwischen den beiden Frauen agiert als dokumentierendes Element. Chikas Mutter reist zu Geschäftsreisen nach London, die Händlerin hingegen hat sechs Kinder zu versorgen und verkauft Zwiebeln auf dem Markt, dort wo sich Igbo-Christen und Hausa-Muslime einen Kampf geliefert haben. Langsam nähern sich die beiden in ihrem Gespräch an. Während sich Chika bedeckt hält, scheut die Händlerin nicht davor zurück von ihren brennenden Brustwarzen zu sprechen und ihre Bluse auszuziehen, als sie erfährt, dass Chika Medizin studiert. Chika ist immer noch betroffen von dem einschneidenden Erlebnis: „Sie und ihre Schwester sollten von dem Gewaltausbruch nicht betroffen sein. Über solche Gewaltausbrüche las man in Zeitungen. Sie stießen anderen zu.“

Das Radikale lauert in jeder Geschichte und bricht vulkanartig aus. Das Erzählte brodelt aus dem Drama, das sein Gesicht zeigt, erschütternde Vibrationen schlängeln sich durch die Sätze, führen eine tiefe Bestürzung herbei, schnüren mir an manchen Stellen die Kehle zu, dass ich nicht schlucken kann und mich festkralle. Die Autorin bewegt sich zwischen beiden Ländern wie ein Pendel, spricht den jungen Nigerianern aus der Seele, die in Amerika auf ein besseres Leben hoffen und nicht selten an spitze Kanten stoßen. Beziehungen, die durch die Distanz auf eine harte Probe gestellt werden, plötzlich andere Formen annehmen, mit denen keiner gerechnet hat. Leichte Träume, die sich auf einmal anfühlen, als wären sie schwere Steine. In alldem vereint Adichie das Afrikanische und Westliche, bewegt sie aufeinander zu und erzeugt damit einen ganz eigenen Ton, bei dem nicht an Ruhe zu denken ist. Es vibriert jederzeit.

Chimamanda Ngozi Adichie.
Heimsuchungen.
April 2012, 300 Seiten, 19,99 €.
S. Fischer Verlag.

Über die Autorin:
Chimamanda Ngozi Adichie wurde 1977 in Nigeria geboren. Sie lebt heute in Nigeria und den Vereinigten Staaten und ist eine der bedeutendsten Stimmen Afrikas. Ihr erster Roman „Blauer Hibiskus“ stand auf der Longlist für den Booker Prize, der Roman „Die Hälfte der Sonne“ gewann den Orange Prize for Fiction. Adichie steht auf der renommierten Liste der „20 besten Schriftsteller unter 40“ des „New Yorker“.

Sehnsucht Afrika.

Wie fange ich nur eine Rezension über ein Buch an, das einfach perfekt ist? Von Stolpersteinen oder windigen Zügen fehlte jede Spur, ans Hadern und Zögern war erst gar nicht zu denken. Stattdessen hatte ich nur einen Wunsch: Lesen! Die Lektüre hat mich von der ersten Seite bis zum Ende begeistert und zog sich geradlinig durch meinen hungrigen Lesefluss. Wie eine Schiffsschraube drehe ich selbst jetzt noch unendliche Runden in der Geschichte, rudere mit den Armen und weiß gar nicht so recht, wie beginnen soll.

Am besten mache ich es wie die Protagonistin gleich zu Beginn des Buches und erzähle ebenfalls „hübsch ordentlich der Reihe nach“. Gina Mayer entführt mich in ihrem neuen Buch „Die Wildnis in mir“ nach Namibia um 1900, als das Land noch von Kolonialmächten aufgeteilt worden war. Im Mittelpunkt steht die junge Henrietta, die ich zunächst in Deutschland kennenlerne, in der Wuppertaler Kohlstraße. Dort fristet sie mit ihrer Mutter ein armes Dasein. Der Vater ist verstorben und das vererbte Geld an die Tochter hat die Mutter längst aufgebraucht. Als eines Tages ein zweiter Brief aus Afrika ins Haus flattert, schiebt sich eine kleine Aufregung in Henriettas freudloses Leben. Was dort wohl drinnen steht? Neugierig schleicht sie um ihre Mutter und fragt sie aus, doch die entgegnet ihr, das sei nichts von Belang. Mit dieser einfachen Antwort kann sich die aufgeweckte Henrietta nicht zufriedengeben. „Nichts von Belang. Als ob einer einen Brief durch die halbe Welt schicken würde, wenn er nichts wirklich Wichtiges mitzuteilen hätte.“ Die Mutter verscheucht weitere Fragen der Tochter und beendet abrupt das Gespräch, selbst später beim Abendbrot geht sie nicht mehr auf den Brief ein. Stattdessen eröffnet sie ihrer Tochter, dass Henrietta als Dienstmagd anfangen wird. Das erzürnt Henrietta innerlich so sehr, hat sie doch ganz andere Zukunftspläne: Im nächsten Sommer soll ihre Ausbildung am Lehrerinnenseminar beginnen! Mit einer Lüge gelingt es dem 15-jährigen Mädchen relativ schnell, sich dem Job zu entziehen. Die daraus schwindende Geldeinnahme treibt die Mutter in Verzweiflung, bis sie nur noch eine Chance sieht, der Armut zu entfliehen: Sie nimmt das Angebot an, das sich im weitgereisten Brief befindet. Der Missionar Freudenreich hat um die Hand der Mutter angehalten. Also brechen die beiden ihre Zelte in Deutschland ab und nehmen Kurs auf Afrika.

Eine atemberaubende Reise erstreckt sich über die vielen Seiten, mit der ich nicht gerechnet habe. Ein Hindernis schiebt sich über das nächste, an ein entspanntes Ankommen ist in keiner Sekunde zu denken. Dem Klappentext zufolge dachte ich, es geht auf nach Afrika und dort endet die Reise. Weit gefehlt! Gina Mayer schiebt mich zusammen mit Henrietta durch das heiße, unbekannte Land, treibt mir Schweißperlen auf die Stirn, weckt meinen Entdeckergeist und entlockt das Abenteuer in mir. Der Hals ist trocken, das Herz pumpt und versetzt mir einen Adrenalinschub nach dem anderen.

Henrietta ist eine bemerkenswerte Person, die ich sofort ins Herz geschlossen habe. Ich liebe ihre Zielstrebigkeit, Träume, Sensibilität und Kraft, von der sie sicherlich damals in der Kohlstraße nicht ansatzweise geahnt hat. Gina Mayer stellt nicht nur das Leben der jungen Frau in den Vordergrund, sie hat noch eine zarte Liebesgeschichte hinzugefügt, die bewegt und nicht einen Moment in den Kitsch abknickt. In einer sehr schnörkellosen, feinfühligen Sprache erzeugt die Autorin viel Gefühl, eine knisternde Spannung und legt der Ich-Erzählerin kluge, selbstbewusste Gedanken in den Kopf. Um Henriettas Geschichte herum hat Gina Mayer das Namibia vergangener Jahre authentisch beschrieben, mir die unendliche, verdorrte Landschaft nach Berlin geschafft und darüber hinaus ein sehr wichtiges Thema, den Rassenkonflikt, angesprochen. So ist ein wunderbares Jugendbuch entstanden, das einfach perfekt ist und all das bietet, was junge Menschen begeistert. „Die Wildnis in mir“ ist mehr als nur ein Abenteuer, es ist… hach, lest es selbst!

Gina Mayer.
Die Wildnis in mir.
August 2011, 336 Seiten, 16,95 €.
Altersempfehlung: 13 bis 16 Jahre.
Thienemann Verlag.

Arme, reiche Welt.

Jeder kennt die erschreckenden Nachrichten über Flüchtlinge, die mit Booten aus Afrika nach Europa flüchten und nicht selten auf dem Seeweg zu Tode kommen. Die Kanaren, Lamedusa und Malta sind die Hauptziele der Flüchtlinge, da die Länder am dichtesten an Afrika liegen. „Allein im Jahr 2006 erreichten 32.000 Flüchtlinge die Kanaren und zwischen Juli 2008 und 2009 strandeten etwa 20.000 Menschen auf der italienischen Insel Lampedusa.“ Danach ist die Zahl erheblich geschrumpft, waren es im Jahr 2010 „nur noch knapp 200 Menschen“, die auf den Kanaren ankamen. Diese drastische Abnahme ist mit darauf zurückzuführen, „dass Europa den Seeweg zunehmend absichert und die betroffenen europäischen Staaten mit vielen Herkunftsländern Vereinbarungen geschlossen haben, die eine sofortige Abschiebung der Flüchtlinge erlauben (Rückführungsabkommen).“ Entnommen habe ich die Fakten aus dem Jugendbuch „Barsakh“, in dem sich Simon Stranger mit dem Thema auseinandergesetzt.

Der norwegische Autor führt in „Barsakh“ zwei Menschen zusammen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die 15-jährige Emilie kommt aus Norwegen und verbringt mit ihrer Familie auf Gran Canaria die Ferien. Emilies Leben dreht sich einzig nur um sich selbst. Verbissen achtet sie auf ihre Figur, isst zu wenig, um nur kein Fett anzusetzen und geht viel Laufen. Anfangs stand die Gewichtabnahme im Mittelpunkt, doch bald empfand sie das Laufen als kleines Ventil, das ihr beim Abschalten half. Darauf kann sie auch im Urlaub nicht verzichten und so dreht Emilie regelmäßig ihre Laufrunden. Auf einer ihrer Joggingtouren entdeckt sie eines Tages ein „kleines zerbrechliches Holzboot“, das vor der Küste liegt, von wo aus ihr ein Junge zuwinkt. Geschockt bringt Emilie nur die Worte „Mein Gott“ heraus und erwidert den Gruß.

Der 18-jährige Junge heißt Samuel und kommt aus Ghana. Von dort ist er aus Hoffnungslosigkeit in die andere Welt aufgebrochen. Gesehen hat er sie u.a. in einem Café, in dem sich die Einheimischen Friends, Seinfeld und Ally McBeal im Fernsehen anguckten. „Serien mit hübschen jungen Menschen. Mit schicken Wohnungen und teuren Klamotten. Hier wurde der Samen für die Idee gesät. Der Idee, dass es eine andere Welt gab als die, in der er lebte. Eine Welt des Überflusses, direkt auf der anderen Seite des Meeres.“ In dieses schillernde Paradies will Samuel hin, um mehr Geld zu verdienen und seine Familie zu unterstützen. Andere haben es bereits vor ihm getan, jetzt ist es an der Zeit, ihnen zu folgen und auch scheint dies sein einziger Ausweg aus der Armut zu sein.

Simon Stranger hat in seiner Geschichte zwei Extreme zusammengeführt, die essensgestörte Emilie und den hungrigen Samuel. In klar getrennten Kapiteln gibt er beiden Protagonisten Raum, berichtet von einem Mädchen, das sich in ihrem Körper nicht wohl fühlt und Hunger leidet. Sie könnte, wenn sie wollte essen, aber sie tut es nicht. Samuel hingegen hat Hunger und kann nicht essen, weil er auf dem Meer nichts mehr hat, erlebt wie zahlreiche Mitreisende vor seinen Augen sterben. Das Wort Enthaltsamkeit bekommt in dem Buch zwei Gesichter, die in sich so perplex sind, dass sie an schon fast an Wahnsinn grenzen. Und es geschieht noch mehr: Plötzlich gerät Emilies Problem in den Hintergrund, als sie die afrikanischen Flüchtlinge retten will. Jetzt steht nicht mehr sie ganz oben, sondern viel mehr die Hilfe für die Gestrandeten. Aus einem Ich-allein wird ein Ich-für-die-anderen.

Der Jugendroman ist brisant, beklemmend und er klärt über ein Thema auf, das uns bekannt ist. Die eine arme Welt, die sich in die andere reiche Welt retten will. Authentisch zeichnet der Autor das Leid und die Verzweiflung der afrikanischen Menschen, rückt sie noch näher in den Fokus als es vielleicht distanzierte Nachrichten können. Schnell taucht dabei die Frage auf: Kann man so viel Gegenwart Jugendlichen zutrauen? Ja, man kann. Anhand von Emilie sieht man, wie sich der eigene Blick verschieben kann. Auch wenn sich das Mädchen nicht komplett ändert, wird sie mit einer Situation konfrontiert, die ihr Leben in einem anderen Licht erstrahlen lässt. Ohne sich darüber bewusst zu sein, nimmt sie sich selbst zurück und schaut über den eigenen Tellerrand hinaus. Zudem verdeutlicht das Buch, wie schwer die einzelnen Schicksale der Menschen wiegen, die wir aus den Nachrichten kennen. Es zeigt nur ein Beispiel von vielen und hinterlässt eine große Nachdenklichkeit, mit denen sich die jungen Leute aus der reichen Welt auseinandersetzen können und auch sollten.

Simon Stranger.
Barsakh.
September 2011, 144 Seiten, 8,95 €.
Altersempfehlung: 14 bis 15 Jahre.
bloomsbury taschenbuch.