Die russische Seele ist verliebt.

manon

Heute möchte ich euch eine kleine Kostbarkeit vorstellen. Die Manon Lescaut von Turdej von Wsewolod Petrow. Kostbar einerseits, weil es das einzige literarische Werk ist, das Wsewolod Petrow jemals geschrieben hat. Kostbar andererseits, weil es in diesem Jahr in dem ebenso wunderbaren Weidle Verlag erschienen ist. Und seit Oktober trägt diese Rarität eine besondere Auszeichnung, denn das Buch hat den Hauptpreis der Hotlist 2013 als bestes Buch aus unabhängigen Verlagen erhalten. Verdienterweise!

Zunächst muss ich gestehen: Dieses Buch habe ich nicht allein gefunden. Es wurde mir von der wunderbaren Maria-Christina Piwowarski von ocelot, not just another bookstore empfohlen. Ihre Augen leuchteten, so begeistert war sie von der Novelle. Und sie fügte lächelnd hinzu: „Lass es dir von einem besonderen Menschen vorlesen.“ Was ich nicht wusste, der Autor selbst hat jedes Jahr zu seinem Geburtstag diesen 1946 entstandenen Prosatext der kulturellen Elite Leningrads vorgelesen. „Er verheimlichte sein Meisterwerk nicht, er reichte es nur nicht zur Publikation in sowjetischen Zeitschriften und Verlagen ein – wer weiß, warum: Weil er das für sinnlos hielt? Aus Ekel vor den Barbaren in den damaligen Redaktionen?“ So steht es im Klappentext. 2006 erschien die Novelle erstmalig in einer russischen Literaturzeitschrift. Das Buch liegt jetzt dank der Übersetzung von Daniel Jurjew vor. Also folgte ich Marias Empfehlung, schloss meine Augen und tauchte in einen der schönsten, bezaubernden Liebesromane ein, die mir der Mann meines Herzens vorlas.

Die Kulisse ist alles andere als zauberhaft. Sie ist bitterkalt und wird gleichzeitig von der hässlichen Fratze des Zweiten Weltkrieges eingekeilt. Der Ich-Erzähler befindet sich in einem russischen Lazarettzug, der manchmal fährt und dann stehen bleibt, während sich in den Abteilen ein spannendes, lebendiges Eigenleben entfaltet, das der Romanheld scharf beobachtet. Es ist ein bunt gemischtes Volk, das dort sein Dasein fristet: Militärärzte, Apotheker und Krankenschwestern leben auf engstem Raum zusammen. Und wo Frauen und Männer aufeinandertreffen, ja, da blitzt es gern an vielen Stellen. Auch unser Erzähler, von Erstickungsanfällen geplagt und den Werther lesend, erwischt es: Die aufgedrehte Vera erobert sein Herz im Sturm und zieht ihn in den Bann. Ein junges, hübsches und eigenwilliges Ding ist sie, die wie eine Katze neugierig um ihre Beute schleicht. Vera sticht unter all den Mädchen heraus und kein anderer als der Erzähler kann es schöner wiedergeben: „Sie ähnelt überhaupt nicht den anderen Schwestern. Die sind kleine Spießbürgerinnen. Sie sind einfallslos. Alles bei ihnen ist fürchterlich alltäglich, all ihre Romanzen, Streitereien und Hoffnungen, alles, was ihr Leben ausmacht.“ „Und Vera ist außergewöhnlich?“ „Sie lachen nun darüber. Aber bei ihr liegt schon im Äußeren etwas Besonderes. Da sind gewisse Züge des achtzehnten Jahrhunderts. Sie ähnelt gleichzeitig Marie-Antoinette und Manon Lescaut“, sagte ich und drehte mich erneut Vera hinterher. Das erzählt er Nina Aleksejewna. Die Ärztin ist seine Vertraute des Erzählers, die diese Liebesgeschichte mit gewissem Argwohn betrachtet, denn sie fühlt sich zu diesem Freigeist hingezogen.

Während draußen der Winter seinen kalten Atem aushaucht, wird es in den eigenen Herzkammern herrlich warm. Es ist die Liebesgeschichte, die mit jeder Seite ihren Zauber entfacht und mich die Kälte und die Hässlichkeit des Krieges fast vergessen lässt. Zu schön sind die Dialoge zwischen dem Erzähler und seiner Angebetenen, mal überheblich und zuckersüß, mal traurig und nachdenklich. Ganz häufig legt sich mir ein Lächeln ins Gesicht, zart wie Schneeflocken und glühend heiß wie Feuer. Dadurch, dass der nachdenkliche, reflektierende Protagonist jeden Winkel seines Inneren in den Gedanken offenlegt, entsteht eine zutiefst menschliche und eindringliche Stimmung. Gleich zu Anfang gesteht er sich ehrlich ein, dass die beiden zu verschieden sind und trotzdem möchte er Vera festhalten. „Sie war in mir wie die Kugel in einer Wunde. Ich konnte nicht aufhören, sie zu fühlen. Ich war bei ihr irgendwie anders eifersüchtig, als ich es bei einer anderen gewesen wäre. Egal, was sie tat, alles an ihr schien mir hinreißend.“

Die Manon Lescaut von Turdej ist ein schmales Buch, aber voller großer Gefühle, umgeben von vielen philosophischen Betrachtungen, in denen ich versinke. In vorgelesener Form gewinnt der Text an unglaublicher Intensität. Hinter meinen geschlossenen Augen kann ich mich den Bildern vollkommen hingeben, die der Autor mit seinen atmosphärischen Schilderungen meisterhaft schafft. Obwohl Wsewolod Petrows Erzählweise unaufgeregt ist, erzeugt sie dennoch auf bezaubernde Weise so viele Gefühle und unvergesslich betörende Momente, dass ich sie konservieren möchte, weil sie so wunderschön sind. Der Kontrast zwischen der furchtsamen Kriegsrealität und der Liebesgeschichte ist riesig, doch es ist die Liebe mit ihrer großen Kraft, die ihren Rettungsschirm über die beiden spannt. Und mich dabei mit einnimmt.

Das ist ein hinreißendes Buch, ob man es nun selbst liest oder sich vorlesen lässt. Ein Juwel in der Literatur, der dank des unabhängigen Weidle Verlags uns allen zugänglich gemacht wurde und eine wertvolle Kostbarkeit ist. Oleg Jurjew fasst das Besondere dieser Lektüre in seinem ausführlichen Nachwort am Ende so treffend zusammen: „Petrows tragische Novelle ist so leicht und so virtuos erzählt, daß sie nicht als schwere Kriegserzählung im Gedächtnis bleibt, sondern als eine wunderbar traurige und schöne Liebesgeschichte.“

Wsewolod Petrow: Die Manon Lescaut von Turdej. Aus dem Russischen von Daniel Jurjew. Weidle Verlag, 2013, 125 Seiten, 16,90 €.

Kleiner Hinweis für alle eBook-Leser: Das eBook gibt es bei CulturBooks und überall wo sonst eBooks angeboten werden.

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23 Gedanken zu “Die russische Seele ist verliebt.

  1. Hat dies auf Wortspiele: Ein literarischer Blog rebloggt und kommentierte:
    Diese zutreffende Rezension einer in der Tat sehr schönen Novelle muss ich schon aus „pro-domo“-Gründen auch in meinem Blog kundtun, denn ich hatte das Vergnügen, sie in nur leicht gekürzter Fassung für den WDR einlesen zu dürfen. Der Sendetermin ist zwar erst Karfreitag, den 19. April nächsten Jahres, aber vielleicht mögen sich einige Leserinnen oder Leser den Termin ja bereits einmal vormerken: WDR 5, Ohrclip, 21:05 Uhr. Einen Live-Stream gibt es sicherlich auch! Und auch dem Lob über den Weidle Verlag kann ich nur zustimmen – er hat mir und uns bereits so viele wunderbare Bücher beschert, dass ich sie gar nicht alle aufzuzählen vermag… Auf eine ganz besondere Trouvaille will ich aber dennoch hinweisen: „628 – E8“ von Octabe Mirbeau…

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  2. Und wieder hast du es geschafft, dass ich sofort loslaufen will, das Buch zu kaufen. Ich glaub, ich muss es als „echtes Buch“ haben, damit ich es weitergeben oder einfach in meinem Regal betrachten kann.

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    1. Das echte Buch sieht auch einfach zu schön aus – das kann ich daher nachempfinden. Bei unserem gleichen Lesegeschmack weiß ich schon jetzt, dass dir das Buch ebenfalls wunderbare Stunden bereitet wird… Momente, die lange noch nachhallen. Hab viel Freude mit der Manon!

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  3. Ich habe von dem Preis gelesen und das Buch dann auch noch im Indie-Regal meines Bücherladens gefunden. Nun liegt es hier schon und wartet aufs Gelesenwerden. Nach Deiner wunderbaren Besprechung kann das ja nun nicht mehr lange dauern :-)!
    Viele Grüße, Claudia

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  4. Kann die Manon nur in französischer Variante, doch mir blieb bisher die russische Rezeption unbekannt – in diesem Sinne vielen Dank für die Inspiration! Des Weiteren ist die Rezension wirklich berührend geschrieben!
    Liebe Grüße von urwort.com

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  5. Hach, schön, liebe Klappentexterin, da kann man nur seufzen. Ich habe mir neulich übrigens mein erstes Weidle-Buch gekauft: Carl Nixons Rocking Horse Road. Was für eine wunderschöne Aufmachung, allein dafür verdient der Verlag ein riesengroßes Lob! Wieder eine Perle in der großen, weiten Verlagslandschaft entdeckt.

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    1. Ach, jetzt ist mir dein schöner Kommentar im ganzen Weihnachtstrubel untergegangen, liebe caterina. Verzeih mir bitte! Hab ich mich doch über deine Zeilen so sehr gefreut und mit dem Kopf genickt, als du deine Begeisterung für den Weidle Verlag kundgetan hast. Die liebevolle und schöne Gestaltung der Bücher ist wahrlich zum Niederknien. Ich wünsche dir mit deiner Lektüre ganz wundervolle Lesestunden und freue mich schon jetzt, irgendwann mit dir darin einzutauchen.

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