Ein herrlich verrücktes Krimiabenteuer.

Eine kleine Warnung vorab: Wer Angst vor Gespenstern hat, sollte jetzt lieber nicht weiterlesen. Allen anderen möchte ich Heilige und andere Tote von Jess Kidd dringend empfehlen. Vorausgesetzt, ihr mögt Krimis, die durchaus einen mystischen Touch haben. Wie bereits in Kidds Debüt Der Freund der Toten tummeln sich in ihrem neuen Werk allerhand übersinnliche Wesen herum. Das Erstaunliche ist jedoch, dass diese sogenannten Heiligen sich nach einer gewissen Lesezeit völlig normal anfühlen. Vielleicht auch deshalb, weil sie treue Begleiter der sympathischen Heldin sind. Aber keine Sorge: Gänsehautmomente und erhöhter Puls sind bei diesem Krimi trotzdem garantiert. Weiterlesen

Advertisements

Der Blick der Eule.

Vorsicht! Téa Obreht ist eine Verführerin. Die junge Autorin nimmt dich an die Hand und zieht dich mitten hinein in ihren Roman „Die Tigerfrau“. Du kannst ihr nicht entkommen, zu faszinierend ist die Geschichte, zu vibrierend der Ton. Noch kannst du hier aufhören, weiter zu lesen, noch steht dir alles frei. Doch wenn du den Worten folgst, kann ich für nichts garantieren.

Den Roman umgibt von Anfang etwas Mystisches, als wenn mir eine Eule mit ihren großen Augen ins Gesicht blicken würde. Dieser geheimnisvolle Schein verwundert nicht, denn die Autorin baut gerade auf einer zweiten Ebene nebulöse Erzählungen ein. Schnell begreife ich: Téa Obreht ist nicht nur eine Verführerin, sondern auch eine Meisterin des Fabulierens.

Die Autorin verknüpft in ihrem Debüt zwei Geschichten miteinander, die der Ich-Erzählerin, Natalia, und die ihres Großvaters. Mit einer Freundin ist die junge Ärztin auf dem Weg zu einem Waisenhaus, das dringend Impfstoff benötigt. Da erfährt sie von der Großmutter, dass ihr Großvater verstorben ist. Nicht zu Hause, sondern in der Ferne, in Zdrevkov. Eine Stadt, die keiner kennt und selbst seine engvertraute Enkelin, weiß nicht, was ihn dort hintrieb. Hatte er sie doch stets in so vieles eingeweiht, wie in seine Erkrankung.

Es sind vor allem die Erzählungen des Großvaters, die dem Roman eine Sogwirkung verleihen. Sie sind die Quintessenz, die goldenen Mitte, die schillernd hervorschimmert. Aus dem Mund der Ich-Erzählerin klingt das dann so: „Alles, was nötig ist, um meinen Großvater zu verstehen, liegt zwischen zwei Geschichten: die von der Tigerfrau und die von dem Mann, der nicht sterben konnte.“

Genau dorthin entführt mich die Ich-Erzählerin, indem sie die Lebenslinie ihres Großvaters entlangläuft, von der Kindheit bis zur Gegenwart. Ich folge dem Tiger, der in den Wirren des Kriegs 1941 aus der Zitadelle flieht, bis er schließlich etliche Kilometer von der Hauptstadt entfernt im Dorf des Großvaters ankommt. Als der Hirte ihn „während eines Schneesturms Ende Dezember auf dem Galina-Kamm oberhalb des Dorfes“ entdeckt, glauben ihn die anderen nicht, so sehr er auch mit den Armen rudert und vom Teufel spricht, der nach Galina gekommen ist. Der Großvater sieht im Teufel mit dem orangefarbenen Fell und Streifen Shir Khan, dem Tiger aus dem Dschungelbuch.

Alle fürchten sich vor dem wilden Tier, bis auf ein taubstummes Mädchen. Die Fremde, mit der Luka nach Galina zurückkehrte. Bald wird sie die Tigerfrau genannt, wobei es im Original The Tiger’s Wife lautet. Ein Titel, der treffender ist. Das Mädchen hat zum Tiger eine besondere Beziehung, sie ist es, die ihn in der Räucherkammer mit einem Stück Fleisch erwartet. Als der Großvater eines Abends von der Neugier angetrieben in der gleichen Kammer auf den Tiger trifft, versteckt er sich unter einer Plane und entkommt dem Tier. Das taubstumme Mädchen eilt zu ihm, befreit ihn von der Plane, als er bemerkt: „Ihre Hände, mit denen sie ihm über das Gesicht strich, rochen stark nach Tiger, nach Schnee, Kiefern und Blut“. Hier wie auch an anderen Passagen schiebt sich sanft eine Ahnung in das Bild, der Blick wandert zur Autorin, doch sie schweigt und lässt mir Raum, meine eigenen Vermutungen auszumalen.

Besonders nah tastet sich die Autorin an die Menschen heran, durchleuchtet ihre Wesen und erzählt lebensnahe bewegende Geschichten. Sie gräbt sich bis in die tiefsten Schichten und bleibt in alldem so menschlich, nicht verurteilend. Viel mehr möchte sie sagen: Alles hat seinen Ursprung. Schaut auch hinter die Fassaden eines Hauses, bevor ihr über den Schmutz schimpft. Während ich noch die Menschenschicksale und das gestreifte Fell des Tigers vor den Augen spüre, erscheint der Mann, der nicht sterben konnte. Er ist der Neffe des Todes und trifft in verschiedenen Situationen auf den Großvater. In den Dialogen der beiden tobt sich der Schalk richtig aus, der Ernst verdrückt sich in die Ecke, auch wenn es eigentlich wenig zu lachen gibt, geht es doch um den Tod. Anfangs sind die Stellen mit dem Mann, der nicht sterben konnte, schon leicht befremdlich, aber im Laufe der Zeit gehören sie genauso dazu wie der unbesiegbare Tiger, der wie eine Legende weiterlebt und sich durch die Geschichte fortbewegt.

Téa Obreht wurde 1985 in Belgrad geboren und lebt seit ihrem zwölften Lebensjahr in den USA. Mit ihrem Roman kehrt sie zurück in ihre Heimat. Sie hält sich bedeckt, hat die Orte mit anderen Namen versehen, aber Schauplatz ist das ehemalige Jugoslawien, das ahne ich schnell. Der Krieg ist allgegenwärtig, damals beim Großvater und Natalia erlebt ihn selbst. „Der Krieg begann leise, fast unmerklich, nachdem wir ein Jahrzehnt lang am Abgrund gelebt und darauf gewartet hatten, dass er anfing.“ Die junge Autorin hat ein eindrucksvolles Buch geschrieben und wurde zu Recht im vergangenen Jahr mit dem „Orange Prize for Fiction“ ausgezeichnet. Es glänzt nur so vor Leben und Menschen, ist reich an unzähligen Geschichten. Ich wollte nicht aufhören, zu lesen und habe mich verloren zwischen dem umher streifenden Tiger und dem Mann, der nicht sterben konnte. Dazwischen eine junge Frau, die sich auf die Spuren des Großvaters begibt und mich mitgenommen hat auf eine Reise, die ich nicht beenden wollte.

Téa Obreht.
Die Tigerfrau.
März 2012, 416 Seiten, 19,95 €.
Rowohlt Berlin Verlag.