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Krieg und Liebe.

Ich wollte das Buch trinken, jedes einzelne Wort auf der Zunge tanzen lassen. So wunderschön fühlte sich die Sprache der italienischen Autorin Margaret Mazzantini an. Bei dem Gedanken entschlüpft mir ein Lächeln. Ich schaue zur Ich-Erzählerin, die auf der ersten Seite „laute Atemzüge“ kaut und denke wie so oft in dem Buch: Sie ist mir verdammt nah. Von Anfang an herrscht eine wohlige Harmonie zwischen der Protagonistin und der Leserin. Ein Gefühl, für das eigentlich jedes Wort zu viel ist, weil allein seine Anwesenheit den gesamten Raum einnimmt und keiner Erklärung bedarf. Vielleicht gibt es dort draußen noch jemanden, dem es genauso ergehen wird wie mir. Deshalb öffne ich „Das schönste Wort der Welt“ und trinke es noch einmal in langsamen Zügen.

Der Zufall spielt im Leben eine nicht ganz unwesentliche Rolle. Bei mir führt er mich zu diesem Werk, in der Geschichte trifft die junge Gemma im eingeschneiten Sarajevo der 80er Jahre eines Abends auf Diego, diesen schmächtigen jungen Mann. In einer Kneipe feiern die Italiener den Olympiasieg im Rennrodeln, genau dort macht sie der gemeinsame Freund Gojko miteinander bekannt. Schon die ersten Momente des Treffens, die ich mit Gemma auflese, zeigen, wie intensiv diese Begegnung ist: „Wir verharren reglos wie zwei Insekten und spüren diesen gleichzeitigen Taktschlag der Dinge. Meine Wangen sind rot, da ist zu viel Rauch, sind zu viele Ellenbogen, zu viele Stimmen. Da ist gar nichts mehr. Nur noch der Fleck dieses Pullovers, der auf mich zukommt. Im Nu brennen meine Augen die Konturen dieses Körpers nieder. Mir ist, als spürte ich seine Seele, das ist alles.“

Jahre später wird Gemma in der Früh von einem Anruf aufgeschreckt. An der anderen Leitung ist Gojko, Gemmas alter Freund aus Sarajevo. Gojko ist für Gemma der Dichterfreund für den „das Leben wie eine lange Ballade“ ist. Sofort taucht vor Gemmas Augen das Bild von Gojko auf, seine Eigenart, „sich an die Nase zu fassen“, eigentlich unverständlich, wie sie es so lange ohne ihn ausgehalten hat. Das führt gleich zu einem Gedanken, einen sehr einprägsamen, der den Ton des Romans perfekt reflektiert: „Wie kommt es nur, dass wir im Leben auf die besten Menschen verzichten und uns anderen zuwenden, die uns nichts angehen, die uns nicht gut tun, die uns einfach über den Weg laufen, um uns mit ihren Lügen bestechen und uns daran gewöhnen, Angsthasen zu werden?“ Nachdenklich, gefühlvoll und bewegend.

Gojko lädt Gemma zu einer Ausstellung nach Sarajevo ein, dort sollen auch Diegos Fotografien gezeigt werden. Zunächst zögert sie und sagt, sie überlege sich das, aber Gojko in seiner forschen Art stößt sie liebevoll mit einem Zitat an. Nach weiteren Atemzügen spricht sie den Satz aus: „Gut, ich komme.“ Damit beginnt eine Reise in ihre Vergangenheit, das andere Leben vor dem, was sie jetzt lebt. Ein Leben voller Leidenschaft, großer Liebe, Träume, aber auch ein Leben mit Qual, Elend, Verzweiflung und dem Krieg. Margaret Mazzantini schlüpft vollkommen aus der Rolle einer Erzählerin und überlässt Gemma das Feld, gibt ihr den Stift und lässt sie aufschreiben. Über die große Liebe zu Diego, eine nicht enden wollende Liebe, die sie auch mitten hineinführt in die Hölle des Bosnienkrieges, später erst, aber es passiert im Laufe der Geschichte, wahrhaftig und brutal, dass ich stillschweigend mit den Erschütterungen zu kämpfen hatte. Sprache – so gut sie auch ist – kann eben nicht alles verdecken wie es eine friedliche Schneedecke vermag. Das zusammenfallende Sarajevo, Diego und Gemma sind bald nicht mehr voneinander zu trennen.

Als Leserin wechsle ich zwischen dem Hier, in dem Gemma mit ihrem Sohn Pietro im heutigen friedlichen Sarajevo unterwegs ist, und dem Damals, in dem sie alte Spuren aufliest, in dem Vergangenen immer wieder hängenbleibt. Anfangs halten sich die beiden Zeitebenen die Waage, doch später übernimmt die Vergangenheit das Ruder in der Hand und hindert Gemma am Entkommen.

Es fällt mir schwer, dieses Buch in ein Raster zu legen, es enthält einfach zu viele Schichten, die ich erst während des Lesens durchbrochen habe. Dachte ich anfangs an eine romantische Liebesgeschichte, traf ich in der Mitte des Buches auf das Schicksal einer Frau, die einen großen Wunsch in ihrem Herzen trug, für den sie bereit war, viel zu opfern. Plötzlich legte sich für kurze Zeit ein Schatten über die große Liebesgeschichte, nur Gemma zählte, stand vor mir und suchte die Hoffnung, an der sie sich festhalten konnte.

Eindrucksvoll ist dieses Stück Literatur. Von der ersten Seite begeistert mich die bildhafte, sensible Sprache. Margaret Mazzantini malt so unendlich viele schöne Bilder, von denen ich mich nicht lösen kann, zwischen den Worten bleibe ich sitzen und spüre den Durst auf der Zunge. Sie streut die Wörter ganz einfach dazwischen, pustet sie hinein und so fühlen sie sich nicht aufgedrückt an, sondern bleiben ein Teil ihrer Sprache. Mit nur wenigen Worten schafft die Autorin eine durchdringende Nähe, der ich nicht entkommen kann, sie ist weich wie meine liebste Kuscheldecke auf der Couch und unheimlich vertraut. Sie knipst etwas in mir an und überlässt mir die Entscheidung, wann ich gehen möchte, aber ich will bei ihr bleiben und ihr zuhören. Zwischen all der Melancholie, die aus den Sätzen sickert, schwebt eine Leichtigkeit, die das Schwere tragbar macht, irgendwie am Ende des Tages, wenn alle schlafen, sitze ich da und höre meinen eigenen Atem, der aus dem Buch aufsteigt.

Die Tür, die Margaret Mazzantini zu einem schrecklichen Feld öffnet, ist beklemmend. Sie führt ihre Leser mitten hinein in den Bosnienkrieg, beschreibt sehr authentisch die Qualen, die Gewalt und das Elend, wenn aus Menschen Tiere werden, Soldaten über wehrlose Frauen fallen oder Passanten einfach erschossen werden. Granaten explodieren, Bomben fallen. Die Angst kriecht aus jeder Seite empor, macht fassungslos, haut unerbittliche Peitschenschläge auf die Augen, es schmerzt gewaltig. Und in alldem sitze ich mit Gemma, halte ihre Hand, hoffe auf ein friedliches Ende. Bis dahin trinke ich jeden Satz und freue mich über den Zufall, der mir dieses beeindruckende Buch zugeworfen hat.

Margaret Mazzantini.
Das schönste Wort der Welt.
August 2011, 704 Seiten, 22,99 €.
DuMont Buchverlag.