Weise Worte über die Einsamkeit. Und noch viel mehr.

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Ich habe lange gewartet. Die Zeit dehnte sich endlos wie ein Kaugummi. Tage, Monate, Jahre. Verwelkte Blätter fielen von den Bäumen, raschelten unter den Füßen. Bald tanzten Schneeflocken durch die Luft und teilten sich den Platz mit meinen Atemwölkchen. Einige Monate später kamen Vögel aus dem Süden zurück, setzten sich zwitschernd auf unsere Bäume, die erst noch kahl waren, und bald schon in voller Blüte standen. Ein sich immer wiederholender Kreislauf. Das Buch ließ auf sich warten, aber dann war er endlich da: Der Moment, als ich Benedict Wells Roman in den Händen hielt. Der Titel »Vom Ende der Einsamkeit«, die ersten Sätze… – schon spürte ich die besondere Magie, die uns nur die Literatur schenken kann.

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Das Mädchen, der Tod und das Glück.

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Niemand spricht gern über den Tod, weil sich nahezu jeder Mensch davor fürchtet. Besonders natürlich in jungen Jahren, wo das Lebensende noch Lichtjahre entfernt scheint. Dabei gehört er naturgemäß genauso zum Leben wie die Geburt. Alles ist ein Anfang und ein Ende. Doch sagt dies mal einem zwölfjährigen Mädchen, das kürzlich seine Adoptiveltern verloren hat. Diese schreckliche Erfahrung muss Willow machen, die Heldin in Holly Goldberg Sloans Jugendbuch »Glück ist eine Gleichung mit 7«. Glück und Tod – wie passt denn das zusammen? Nun, Holly Goldberg Sloan beweist es auf berührende Weise.

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Ein lebendiges Buch über Leben und Tod.

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»Applaus für Bronikowski« von Kai Weyand zählte für mich in diesem Frühjahr zu den schönsten Entdeckungen. Bald haben wir Herbst, also allerhöchste Zeit, euch dieses feine Buch vorzustellen. Und es gibt noch zwei weitere Gründe: »Applaus für Bronikowski« hat es in diesem Jahr auf die Hotlist der 10 besten Bücher geschafft und steht obendrein auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

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Der tiefe Frieden aus den Worten von Banana Yoshimoto.

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Wieder hat mich Banana Yoshimoto auf bezaubernde Weise aus der Unrast des Alltags gezogen und mit ihrem Roman »Moshi Moshi« ganz besondere Momente des Innehaltens geschenkt. Die Zeit verwandelte sich vom Hochgeschwindigkeitszug in eine gemütliche Schnecke und ich fühlte mich, als würde ein kugelrunder Buddha leibhaftig neben mir sitzen. Eine Welle des Glücks durchströmt mich selbst jetzt noch – einige Stunden nach dem Ende der Lektüre.

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Der Tod nimmt alles. Nur nicht die Trauer.

immeer

Sich selbst verlieren. Ganz tief fallen, den anderen festhalten wollen und ihn doch nicht halten können. Wie sich das anfühlt, davon erzählt Henriette Vásárhelyi in immeer so ergreifend, dass es mir die Luft raubt und ich mit den Armen rudere, um nicht umzukippen. Die Autorin schreibt über das, vor dem sich jeder von uns fürchtet: Wenn ein geliebter Mensch stirbt und man ohne ihn weiterleben muss. Weiterlesen

Rettung vor der Vergangenheit.

Bei Banana Yoshimoto muss ich immer an eine warme Nudelsuppe denken. Dampf steigt aus ihren Büchern, die Sätze schlängeln sich wie Reisbandnudeln durch die Augen und mein Bauch fühlt sich beim Lesen an, als würde in ihm die Sonne sitzen. Wir kennen uns nicht persönlich und doch ist die Autorin inzwischen eine gute Freundin geworden. Ihre Geschichten lösen viel in mir aus, von Kopf bis Fuß spüre ich eine Wärme und ein vertrautes Echo hallen, das mich an meinen Atem erinnert. Wie die Feder eines Seelenvogels, die mir über die Seele streift. Ihr neuer Roman „Ihre Nacht“ macht da keine Ausnahme.

Banana Yoshimto spricht das aus, vor dem wir uns am liebsten verstecken wollen. Die Autorin erzählt von Menschen, die sich in der Welt verloren fühlen und denen die Balance abhanden gekommen ist. Sie schwanken und spüren einen stechenden Schmerz im Herzen. Was sich sonst befremdlich anfühlt, hat bei Banana Yoshimoto etwas ganz Gewöhnliches, als würde ich mir morgens die Zähne putzen und mich dabei im Spiegel betrachten. Wie schafft sie das nur? Indem sie sehr gefühlvoll in die Rolle ihrer Protagonisten schlüpft und sie mit feiner Hand zu Menschen macht, die mir sehr nah sind.

Die Ich-Erzählerin in „Ihre Nacht“ ist so eine verlorene Seele. Yumikos Eltern sind vor einigen Jahren verstorben und seitdem irrt sie wie ein halb erloschener Funken durch die Welt. Die Vergangenheit hat bei der jungen Frau einen Fußabdruck hinterlassen, der heute noch schmerzt und ihr die Ruhe raubt. Yumiko meidet die Menschen, igelt sich ein und lässt sich von anderen aushalten. An eine Beziehung mit einem Mann denkt sie nicht, denn die Vergangenheit nagt an ihr und verweigert Yumiko den Zutritt ins Reich der Liebe. „Ich hatte das Gefühl, mich allein vor der Vergangenheit meiner Familie retten zu müssen. Ich hatte Angst davor, jemanden ernsthaft in mein Leben hineinzulassen, und ich hatte auch keine Lust, lang und breit zu erklären, warum das so war. Ich fühle mich wie eine Art Krankheitserreger, das wurde ich einfach nicht los. Wo ich bin, ist immer auch ein Hauch von Tod, der sich wie ein Schleier über alles legt.“ Einzig ihrem Cousin Shôichi öffnet sie die Tür, als er sie eines Tages aufsucht. Seine Mutter ist gestorben und es war ihr letzter Wunsch, dass er sich um Yumiko kümmern soll. Schon nach den ersten Dialogen ist er mir mehr als sympathisch. Er ist ein aufrichtiger und herzlicher Mensch, das spürt auch Yumiko. Und so begeben sich beide auf die Reise in Yumikos Vergangenheit, die nicht nur Schmerzen, sondern auch einige dunkle Stellen in ihrem Gedächtnis hinterlassen hat.

Banana Yoshimoto ist eine Meisterin des Übersinnlichen. Sie überschreitet Grenzen zwischen der Wirklichkeit und einer anderen Welt. Geisterhafte Schatten huschen durch ihre Bücher. Gerade für uns Europäer mag sich das teilweise komisch anfühlen, hat es doch etwas Befremdliches, wie ein Stein, den man versucht mit der Schere zu teilen. Bei Yoshimoto gibt es Verbindungen mit Menschen aus einer anderen Welt, das Leben und der Tod streifen sich für Momente und schauen sich ins Gesicht, bis sie ein tiefes Schweigen umhüllt.

Wird Yumiko zur Ruhe kommen? Nun, das verschweige ich euch, genauso wie die plötzliche Wendung in der Geschichte. Wenn man es jedoch genau betrachtet, kommt sie gar nicht überraschend, sie ist ein typischer Schachzug der Autorin. Wie gern möchte ich noch so viel schreiben, aber mir versagt die Stimme, weil ein Großteil der Gedanken nicht in Worte fließen wollen. Gefühle haben ihre eigene Sprache, die vor allem durchs Erleben sichtbar werden so auch hier. Banana Yoshimoto legt mir Frieden und einen warmen Schal aus Herzlichkeit um die Seele, ja, sie ist wie ein beschützender Seelenschal. Was für ein Wort, das so gar nicht im Wortschatz existiert, aber es fließt mir jetzt heraus, ein Atemstoß aus meinem Inneren. Obwohl die Töne hier sehr melancholisch klingen, sind sie gleichzeitig hoffnungsfroh und beruhigend, wieder einmal. Die Japanerin sagt mir: Du kannst dich verlieren, vielleicht musst du es sogar, um dich am Ende zu erden und wiederzufinden. Diese Erkenntnis ist warm, so warm wie meine innig geliebte Nudelsuppe.

Banana Yoshimoto.
Ihre Nacht.
März 2012, 206 Seiten, 18,90 €.
Diogenes Verlag.

Flucht aus dem wirklichen Leben.

Wie es sich anfühlt, im Abseits zu stehen, davon erzählt Milena Michiko Flašar in „Ich nannte ihn Krawatte“. Es ist ein poetisches Buch, das mich mit berührenden Sätzen streichelt und die Zeit anhält. Alles um mich herum wird langsamer und verstummt, bis ich eine zarte Melodie wahrnehme, bei der ein sanfter Schauer über die Schulter fährt und sich ein Kräuseln im Nacken bemerkbar macht.

Den Ich-Erzähler kann ich zunächst schlecht einordnen. Zu fremd, zu rätselhaft erscheint mir sein Handeln. Taguchi spricht davon, dass er zwei Jahre lang nicht mehr draußen gewesen ist und sich nun wie ein Gefangener fühlt, der seinen ersten Freigang hat. Ein wenig unsicher tastet er sich langsam aus dem Haus und hofft, nicht entdeckt zu werden. „Nach wie vor ging es mir darum, für mich zu sein. Ich wollte niemandem begegnen. Jemandem zu begegnen bedeutet, sich zu verwickeln. Es wird ein unsichtbarer Faden geknüpft. Von Mensch zu Mensch. Lauter Fäden. Kreuz und quer. Jemandem zu begegnen bedeutet, Teil eines Gewebes zu werden, und dies galt es zu vermeiden.“ Hier tappe ich noch vollkommen im Dunkeln, erfreue mich stattdessen an der schönen Metapher, ohne zu ahnen, welche dunkle Seite sich dahinter für den Jungen verbirgt.

Irgendwann fällt das Wort Hikikomori, ein mir bis dahin unbekannter Begriff aus Japan. Hikikomoris sind Menschen, die sich vollkommen aus der Gesellschaft zurückziehen und im Elternhaus einigeln. Meist treibt sie der hohe Leistungsdruck zur Flucht aus dem wirklichen Leben. Bei Taguchi waren es zwei einschneidende Erlebnisse aus seinem Freundeskreis, bei denen er dem Tod ins Gesicht geschaut hat und seitdem von Schuldgefühlen geplagt wird. Schuldig fühlt sich auch der Geschäftsmann – im Buch wird er als Salaryman bezeichnet – Ohara Tetsu, den der Junge im Park trifft. Dort sitzt er jeden Tag auf seiner Bank und beobachtet das Treiben vor seinen Augen. Wer weiß, wie sich Taguchis Leben entwickelt hätte, wenn ihm nicht der Salaryman begegnet wäre? Immerhin war es der Mann mit der Krawatte, der Taguchi gelehrt hat, „aus fühlenden Augen zu schauen“ und der ihn in gewisser Weise wieder das Laufen beibrachte. Unvergesslich bleiben die Schritte zurück ins Leben, die aus Taguchis Mund so klingen: „Man sagt, ein Lehrer ist unsterblich. Auch wenn er seinen Körper verlässt, lebt das, was er gelehrt hat, im Herzen seiner Schüler weiter.“ Dies ist nur eine von vielen Weisheiten, mit der die Autorin mich beglückt und ihrem Buch einen fernöstlichen Hauch verleiht.

Durch Taguchi erfahre ich, was es für eine Familie bedeutet, einen Hikikomori zu haben. „Man weiß: Da ist die Schwelle, dahinter sein Zimmer, darin hat er sich totgestellt. Er lebt noch, man hört ihn manchmal, viel zu selten, auf und nieder gehen. Man stellt ihm sein Essen vor die Tür und sieht, wie es verschwindet. Man wartet. Bestimmt muss er einmal ins Bad, auf die Toilette. Man wartet umsonst.“ Eine Ohnmacht macht sich breit, selbst als Nicht-Betroffene, ahne ich das Ausmaß, aus dem mich nur ein Schweigen heraustragen kann.

Mehr Worte möchte ich nicht zum Inhalt verlieren und die Melodie für mich behalten. Sie ist zu schön, als dass ich schon vorab einen Teil mit meinen eigenen Worten wiedergebe. Nur so viel sei noch erzählt: Es ist eine nachdenkliche Geschichte über zwei Menschen, denen das Leben einen Stein ins Herz geworfen hat, der an ihnen zieht und die Leichtigkeit verjagt. Ich suche ein Lächeln und finde nur ein leises Seufzen, das an nebelverhangende Morgen erinnert. Doch wie sich die beiden Männer einander nähern, sich ihre Geschichten erzählen und dadurch langsam zu sich finden, hat etwas Anrührendes, das bewegt und gleichzeitig das Seufzen beiseite schiebt. Ein Sonnenstrahl kriecht durch die grauen Wolken und verschluckt den Nebel.

Milena Michiko Flašar ist die Tochter einer Japanerin und eines österreichischen Vaters. Gerade die japanischen Züge spiegeln sich in dem Roman wieder. Wie eine Kalligraphin schafft Milena Michiko Flašar filigrane Zeichen, die ein warmes Bild ergeben, aus dem ich mich nicht lösen möchte. Ich bleibe wie eine Klette daran hängen, sitze nicht in Berlin auf meiner Couch, sondern befinde mich in Japan unter einem Kirschbaum. Der ruhige Erzählfluss ist mir von der Autorin Banana Yoshimoto sehr vertraut und weckt schöne Erinnerungen. Ehe ich mich versehe, gleite ich in einer Stille davon, in eine andere Zeit, in eine andere Welt, die sich von meiner unterscheidet. Draußen vorm Fenster verstummen die röchelnden Motoren der Autos, einzig das Rascheln der Seiten ist zu hören und von irgendwo her nehme ich das Klappern von Holzstäbchen wahr.

Die Sprache liegt der Autorin besonders am Herzen, sie ist das Instrument, auf dem sie mit großer Hingabe spielt. Das entnehme ich ihren wohl bedachten Sätzen, die sich für mich zu einem langen Gedicht formen. Es gibt kaum eine Seite, auf der ich nicht stehen bleibe, lausche und mir wünsche, ich könnte ihre Worte auf eine lange Wäscheleine hängen. Mutmachende und kraftvolle Gedanken, die sich wie ein warmer Sonnenstrahl auf den abgekühlten Asphalt legen und der Hoffnung den richtigen Weg zeigen.

Milena Michiko Flašar.
Ich nannte ihn Krawatte.
Januar 2012, 144 Seiten, 16,90 €.
Verlag Klaus Wagenbach.

Über die Autorin:

Milena Michiko Flašar wurde 1980 in St. Pölten geboren. Sie hat in Berlin und Wien Komparatistik, Germanistik und Romanistik studiert. Sie lebt als Schriftstellerin in Wien und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. „Ich nannte ihn Krawatte“ ist ihr drittes Buch. Wer mag, kann sich gern auf der Homepage der Autorin umschauen.

Schatten der Vergangenheit.

Die Vergangenheit wiegt in „Engel des Vergessens“ einiges, so viel, dass ich manchmal kurz davor war, unter dem Gewicht zusammenzubrechen. Die diesjährige Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises Maja Haderlap hat in ihrem Roman die Geschichte der slowenischen Minderheit in Kärnten niedergeschrieben und ein Zeugnis abgelegt über das furchtbare Schicksal, das sich während des Zweiten Weltkrieges in dem Landstrich abgespielt hat. Mit ihrem Debüt tritt Maja Haderlap den Beweis an, wie bedeutend es ist, die Vergangenheit literarisch zu verarbeiten.

Die Geschichte beginnt zunächst sehr friedlich und hat sogar etwas Gemütliches in sich. Für kurze Zeit ist es warm und heimelig. Ich atme sofort die Düfte der Speisen ein, von der die Ich-Erzählerin berichtet. Sie beobachtet die Großmutter, wie sie das Essen zubereitet und spürt eine Magie: „Ihre Gerichte haben eine verborgene Kraft, sie können das Diesseits mit dem Jenseits verbinden, sichtbare und unsichtbare Wunden heilen, sie können krank machen.“ An der Stelle fühle ich schon jetzt einen kalten Schatten auf meiner Schulter, der Dunkles ahnen lässt.

Das Mädchen lebt mit der Familie in einem kargen Haus, in dem überall noch die Kälte des Krieges spürbar ist. Er hat sich in die rissigen Wände gesetzt und in den erschöpften Köpfen der Menschen. Einige kommen mit den Folgen des Zweiten Weltkrieges nicht zurecht und begehen Suizid. Nach und nach erzählt die Großmutter von den eigenen Kriegserlebnissen. Es fallen Wörter wie Dachau, Ravensbrück und Mauthausen. Das Mädchen blickt den Verbrechen der NS-Zeit ins Gesicht und stößt auf Furchtbares, bei dem ich oft stoppen muss, doch damit nicht genug. Der eigene Vater zerbricht unter den Folgeerscheinungen des Krieges, er war Partisane und hat wie viele andere auch zahlreiche schmerzhafte Verluste erleben müssen. So sind Verwandte und Nachbarn bei Kämpfen und in den Lagern ums Leben gekommen. Wie eine Ratte frisst ihn die Vergangenheit fast auf, dass sich eine nicht enden wollende Todessehnsucht in ihn festsetzt, vor der ihn seine Tochter beschützen will. Nach dem Selbstmord eines Freundes des Vaters wacht das Mädchen auf und wird sich der prekären Lage bewusst: „Jetzt wird es ernst, glaube ich zu begreifen, jetzt muss ich meinen Auftrag erfüllen, jetzt bin ich an der Reihe, Vater zu retten.“ Fortan beobachtet sie ihren Vater mit Adleraugen, wie ein Schutzengel fliegt die Tochter um den Vater, der sich in den Alkohol flüchtet und mit Gewaltausbrüchen seine Familie in Angst und Schrecken versetzt.

Im zweiten Teil des Romans folge ich einer jungen erwachsenen Frau, die in den Theaterwissenschaften einen sicheren Ort gefunden hat, „weil ich nach vielen Theaterbesuchen überzeugt bin, dass die Bühne für mich ein Raum werden könnte, wo ich allen Verzweiflungen und Verstrickungen gefahrlos begegnen würde. Die Katastrophen auf den Bühnen sind begrenzt, alle Protagonisten überleben, auch wenn sie noch so oft zu Tode gebracht werden.“ Bald schon fängt sie an, sich in die Sprache zu flüchten, schreibt Gedichte und verliert trotz allem nie die Verbindung zur Heimat und der Familie.

Das Werk spaltet sich für mich. Einerseits ist da die eine magische Sprache, in der man die Kraft der Lyrikerin spürt. Es tauchen unglaublich schöne Beschreibungen auf: „Im Kopf beginnen blank geputzte, zaghafte Wünsche zu kreisen. Sie duften nach Maiglöckchen und wirken, als seien sie gerade dem Schönheitsbad entstiegen. Sie tragen Prinzessinnenkleidung und mit Fell gefütterte Stöckelschuhe.“

Sätze wie diese gibt es etliche in dem Werk, die sich wärmend ins Gemüt legen und wie helle Funken in der dunklen Geschichte aufblitzen. Andererseits verändert sich an einigen Stellen die Form der Sprache und ich laufe den Sätzen angestrengt hinterher, verliere den Fluss und muss oft umkehren, damit ich den Faden wieder aufnehmen kann. Plötzlich stellt sich mir eine Blockade in den Weg, die ich nicht überschreiten kann.

Insgesamt bin ich jedoch tief beeindruckt von der Geschichte, die sich für mich nicht ganz entscheiden kann, was sie nun ist. Als Roman kann ich „Engel des Vergessens“ nicht stehen lassen, dafür birgt er zu viele biographische Ansätze in sich und enthält historische Aspekte, die leider nicht immer mit dem poetischen Grundton harmonieren. Es ist ein wichtiges Werk, das uns das Schicksal der slowenischen Minderheit in Kärnten vor Augen führt und zeigt, wie viel Macht die Sprache haben kann. Die Autorin schreibt es selbst: „Ich bin übervoll von Sprache, von den slowenischen Wortgebilden, die ich von mir abgebe ins Leere, weil ich nichts mit ihnen anzufangen weiß.“ Ich lese das Suchende heraus und weiß, sie wird die Antwort finden wie es ihr mit dem Schatten der Vergangenheit gelungen ist.

Maja Haderlap.
Engel des Vergessens.
Juli 2011, 250 Seiten, 18,90 €.
Wallstein Verlag.

In Sachen Einerseits und Andererseits.

Bizarr – so fängt das Buch an und so hört es auf. Kurz fällt mir ein Lächeln aus dem Mund und landet direkt auf dem Cover. Ist schon irgendwie seltsam, ich brauche „In Sachen Joseph“ nur anzuschauen und bekomme automatisch dieses verschmitzte Lächeln, obwohl es in dem Buch gar nichts zum Lachen gibt.

Husch Josten macht es ihren Lesern am Anfang nicht leicht und es scheint mir, als tut sie dies mit Absicht. Für mich liest sich die Geschichte sehr kryptisch, ist nicht leicht durchschaubar, verworren und fordert eine große Aufmerksamkeit. Die Sätze lesen sich nicht flüssig, werden immer wieder von Satzenden unterbrochen. Und doch strahlt dieses Holprige eine Faszination aus, die magnetisch an den Augen zieht und gelesen werden möchte.

Nun will ich mich nicht in der Sprache verlieren, sondern auch ein paar Worte zum Inhalt verraten. Helen ist Bibliothekarin und träumt zweimal, dass ihr Freund Joseph an einem Herztod sterben wird. Diese Tatsache erschreckt sie und bringt Helen vollkommen aus der Fassung, dass sie dem Ganzen nachgehen will. Statt es Joseph direkt zu sagen, versucht Helen auf anderem Wege, Klarheit in das Chaos zu schaffen und sucht die Menschen auf, die Joseph nahestehen wie Martha, Josephs Mutter. Die wiederum räumt Träumen nicht so eine große Symbolik ein wie es Helen tut: „Wenn man Träumen überhaupt eine Bedeutung beimessen will, und ich will nicht stur sein, dann doch grundsätzlich symbolische. Es sind keine Weissagungen, die man sich in den Terminkalender eintragen sollte.“ Helen widersetzt sich dem Argument und fühlt sich der Prophezeiung mehr als sicher, Martha hält dagegen: „Weil du dir sicher sein willst? Weil es in deinem Leben an Dramatik fehlt?“

Dramatik ist ein Stichwort, das ich an der Stelle mit Bewegung gleichsetzen möchte. Eben dies fehlt in Helens Leben. Das ist alles andere als dynamisch, eher mausgrau und äußerst schlicht gehalten. Helens Leben ist karg und erinnert mich an einen gerodeten Wald ohne zwitschernde Vögel. Ich finde keine Spur von Herzlichkeit und gemütlicher Wärme, ausladend statt einladend.

Seltsam ist auch das Verhältnis zu ihrer Familie, hier stoße ich ebenfalls auf einen kalten Eisbrocken. Helens Mutter ist wegen einer OP im Krankenhaus und nun soll sich die Tochter um den 76-jährigen Vater kümmern. Diese Aufgabe führt Helen zurück in die eigene Vergangenheit, die sie plötzlich einholt und die mit dem Traum beinah zu explodieren scheint. Den Traum von Josephs Tod erlebt sie zweimal am Ort ihrer Kindheit, dem damaligen Kinderzimmer, das seit 20 Jahren als Gästezimmer leer steht.

Bereits beim ersten Aufeinandertreffen von Vater und Tochter nehme ich eine Distanz wahr, die vom Vater ausgeht. Helen ist durchaus gewillt mit ihrem Vater ein Gespräch anzufangen: „Absurd, die Gelegenheit nicht zu ergreifen. Die Zeit zu zweit, die zufällig anfallende, räumliche Nähe ließe sich zweifellos besser nutzen, als sie beide es tun.“ Doch statt gemütlicher Zweisamkeit treffen sie sich in „der Endlosschleife wiederkehrende Weltnachrichten“, die Helen ihren Vater aus der Zeitung vorliest. Er hat es sich so gewünscht und erhebt keinen Widerspruch, lässt alles mit sich geschehen.

Was ist „In Sachen Joseph“ nun für ein Buch? Ich möchte es näher fassen, doch es gelingt mir nicht. Es einfach nur mit Wörtern wie Freundschaft, Liebe, Wahn und Wahrheit zu betiteln, wie es im Klappentext steht, ist mir zu einfach, eine gerade Linie scheint mir unmöglich. Stattdessen flutscht mir der Roman wie ein nasser Fisch ständig zwischen den Fingern weg. Tatsache ist, das Buch lässt sich nicht greifen und in eine entsprechende Schublade stecken, dafür ist es viel zu vielfältig und bizarr. Und bizarre Dinge kann man bekanntlich nicht nach Längenmaß einordnen, man muss sie für sich entdecken. Wer die Geduld hat, wird hier eine interessante Entdeckungstour erleben, das schon vorweg.

Die Wende zum Schluss ist verrückt, nur keineswegs überraschend und geradezu passend. In diesem schmalen Buch verbirgt sich mehr als ich anfangs glauben wollte. Da verwundert es nicht, dass mich Husch Josten perplex und verschmitzt lächelnd zurücklässt.

Husch Josten.
In Sachen Joseph.
Januar 2011, 169 Seiten, 19,90 €.
Berlin University Press.

Ein Buch und verschiedene Perspektiven.
Ich möchte an dieser Stelle auch an die lesenswerten Rezensionen zu „In Sachen Joseph“ von Ada, Ailis, Mariki und flattersatz hinweisen.

Wie viel Trauer verträgt eine Geschichte?


Das frage ich mich, seit ich das Hörbuch „Lied ohne Worte“ von Sofja Tolstaja beendet habe. Es ist ein Juwel, das ich euch nicht vorenthalten wollte. Die tiefe russische Seele kenne ich gut. Trotzdem bin ich hin- und hergerissen und weiß nicht, wie ich das Ganze einordnen soll.

Sonja Beißwenger ist die ideale Besetzung, um den Roman vorzulesen. Ihre Sanftmut in der Stimme hat mich sofort gelockt und weich fallenlassen. Die Sätze der Schriftstellerin schmiegten sich wie Zahnräder ins passende Getriebe der Sprecherin. Somit ist von Beginn an eine ruhige Harmonie vorhanden, die für die schwere Geschichte auch vonnöten ist.

Die Hauptperson in dem Roman ist Sascha, eine sehr empfindsame Seele. Ihr fehlt es an Kraft und Stärke. Nach dem Tod der geliebten Mutter sackt die junge Frau vor Kummer zusammen und fällt in ein dunkles Loch. Selbst ihrem gutmütigen, distanzierten Ehemann Pjotr gelingt es kaum, sie da wieder herauszuziehen bis er eine Idee hat: Er schlägt seiner Frau vor, gemeinsam mit dem Sohn den Sommer auf dem Lande zu verbringen. Nach anfänglicher Skepsis stimmt die junge Frau dem Vorschlag zu.

Auf dem Lande ist es schön, aber sehr ruhig. Eines Abends hört Sascha beim Spaziergang musikalische Klänge von Mendelssohn-Bartholdys „Liedern ohne Worte“. Sie kommen aus dem Nachbarhaus. Dem nähert sie sich und lernt einen jungen Komponisten kennen. In der Musik findet Sascha langsam zu sich und entdeckt die große Leidenschaft für Musik wieder. Kraftschübe bauen die junge Frau auf und nicht nur das: Sie verliebt sich in den Musiker jener klassischer Töne.

Poetische und sensible Klänge tauchen aus „Lied ohne Worte“ auf. Sie klettern wie kleine Ranken empor und setzen sich an die empfindsamen Stellen. Sofja Tolstaja verliert sich jedoch nicht in den Gefühlen und verleiht ihrem Werk etwas sehr Authentisches. Genau das drückt hier alles brutal zu Boden. Mir fiel es schwer, ständig den melancholischen Ton Saschas zu ertragen. Ich vermisste ein ausgleichendes Element, ein Pendel, an dem ich mich wieder hochziehen konnte. Das Leben besteht aus Schattenseiten, sonst würden wir uns verbrennen. Aber wenn die Sonne gänzlich fehlt, werde ich von einer bissigen Unruhe befallen. Wer weiß, vielleicht habe ich zu viel Leichtigkeit im Herzen, um das Gewicht das Hörbuchs zu tragen.

Sonja Beißwenger und Sofja Tolstaja spielen ihre ganz eigene Ouvertüre, die einen wunderschönen Klang hat und mich trotzdem nicht ganz erreichen konnte. Aber ich habe immer wieder auf Play gedrückt, weil mich die Geschichte nie ganz losließ. Seitdem weiß ich nicht genau, was ich denken soll und mich frage: Wie viel Trauer verträgt eine Geschichte?

Sofja Tolstaja.
Lied ohne Worte.
Gelesen von Sonja Beißwenger.
04 Std. 30 Min., 13,95 €.
audible.de