Vibrationen.

„Heimsuchungen“ von Chimamanda Ngozi Adichie ist ein Buch, das alles in mir in Bewegung setzt und mich aufspringen lässt. Wie stellt die Autorin das nur an? Hat sie doch einen ruhigen, klaren Erzählstil, der mich an Alice Munro erinnert.

Die Stimme ähnelt einem stillen See, der aussieht, als wäre er ein glattes Tuch. Von aufwühlenden Strömungen kann keine Rede sein und dennoch spüre ich Vibrationen vom Zeh bis in den Kopf. Es ist das Innenleben ihrer zwölf Erzählungen, die wie kleine Kontrastmittel Dinge beleuchten, was sonst nur die Technik vermag. Die Autorin bewegt sich zwischen Nigeria und Amerika, schreibt über die Unruhen in Nigeria und über die Hoffnung in dem großen Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Sie verdeutlicht die Widerstände in Nigeria und die Kulturunterschiede beider Länder. Warmes wird kalt, Helles wird dunkel.

Gleich in der ersten Erzählung „Zelle eins“ legt die Autorin ihrem Protagonisten Nnamabia eine Beobachtung in den Mund, die mich aufhorchen lässt. Der junge Student ist verhaftet worden, weil er die Ausgangssperre nicht eingehalten hat. Nun berichtet er seiner Familie von den Zuständen auf der Polizeiwache: „Wenn Nigeria wie diese Zelle regiert würde“, sagte er, „hätten wir in diesem Land keine Probleme. Alles ist durchorganisiert. Unsere Zelle hat einen Chef, General Abacha, und er hat einen Stellvertreter. Wenn du eingeliefert wirst, musst du ihnen Geld geben. Wenn du’s nicht tust, kriegst du Ärger.“ Hatte er Geld? Ja, hatte er, versteckt in seinem After. Die Geschichte führt immer tiefer in die Machenschaften der Gefangenen, durchleuchtet die Brutalität und rüttelt den übermütigen Nnamabia mehr und mehr auf. Währenddessen berichtet seine Schwester von der Außenwelt, so gab es erneut einen Kultangriff auf dem Campus. Die Axt bewegt sich weiter und haut unerschütterlich zu.

Etwas ruhiger scheint die anschließende Erzählung „Imitation“, in der Nkem von der Geliebten ihres Mannes erfährt. Sie lebt in Amerika und ihr Ehemann pendelt zwischen Nigeria und den Vereinigten Staaten hin und her. Die Schwangerschaft brachte Nkem nach Amerika. Stolz war sie damals, „weil sie in die begehrte Klasse der reichen Nigerianer eingeheiratet hatte, die ihre Frauen für die Geburt der Kinder nach Amerika schickten.“ Ein Haus wurde gekauft, obwohl anfangs nie die Rede davon gewesen war, länger zu bleiben. Mittlerweile lebt Nkem in Amerika und ihr Mann kommt nur in den Sommerferien in die neue Heimat. Warum wählt er so ein geteiltes Leben? Eine Bekannte von Nkem bringt es auf den Punkt: „Weil Amerika keine Großen Herren anerkennt. In Amerika sagt keiner: Sir! Sir!“ Das scheinbar sichere Leben von Nkem bekommt jetzt Risse, die Nkem nicht stopft, sondern hindurchschlüpft und der aufkommenden Rebellion nachgibt. Das Ruhige erliegt dem Kampf.

Mindestens genauso einschneidend ist „Ein privates Erlebnis“. In der Erzählung fokussiert Adichie neben einem religiösen Gewaltakt zwei Frauen aus verschiedenen Verhältnissen, die nach den Ausschreitungen auf einem Markt in einen Laden flüchten. Nach der Ankunft wird ihnen bewusst, was sie verloren haben: Die Händlerin eine Kette und ihre Tochter. Die Medizinstudentin ihre Burberry-Tasche und ihre Schwester. Hier werden die Gegensätze wie ein vorsichtiger Stoß spürbar, ohne zu bewerten, schieben sich die Unterschiede vors Gesicht. Chika ist Igbo-Christin, die andere Muslimin, die gebrochene Sprache zwischen den beiden Frauen agiert als dokumentierendes Element. Chikas Mutter reist zu Geschäftsreisen nach London, die Händlerin hingegen hat sechs Kinder zu versorgen und verkauft Zwiebeln auf dem Markt, dort wo sich Igbo-Christen und Hausa-Muslime einen Kampf geliefert haben. Langsam nähern sich die beiden in ihrem Gespräch an. Während sich Chika bedeckt hält, scheut die Händlerin nicht davor zurück von ihren brennenden Brustwarzen zu sprechen und ihre Bluse auszuziehen, als sie erfährt, dass Chika Medizin studiert. Chika ist immer noch betroffen von dem einschneidenden Erlebnis: „Sie und ihre Schwester sollten von dem Gewaltausbruch nicht betroffen sein. Über solche Gewaltausbrüche las man in Zeitungen. Sie stießen anderen zu.“

Das Radikale lauert in jeder Geschichte und bricht vulkanartig aus. Das Erzählte brodelt aus dem Drama, das sein Gesicht zeigt, erschütternde Vibrationen schlängeln sich durch die Sätze, führen eine tiefe Bestürzung herbei, schnüren mir an manchen Stellen die Kehle zu, dass ich nicht schlucken kann und mich festkralle. Die Autorin bewegt sich zwischen beiden Ländern wie ein Pendel, spricht den jungen Nigerianern aus der Seele, die in Amerika auf ein besseres Leben hoffen und nicht selten an spitze Kanten stoßen. Beziehungen, die durch die Distanz auf eine harte Probe gestellt werden, plötzlich andere Formen annehmen, mit denen keiner gerechnet hat. Leichte Träume, die sich auf einmal anfühlen, als wären sie schwere Steine. In alldem vereint Adichie das Afrikanische und Westliche, bewegt sie aufeinander zu und erzeugt damit einen ganz eigenen Ton, bei dem nicht an Ruhe zu denken ist. Es vibriert jederzeit.

Chimamanda Ngozi Adichie.
Heimsuchungen.
April 2012, 300 Seiten, 19,99 €.
S. Fischer Verlag.

Über die Autorin:
Chimamanda Ngozi Adichie wurde 1977 in Nigeria geboren. Sie lebt heute in Nigeria und den Vereinigten Staaten und ist eine der bedeutendsten Stimmen Afrikas. Ihr erster Roman „Blauer Hibiskus“ stand auf der Longlist für den Booker Prize, der Roman „Die Hälfte der Sonne“ gewann den Orange Prize for Fiction. Adichie steht auf der renommierten Liste der „20 besten Schriftsteller unter 40“ des „New Yorker“.

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19 Gedanken zu “Vibrationen.

  1. Liebe Klappentexterin,
    herzlichen Dank für diese ganz wunderbare Rezension. Adichie steht auf meiner Wunschliste, seitdem ich ihren Namen auf der Liste der „20 under 40“-Liste gesehen habe. Seit kurzem steht ihr Buch auch schon hier bei mir zu Hause im Regal. Leider stehen rechts und links davon aber noch sehr viele andere Bücher, die alle dringend gelesen werden möchten … deine schöne Besprechung lässt meinen Wunsch aber auf jeden Fall wachsen, es möglichst bald zu lesen.

    Ganz liebe Grüße
    Mara

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    1. Liebe Mara,
      die Autorin habe ich damals bei deinem Beitrag entdeckt, daran erinnere ich mich noch. Wie schön, dass sie schon zu dir gefunden hat! Wenn die Bücher links und rechts abgenommen haben, darfst du dich auf ein sehr eindrucksvolles Leseerlebnis freuen.

      Ganz liebe Grüße zurück
      Klappentexterin

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  2. Du hast mich wieder wahnsinnig neugierig auf ein Buch gemacht, auf das ich sonst einfach nicht kommen würde. Es klingt sehr eindringlich. Deine Worte gehen total unter die Haut. Danke. LG mila

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  3. Liebe Klappentexterin,
    schon wieder hast Du mich in mein Regal greifen und ein Buch herausziehen lassen, dass ich vor einigen Jahren gelesen habe. Es ist „Die Hälfte der Sonne“ von ebenjener Autorin, die Du hier vorstellst. Dieses Buch hat mich damals tief beeindruckt, denn ich hatte noch kein Buch einer afrikanischen Autorin mit dem Thema „Biafra“ (Gründung des Staates) gelesen. Jetzt hast Du mich natürlich neugierig auf diese Kurzgeschichtensammlung gemacht. Wenn diese genau so gut ist wie der Roman, werde ich sie mir sicherlich zulegen. Danke für den Tipp!

    LG
    lesesilly

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    1. Liebe lesesilly,
      noch ein schöner Moment! Ich freue mich, wenn ich dich erneut zum Griff ins Regal anschubsen konnte. Schon jetzt weiß ich, ich möchte von der Autorin noch mehr lesen und liebäugle mit genau diesem Roman. Darauf freue ich mich (jetzt nach deinen Worten noch mehr). Und du darfst dich auf die Erzählungen freuen! Danke für deine Rückmeldung!

      Herzlichst,
      Klappentexterin

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  4. Es ist zum Haare raufen, schon wieder schreibst du über ein intressantes Buch. Aber gut, dass es eine afrikanische Schriftstellerin ist, sie gehen in Europa meist etwas unter, finde ich. Dabei gibt es so wunderbare afrikanische Literatur und ich bin sehr neugierig auf diese Kurzgeschichten.

    Danke für deine Rezension, liebe Klappentexterin

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    1. Oje! Na, wie war das doch gleich? Bücher werden Gott sei Dank nicht schlecht und lassen dir Zeit. : ) Hab lieben Dank für deinen Besuch!
      Ich stimme dir zu, afrikanische AutorInnen sehe ich selten… Wen kannst du mir denn noch empfehlen? LG, Klappentexterin

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      1. Der Nigerianer Ken Saro-Wiwa hat mich mit „Lemonas Geschichte“ sehr beeindruckt . Vor vielen Jahren habe ich den Roman vonLewis Nkosi „Weisse Schatten“ gelesen, das noch zu Zeiten der Apartheid in Südafrika entstand oder die Autobiographie des Südafrikaners Mark Mathabane „Kaffern Boy“, der eindrücklich vom Leben während der Apartheid in den Townships von Johannesburg erzählt. Ken Bugul „Die Nacht des Baobab“, eine junge senegalesische Frau kommt nach Europa um zu studieren und endet in Bars und Nachtclubs. Sie beschreibt wie es sich anfühlt als schwarze Frau unter Weissen leben zu müssen. Aktueller ist sicher die senegalesische Autorin Fatou Diomé. Nicht zu vergessen sind auch Schriftsteller aus dem Maghreb, die Algerierin Assia Djebar oder Mouloud Mammeri und der Libyer Hisham Matar, dessen zwei Romane mich sehr angesprochen haben. Es gäbe da noch einige mehr, aber von den einen oder anderen die ich gelesen habe, gibt es eventuell nur noch antiquarische Bücher All diese SchriftstellerInnen kann ich dir wärmstens empfehlen. Vom einen oder anderen hast du vielleicht ja auch schon etwas gelesen.

        Ich wünsche dir viel Freude beim Entdecken des afrikanischen Kontinents mit seinen unglaublichen und faszinierenden Geschichten.

        P.S. Aufgrund deiner Rezension, habe ich mir das Buch von Chimamanda Ngozi Adichie gleich gekauft.

        LG buechermaniac

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      2. Wow, so viele Autoren! Das ist fantastisch! Vielen, vielen Dank dafür! Ich freue mich sehr, dass das Buch so schnell zu dir gefunden hat und wünsche dir interessante Leseerlebnisse! Schon jetzt bin ich auf deine persönlichen Eindrücke sehr gespannt. LG, Klappentexterin.

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  5. Liebe Klappentexterin,
    beim Lesen Deiner Rezension bekam ich eine leichte Gänsehaut. Ja, es geht ein wenig unter die Haut, wenn man afrikanische Schriftstellerinnnen und ihre Geschichten kennenlernt. Dasselbe gilt für Schriftstellerinnen, die es gewagt haben, in Afrika eine Heimat zu finden, sei es der Liebe wegen oder aus anderen Gründen. Afrika ist ein großer Kontinent, Afrika hat eine andere Kultur, eine andere Lebensweise als in der westlichen Welt. Afrika verbinde ich mit Härte, mit Überlebenskampf, mit „Anders leben“. Und trotzdem tauchen Glück und Freude in den Geschichten auf, aber eben anders, nicht zu vergleichen mit der westlichen Leichtigkeit.
    Ich hoffe, Du hast verstanden, was ich sagen wollte. Es ist schwierig, dieses Gefühl in Worte zu fassen.

    LG
    Annegret

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    1. Liebe Annegret,
      ich möchte dir für deinen schönen Kommentar danken, schöne und nachdenkliche Worte. Ich habe alles verstanden und sehr gern gelesen. Es ist ein anderes Leben, dort in dem heißen Land, so wie du es beschrieben hast. Es ist ein Leben, das wir durch die Literatur auf eine andere Weise kennenlernen können. LG Klappentexterin

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  6. Ich mochte von Adichie „Purple Hibiscus“ sehr. Ich bin normalerweise nicht so ein Fan von Kurzgeschichten, aber Deine Rezension hat mich dazu ermutigt, auch einmal „Heimsuchungen“ zu lesen. Danke für die Rezension! LG Beate

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  7. Und da lobe ich mir die Kommunikation auf den Blogs, denn über meinen Kommentar hat Beate mein Interesse an der Schriftstellerin mitgekriegt und mir gleich „Purple Hibiscus“ geliehen. Da müssen wir nur gucken, wer sich als Erste die Heimsuchungen zulegt. LG Mila

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