Der ganze Thomas Bernhard. Und sein Hab und Gut dazu.

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© Suhrkamp Verlag

Am 12. Februar 1989 ist Thomas Bernhard gestorben. Dieser sprachgewaltige Weltankläger hat also vieles nicht mehr miterlebt. Den Fall der Mauer, das Ende der Sowjetunion, den Zerfall Jugoslawiens, wo er mehrfach hinreiste, ganz zu schweigen vom Internet und Menschen, die sich eine Berufsbezeichnung geben, die irgendwie nach dem lateinischen Wort für Grippe klingt. Hochansteckende Hysterie als Reaktion auf seine Literatur war ihm trotzdem nicht fremd. Seine Anklage gegen eine gedankenlose und gleichgültige Welt entlud sich nicht selten in legendären, kunstvollen Beschimpfungen. Kein Fremdenverkehrsverband hätte mehr für Augsburgs Berühmtheit tun können, als Bernhard mit seiner Lechkloake. Und erst das Burgenland! Eine Strafanstalt, fad und häßlich. Aber das mit der Kunst verstanden viele nicht, folgerichtig kam es zu ebenso legendären Reaktionen von Reaktionären, die zumeist unsouverän bis offen feindselig ausfielen. Bestes Beispiel: Die Hasstiraden auf sein letztes Theaterstück Heldenplatz.
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Kämpfen lohnt sich, sagt die alte Dame.

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Ob Baba Dunja und Lucia Binar gute Freundinnen wären? Ganz bestimmt! Verbindet sie doch, dass sie beide starke Frauen und beeindruckende Romanheldinnen sind, die zwischen den Buchdeckeln ein selbstbestimmtes Leben führen. Alina Bronskys »Baba Dunjas letzte Liebe« und Vladimir Vertlibs »Lucia Binar und die russische Seele« sind äußerst mitreißende, herrlich unterhaltende Bücher mit viel Witz zwischen den Zeilen. Beide Bücher haben es auf die diesjährige Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft, leider blieb die Tür der Shortlist für sie verschlossen. Aber natürlich ist Vladimir Vertlibs Roman trotzdem eine Rezension wert. Oder besser: gerade deswegen!

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Schatten der Vergangenheit.

Die Vergangenheit wiegt in „Engel des Vergessens“ einiges, so viel, dass ich manchmal kurz davor war, unter dem Gewicht zusammenzubrechen. Die diesjährige Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises Maja Haderlap hat in ihrem Roman die Geschichte der slowenischen Minderheit in Kärnten niedergeschrieben und ein Zeugnis abgelegt über das furchtbare Schicksal, das sich während des Zweiten Weltkrieges in dem Landstrich abgespielt hat. Mit ihrem Debüt tritt Maja Haderlap den Beweis an, wie bedeutend es ist, die Vergangenheit literarisch zu verarbeiten.

Die Geschichte beginnt zunächst sehr friedlich und hat sogar etwas Gemütliches in sich. Für kurze Zeit ist es warm und heimelig. Ich atme sofort die Düfte der Speisen ein, von der die Ich-Erzählerin berichtet. Sie beobachtet die Großmutter, wie sie das Essen zubereitet und spürt eine Magie: „Ihre Gerichte haben eine verborgene Kraft, sie können das Diesseits mit dem Jenseits verbinden, sichtbare und unsichtbare Wunden heilen, sie können krank machen.“ An der Stelle fühle ich schon jetzt einen kalten Schatten auf meiner Schulter, der Dunkles ahnen lässt.

Das Mädchen lebt mit der Familie in einem kargen Haus, in dem überall noch die Kälte des Krieges spürbar ist. Er hat sich in die rissigen Wände gesetzt und in den erschöpften Köpfen der Menschen. Einige kommen mit den Folgen des Zweiten Weltkrieges nicht zurecht und begehen Suizid. Nach und nach erzählt die Großmutter von den eigenen Kriegserlebnissen. Es fallen Wörter wie Dachau, Ravensbrück und Mauthausen. Das Mädchen blickt den Verbrechen der NS-Zeit ins Gesicht und stößt auf Furchtbares, bei dem ich oft stoppen muss, doch damit nicht genug. Der eigene Vater zerbricht unter den Folgeerscheinungen des Krieges, er war Partisane und hat wie viele andere auch zahlreiche schmerzhafte Verluste erleben müssen. So sind Verwandte und Nachbarn bei Kämpfen und in den Lagern ums Leben gekommen. Wie eine Ratte frisst ihn die Vergangenheit fast auf, dass sich eine nicht enden wollende Todessehnsucht in ihn festsetzt, vor der ihn seine Tochter beschützen will. Nach dem Selbstmord eines Freundes des Vaters wacht das Mädchen auf und wird sich der prekären Lage bewusst: „Jetzt wird es ernst, glaube ich zu begreifen, jetzt muss ich meinen Auftrag erfüllen, jetzt bin ich an der Reihe, Vater zu retten.“ Fortan beobachtet sie ihren Vater mit Adleraugen, wie ein Schutzengel fliegt die Tochter um den Vater, der sich in den Alkohol flüchtet und mit Gewaltausbrüchen seine Familie in Angst und Schrecken versetzt.

Im zweiten Teil des Romans folge ich einer jungen erwachsenen Frau, die in den Theaterwissenschaften einen sicheren Ort gefunden hat, „weil ich nach vielen Theaterbesuchen überzeugt bin, dass die Bühne für mich ein Raum werden könnte, wo ich allen Verzweiflungen und Verstrickungen gefahrlos begegnen würde. Die Katastrophen auf den Bühnen sind begrenzt, alle Protagonisten überleben, auch wenn sie noch so oft zu Tode gebracht werden.“ Bald schon fängt sie an, sich in die Sprache zu flüchten, schreibt Gedichte und verliert trotz allem nie die Verbindung zur Heimat und der Familie.

Das Werk spaltet sich für mich. Einerseits ist da die eine magische Sprache, in der man die Kraft der Lyrikerin spürt. Es tauchen unglaublich schöne Beschreibungen auf: „Im Kopf beginnen blank geputzte, zaghafte Wünsche zu kreisen. Sie duften nach Maiglöckchen und wirken, als seien sie gerade dem Schönheitsbad entstiegen. Sie tragen Prinzessinnenkleidung und mit Fell gefütterte Stöckelschuhe.“

Sätze wie diese gibt es etliche in dem Werk, die sich wärmend ins Gemüt legen und wie helle Funken in der dunklen Geschichte aufblitzen. Andererseits verändert sich an einigen Stellen die Form der Sprache und ich laufe den Sätzen angestrengt hinterher, verliere den Fluss und muss oft umkehren, damit ich den Faden wieder aufnehmen kann. Plötzlich stellt sich mir eine Blockade in den Weg, die ich nicht überschreiten kann.

Insgesamt bin ich jedoch tief beeindruckt von der Geschichte, die sich für mich nicht ganz entscheiden kann, was sie nun ist. Als Roman kann ich „Engel des Vergessens“ nicht stehen lassen, dafür birgt er zu viele biographische Ansätze in sich und enthält historische Aspekte, die leider nicht immer mit dem poetischen Grundton harmonieren. Es ist ein wichtiges Werk, das uns das Schicksal der slowenischen Minderheit in Kärnten vor Augen führt und zeigt, wie viel Macht die Sprache haben kann. Die Autorin schreibt es selbst: „Ich bin übervoll von Sprache, von den slowenischen Wortgebilden, die ich von mir abgebe ins Leere, weil ich nichts mit ihnen anzufangen weiß.“ Ich lese das Suchende heraus und weiß, sie wird die Antwort finden wie es ihr mit dem Schatten der Vergangenheit gelungen ist.

Maja Haderlap.
Engel des Vergessens.
Juli 2011, 250 Seiten, 18,90 €.
Wallstein Verlag.