Ein herrlich verrücktes Krimiabenteuer.

Eine kleine Warnung vorab: Wer Angst vor Gespenstern hat, sollte jetzt lieber nicht weiterlesen. Allen anderen möchte ich Heilige und andere Tote von Jess Kidd dringend empfehlen. Vorausgesetzt, ihr mögt Krimis, die durchaus einen mystischen Touch haben. Wie bereits in Kidds Debüt Der Freund der Toten tummeln sich in ihrem neuen Werk allerhand übersinnliche Wesen herum. Das Erstaunliche ist jedoch, dass diese sogenannten Heiligen sich nach einer gewissen Lesezeit völlig normal anfühlen. Vielleicht auch deshalb, weil sie treue Begleiter der sympathischen Heldin sind. Aber keine Sorge: Gänsehautmomente und erhöhter Puls sind bei diesem Krimi trotzdem garantiert. Weiterlesen

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Kriminell gut: Ein Roman mit Mörder.

bogmail_roman_mit_moerderFür gewöhnlich lest ihr auf meinem Blog Buchbesprechungen über zeitgenössische Literatur. Manchmal findet sich hier auch ein Kinderbuch oder ein Klassiker. Doch Krimis kommen so gut wie kaum vor. Aber heute mache ich eine Ausnahme. Und das aus zwei Gründen. Zum einen habe ich eine kleine Krimi-Sensation gelesen, die sich hervorragend als Weihnachtsgeschenk eignet. Ja, bald ist es wieder soweit. Zum anderen hat mir das kürzlich im Steidl Verlag erschienene Buch, »Bogmail. Roman mit Mörder«, wieder einmal vor Augen geführt, weshalb ich die Welt der Indiebooks so schätze.

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Die Stille. Zwischen den Stürmen des Lebens.

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Stille. Und lange Zeit nichts. Der Lärm schrumpft zu einem kleinen Häufchen zusammen und verlässt fliegend meinen Körper. Dies geschieht während ich die ersten Sätze in Tage des letzten Schnees von Jan Costin Wagner lese. Das Buch umschließt mich wie ein Vakuum. Ich lächle und denke, so ist es mit manchen Büchern, sie kommen genau zur richtigen Zeit, wie kleine Engel setzen sie sich in deine Hände und schenken dir das, wonach du dich sehnst.

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Keine Bewegung – nur lesen!

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Ich habe in diesem Jahr mein Herz für Gangster entdeckt. Im Frühjahr hat mich der Bankräuber Willie Sutton in J.R. Moehringers fulminanten Roman Knapp am Herz vorbei auf seine Seite gezogen. Im Juni folgte dann Tony Soprano aus der genialen Mafia-Serie The Sopranos. Und jetzt steht Joe Coughlin vor mir und meine Augen strahlen. Er ist der Protagonist aus dem Krimi In der Nacht von Dennis Lehane. Zum Ende des für mich eher bescheidenen Lesejahres hat mir der Diogenes Verlag noch einen Joker in die Hand gedrückt. Es wäre zu schade, die Begeisterung für mich zu behalten. Also, folgt mir in die düstere, faszinierende Welt des Gangstertums. Weiterlesen

Sensenmann lädt ein.

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Der Sensenmann ist mir auf den Fersen. Er ist aus „Dunkle Gewässer“ hervorgekrochen. Nun hat er mich am Schopfe gepackt und meinen Kopf um 180 Grad gedreht. Bevor ich schreien konnte, flogen meine Gedanken quer und schräg vor mir nieder. Jetzt sortiere ich sie, grinse mir ins Fäustchen und spüre immer noch am ganzen Körper eine Gänsehaut. Joe R. Lansdale hat einen schrägen, unheimlichen Krimi geschrieben, bei dem die Welt verkehrt herum steht. Das ist verrückt und ein atemberaubendes Abenteuer!

Der erste Satz kneift mich wie eine Wäscheklammer, die man mir auf die Nase gesetzt hat und verrät, dass es sich hier wahrhaftig um ein sehr spezielles Buch handelt: „In jenem Sommer hörte Daddy auf, Fische mit dem Telefon oder mit Dynamit zu fangen, stattdessen vergiftete er sie mit grünen Walnüssen.“ Die Geschichte haucht mir an dieser Stelle ihren Atem ins Gesicht. Leicht würzig, sauer und auf eine besondere Weise süß. Ein seltsamer Mix, bei dem sich unweigerlich ein Kopfschütteln einstellt. Ist diese ganz spezielle Kombination doch recht bizarr und makaber. Zwei Adjektive, die mich im Verlauf des Lesens immer wieder anstupsen wie zwei Katzen, die nicht müde werden, mit mir zu spielen.

„Dunkle Gewässer“ beginnt – wie es sich für einen Krimi gehört – mit einer Leiche. Während die Ich-Erzählerin Sue Ellen mit ihrem Vater, Onkel und ihrem Freund Terry am Sabine River sitzt, beißt plötzlich etwas sehr Schweres an, so dass alle gemeinsam das Seil ziehen müssen, bis sie feststellen: Dies ist kein Fisch, sondern eine Leiche. May Lynn war eine gemeinsame Schulfreundin von Terry und Sue Ellen. Jetzt liegt sie vor ihnen, an eine Nähmaschine gebunden und ist mächtig aufgedunsen vom Wasserbad. Aus Lansdale Feder liest sich das so: „Urplötzlich fing May Lynn an zu zucken und auszulaufen. Sie hatte Blähungen, die wirklich furchtbar stanken, wie ein gewaltiger Furz.“ Erschaudern und Grinsen geben sich gegenseitig die Hand. Diese komische Wechselbeziehung ist eines der herausragenden Elemente, die oft wohlwollend hervorblitzen. So verliert die Geschichte an Schwere und spannt einen hellen Rettungsschirm über die Düsternis, die morastartig aus den Seiten sickert.

Aufgeklärt wird der Mord indes nicht, dafür findet die Beerdigung in Windeseile statt. Aus, vorbei. Doch nicht bei Lansdale. Der amerikanische Autor schickt seine Helden durch eine aufregende Abenteuerjagd. May Lynn wollte zu Lebzeiten unbedingt nach Hollywood. Eben diesen Wunsch holen die Freunde jetzt postum nach. Also wird die Leiche transportfähig gemacht, verbrannt und die Asche in einen Behälter gefüllt. Vor der Reise graben sie noch einen Schatz aus, der wie gerufen kommt. May Lynn hielt die Schatzkarte von ihrem verstorbenen Bruder in ihrem Tagebuch versteckt, das ihre Freunde gefunden haben. Leider bleibt die Tat nicht unentdeckt und so werden Terry, Sue Ellen und Jinx zu den Gejagten. Während sie zusammen mit Sue Ellens Mutter auf einem Floß flüchten, heften sich habgierige Angehörige und der Constable an ihre Fersen. Sie bleiben nicht die einzigen Jäger, haben sie noch schnell den Killer Skunk auf die Gruppe angesetzt. Ein Mann, bei dessen Beschreibung schon allein die Zähne klappern. Daher mag es nicht verwundern, dass sich mit seinem Erscheinen eine äußerst gruselige Stimmung über den Schauplatz erhebt.

So nervenaufreibend und gefährlich die Flucht für Sue Ellen und die anderen wird, so befreiend ist sie für alle. Sue Ellens Mutter erlebt einen Entzug von ihrem „Allheilmittel“. Sue Ellen, die zeitlebens Angst vor ihrem Stiefvater hatte, will ihm entkommen, und beweist mit ihren Taten eine ungeheure Stärke. Terry, gesteht sich endlich seine Homosexualität ein und die schwarze Jinx, von der Gesellschaft wegen ihrer Rasse diskriminiert, findet in der Gruppe eine zweite Familie. Joe R. Lansdale hat ein Händchen für spezielle Charaktere, die genauso mitreißend sind wie das ganze Abenteuer.

„Dunkle Gewässer“ ist genreübergreifend. Crime, dazwischen Horror, Sozialdrama, Mystik und Coming of Age. Diese Vielfalt zeichnet das Gesamtstück aus, wie die einnehmende Atmosphäre und nicht zuletzt auch die wunderbare Sprache des vielfach ausgezeichneten Autors. Lansdale schafft großartige, bildhafte Vergleiche. Sie zerschmelzen wie leckere Schokolade auf der Zunge und ziehen lautes Gekicher gleichermaßen aus mir heraus. Nehmen wir Sue Ellens Beschreibung über Jinxs Aussehen: „Ihr Gesicht war niedlich, aber ihre Augen wirkten alt, wie bei einem Großmütterchen, das in ein Kind hineingestopft worden war.“ Hier stößt man in eine wahre Goldgrube an wunderschönen Bildern.
Bis zum Schluss bleibt es spannend. Der Sensenmann schleudert seine Axt und raubt mir den Frieden. Aber ich bleibe standhaft und hänge mich an die Stärke der Romanhelden. Aufgegeben wird nicht. Durchhalten lautet die Devise. Da kann der Sensenmann noch aufdringlich an meinen Fersen kleben. Ich komme durch, irgendwie.

Joe R. Lansdale.
Dunkle Gewässer.
Aus dem Amerikanischen von Hannes Riffel.
Februar 2013, 320 Seiten, 19,95 €.
Tropen bei Klett-Cotta.

Gefangen im Labyrinth.

Die Einsamkeit in „Ein reiches Leben“ ist wie der Griff einer kalten Hand, die erst wieder loslässt, nachdem ich den letzten Satz beendet habe. Die junge Autorin Mirjam Kristensen hat einen beachtlichen Roman geschrieben, bei dem ich oft staunend den Kopf geschüttelt und die Schultern gehoben habe. Ich konnte nicht glauben, was ich las.

Langsam öffnet sich die Geschichte, kleine Blütenblätter, die sich in Richtung Sonne strecken, obwohl hier nicht an Sonnenschein zu denken ist, eher an ein Unwetter, bei dem eine Gänsehaut den Körper überzieht und ein Frösteln aus den Knochen nach draußen kriecht. Dahlias Leben erinnert mich eine kahle Birke im frühen Winter, wenn die Äste die Spuren von abgefallenen Blättern zeigen. Alles erstarrt, die letzte Lebendigkeit finde ich einzig im zügigen Wind, der hungrig über die knorrige Rinde streift.

Als die Russin vor vielen Jahren mit ihrem Ehemann nach Kopenhagen emigrierte, spürte sie Angst. Heute pocht in ihr die Einsamkeit, denn sie ist allein und hat sich wie eine Einsiedlerin eingenistet. Iwan hat sie damals wegen einer anderen Frau verlassen, Freunde hat Dahlia fast keine, nur flüchtige Kontakte an der Universität. Dort arbeitet sie als Dozentin und schreibt an ihrer Doktorarbeit über Michail Bulgakow, ihr persönliches Lebenswerk, an dem sie unermüdlich feilt und feilt: „Sie würde niemals fertig werden, das dachte sie jeden Morgen, und doch setzte sie sich wieder hin und schrieb, und so wuchs die Arbeit ständig und wurde immer länger, am Ende hatte sie tatsächlich eine ganze Menge über Michail und die Weißen und die Roten und den Teufel in Moskau geschrieben.“ Nach Feierabend kauft sie Fleisch und Gemüse, der Gedanke an das Essen erzeugt in ihr eine Ruhe und legt sich wie Balsam in ihren Kopf.

Eines Nachts, als sie wieder einmal nicht schlafen kann, bemerkt sie den telefonierenden Vermieter im Garten. Isak Rubinowitz lebt mit seiner Frau Nanna über Dahlias Wohnung. Sie sprechen kaum miteinander, nur das Nötigste am Briefkasten oder ein kurzes Grußwort. Ohne, dass Dahlia es wirklich will, belauscht sie das nächtliche Telefonat, hört ein Weinen, das sie mit dem fremden Mann verbindet, hatte sie doch bis eben selbst geweint. Isak Rubinowitz ertappt sie und schleicht sich mit dem Wort „Amerika“ zurück in die Wohnung. Diese Begegnung bringt die Geschichte zwischen Dahlia und Isak Rubinowitz ins Rollen, aus Fremden werden Vertraute, als Isak ihr kurze Zeit später von dem Verkehrsunfall erzählt, bei dem ein Mädchen überfahren worden und der Fahrer bis heute nicht gefunden worden ist. Der Unfall, Isak und Dahlia verschwimmen zu einer Masse, die mich vollkommen einnimmt und bald in die Irre führt, eine gefährliche Irre, aus der ein Entrinnen nicht möglich scheint.

Dahlias Innenwelt gerät nach Isaks Beichte aus dem Gleichgewicht, dieses ihr entgegengebrachte Vertrauen ist es, das sie erschüttert: „Er hatte in ihrer Wunde gebohrt und diese wieder zum Bluten gebracht.“ Fortan kreisen ihre Gedanken nur darum, bis Dahlia einen Zufluchtsort für sich auskundschaftet: der Holocaust. Selbst ihren Michail vergisst sie dabei, gräbt sich in die tieferen Schichten des furchtbaren Krieges, schreibt einen Artikel über einen Erzählband, „der vom Holocaust“ handelt und erhält eine Einladung zu einer Konferenz über die Holocaustliteratur in Jerusalem. Die Flucht in diese andere Welt erfüllt sie im höchsten Maße und führt sie mit jedem Buch weiter weg aus ihrem eigenen Leben, bis eines Tages Isaks Frau vor ihrer Tür steht.

Was ist das Ganze nun? Ein Roman? Ein Thriller? Ich weiß es bis heute nicht. Mirjam Kristensen hat mich in ein Labyrinth geführt, so leise und raffiniert, dass es mich erschaudert. Unglaublich, wie sie das angestellt hat! Die junge Autorin kriecht in das Leben einer älteren Frau und ist dabei so täuschend echt. Eine unzufriedene einsame Frau, die ihren Platz in dem fremden Land sucht und gedankenschwer durch das Leben zieht. Sie fliegt wie ein aufgescheuchter Vogel umher, sehnt sich nach Wärme, scheut aber vor Nähe und Zurückweisung zurück. Die Verletzung von Iwan sitzt zu tief, will einfach nicht verschwinden. Und dann ist da der Unfall, Isaks Geheimnis, das nicht lockerlässt und zu einem großen Etwas anschwillt, eine Wunde, die nicht abheilen will und plötzlich eine ganze andere Wendung einnimmt. Grenzen verwischen, die Realität wird von der Fiktion verschluckt, alles verschiebt sich, das scheinbar gewöhnliche Leben Dahlias verwandelt sich in ein undurchsichtiges Netz. Ich stehe vor ihr, schwer atmend und fuchtele mit meinen Armen.

Mirjam Kristensen spielt nicht nur mit dem Mysteriösen zwischen Wirklichkeit und Fiktion, sie spricht große Themen an, wie die Selbstsuche, die Schuld, die Wahrheit, die Einsamkeit und die Isolation in der Großstadt. So fordert ihr Buch mehr Konzentration, als ich zunächst annahm, hat es auch viele Zwischentöne, die unerhofft in die Szene platzen, umherschwebende Blütenpollen, mit denen man nicht rechnet. Mal ist es eine Regung aus Dahlias Gedankenwelt, mal eine wechselnde Erzählperspektive und mal ein nachdenklicher Dialog.

Nach dem Ende bleiben einige Fragen offen, die kalte Hand sitzt noch auf meiner Schulter und ich erschaudere. Erst langsam taue ich auf und ich forme einen Satz, der mir durch den Kopf spukt: Hier ist ein Wunderkind zugange, das mich mit jeder Zeile ihrer Geschichte beeindruckt und den Wunsch nach mehr weckt.

Mirjam Kristensen.
Ein reiches Leben.
Februar 2011, 254 Seiten, 19,90 €.
Dörlemann Verlag.

Über die Autorin:

Mirjam Kristensen wurde 1978 geboren und stammt aus Lyngdal in Norwegen. Ihr Debütroman erschien im Jahr 2000. Sie erhielt verschiedene Preise und Stipendien für ihre Werke. 2009 erschien zum ersten Mal eins ihrer Bücher auf Deutsch: Ein Nachmittag im Herbst. Die Autorin lebt in Kristansand.

Mehr als nur ein Krimi.

Oliver Bottini hat sich mit seinem neuen Krimi „Der kalte Traum“ was Großes vorgenommen. Einerseits taucht dieses Mal nicht seine beliebte Kommissarin Louise Bonì auf. Andererseits widmet er sich einem jüngeren Teil europäischer Geschichte und verknüpft dabei verschiedene Menschenschicksale miteinander.

Idyllisch und poetisch beginnt das Geschehen, ganz vertraut im Bottini Stil. Von „rotgoldenen Wäldern“ und einem „sanftmütigen Tal“ ist die Rede. Nur wenige Atemzüge und ich lehne mich entspannt zurück, bis ein kalter Wind durch die Seiten fegt, der mich aufhorchen lässt und die Ruhe zur Seite schiebt. Es ist der Fremde, der die Landschaft beobachtet. Da gehen meine Alarmantennen ganz automatisch an, so wie er das Tal bei Rottweil in Augenschein nimmt. Saša Jordan sucht Thomas Ćavar.
Mehrere Kilometer nordöstlich bittet Richard Ehringer seinen Neffen, ein Berliner Kommissar, nach Thomas Ćavar in den Datenbanken zu suchen. Und in Zagreb stößt die engagierte Journalistin Yvonne Ahrens auf ein Kriegsbild vom Kapetan. Hinter dem Namen soll sich kein anderer als Thomas Ćavar verbergen, ihr Jagdinstinkt ist geweckt. Woher kommt plötzlich das Interesse an einem Mann, der vor 15 Jahren im Bosnienkrieg gestorben sein soll? Eine Frage, die über allem schwebt und eine Hetzjagd nach sich zieht.

In verschiedenen Handlungssträngen verfolge ich die Suche und bewege mich zwischen dem Gestern und dem Heute. So begegne ich im Jahre 1990 dem jungen Thomas. Damals, als alles noch in Ordnung war. Glücklich umschleicht er wie ein Hund seinen neuen Ford Granada 2.0. und kann es kaum erwarten loszufahren. Hat er sich doch „ein Jahr und sieben Tage“ darauf gefreut. Unbeschwert genießt Thomas mit seiner Freundin Jelena die Autofahrt: „Der warme Fahrtwind, die Musik, Jelenas Hand auf seinem Schenkel, so konnte das Leben bleiben.“ Doch das wird es nicht. Wenige Stunden später brodelt es im heimischen Wohnzimmer, der Vater bringt es auf den Punkt: „Sie stehlen uns die Heimat!“ Der Blick wandert nach Kroatien, wo einige Tage zuvor „Serben Straßen- und Schienensperren errichtet und eine kroatische Polizeistation geplündert“ wurde. Zu diesem Zeitpunkt nimmt Thomas den Konflikt mit jugendlichem Leichtsinn hin, träumt mehr von einer romantischen Nacht mit seiner Liebsten, interessiert er sich nicht für Politik und Heimat. Noch nicht. Nur wenige Monate später sollte sich das ändern, als er der persönliche Chauffeur von Josip Vrdoljak, dem Mitbegründer der Kroatischen Demokratischen Gemeinschaft (HDZ) wird.

Im Oktober 2010 erfährt unterdessen der Kommissar Lorenz Adamek bei seinen Recherchen, dass sich auch andere nach Thomas Ćavar erkundigen, wie Ivica Markoić, ein Vertrauter Tuđmans. Das verrät ihm sein Onkel, ein ehemaliger hochrangiger Politiker. Er ist es auch, der den Kommissar nicht nur die Hintergründe über den Krieg in Osteuropa näher erläutert, sondern ihn auf eine zweite Möglichkeit bringt, die da lautet: „Keine Leiche. Kein Grab.“ Denn wer interessiert sich schon für einen Toten?

Die Lektüre setzt mehr Wissen über den Balkankonflikt heraus, als ich angenommen habe. Oliver Bottini fordert mich. Er schickt mich durch den jüngeren Teil europäischer Geschichte, der mir durchaus bekannt, aber nicht immer hundert Prozent vertraut ist. Es tauchen Namen und Abkürzungen wie Tuđman, Operation „Sturm“, ICTY sowie politische Hintergründe auf. Einige Lücken stoppen meinen Lesefluss, aber ich bin da nicht die Einzige, wenn ich zu Adamek schaue: „Er wusste nicht viel über Kroatien und diesen dummen, grauenhaften Krieg.“ Gott sei Dank gibt es ein umfassendes Glossar, in dem ich wichtige Namen nachlesen und aufkommende Fragezeichen wegwischen kann. Der Autor hat viel Zeit in sein Werk investiert und gewissenhaft recherchiert, das merke ich mit jeder Seite mehr. Dabei zieht er den Vorhang auf und öffnet mir den Blick hinter die Kulissen. Ich erspähe die politischen Machenschaften und die Konflikte zwischen den Volksgruppen, den Hass aufeinander und das Blutvergießen. Oliver Bottini verdeutlicht in seinem Krimi genauso das Schicksal der unabhängigen kroatischen Journalisten, die Licht in das Dunkel bringen wollen und immer wieder zum Schweigen gebracht werden, nicht selten sogar ihr Leben verlieren müssen. „Wer kroatische Kriegsverbrechen recherchiere, begebe sich in Gefahr.“ Den Journalisten hat er seinen Krimi gewidmet und damit ein Denkmal gesetzt.

Oliver Bottini ist ein großer Roman gelungen, wenngleich ich natürlich gestehen muss, dass mir Louise Bonì ein bisschen gefehlt hat. Ich bin eine sporadische Krimileserin, die vor allem ein Herz für eigenwillige und etwas entrückte Ermittler und Kommissarinnen hat. Der Autor konnte meine Sehnsucht trotzdem ein wenig stillen, indem er jedem seiner Protagonisten charakterstark gezeichnet und mir nahe gebracht hat wie den hin- und gerissenen Berliner Kommissar oder die engagierte Journalistin Yvonne Ahrens. Für mich ist dies kein typischer Krimi, in dem nur die Aufklärung eines Mordes im Vordergrund steht. „Der kalte Traum“ ist viel mehr ein packender und wissensreicher Politthriller in einer gut erzählten Sprache, die manchmal poetisch und manchmal unwahrscheinlich klar heraussticht. Man sollte in jedem Fall Zeit für dieses anspruchsvolle Buch mitbringen. Wer dies beherzigt, wird eindrucksvolle und spannende Lesemomente erleben.

Oliver Bottini.
Der kalte Traum.
Februar 2012, 448 Seiten, 18,99 €.
DuMont Buchverlag.

Meer, Spiel und Spannung.

Ich lese viel, aber nicht alles. Dafür fehlt mir leider die Zeit. Deshalb habe ich mich in die wunderbare Literaturblogwelt aufgemacht und nach Sommerschätzen gesucht. Gefunden habe ich drei Bloggerinnen, die heute bei mir Bücher vorstellen und uns ganz schnell das komische Sommerwetter da draußen vergessen lassen.

Marco Balzano.
Damals, am Meer.
Juni 2011, 224 Seiten, 17,90 €.
Kunstmann Verlag.

Diesen Sommertipp empfiehlt Mariki vom Blog Bücherwurmloch

„Damals, am Meer“ von Marco Balzano ist ein literarischer Kurzurlaub in Italien: Drei Männer fahren zusammen ans Meer, um die alte heruntergekommene Wohnung der Familie zu verkaufen. Sie sind Großvater, Vater und Sohn, sie sind hitzig, temperamentvoll, voller Sehnsüchte, aber unfähig, darüber zu reden, und sie sind nicht gut im Abschiednehmen. Doch genau das müssen sie tun – und sie kommen einander dabei ein wenig näher. Ein scharfsinniger und unterhaltsamer Roman, herausragend gut geschrieben, der den Leser ans Meer entführt, ihn den Sand spüren lässt zwischen den Zehen, der Erinnerungen an besondere Urlaube weckt und an die eigene Kindheit. Mein Sommerbuch 2011.“


Stefan Moster.
Die Unmöglichkeit des vierhändigen Spiels.
August 2009, 440 Seiten, 22,- €.
Mare Verlag.

Diesen Sommertipp empfiehlt Charlene vom Blog Bücherstadt

„Alma hat als Lebensberaterin auf einem Kreuzfahrtschiff angeheuert und will so ihrem alten Leben als Psychologin für ein paar Wochen entfliehen. Auch ihre zerbrochene Beziehung zu ihrem Sohn muss sie überdenken. Dass sich dieser als Barpianist auf demselben Schiff befindet, ahnt sie genauso wenig, wie er etwas von dem neuen Job seiner Mutter weiß. Stefan Moster hat eine wunderbare dichte und umfangreiche, aber auch humorvolle Geschichte geschaffen, die aus zwei Perspektiven erzählt wird. Auf knapp 440 Seiten schafft er es Familiengeschichte, DDR-Vergangenheit, Liebe, Frustration, Zukunftsangst, Hoffnung und Mut zu verbinden. Obwohl es sich um sehr viele und sehr breite Themen handelt, hat man nie das Gefühl, dass irgendetwas zu kurz kommt oder gedrängt dargestellt wird.“

Elizabeth George.
Denn sie betrügt man nicht.
Oktober 1999, 703 Seiten, 9,95 Euro.
Goldmann Verlag.

Diesen Sommertipp empfiehlt nantik vom Blog Crime Time

„Früher oder später herrscht in jeder Krimireihe einmal drückend heißer Sommer. Warum also sticht ausgerechnet der neunte Fall von Inspector Lynley und seinem Sergeant Barbara Havers derart aus der mörderischen Masse heraus, dass ich ihn euch ans Herz legen möchte? Weil in „Denn sie betrügt man nicht“ nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint, als im beschaulichen Badeort Ballford-le-Nez die Leiche eines Pakistani am Strand gefunden wird. Havers ermittelt zunächst auf eigene Faust, weil sich ihr Chef in den Flitterwochen befindet. Doch schon bald kommt Lynley dazu, und gemeinsam waten die beiden Ermittler durch einen Sumpf voller Familiengeheimnisse, Geldgier, Fremdenfeindlichkeit, Vorurteile, Hass, Neid und Karrieregeilheit. Hier hat fast alles einen doppelten Boden. Und am Ende kommen erschütternde Wahrheiten ans Licht, die einen zu Tränen rühren können. Dieser Krimi ist höchst subtil und setzt auf die leisen, auf die zwischenmenschlichen Töne, ohne dabei langweilig zu sein, denn Elizabeth George weiß, wie man Atmosphäre schafft und Figuren entwickelt. Ach ja, und drückend heiß ist es in diesem Krimi natürlich auch. Eine mörderisch gute Sommerlektüre eben.

Fazit: Ein dicht gewebter literarischer Teppich, der mich sprachlich überzeugt hat. Endlich mal wieder ein Buch, dass auch intellektuelle Ansprüche an den Leser stellt.“

Ich danke Mariki, Charlene und nantik herzlich für ihre Beiträge!

Spannung ohne großes Blutvergießen.

Das ist ein Krimi ganz nach meinem Geschmack! Er ist ruhig, hält kontinuierlich eine Spannung und glänzt durch eine gute Sprache. Genau die ist es auch, die eine besondere Stimmung erzeugt, der ich mich nicht entziehen konnte.

Camilla Grebe und Åsa Träff sind zwei Schwestern und haben zusammen einen bemerkenswerten Krimi geschrieben. „Die Therapeutin“ beginnt mit einer Toten, die im Garten liegt. Als Leserin erfahre ich an der Stelle noch nicht, um wen es sich handelt und wie die Frau gestorben ist, denn viereinhalb Seiten weiter sitze ich in Siri Bergmanns Praxiszimmer, bin stille Beobachterin einer Therapiesitzung zwischen ihr und der Patientin Sara Matteus. Siri Bergmann ist Psychotherapeutin. Tagsüber arbeitet sie in Stockholm, abends zieht sie sich in ihr kleines Haus am Meer zurück, geht gerne schwimmen, trinkt Wein und kämpft gegen die Angst vor der Dunkelheit. Diese Angst hat sich nicht zuletzt wegen des Todes ihres Mannes verstärkt und treibt Siri immer wieder in die gleiche Sackgasse, aus der sie nur das Licht befreien kann.

Eines Abends findet Siri in der Post einen grauen Briefumschlag, sie öffnet ihn, zieht ein Bild von sich heraus, auf dessen Rückseite steht: „Ich sehe dich.“ Danach ist nichts mehr, wie es war. Es beginnt ein Grauen, das auf ganz subtile, leise Weise heranschleicht. Siri fühlt sich beobachtet, ihr Kater verschwindet, es passieren merkwürdige Dinge und plötzlich taucht sie in eine Dunkelheit ein, die auch tagsüber anhält. Die Situation spitzt sich zu, als eines Tages ihre Patientin ermordet aufgefunden wird, nicht irgendwo, sondern direkt an ihrer Badestelle schwimmt die Leiche der jungen Frau. Eine nervenaufreibende Suche nach dem Täter beginnt, denn eins steht fest: Der Mörder kommt aus Siris näherem Umfeld.

Die beiden Autorinnen verstehen das Genre meisterhaft und sind ausgezeichnete Krimi-Autorinnen, von denen ich in der Zukunft noch mehr lesen möchte. Sie halten die Spannung, der Plot ist fantastisch und die Sprache ausgezeichnet. Es ist ein spannender und niveauvoller Krimi, der zu Recht viele positive Stimmen eingefangen hat und ein guter Beweis dafür ist, dass es nicht immer blutrünstig oder klischeehaft zugehen muss.

Camilla Grebe und Åsa Träff.
Die Therapeutin.
Januar 2011, 432 Seiten, 9,99 €.
btb Verlag.

Wenn die Nacht zum Tag wird.

Nach Hause zu kommen ist was Schönes. Wenn man genau weiß, was einen erwartet. So fühlte sich „Das verborgene Netz“ von Oliver Bottini an, nachdem ich es in wenigen Stunden durchgelesen habe. Der Autor hat mich erneut auf eine bemerkenswerte und spannende Weise gepackt, dass ich die Nacht zum Tag gemacht habe. Dies allein ist für mich immer ein verlässlicher Indikator, ob mich ein Krimi begeistert oder nicht. In Bottinis fünften Teil traf ich auf eine bekannte Kommissarin, die ich damals bei „Mord im Zeichen des Zen“ bereits ins Herz geschlossen habe. Die Rede ist von Louise Bonì. Genau die Frau, die kleine Jägermeisterflaschen besonders liebt. Das ist hier nun vorbei.

Sicherlich tauchen im neuen Fall immer wieder Situationen auf, in denen die Dämonen an Louises Kräften zehren, aber… Nein, ich verrate natürlich nicht, wie sie damit umgeht. Die Kommissarin unternimmt einen kurzen Ausflug nach Berlin, weil dort in einem Hotel ein zusammengeschlagener Mann vorgefunden wird. Versuchter Totschlag. Die Spur führt nach Freiburg. Hinzu kommen einige Merkwürdigkeiten, die die Kommissarin stückchenweise aufdröselt. Nicht zuletzt kämpft sie auch gegen andere Ermittler, die ihr immer wieder in die Quere kommen. Aber Louise wäre nicht Louise, wenn sie sich davon nicht abschrecken lassen würde. Ganz im Gegenteil, es stachelt sie erst richtig an, die einsame Alphawölfin pfeift auf die anderen und geht ihren Weg. Das ganze Schauspiel zu lesen, macht wieder viel Freude!

Der Autor wechselt zwischen forschen Tönen und leisen Stimmen. Präziser formuliert, meine ich die Melancholie zwischen Louises Herzen und die Schrecken menschlicher Machenschaften. Eine gute Mischung, die in einer feinen, schnörkellosen Sprache geschrieben ist. Genau das verleiht dem unterhaltsamen Krimi sein hohes Niveau. Das Buch berührt und heizt den Lesefluss an, weil es packend ist. Man ist die ganze Zeit wach, selbst zu später Stunde. „Das verborgene Netz“ hat einen raffinierten Plot und eine Kommissarin mit besonderen Eigenheiten, die ich mag, immer und immer wieder.

Oliver Bottini.
Das verborgene Netz.
Oktober 2010, 316 Seiten, 14,95 €.
Scherz.