Wiederentdeckte Größe: Cees Nooteboom.

IMG_0473Gibt es sie eigentlich noch, die großen Autoren? Nein, nicht die sogenannten Klassiker, bei denen nach Angabe des Geburtsjahres sofort das Jahr folgt, in dem sie uns verlassen haben. Ich meine große Autoren, die noch unter uns sind. Nein, nicht die handelsüblichen Bestseller-Garanten, nicht die Feuilleton-Lieblinge oder gar die Experten für genau kalkulierte Saisonware. Ich meine wirklich, wirklich große Autoren, solche, die zum Beispiel für den Nobelpreis in Frage kämen, so er dann eines Tages wieder verliehen werden sollte. Große Autoren scheinen eine seltene Spezies geworden zu sein. Noch seltener als die – sagen wir mal – schon ziemlich seltene Knoblauchkröte. Und ich glaube, ich habe so einen entdeckt, besser: wiederentdeckt. Cees Nooteboom, der im vergangenen, nicht enden wollenden Sommer seinen 85zigsten Geburtstag feierte.

Nooteboom-mitNachweis(c)SimoneSassenEin nicht ganz freiwilliger aber notwendiger Aufenthalt an einem anderen Ort als Zuhause gab mir viel Zeit zum Lesen. Glücklicherweise war eine gut sortierte Bibliothek in der Nähe, ganz in der Nähe, ich brauchte nur ein paar Schritte zu gehen und konnte aus tausenden von Werken wählen. Warum fiel meine Wahl ausgerechnet auf Der Umweg nach Santiago von Cees Nooteboom? Zufall oder Schicksal? Eine Frage, so alt wie die Literatur selbst, und sie wird auch an dieser Stelle unbeantwortet bleiben. Aber es passierte etwas Verblüffendes: Mitten in Berlin reiste ich mit diesem Buch in der Hand durch Spanien, lernte viel über die Geschichte der iberischen Halbinsel, über Land und Leute und noch viel mehr über alte, steinalte Kirchen und ebenso alte Verbindungen zwischen Spanien und den Niederlanden, über das Christentum und den Islam, über Architektur und überhaupt Spanien in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts.

der_umweg_nach_Santiago_Cees_NooteboomDabei hatte sich Nooteboom zunächst in Italien verliebt: »Als ich 1953 (…) zum ersten Mal nach Italien kam, glaubte ich, alles gefunden zu haben, wonach ich, unbewußt, gesucht hatte. Der mediterrane Glanz traf mich wie ein Blitz, das ganze Leben war ein geniales, öffentliches Theater…« Aber warum dann Spanien? »Spanien war danach eine Enttäuschung.« Nochmal: Warum dann Spanien? Der Autor klärt auf: »Heute habe ich eine ganz andere Einstellung dazu. Italien ist noch immer ein Traum, aber ich habe das Gefühl (…), dass der Charakter Spaniens und die spanische Landschaft dem entsprechen, was mich ausmacht (…). Spanien ist brutal, anarchistisch, egozentrisch, grausam, Spanien ist bereit, sich für Unsinn in den Ruin zu stürzen (…).« Im Grunde erzählt »Der Umweg nach Santiago« von Nootebooms ganz eigener Version einer Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela, das er erst nach vielen Umwegen und Abstechern erreichen soll.

Wie es in der Liebe so ist, erst begehrt man das offensichtlich hübsche, zum Flirten bereite Wesen, dann kommt etwas um die Ecke, das anders ist, irritierend anders, verführerisch interessant, und schon ist es um einen geschehen. Für Cees Nooteboom wurde Spanien statt Italien zur Liebe für sein ganzes Leben, das Staunen hört nie auf. Genauso erging es mir mit diesem Buch, ich staunte, ein Staunen darüber, wie viel einem Literatur doch geben kann. Ein durch und durch analoges Vergnügen, eine Bereicherung des Lebens.

Die Sprache von Nooteboom ist sprichwörtlich fabelhaft, wie kann ein Mann über ein Land schreiben wie über eine Geliebte? Eine, die einem alles gibt und im nächsten Moment alles abverlangt? Und eines Tages, nach Jahren, kommt er tatsächlich in Santiago an, aber wie so oft war der Weg dorthin das eigentliche Ziel. Jeder, der ihn begleitet hat, hat keinen Meter, keine Seite bereut.

Es gibt nicht wenige Stimmen, die behaupten, Nooteboom sei ein herausragender Meister in seinen Reiseberichten und nur ein wenig überdurchschnittlich als Autor von Romanen. Als Beweis wird die Tatsache geliefert, dass er siebzehn Jahre lang als Romanautor verstummte und ausschließlich über seine Reisen schrieb.

rituale_cee_nooteboomGegenbeweis: Sein nach eben diesen siebzehn Jahren 1980 veröffentlichter Roman Rituale. Seinerzeit ein Paukenschlag und großer Publikumserfolg, mit dem sich Nooteboom eindrucksvoll zurückmeldete. Ein Roman, der mit dem Selbstmord seines Protagonisten beginnt. Sagen wir einem Selbstmordversuch, der jämmerlich schiefgeht. Überhaupt ist Inni Wintrop ein herrlicher Gegenentwurf zu Menschen, die man heute gern als cool oder smart bezeichnet. Wintrop fragt sich oft nach dem Sinn des Ganzen, was man so Leben nennt, sieht er doch nur Unsinn in dem, womit einige Menschen ihr Leben so durchritualisiert haben. »Es gab solche Tage, dachte Inni Wintrop, an denen ein mehrmals wiederholtes, ziemlich unsinniges Phänomen anscheinend den Beweis dafür liefern wollte, dass die Welt ein einziger Unsinn ist, dem man am besten mit Lässigkeit begegnet, weil es sonst keine andere Möglichkeit gibt, das Leben durchzustehen.«

Diese ganz und gar antriebslose, leicht lebensunfähige Lässigkeit ist es, mit der Wintrop seine reiche Tante zum Verzweifeln bringt und auch ihren früheren Liebhaber, einen herrischen, verbitterten Mann, der ihn eigentlich wieder auf den rechten Weg bringen soll. Am Ende überlebt Inni Wintrop sowohl diesen Mann als auch dessen verstoßenen Sohn. Menschen, die über ein durch und durch in Ritualen erstarrtes Leben völlig vergessen haben, wie sich echtes Leben anfühlen kann.

Köstlich der Moment, in dem die Tante Wintrops Junggesellenbude zum ersten Mal betritt: »Bücher liest der. Wie klein das hier ist. ich hab von dir gehört. Man kann hier ja kaum den Hintern drehen. Du lieber Gott, hier werde ich melancholisch.« Und der eingangs erwähnte Tag? An diesem Tag werden drei Tauben seinen Weg kreuzen – eine tote, eine lebendige und eine besinnungslose. Und er wird Sex haben mit einem Mädchen, das er selbstverständlich danach nie wiedersieht.

Inni Wintrop ist ein Held für alle diejenigen, die Helden grundsätzlich misstrauen. Wer Rituale noch nicht kennt, sollte dies schnell nachholen. Und wer ihn vielleicht in den 80ern oder 90ern gelesen hat, nun, der sollte ihn erneut zur Hand nehmen. Es lohnt sich. Schon alleine, weil man es nach der Lektüre wirklich seinlässt mit dem Selbstmord. Es gibt immer noch eine Alternative namens Leben, die man einfach entspannt angehen sollte. Auch, wenn der Wind kräftig von vorn bläst.

Seine Sprache ist stets fließend, beinahe elegant, sein Blick immer neugierig, immer glasklar beobachtend, hin und wieder schleicht sich feine Ironie ein. Nie will er den Leser bevormunden oder gar in irgendwelche Debatten ziehen. Eine unglaubliche Wohltat in diesen lauten, oft ja geradezu schon hysterischen Zeiten.

22505_01_003_Nooteboom_abb008
© Matthias Weischer, Leipzig

Sprachen wir eigentlich schon über den Lyriker Nooteboom? Okay, dann wird´s Zeit. In diesem Jahr ist sein neuester Gedichtband Mönchsauge in der Bibliothek Suhrkamp erschienen, und man hätte ihm mehr Beachtung gewünscht. Aber so ist das mit der Lyrik leider zu oft. Schließt die Augen, träumt euch auf eine ruhige Nordseeinsel und lauscht den – nein, nicht den Wellen, lauscht den Worten von Nooteboom. Eine kalte Dezembernacht, der Schriftsteller ist auf Schiermonnikoog, der Insel der grauen Mönche. Er schreibt 33 Gedichte in strenger, quasi mönchischer Form, die jedoch alles andere als schwer sind, im Gegenteil, der Nordseewind weht sie durch die Atmosphäre genau in dein Hirn. So leicht und traumgleich sind sie.

moenchsauge_cees_nooteboomNur ein Beispiel, ein paar Zeilen aus dem zweiten Gedicht (alle sind titellos), die jedoch gut für sich stehen können: »… Meine Brüder waren durchsichtig. Ich sah den Pfad durch sie hindurch. Jetzt einen Schatz finden, einen angeschwemmten Walfischzahn, oder Gold – und alles würde gut.« Da ist sie wieder, die tröstliche Literatur. Einen Schatz finden. Oder einen Walfischzahn. Und alles wird gut. Das wollen wir doch so oft im Leben: Dass alles wieder gut wird. Eine Hand streichelt über deinen Kopf und flüstert: »Alles wird gut.« So gut wie diese Gedichte, die ich mitnehme, wenn ich wieder an die Nordsee fahre. Ob im Zug oder nur im Kopf. Kurz das noch: Mönchsauge ist zweisprachig und kommt mit Zeichnungen und Aquarellen von Matthias Weischer daher, die die Themen und Stimmungen der Gedichte ganz hübsch widerspiegeln.

saigoku_cover33 Gedichte waren das. Und nun kommen wir zu 33 Tempeln. Eine Pilgerfahrt durch Spanien begleitete mich in Berlin-Moabit. Eine Pilgerreise durch Japan trug mich durch Leipzigs Norden. Saigoku ist ein geradezu magisches Buch mit fabelhaften Fotografien von Simone Sassen, Nootebooms Frau. Der Autor hat sich auf den Saigoku-Pilgerweg begeben, einer mühevollen Wallfahrt zu 33 buddhistischen Tempeln, die alle Kannon geweiht sind, einer Göttin, die mal tausend Arme und hunderte Hände hat und ein anderes Mal in Pferdegestalt auftritt. Ohne Zweifel, wir sind in Japan. Und er stellt sich gleich selbst eine entscheidende Frage: »Warum bin ich hier?« Seine Antwort ist einfach und einleuchtend zugleich: »Aus Neugierde natürlich, wie immer…«

Nooteboom spricht die Sprache nicht und stürzt zum Anfang der Reise auch noch eine steile Treppe herunter. Aber am Ende wird – natürlich – alles gut, sehr gut sogar. Wir erfahren wieder viel über ein oft immer noch rätselhaftes Land, seine Riten und Widersprüchlichkeiten. Denn der Stille und Schönheit der Tempel und Landschaften steht oft die vom niederländischen Autor nicht eben wohlwollend Vulgarität genannte Ausstrahlung des modernen, oft schrillen Japans gegenüber. Aber davon spürt man nichts in den stimmungssatten Fotos, die die Mystik der Tempelorte wunderbar einfangen und begleitet werden von Nootebooms Notizen, die sich in vielen Momenten auf die Geschichte vom Prinzen Genji berufen. Einer Geschichte, vor über tausend Jahren von Murasaki Shikibu niedergeschrieben und der Sage nach der erste psychologische Roman der Literaturgeschichte. In jedem Fall laut Cees Nooteboom eine herausfordernde Lektüre, gegen dessen labyrinthische Handlungsstränge und abertausende Nebenfiguren Dostojewski leichte Kaffeehauskost ist.

Nooteboom_Saigoku_09_full
© Simone Sassen / Schirmer Mosel

Obendrein verwöhnt der Band mit wunderbar skurrilen Details des japanischen und buddhistischen Lebens. So versetzt in einigen Zen-Klostern der Meister seinen Schülern hin und wieder einen Schlag mit dem Stock, um ein wenig Licht in die Dunkelheit der absurden Rätsel zu bringen, die diesem aufgegeben wurden. Der Autor bekommt keine Schläge, aber im Laufe seiner Pilgerfahrten passiert einiges mit ihm: Er spürt in den heiligen Hallen der Kloster und Tempel, in den Gärten und Wäldern so etwas wie Zufriedenheit und Bestätigung und sogar Momente völliger innerer Ruhe. Einerseits also Kontemplation. Andererseits beflügeln die vielen mystischen Figuren so sehr seine schriftstellerische Phantasie, dass er bisweilen Erscheinungen hat. Oder will er uns nur an seiner eigenen Verzauberung teilhaben lassen? Auch dies ist das Geheimnis und die Kraft von Literatur, von guter, hervorragender Literatur.

Nooteboom_Saigoku_07_full
© Simone Sassen / Schirmer Mosel

Besonders, wenn sie von einem großen Autor wie Cees Nooteboom kommt. Soll noch einer sagen, zu Holland fallen ihm nur Tulpen, Tomaten und Wohnwagen ein. Und das noch: Diese vier von mir vorgestellten Werke sind nur ein kleiner Ausschnitt aus dem umfangreichen Œuvre dieses unermüdlichen Erzählers. Kann gut sein, dass es noch ein Werk ins Geschenkespezial auf unserem Blog schafft, ansonsten lesen wir uns spätestens zum 90igsten des Autors wieder. Wünschen wir ihm also noch ein langes Leben!

Cees Nooteboom – Der Umweg nach Santiago. Aus dem Niederländischen übersetzt von Helga van Beuningen, Suhrkamp Verlag, 426 Seiten, 13,- €

Cees Nooteboom – Rituale. Aus dem Niederländischen übersetzt von Hans Herrfurth, Suhrkamp Verlag, 231 Seiten, 9,- €

Cees Nooteboom – Mönchsauge. Aus dem Niederländischen übersetzt von Ard Posthuma. Mit Bildern von Matthias Weischer. Suhrkamp Verlag, 128 Seiten, 24,- €

Cees Nooteboom – Saigoku. Aus dem Niederländischen übersetzt von Helga van Beuningen. Mit Photographien von Simone Sassen, Schirmer/Mosel Verlag, 200 Seiten, 39,80 €

Advertisements

2 Gedanken zu “Wiederentdeckte Größe: Cees Nooteboom.

  1. Gibt es sie eigentlich noch, die großen Autoren? – diese Frage stellst Du oben als erstes. Ich möchte Dir antworten: Ja, es gibt sie. Tomas Espedal ist einer davon. Kennst Du seine Bücher? Auch er ist Dichter und Prosaist. Ich möchte seine Bücher Dir unbedingt empfehlen! Ich habe gerade gestern etwas über seine Bücher geschrieben bei mir im Blog, auch in meinem Lesezeichenblog.
    Für die Empfehlung von Cees Noteboom ein Danke! Ich bin schon so oft an seinem Namen vorbei spaziert und dachte: Irgendwann muss ich den auch mal lesen (ich glaube … irgendwo habe ich sogar hier ein Buch von ihm liegen. Ich freue mich, durch Deine Ausführungen hier, zu lesen, dass auch er Dichter und Prosaist ist, denn dann passt das bei mir gerade sehr gut! Allerdings habe ich noch 1 1/4 Espedal vor mir und „Süsswasser“, auch noch ein Roman. Vielleicht also danach. Mal sehen.
    Gute Woche Dir und danke für die viele Arbeit hier mit diesem Posting. Liebe Grüße von hier nach da.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s