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Optimismus in Zeiten des Virus.

Bild von Chickenonline auf Pixabay

Es gibt Bücher, bei deren Lektüre ganz viel mit einem passiert. „Die Optimisten“ von Rebecca Makkai ist so eines: Unzählige Gedanken und Gefühle krabbeln wie Ameisen durch Geist und Körper, während man atemlos und zutiefst berührt Seite um Seite umblättert. Eine wahrlich bewegende Geschichte. Beginnen wir mit einem nachdenklichen und gleichsam optimistisch stimmenden Zitat: »Optimisten wie wir haben schon etwas durchgemacht und stehen trotzdem jeden Tag auf, weil wir glauben, wir könnten verhindern, dass es noch einmal passiert. Oder wir tricksen uns einfach aus, um das zu glauben.« Aus diesen Zeilen spricht nichts weniger als ein unerschütterlicher, starker Überlebenswille. Und so einen Willen braucht, denke ich, jeder hin und wieder in Momenten, wo das Leben finster und bedrohlich erscheint. Weiterlesen

Lucky Leserin.

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Es war einmal eine Leserin, die folgte mit ihren neugierigen Augen einem Erzähler und seiner Geschichte. Und fand darin großes Vergnügen. Von der ersten Seite an blieb sie gebannt bei ihm, als säßen beide an einem Lagerfeuer. Das Holz knackte, aus den Tiefen der Nacht flog der Ruf einer Eule hinüber. Dieses Bild gefällt der Leserin, die immer noch höchst beglückt auf »Lucky Newman« von Carl Nixon zurückblickt und mit ihren eigenen Worten nochmals in die gut riechenden Seiten dieses haptisch wundervollen Buches eintaucht.

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Paradiesisch schön und verstörend zugleich.

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Wer in seinem Leben gerne mal Schlangenfrauen begegnen möchte, dem sei der Erzählband Das Paradies kann warten von Cornelia Schleime empfohlen. Denn von solch seltsamen Wesen gibt es in dem Buch einige. Sie winden sich durch die hügeligen Pfade des Lebens oder spielen ihre Weiblichkeit in verschiedenster, erotischer Form aus. Obendrein finden sich in dem Band eindringliche, vielfältige Zeichnungen. Schließlich ist Cornelia Schleime Autorin und Malerin, die beide Künste in ihrem zweiten Buch bestens vereint.

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Die Kraft der Listen.

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Die Listensammlerin von Lena Gorelik ist so warm wie meine Lieblingsstrickjacke. Von Anfang fühlte ich mich in dem Roman geborgen. Deshalb ist es also kein Wunder, dass meine Augen hell leuchten, sobald ich von diesem wunderbaren Roman spreche. Lena Gorelik konnte mich seinerzeit mit ihrem Buch Lieber Mischa: … der Du fast Schlomo Adolf Grinblum geheißen hättest, es tut mir so leid, dass ich Dir das nicht ersparen konnte: Du bist ein Jude vollends begeistern. Auch dieses Mal hat sie mir unvergessliche Lesestunden beschert. Und sie hat mich inspiriert. Immer noch lächle ich, nein, ich grinse, denn ich habe mich nicht für eine Rezension im gewöhnlichen Sinne entschieden, sondern in einer anderen Form. Die Listensammlerin hat die Listensammlerin in mir auf liebevolle und phantasievolle Weise angestupst. Deshalb öffne ich für euch dieses schöne Buch in Form von ein paar Listen.

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Broken Angel.

Ich habe noch nie einen Engel mit gebrochenen Flügeln gesehen, aber jetzt scheint so ein Wesen in meine Lesewelt gefallen zu sein. Der Engel heißt Anna und taucht in „Wenn die Nacht am stillsten ist“ von Arezu Weitholz auf.

Die Geschichte beginnt mit einem Monolog, der von einem wundervollen Einstiegssatz eröffnet wird: „Am Ende geht es um den Moment.“ Weise Worte aus dem Mund einer gebrochenen jungen Frau, die vor ihrem schlafenden Geliebten sitzt. Er hat Tabletten genommen, um der Welt zu entfliehen. Eigentlich müsste Anna einen Krankenwagen rufen, doch sie tut es nicht: „Notfälle kamen in deiner Welt nie vor.“ Sie haben nie darüber gesprochen. Also lässt sie ihn schlafen und redet sich alles von der Seele. Von den Dingen, die schon viel zu lange in ihr brodeln und die mit jedem Atemzug in die Schatten der Nacht fliegen wollen. Bis jetzt hat Anna ihr Leben vor Ludwig geheim gehalten und den kühlen Mann so hingenommen, wie er war. Nun öffnet sie sich wie eine Mondscheinblume, die das Tageslicht scheut und erst in der Dunkelheit aufblüht.

So erzählt Anna von ihrer depressiven Mutter, die im Altenheim lebt und von ihrem Vater, der sich umgebracht hat. Es sind die Opfergeschichten, die Ludwig so bezeichnete, und die er nie hören wollte. Bei Ludwig drehte sich bislang das ganze Schaffen und Sein um das Gewinnen, um das Vorwärtskommen. Hinfallen und Verlieren waren Fremdwörter, gehörten nicht in seinen Sprachjargon: „In deiner Welt kämpfen die Leute um Anerkennung, um Positionen, um Macht. Deine Waffen sind dein Verstand und die Schwächen der anderen.“ Bei solchen Beschreibungen zieht sich bei mir alles zusammen und ich fröstele. Draußen tanzt der Spätsommer, drinnen haust der Winter. Dieser Monolog spaltet sich in zwei Hälften. Einerseits spricht eine verlorene Seele über ihren Kummer, ihre Gedanken und Gefühle. Andererseits rechnet sie mit der gefühlskalten Welt ab, in der sich beide bewegen. Weiche Worte spülen harte Steine an die Oberfläche und hinterlassen bei mir Spuren.

Luftholen kann ich schließlich, als sich das Blatt ein wenig verschiebt und Arezu Weitholz aus dem Kopf der Protagonistin steigt. Dann wechselt die Perspektive, aus dem „Ich“ wird eine „Sie“, doch nah bleibt Annas Geschichte trotzdem, weil sie so unendlich traurig und in einem Mantel aus Gefühlen gehüllt ist. Ich suche Sonnenseiten und finde keine, nur lichte Momente, wie die, als Anna mit ihrem Fisch spricht. Er reicht ihr eine Schnur, an der sie sich festhält. Dante fängt ihre Sätze auf, guckt sie an und dreht weiter seine Runden. Es scheint, als sprächen sie die gleiche Sprache, wobei der Fisch in seinem Schweigen verharrt, stört Anna das nicht im Geringsten und so redet sie weiter.

Arezu Weitholz hat die finstere Nacht in ihren Roman geholt, Tageslicht oder Sonnenschein tauchen nicht auf. Es bleibt zappenduster, was mich bisweilen ein wenig stört. Ich suche in Büchern so gern die Hoffnung, mag sie auch noch so klein sein, ein umherschweifendes Staubkörnchen, egal, aber ich wünsche sie mir am Ende. Ich mag die Sonne nach einem verregneten Tag und seufze, wenn sie ausbleibt wie hier. Aber hätte sie in die Geschichte wirklich hineingepasst? In diese merkwürdige Beziehung von zwei Menschen, die sich irgendwann verloren haben? Eine Geschichte, die mich wütend macht und ohnmächtig zurücklässt. Menschen, die nicht loslassen wollen und sich in ihren Rollen eingerichtet haben und nicht hinauskommen. Sie sitzen auf ihren Sofas und verharren der Dinge wie stumme Fische. Einzig das Mondlicht schenkt ihnen für kurze Momente kleine Ausbrüche, die jedoch schnell wieder verschwinden, so dass sich diese Augenblicke immer noch kalt anfühlen. Ja, ich weiß: „Am Ende geht es um den Moment.“

Es ist schon ein sehr bedrückendes Leseerlebnis, zu sehen, wie Anna sich um ihre rebellierende Mutter im Altenheim kümmert und selbst versucht, die Liebe zu Ludwig für sich zu richten, ein bisschen Hoffnung zu schmecken. Sie schwankt, erwartet Zuneigung und weiß gleichzeitig, dass Ludwig ihr das nicht geben kann. Oder viel mehr will, weil er so absurde Ansichten hat: „Alles, was ich tue, soll einen Sinn ergeben. Für mich muss es das. Ich betreibe Gedankenhygiene: Duschen. Abtrocknen. Desinfizieren. Aufschreiben. So bin ich, und ich ändere mich nicht. Nicht, weil ich es nicht will. Ich will es nicht können, und ich kann es nicht wollen. Es gibt kein Mädchen für mich.“ Anna liebt den Moment, Ludwig zerstört ihn. Für ihn sind das Befreiungsschläge. Er selbst nennt sich hermetisch. Das gruselt und schlägt mir mitten ins Gesicht. Eine Ohrfeige, die brennt.

Zärtlichkeit finde ich dafür reichlich in den poetischen Sätzen, die meine Augen zum Leuchten bringen. Darin liegt für mich die Kraft des Romans. Sprachlich gesehen, ist er an vielen Stellen meine Welt: Philosophisch, nachdenklich, melancholisch und teilweise frech. Plötzlich schießen Anna Äußerungen aus dem Kopf, die wie Nadeln stechen. Die kleinen Rebellionen richten Anna für Momente auf, bis sie erneut vor mir zusammensinkt und ich ein großes Bedürfnis habe, sie zu aufzufangen, ihren gebrochenen Flügel wieder zu richten. Inhaltlich bleibe ich gespalten. Das liegt vorrangig an den merkwürdigen Menschen, zu denen ich keinen Zugang finde. Was die eine Seite mag, gefällt der anderen Seite weniger. So ist es wohl, wenn das Ying sich nicht mit dem Yang versteht. Manchmal muss es solche Reibungspunkte geben, vor allem dann, wenn Harmonie nicht erwünscht ist und das Drama sich am dunklen Himmel den Platz mit dem Mond teilt.

Nein, am Ende ist Anna kein richtiger Engel. Dafür sind ihre Taten nicht himmlisch genug und doch werde ich das Bild einfach nicht los. Anna ist ein gebrochenes Wesen, das ich tragen und dem ich das Fliegen zeigen möchte. Anna ist auch ein Wesen, das ich schütteln und dem ich ins Gesicht rufen möchte: „Steh auf! Vergiss den ganzen Dreck der Vergangenheit und such endlich dein Glück! Das gibt es.“ Schade, dass ich diese leuchtende Hoffnung am Ende des Romans nicht gefunden habe und im Dunkel der Nacht versunken bin.

Arezu Weitholz.
Wenn die Nacht am stillsten ist.
September 2012, 224 Seiten, 17,95 €.
Verlag Antje Kunstmann.

Und hier gibt es noch einen Programmhinweis für alle Berliner:

Arezu Weitholz liest am Donnerstag, 13.09.2012 um 20 Uhr in der Buchhandlung Moby Dick, Stargarder Straße 67, 10437 Berlin, Telefon: 030. 40 04 57 57, aus „Wenn die Nacht am stillsten ist“. Der Eintritt kostet 5,- €.

Wie der Biss in einen Granny Smith.

Stellt euch vor, ihr wacht eines Tages auf und erkennt die linke Seite nicht mehr, ohne dass euch das bewusst ist. Es braucht nur jemand links von euch zu stehen, der redet und ihr seht ihn einfach nicht. Oder ihr wollt euch schminken und lasst das linke Auge aus, weil es euch nicht mehr bewusst ist. Dieser Defekt hat einen Namen: Linksseitiger Neglect. Lisa Genova hat mir das Krankheitsbild in ihrem Roman „Mehr als nur ein halbes Leben“ näher gebracht.
Sarah passiert genau das, als sie eines Tages aus dem Koma erwacht. Nach einem Verkehrsunfall dreht sich ihr Leben um 180 Grad, aus einer erfolgreichen Businessfrau und liebevollen Mutter wird ein Mensch, der von vorn beginnen und sich dem linksseitigen Neglect stellen muss. Sarahs Welt spielt sich von nun an rechtsseitig ab, folglich sieht und spürt sie nur Dinge, die sich rechts befinden. Dabei hat sie etwas von einem zweigeteilten Menschen, den man durchgeschnitten hat, bis auf den Kopf, der denkt und fühlt wie vor dem Unfall. Und das macht Sarah ihr Leben schwer. Sie möchte sich wie früher bewegen, kann aber nicht und gerät so an Grenzen, die ihr der Körper auferlegt.
Lisa Genova erzählt ein bewegendes Schicksal, das sich zunächst sehr schmerzvoll anhört, was es aber nicht immer ist. Die Geschichte hat einen lockeren Stil und enthält Passagen, in denen mir ein Lächeln entschlüpft. Sie erinnern mich an kurze Sonnenstrahlen, die durch graue Wolken schlüpfen. Es sind Sarahs eigenwillige Gedanken, die oft etwas Kraftvolles haben, so als würde ich in einen Granny Smith beißen: „Denn auch wenn ich noch immer auf eine vollständige Genesung hoffe, so habe ich doch gelernt, dass ich mein Leben trotz aller Einschränkungen in vollen Zügen genießen kann.“ So öffnet sich der anfangs versperrte Weg für Hoffnung und Zuversicht.

Lisa Genova.
Mehr als nur ein halbes Leben.
2011, 384 Seiten, 16,99 €.
Bastei Lübbe.

Erschütterungen.

Ich wusste, worauf ich mich einlasse und doch hat mich Zeruya Shalev erneut mit einer Wucht gegen die Wand geschleudert. Verletzt habe ich mich nicht, ganz im Gegenteil, ich spüre nach ihren Romanen stets eine ungeheure Kraft in mir. Wie ein Baum stehe ich fest auf dem Boden und bin glücklich, einen Sturm überlebt zu haben. Gewaltig sind ihre Bücher, radikal und kraftvoll die Worte, mit denen sie düstere, dramatische Geschichten erzählt. So auch „Für den Rest des Lebens“, in dem sie das Leben von drei Menschen durchleuchtet.

Chemda Horovitz ist der Ausgangspunkt der Geschichte. Die alte Frau liegt in ihrem Bett, ist unfähig, sich zu bewegen und übergibt dem Kopf das ganze Kommando. Der Kopf beobachtet, wie „knochig und geschrumpft“ sie ist, „leicht wie eine Feder“, dass sie wegfliegen könnte. Der Kopf nimmt die Besuche der Kinder wahr, „spürt den alten Groll, bemerkt die Blicke auf die Uhr, das erleichterte Aufatmen, wenn das Telefon klingelt.“ Der Kopf ist es auch, der ihr Gedanken einhaucht und an den Fäden der Erinnerung zieht. So wandert sie zurück, erlebt die ersten Momente des Lebens, die sie als erstes Kind im Kibbuz machen soll. Plötzlich steht sie im Mittelpunkt der Menschen. Laufen soll sie, die ersten Schritte machen, bedeutungsvolle Schritte wie sie jetzt im Nachhinein denkt: „Es schien, als hätten sich alle Sehnsüchte nach den kleinen Geschwistern, die in der Fremde geblieben waren, nach ihrer eigenen Kindheit, aus der sie aufgrund einer harten Ideologie herausgerissen worden waren, nach der Liebe ihrer Eltern, die sie nicht mehr gesehen hatten, seit sie weggegangen waren, manche im Zorn, manche mit gebrochenem Herzen, dort im gerade fertig gebauten Speisesaal versammelt.“ Es passiert das große Drama, sie fällt in dem Moment, als der Vater sie loslässt. Der Sturz bleibt ein wunder Punkt in Chemdas Leben, die erst zwei Jahre danach anfängt zu laufen.

Stagnation ist ein treffendes Wort für das Leben von Chemdas Kindern, die gefangen sind in ihren eigenen Welten, wie zwei Käfer auf dem Rücken liegen und strampeln. Avner sehnt sich nach Freiheit, will ausbrechen aus den Fesseln seiner Ehefrau, die ihn über Jahre gedemütigt hat und spürt ein großes Verlangen nach der großen erfüllenden Liebe, nachdem er im Krankenhaus ein Pärchen beobachtet hat und berührt ist. In Dina wächst der Wunsch nach einem weiteren Kind, dem verlorenen Zwillingsbruder ihrer Tochter, der die Schwangerschaft nicht überlebt hat. Es ist nicht der Verlust, der sie dazu hintreibt, viel mehr ist es das innere Bedürfnis, gebraucht zu werden. Genau das Gefühl gibt ihr die heranwachsende Tochter nicht mehr: „Früher, als Nizan sie brauchte, hatte sie wie eine Wilde geatmet, hatte Sauerstoff aus den Mündern der Vorübergehenden gesogen, doch nun, da ihre Tochter sie ignoriert, sie absichtlich kränkt, braucht sie keinen weiteren Sauerstoff, sollen ihn doch die anderen einatmen.“

Es ist ein Buch voller Zorn, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Trauer. Stachel bohren sich ins Herz, drücken den Kopf gegen kühlen Stein. Trotzdem steckt hier so viel Kraft drin, dass ich explodieren könnte. Anfangs brauchte ich ein bisschen, um mit Zeruya Shalev warmzuwerden. Wieder reihen sich ihre Sätze schlangenförmig aneinander, beinah atemlos wollen sie erzählen und dulden keine Pause. Anführungszeichen gibt es nicht, dafür unzählige Kommas, die Gedanken miteinander verbinden, die Gegenwart mit der Vergangenheit vereint. Das mag auf den ersten Seiten anstrengen, aber wer Shalev kennt, weiß, dass sich der erste Höllenlesemarsch lohnt und die Geschichten kleine Fußabdrücke hinterlassen. Die Themen wühlen auf, zu sehr bewegen die Lebensschicksale und rütteln an den eigenen Fensterläden, die ich gern geöffnet habe.

Zeruya Shalev widmet sich in ihrem neuen Roman dem Leben selbst, den Erschütterungen, den Sehnsüchten, Träumen und der Liebe. Vor allem die Liebe taucht mehr als Phantom auf, sie scheint in den Kränkungen und dem Egoismus der Menschen abhanden gekommen zu sein. Neben den einzelnen Schicksalen webt Shalev kritische Töne ein, erhebt eine Stimme gegen das Bild der israelischen Frau. Sie spricht von freiwilliger und trotzdem erzwungener Versklavung, „scheinbar sind sie unabhängig von den Männern, aber sie werden von ihren Kindern versklavt, sie hören auf, Frauen zu sein, und werden zu Müttern […]“ Darüber hinaus spüre ich aus dem Buch einen Unmut mit dem Staat Israel aufsteigen. Der Kessel brodelt und Dampf zieht nach oben, wenn ich Avners Gedanken lese, in denen er sorgenvoll über sein Land nachdenkt, hoffnungslos und „die Trauer den Hals“ zuschnürt. Die Autorin geht noch weiter und legt Avner folgende Worte in den Mund: „Vielleicht sollten sich Wissenschaftler dieses Konflikts annehmen, keine Staatsmänner, denkt er, vielleicht würde sie es schaffen, eine Formel zu finden, denn dieser Widerspruch zwischen den Einzelnen und dem Ganzen zieht sich in diesem Teil der Welt über Generationen hin […]“
Obwohl Shalevs Schreibstil sehr radikal und derb ist, fügt sie an vielen Stellen zarte Fragmente ein, die Bilder erzeugen, leise poetische Zwischentöne und mir die verlorene geglaubte Hoffnung in die Hände legt. Die Hoffnung und der Glaube daran, dass auch Wände durchbrochen werden können und damit Platz für Frieden und Liebe frei wird.

Zeruya Shalev.
Für den Rest des Lebens.
Januar 2012, 500 Seiten, 22,90 €.
Berlin Verlag.

Löwenjunge liebt Rosenrot.

Weiß hat viele Bedeutungen. Es steht für Reinheit, Unschuld und Sauberkeit. Für Leo verkörpert die Farbe was ganz anderes. Wenn alles um ihn herum weiß ist, verschwindet er in einem Berg aus Einsamkeit und Stille. Davor haut er gerne ab und sehnt sich nach Rot. Rot wie die Liebe und Beatrice.

Leo ist wahrlich ein Löwe! Mit seiner Mähne und dem aufbrausenden Temperament ähnelt der 16-Jährige dem Raubtier aus der afrikanischen Steppe. Der Junge ist die Hauptperson in „Weiß wie Milch, rot wie Blut“ von Alessandro D’Avenia. Leo liebt Fußball, rast gerne mit seinem Moped durch Rom, trifft sich am liebsten mit seinem besten Freund Niko. Und er ist unsterblich in Beatrice verliebt. Als er jedoch erfährt, dass sich etwas Schlimmes zwischen seine Liebe schiebt, mischt sich das Weiß einfach in das Rot.

Gleich von Beginn an verführte mich Alessandro D’Avenia mit seiner poetischen Sprache, die wie der Ich-Erzähler in einem fort sprudelt und sich durch eine Vielfalt auszeichnet. Mal ist sie leicht wie eine Feder, mal wiegt sie etliche Tonnen Stahl, mal ist sie rotzfrech und klatscht mitten ins Gesicht.
Alessandro D’Avenia hat die große Wucht der ersten großen Liebe in eine zauberhafte Geschichte verpackt, die ebenso bewegt und mitreißt. Plötzlich verwandelte ich mich wieder in ein junges Mädchen, das mit tobenden Gefühlen und nervenaufreibendem Chaos kämpft. Mir wurde heiß und kalt, kalt und heiß… Ja, die Geschichte erinnert mich an ein Wettrennen mit warmen und kalten Wasser. Es läuft, läuft und hört nicht auf, bis man den letzten Punkt aufgesogen hat und das Buch mit einem wehmütigen Lächeln zuschlägt.

Alessandro D’Avenia.
Weiß wie Milch, rot wie Blut.
November 2010, 288 Seiten, 14,99 €.
btb Verlag.

Über den Autor:

Alessandro D’Avenia wurde 1977 geboren und stammt aus Palermo. Seit einigen Jahren arbeitet er als Lehrer an einem Mailänder Gymnasium. Sein Debütroman „Weiß wie Milch, rot wie Blut“ wurde von der Presse und den Lesern feiernd aufgenommen.

Eine Brücke zwischen Kranken und Gesunden.

Demenz ist für mich weit weg. Berührungspunkte gibt es kaum. Sicherlich habe ich mich damit schon beschäftigt, aber das Thema ist so weit entfernt wie Neuseeland von Deutschland. Warum sollte man sich großen Entfernungen nicht annähern? Eben. Also setzte ich mir das Hörbuch „Der alte König in seinem Exil“ in die Ohren. Matthias Brandt liest die Geschichte von Arno Geiger vor. Er schafft sofort eine Nähe, dass man glaubt, den Autor direkt vor sich zu haben und mit ihm zusammen seinen kranken Vater.

Immer noch versuche ich die Geschichte einzuordnen. Ein Durcheinander an Gefühlen wirft meine Gedanken in eine Schale. Dort liegen sie gut. Kurz ausruhen und durchatmen. Das habe ich oft bei dem Stück. Ich konnte es nicht in einem fort durchhören, weil es mich bewegt hat, auf eine bestimmte Art. Von tiefer Trauer jedoch ist hier keine Rede, dafür zeichnet Arno Geiger ein zu liebevolles Bild, das von unterhaltsamen Nuancen getragen wird. Das Lachen blieb mir jedoch im Halse stecken, sobald ich den Vater sagen hörte: „Ich gehe jetzt nach Hause“. Dort war er aber und erkannte sein eigenes Heim nicht mehr. Und was macht Arno Geiger? Er tut so als wäre es fast das Normalste von der Welt und umgeht die Tatsache. Kurze Zeit später schließt er sich seinen Vater an und sagt: „Ich habe es mir überlegt, ich komme mit.“ Dies ist eine beeindruckende Geste, die Spuren hinterlässt. Er zieht seinen Vater nicht rechthaberisch auf seine Seite, viel mehr tritt er auf die des Vaters. Plötzlich wächst eine Nähe zwischen beiden, die es vor der Krankheit so nicht gegeben hat.

Auch ich habe mich dem Vater genähert und war erstaunt, wie klar er in manchen Situationen denkt und spricht. Es sprudeln wahre Weisheiten aus ihm heraus, die man festhalten möchte. Sie drücken die Krankheit in eine dunkle Ecke. Im nächsten Moment jedoch klafft eine Lücke in seinem Gedächtnis, die er nicht flicken kann. Genau dann verschwindet mein Lächeln und ich spüre eine Feuchtigkeit in den Augen. Zum Regenschauer kommt es jedoch nicht, weil Arno Geiger mit seiner feinfühligen Art rechtzeitig einschreitet.

Matthias Brandt verdient einen großen Applaus für die brillante Leistung. Trotz zahlreicher bewegender Szenen, liest er kontinuierlich die Geschichte vor. Er spendet dabei eine besondere Ruhe, die ich beim Lesen nicht immer gefunden hätte. Gleichzeitig lässt er den Schalk raus, wenn er mit den Füßen vorsichtig die Tür anstößt. Unterhaltsame Stellen stolzieren hier gerne nach draußen und machen bewusst: Beides gehört zum Leben. Das Lachen und das Weinen. Das Gesunde und das Kranke. Arno Geiger hat eine Brücke geschaffen über die man mit einer besonderen Stärke läuft und die Angst dabei vergisst.

Arno Geiger.
Der alte König in seinem Exil.
Gelesen von Matthias Brandt.
Ungekürzte Lesung: 4 CD, 255 Minuten, 19,95 €.
Februar 2011.
Hörbuch Hamburg.

Drei weitere, bemerkenswerte und sehr ausführliche Rezensionen zum Buch findet ihr bei: caterinaseneva, Flattersatz und Syn-ästhetisch.

Altherrenschokolade, die erleuchtet.


Es gibt Bücher, die kann man nicht mit einem Ruck lesen. Das geht nicht. Nein! Allein schon deshalb, weil man nicht möchte, dass sie enden. Aber auch, weil man mehr Zeit braucht, um die Zeilen zu inhalieren, sie für sich entdecken will. Weil die Macht der Worte einen fast erschlägt und man irgendwann hechelnd im Sessel sitzt und sagt: „Genug, heute genug. Morgen mehr!“

Genauso ist es mir bei Cees Nooteboom Nachts kommen die Füchse ergangen. Ich habe anfangs den Fehler gemacht und das Buch auf dem Weg zur Arbeit gelesen, bin jedoch nie wirklich hineingekommen. Aber zurück ins Regal stellen, wollte ich es nicht. Dazu bewegte es mich zu sehr – mich und das Leben, das zwischen der fahrenden S-Bahn und mir saß.

Die Erzählungen atmen den Hauch des Vergangenen, des Gewesenen und spielen sich gleichzeitig im Hier und Jetzt ab. Nooteboom schreibt über Liebesbeziehungen, die sich nie ganz aufgelöst haben und er erzählt von besonderen Menschen, die nie mit der wirklichen Welt zurecht gekommen sind. Er berichtet auch über Verschwiegenes, über Lügen, die die Menschen nicht wahrhaben wollen, selbst bis zu ihrem Tod nicht.

Ich hatte beim Lesen die ganze Zeit den Geschmack von Altherrenschokolade auf der Zunge – bitter und gleichzeitig verführerisch. Der Autor begeistert mich. Immer noch, weil er Großes in kleinen, wunderbaren Worten sagt. Weisheiten, die einen wachrütteln. Erkenntnisse, die hängende Köpfe wieder in gerade Häupter verwandeln. Nooteboom geht dabei sehr zurückhaltend vor. Er schreit nicht, sondern flüstert und manchmal denkt man sogar: Er spricht mir aus der Seele.

Der niederländische Autor hat bewiesen, dass selbst in Erzählungen reichhaltige Geschichten stecken, Romanen gleich, die man für sich entdecken will. Jeden Tag, jeden Abend. Nur nicht überall. Ein Lesesessel, ein Gartenstuhl, irgendwo da, wo man Ruhe hat für großartige Gedanken. Altherrenschokolade vernascht man ja auch nicht mit einem Biss zwischen Fahrgästen, sondern genießt sie mit allen Sinnen an besonderen Orten.

Nachts kommen die Füchse.
Cees Nooteboom.
März 2009, 152 Seiten, 19,80 €.
Suhrkamp.