Zsuzsa Bánk über Freundschaft.

© Gaby Gerster

Zsuzsa Bánk hat mir mit ihren Büchern »Die hellen Tage«, »Der Schwimmer« und aktuell mit »Schlafen werden wir später« stets unvergesslich schöne Lesemomente geschenkt. So freue ich mich ganz besonders, dass ich die Autorin nun bei mir zu Gast habe. Zsuzsa Bánk wurde 1965 geboren und arbeitete als Buchhändlerin. Sie studierte Publizistik, Literatur und Politikwissenschaft. Die vielfach ausgezeichnete Autorin lebt heute mit ihrem Mann und zwei Kindern in Frankfurt am Main. Weiterlesen

Es lebe die Freundschaft!

Wir hatten uns lange, das Buch und ich. Als ich »Schlafen werden wir später« von Zsuzsa Bánk begann, war es grau und kalt draußen. Jetzt hat die Sonne die Kraft eines frühen Sommertages: Blüten strecken sich ihr hungrig entgegen, erste Insekten schwirren auf dem Balkon, ich atme auf. Und spüre gleichzeitig den schweren Atem des Abschieds im Gesicht. Man sagt, Bücher können wie gute Freunde sein. So ist es mir mit diesem berührenden Briefroman ergangen. Deshalb bin ich hin- und hergerissen zwischen Aufbruchfreude und Abschiedsschmerz. Aufbruchfreude, da es mich lange festgehalten hat, länger als zunächst angenommen. So habe ich die vielen eintrudelnden Neuerscheinungen ruhen lassen müssen, um dem Buch die Zeit zu geben, die es fordert. Doch man schenkt sie ihm gern, wenn man sich darin fest verankert hat und wohl fühlt. Abschiedsschmerz, weil ich Márta und Johanna vermissen werde. Selbst nach der Lektüre frage ich mich hin und wieder, was sie nun machen und wie es ihnen wohl geht. Und in all dem kreisen Gedanken wie Möwen durch meinen Kopf, kreischen und wollen hinaus. Auf den Blog, in der Hoffnung, dass wir uns wieder gerade biegen, die Gedanken und ich, und dabei vielleicht weitere Freunde für das Buch aufspüren können. Das wäre schön. »Schlafen werden wir später« ist ein Buch, das seine Liebhaber finden wird. Ich bin eine davon. Warum, das möchte ich euch erzählen.

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Alice Munro erhält den Literaturnobelpreis 2013.

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Ich trage immer noch dieses auffallende Grinsen, das man von frisch Verliebten kennt. Immer noch fliege ich und kann es nicht glauben, aber es ist wahr: Alice Munro erhält den Literaturnobelpreis 2013. Für mich ist diese Auszeichnung ein ganz besonderes Ereignis. Alice Munro und ich – das ist wie die Blume und die Biene. Eine dieser wunderschönen Leserinnen-Autorinnen-Beziehung wie wir sie alle kennen. Wenn uns ein Autor oder eine Autorin so viel Schönes schenkt, wir uns diesem fremden Menschen auf bestimmte Art nah fühlen, ohne ihm oder ihr je die Hand geschüttelt zu haben, dann wird man zu Recht fast ohnmächtig, wenn es heißt: Alice Munro erhält den Literaturnobelpreis 2013.

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Ein Teufelskerl.

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Darf man ein Herz für Bankräuber haben? Eigentlich nicht. Doch seit dem Buch schlägt es für den einen, der zum Volksheld wurde. Sein Name ist Willie Sutton. J.R. Moehringer erzählt in seinem jetzt erschienenen Roman „Knapp am Herz vorbei“ die fiktionale Geschichte von Amerikas größtem Bankräuber. Willie Sutton selbst verfasste zwei Autobiographien, die sich widersprachen und kein klares Bild ergaben. J.R. Moehringer nahm das zum Anlass, um sein eigenes zu kreieren. Wie viel Wahrheit in der Geschichte steckt, werden wir nie erfahren, aber eins kann ich euch garantieren: Dieser Roman brennt sich mitten ins Herz.

Wir schreiben das Jahr 1969. Draußen ist es bitterkalt und New York feiert Weihnachten. Für Willie Sutton ist es das erste in Freiheit – nach siebzehn Jahren. Frisch aus den Gefängnismauern von Attica Correctional Facility entlassen, fährt er mit zwei Jungreportern durch New York. Die vergangene Nacht hat er schlaflos und trinkend im Hotel verbracht. Neben dem Schlafmangel bereitet ihm sein schlimmes Bein Probleme und er glaubt, dieser Tag sei sein letzter. Nun sitzt er im sienabraunen 1968 Dodge Polara und beginnt die Reise seiner Vergangenheit. Er trennt den Pullover seines Lebens auf, zieht jede Masche einzeln ab und erklärt, warum er so geworden ist. In seiner Brusttasche knistert ein weißer Umschlag. Er ist sein persönlicher Talisman, enthält er die Adresse zu seiner Herzensdame.

J.R. Moehringer wechselt zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit. Im Jetzt fährt er mit zwei Jungreportern durchs eiskalte New York. Wie der alte Mann den Jungs vom Leben erzählt und sie auf seinen festgelegten Routen durch die große Stadt diktiert, ist unglaublich atmosphärisch. Diese Szenen glänzen neben den einnehmenden Bildern durch großartige und filmreife Dialoge. Sie sind frech, herausfordernd, stellenweise herzlich und erinnern mich an verspielte Hunde. Im Gestern zoomt uns J.R. Moehringer seinen Romanhelden heran und arbeitet sich mit feinfühliger Hand zum Kern vor. Er wollte Sutton einen besonderen Platz geben. Das ist ihm mit seinem Roman gelungen. Willie the Actor – wie er genannt wurde – berührt mich auf seinen zahlreichen Lebensstationen. Willies Kindheit war zappenduster, gepeinigt von etlichen Schlägen, die seine Brüder ausgeteilt haben. Seine Eltern haben nicht eingegriffen, weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren. Der Vater mit den Zwölfstundentagen in der eigenen Schmiede und die Mutter mit dem Kummer über die verstorbene Tochter. Die großen Retter der Not waren Willies Freunde: Der gutaussehende Happy und der gefährliche Eddie, mit dem er seinen ersten Raubzug durchführt. Als Willie auf die hübsche wohlhabende Bess trifft, ändert sich sein Weg. Seine große Liebe, die ihm wegen seiner Herkunft für immer ein verbotener Garten Eden bleiben wird. Sie ist die Initialzündung seiner Verbrecherlaufbahn. Der Umschlag knistert weiter.

Willies Lebenslauf ist tragisch, wird von vielen Schmerzen und Verlusten getragen. Die schwierige Kindheit, die große, unerreichbare Liebe, die auswegslose Suche nach einem Job in Amerikas wirtschaftsklammen Zeiten, die Armut und die Hoffnungslosigkeit drücken zu Boden, Willie und mich. Willie wurde in einer schwierigen Zeit groß, eine Wirtschaftskrise jagte die nächste. Er ist ein strebsamer Schüler, der gute Noten nach Hause bringt, doch wegen Geldmangel bleibt ihm der Zugang zu einer höheren Schulbildung verwehrt. Sein Wissensdurst trocknet indes nicht aus, er folgt ihm wie der eigene Schatten mit jedem Schritt, den er unternimmt und manifestiert sich als sein Wesensmerkmal. Er liest leidenschaftlich gern, am liebsten die großen Klassiker. Die Raubzüge sind sein Lebenselixier, der Wind, der ihn frei pustet. Sie sind nicht einfach nur Überfälle, sie befriedigen ihn im tiefsten Inneren und schütten gießkannengleich Wasser in sein ausgetrocknetes Dasein. „Ihm gefällt alles an der neuen Arbeit. Er redet sich ein, dass das eigentlich nicht sein kann. Aber es ist so.“ Diese Gedanken kommen nach einem der ersten Überfälle auf. Neben dem neuen Reichtum schätzt er noch etwas: „Ihm gefällt sogar das Planen und Studieren der Materie.“ Doch der Hauptgrund für sein Handeln fasst dieser Satz zusammen: „Das Schönste allerdings ist, dass er endlich Arbeit hat.“

Willie zieht mich immer mehr auf seine Seite. Ich werde seine Komplizin, fiebernd, aufgeregt und ergriffen. Er ist clever und geht mit klugem Kopf an seine Taten. Der Autor stellt den Verbrecher nicht an die Wand, sondern zeigt ihn als menschliches Wesen mit seinen Sorgen und Träumen. Das ist es, was den Roman auszeichnet. Sutton nicht zu mögen, fällt mir schwer, ist gar nicht möglich. Er liebt nicht nur Bücher, er besucht das Theater, das Kino und Footballspiele. Vielleicht lässt sich meine Haltung am besten so beschreiben: Aus dem Bösen sickert das Gute, verschließt das Unheimliche. J.R. Moehringer geht wie ein Wissenschaftler vor, setzt die einzelnen Puzzleteile analytisch zusammen. So bezieht er das Umfeld mit ein, in dem sich Willie bewegt. Seine arme Herkunft, die Eltern sind irische Einwanderer, die in dem neuen Land schwer Fuß fassen. Auch das von Wirtschaftskrisen geplagte Amerika spielt eine große Rolle. Der Autor führt uns das teuflische Bankensystem vor Augen und legt die Wut darüber in Eddies Mund: „Ein Scheißsystem, sagt er. Alle zehn oder fünfzehn Jahre bricht es zusammen. Weil es kein System ist, das ist das Problem. Jeder Arsch kämpft für sich selber. Der Crash 1893? Mein alter Herr hat Leute gesehen, die standen mitten auf der Straße und haben geheult wie Babys. Die waren erledigt. Ruiniert. Aber wurden die Banker eingesperrt? Nein, die wurden reicher. Natürlich hat die Regierung versprochen, es würde nie mehr passieren. Aber es ist wieder passiert, hab ich recht? 1907. 1911. Und als die Banken draufgingen und der Markt am Ende war, wer ist da wieder ungeschoren davongekommen? Die Banker.“ Sofort gehen die Alarmglocken an und Erinnerungen an 2008 werden wach, als die Bankenkrise einsetzte und die Weltwirtschaftskrise ihren Lauf nahm.

J.R. Moehringer erzählt temporeich und spannend. Er streut nachdenkliche, bewegende Momente ein und wirft zum Ende das Lenkrad um. Danach erscheint das Vorangegangene im anderen Licht. Was für ein cleverer und hundsgemeiner Schachzug! Dieser Roman durchdringt den Verstand und krallt sich am Herzen fest. Darin liegt für mich die große Kraft. Hier ist alles drin, was eine gute Geschichte ausmacht und überzeugt mich vom Anfang bis zum Ende. Der Autor hat sich nach „Tender Bar“ weiter entwickelt, enorm gesteigert und das aus seinem schriftstellerischen Können herausgeholt, was ich seinerzeit ein wenig vermisst habe. Ich habe ihm damals die Sterne gewünscht. Die hat er sich mit seinem neuen Roman erschrieben. Ich werde ihn vermissen, diesen Willie Sutton, Bankräuber hin oder her. Ein Platz in meinem Herzen ist ihm gewiss.

J.R. Moehringer.
Knapp am Herz vorbei.
Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit.
Februar 2013, 448 Seiten, 19,99 €.
S. Fischer