Der zerbrochene Krug.

Es gibt Künstler, die einem grundsympathisch sind. Nicht nur ihre Kunst, sondern auch sie selbst als Mensch. Manfred Krug ist einer davon. Ein Typ mit Ecken und Kanten, der nie ein Blatt vor den Mund genommen hat. Zu seligen, linearen Fernseh-Zeiten freute ich mich auf jede Folge von Liebling Kreuzberg und habe sämtliche Tatort-Folgen geschaut, in denen er den schnodderigen Kommissar Stöver gab. Manche sagen, Krug hätte immer sich selbst gespielt. Da mag was dran sein, aber das hat er wirklich gut gemacht. Wer soviel Charisma hat, der darf das. Nun sind seine Tagebücher erschienen, beginnend mit dem Band Ich sammle mein Leben zusammen – Tagebücher 1996-1997.

Und Krug schreibt, wie er spricht: Direkt, schnörkellos, urmenschlich und dabei stets sehr direkt gegenüber sogenannten Autoritäten. Er verheimlicht oder beschönigt nichts, auch seine uneheliche Tochter samt Geliebter nicht. Im Gegensatz zu vielen anderen Schauspielern trug Krug sein Privatleben nie in aller Öffentlichkeit aus. Schon gar nicht in der Boulevard-Presse, die Zeitung mit den vier Buchstaben nannte er Blöd-Zeitung. Wer hat sich das noch getraut? Berührend die Schilderungen über das Dahinsiechen seines krebskranken Freundes Jurek Becker, der ihm Liebling Kreuzberg auf den Leib geschrieben hatte. Der folgende Tod von Becker ist nicht der einzige Einschnitt in Krugs Leben zu dieser Zeit, heftig trifft ihn ein Schlaganfall. Aber auch dieses Ereignis kann Krug zunächst geheim halten. „Ein Wunder“, wie er im Krankenhaus bemerkt, denn alle haben dichtgehalten – von der Krankenschwester bis hin zu den Mitpatienten und deren Besuchern.

Noch einmal davongekommen.

Die Schilderungen seiner Rekonvaleszenz in einer Brandenburger Reha-Klinik sind alles andere als selbstmitleidige Krankenberichte, versucht Krug doch immer wieder listig, den wartenden Fotografen zu entwischen. Papparazzi, die Krug treffend Fotoratten nennt.

Lady Di ist das nicht gelungen, fällt ihr Unfalltod just in diese Zeit. Überhaupt verknüpft Krug immer wieder aktuelle Zeitgeschehnisse mit seinen eigenen Erlebnissen. So bleibt er selbst als kranker Mann ein genauer Beobachter der Welt um ihn herum. Und schreibt über einen frühen, radikalen Umweltschützer: „Er sah nur eine Chance für das Leben der Menschheit: die Abschaffung der Industriegesellschaft. Guter Mann. (…) In jeder Stunde, die der Mensch auf dieser Erde wütet, bringt er sechs Arten um.“

Mühsam kämpft er sich zurück ins Leben, lernt wieder sprechen und gehen, beschreibt dies aber völlig ohne Larmoyanz. Und als der Spiegel aus seinem Schlaganfall und der Genesung eine Titelgeschichte macht, gibt Krug im Interview eine legendäre Antwort: „Mein Gehirn funktioniert wieder. Allerdings nur im Rahmen seiner bisherigen Möglichkeiten.“ Natürlich eine kokette Bescheidenheit, aber eine, die auch einer wirklichen Dankbarkeit entspringt, noch einmal davongekommen zu sein.

In einem Dialog mit einem Neurologen präzisiert er seine eigene Diagnose: „Ich glaube, der liebe Gott hat mir eins verpasst, und dann hat er in seinem Kalender gesehen, dass ich noch nicht dran war. (…).“

Der erste von drei Bänden.

Dem noch jungen Kanon Verlag ist es nun in Zusammenarbeit mit Krista Maria Schädlich – einer Vertrauten von Manfred Krug – gelungen, die Tagebücher zu ordnen und zu veröffentlichen.

Wer Krug auch nur annähernd so mochte wie ich, der hat – trotz aller Dramatik – viel Freude an diesem Buch. Und das Beste: Zwei weitere Bände werden folgen, wovon der dritte Ich passe nicht in diese Welt – Tagebücher 2000-2003 uns bereits ahnen lässt, wie Krug über das aufkommende Internet-Zeitalter dachte.

Selten habe ich mich auf zukünftige Bücher derartig gefreut. Und muss Geduld beweisen. Bis dahin empfehle ich euch den ersten Band wärmstens.

Manfred Krug – Ich sammle mein Leben zusammen (Tagebücher von 1996-1997), Kanon Verlag, 208 Seiten gebunden, 22,- €

2 Gedanken zu „Der zerbrochene Krug.

  1. Pingback: Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 15.8.2022 – Buddenbohm & Söhne

  2. Louisa

    Danke für deinen interessanten über den grundsympathischen Menschen und Schriftsteller – Manfred Krug. Ich habe diesen Artikel mit Begeisterung gelesen. Macht weiter so und schreibt über interessante Menschen und ihre Werke.

    Gefällt 1 Person

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