„Ich habe ein Herz für Menschen, die sich trauen, andere Wege zu gehen.“ Tamar Noort im Gespräch.

Foto: Ali Ghandtschi

Heute nun möchte ich euch Tamar Noort in einem Gespräch näher vorstellen. Die Autorin hat mit Auszügen aus ihrem Debüt „Die Ewigkeit ist ein guter Ort“ 2019 den Hamburger Literaturpreis gewonnen. Die 1976 in Göttingen geborene Autorin ist in den Niederlanden aufgewachsen. Sie studierte Kunst- und Medienwissenschaften sowie Anglistik in Oldenburg und Newcastle upon Tyne und hat die Masterclass Non-Fiction in der Internationalen Filmschule Köln absolviert. Seit 2009 macht sie Dokumentationen für ZDF, Arte und 3sat mit dem Schwerpunkt Wissenschaft.

Klappentexterin: Zuallererst gratuliere ich Dir zum NDR Buch des Monats! Wie fühlt  sich das an? Und auch sonst: Wie fühlt sich Dein erstes Buch an, jetzt,  da es erschienen ist? Und wie lang war die Strecke von der Idee bis hier her?
Tamar Noort: Vielen Dank! Insgesamt habe ich etwa drei Jahre daran gearbeitet. Ein wenig fühlt es sich an wie ein Teil von mir, den ich jetzt in die Welt hinauslassen muss. Das ist total schön, aber macht mich auch ein wenig wehmütig: Das Buch ist jetzt ganz auf sich allein gestellt. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, als der NDR es zum „Buch des Monats“ gekürt hat – damit wurde es gleich besonders warm empfangen!

„Gottdemenz“ ist in Deinem Roman der Stein, der alles ins Rollen 
bringt. Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Wortschöpfung?

Ich wollte einen eingängigen Begriff finden, der sofort verständlich ist, auch wenn es ihn nicht wirklich gibt. Im Buch diagnostiziert meine Protagonistin Elke sich selbst. Mit dem Begriff „Gottdemenz“ kategorisiert sie ihren Zustand als Krankheit, als einen Mangel – und schiebt damit auch ein Stück Verantwortung von sich. Für eine Krankheit kann man ja nichts.

Inwiefern haben Dich Dein Glauben und die Religion geprägt?
In meiner Kindheit haben Gott, Kirche und Religion eine große Rolle gespielt. Wie ich heute die Welt sehe, ist ganz sicher davon geprägt – aber hebt sich auch eindeutig davon ab. Ich denke viel darüber nach, welche internalisierten Glaubenssätze und vermeintliche Wahrheiten ich so mit mir herumtrage, und wie schwierig es ist, sie abzulegen oder sich davon freizumachen. Das war sicherlich auch ein Ausgangspunkt für den Roman. 

Was gibt Dir in unsicheren Zeiten besonders Halt?

Andere Menschen. Tiere. Die Elbe.

Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus. Hast Du eine Idee, was 
man dagegen unternehmen könnte?

Ich bin wahrscheinlich nicht die Richtige, um diese Frage zu beantworten. Du hast Recht, den Kirchen laufen die Mitglieder weg, aber dennoch sind viele Menschen auf der Suche nach einem tieferen Sinn oder einer spirituellen Erfahrung. Diese Sehnsucht ist offenbar ungebrochen, sie findet nur andere Ventile. Mein Eindruck ist, dass Kirchen versuchen, diese Entwicklung aufzugreifen und sich als Orte des Wandels zu begreifen, in denen es um Gemeinschaft und Sinnsuche geht.

Warum ist die Ewigkeit ein guter Ort? Welche Gedanken verbergen sich 
hinter dem Titel Deines Romans?

Der Titel beschreibt eine Hoffnung, die mehr mit der Endlichkeit zu tun hat als mit der Ewigkeit. Wenn sich die Ewigkeit ein Ort wäre, sich also verorten ließe, wäre sie greifbar, wir könnten sie besser verstehen. Das gelingt Elke über lange Strecken des Romans überhaupt nicht. Im Gegenteil: Sie versucht unbewusst, sich der Ewigkeit zu entziehen. Elke umarmt die Endlichkeit, mit ihrer Faszination für den Däumling oder die Motodrom-Akrobaten.  

Wenn man Deinen Roman liest, bekommt man das Gefühl, Du hast ein Herz 
für Menschen und Wesen, die aus der Reihe tanzen. Ist dem so? Falls ja, 
woher rührt diese Vorliebe?

Ich habe tatsächlich ein Herz für Menschen, die sich trauen, andere Wege zu gehen. Zudem mag ich es sehr gerne, wenn der Alltag ein wenig ins Absurde kippt – und für das Buch fand ich es geradezu unerlässlich.
Im Roman wird eine christlich-bürgerliche Welt beschrieben, die geprägt ist von tradierten Glaubenssätzen und kirchlichen Ritualen. Dieses System lebt davon, dass niemand aus der Reihe tanzt. Das brauchte unbedingt ein Gegengewicht!

Trotz etlicher Momente, in denen ich laut gelacht habe, finden sich hier ebenso stille und sehr berührende. Du behandelst mitunter schmerzvolle Themen wie Tod und Verlust. Wie schwierig war für Dich der  Balanceakt beider Stimmungen?

Es war nicht leicht, aber es war mir sehr wichtig. Im Leben steht doch das Komische sehr oft direkt neben dem Tragischen, und ich empfinde es so, dass die beiden Anteile ohne einander nicht denkbar sind. Die Schwierigkeit beim Schreiben bestand in der Dosierung: comic relief hilft, aber wann ist es zuviel? Es sollte kein trauriges Buch werden, aber auch keine Komödie. Manchmal liegt der Balanceakt, den Du ansprichst, in Nuancen. Da kann ich auch mal einen halben Tag über einen Satz nachdenken oder über ein einzelnes Wort.

Auch Pellworm spielt eine Rolle. Mir gefällt die Umschreibung „Als die Erde entstand und die Nordsee-Inseln geschaffen wurden, blieben ein paar Reste aus Erde, Wiese, Schlamm übrig, und unterhalb von Sylt war  noch Platz“. Deshalb Pellworm? Weil die Insel aus der Reihe tanzt?  Oder liebst Du diese Insel einfach?
Ich liebe diese Insel, weil sie aus der Reihe tanzt J! Da wir über gute Orte sprechen: Pellworm ist ein sehr guter Ort. Aber eben auch anders als die anderen Nordsee-Inseln mit ihren Stränden und Dünen. Deich, Himmel, Fischbrötchen: Sehr viel mehr gibt die Insel wirklich nicht her, aber mir gefällt das sehr. Pellworm hat eine Bodenständigkeit, die ich total gut finde.

Bemerkenswert finde ich die Namensschöpfung des Graupapageis. Teilen  wir beide eine Leidenschaft für Gertrude Stein und alles, was man mit diesem Namen (Pariser Bohéme-Zeit) verbindet?
Ja! Gertrude Stein wird oft reduziert auf den einen Ausspruch, den alle kennen: Rose is a rose is a rose. Aber sie war nicht nur diese schillernde Person, sondern auch eine außergewöhnliche Schriftstellerin. Zu der Zeit, als Picasso ständig bei ihr abhing und mit ihr über den Kubismus sprach, hat sie wunderbare Portraits geschrieben, die später oft gelesen wurden als Versuch, den Kubismus auf die Literatur zu übertragen. Ich bin nicht sicher, ob das stimmt, ich finde sie dafür fast zu originell. Der Papagei aus dem Buch ist eine kleine Hommage an Stein. Gertrude (der Vogel) bringt in Elkes Leben alles durcheinander, sie steht für Chaos in einer ansonsten durchstrukturierten Welt. Das verbindet den Vogel mit der realen Gertrude Stein: Sie hat Strukturen aufgebrochen und literarisches Chaos geschaffen – mit Pathos, aber auch mit viel Humor.

Wenn Du nicht schreibst, produzierst Du Wissenschaftsdokumentationen  fürs Fernsehen. Hast Du Schwerpunkte wie Vögel beispielsweise? Inwiefern verzahnen sich die beiden Bereiche – die der Literatur und der Wissenschaft?
Nein, ich arbeite zu ganz unterschiedlichen Themen. Die beiden Bereiche verzahnen sich insoweit, dass es immer darum geht, eine gute Geschichte zu erzählen – ob ich sie mir nun selber ausgedacht habe, oder ob ich reale Begebenheiten journalistisch aufbereite.

Welche Bücher haben Dich zuletzt beeindruckt? Und hast Du auch sogenannte Lebensbücher, die Dich geprägt haben und die Dich immer ein Stück begleiten?
Ich bin vor kurzem einem Tipp von Magda Birkmann gefolgt, die in ihrem Newsletter großartige Schätze ausgräbt. In diesem Fall handelte es sich um Ruth Rehmann: Paare. Das ist ein ganz schmaler Band mit Erzählungen, die Rehmann Ende der 1970er geschrieben hat. Sie verhandelt darin unterschiedliche Paarbeziehungen, und da sitzt echt jeder Satz. So pointiert und treffend kann man nur schreiben, wenn ein tiefes Verständnis fürs Menschsein vorhanden ist. Mich beeindruckt das zutiefst.

Auch sehr beeindruckt haben mich in meinem bisherigen Lesejahr Claudia Schumachers Buch „Liebe ist gewaltig“, und „Klara und die Sonne“ von Kazuo Ishiguro.

Lebensbücher gibt es so viele – daher kann jedes genannte hier nur stellvertretend sein. Aber unbedingt auf die Liste gehört Connie Palmen, „die Freundschaft.“ Niederländische Literatur war für mich schon immer eine Art Fenster in die Heimat. Und Connie Palmen gab mir als junge Studentin zum ersten Mal das Gefühl, dass Literatur nicht nur eine weit entfernte Welt abbildet, sondern dass sie lebensnah sein kann und etwas mit mir selbst zu tun hat. 

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht der Autorin weiterhin viel Inspiration und alles Gute!

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