Stell Dir vor… eine Welt voller Fantasie.

So könnte die Zukunft aussehen. © Lukas Bieri / Pixabay

Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. Erinnert sich noch jemand von euch an diesen Slogan aus der Friedensbewegung der 80er und 90er Jahre? Wobei der Satz selbst schon viel älter ist. Egal. In jedem Fall sind da draußen nicht wenige unterwegs, die diesem genialen Slogan Naivität vorwerfen.

Vor allem in diesen Zeiten, in denen Krieg in Europa wieder zu einer alltäglichen Angelegenheit geworden ist. Zu einer Frage von Gut und Böse. Und die ist selbstverständlich nur mit möglichst vielen Waffen zu beantworten. Konnte doch nun wirklich niemand ahnen, dass der Russe kommt. Dass genau der Russe Ernst macht. So ein lupenreiner Demokrat! Stell dir das mal vor…

Hat er doch über Jahre dafür gesorgt hat, dass die kapitalistische Gesellschaft mit billigen fossilen Energien versorgt wurde und schmatzend vor sich hin brummen konnte. Ich finde es eher naiv, dass die Menschen weiterhin so tun, als sei nichts Schlimmes geschehen. „Warum lernt die Menschheit nicht dazu?“ fragt vor einiger Zeit in der SZ verzweifelt eine 91jährige Dame, die immer noch die Schrecken des letzten Weltkrieges in den Knochen hat.

Auch diese Frage ist nicht naiv, sondern Ausdruck von echter Besorgnis. Und völlig legitim. Denn noch ging es einem großen Teil Menschheit so gut, noch nie war sie so gut informiert. Eigentlich.

Lady Gaga von der FDP.

Trotzdem – 100 Milliarden für die Bundeswehr! Geld für Bildung, Schulen oder das Gesundheits-System? Armut in Deutschland? Ach Gottchen, gibt´s sowas überhaupt? Ein sogenanntes Sondervermögen haben wir nur für Raketen und Panzer. Und eine bestimmte Dame von der FDP ist derartig entflammt, dass sie am liebsten höchstpersönlich in einem Leopard 2 nach Kiew einmarschieren, nein, falscher Ausdruck…, also den Panzer höchstpersönlich in die Ukraine steuern möchte. Lady Gaga.

Und die Energiewende? Wird auf unbestimmte Zeit verschoben. Derweil brennen in ganz Europa die Wälder, und das Wasser wird knapp.

Stell dir vor… lautet auch der Titel eines bemerkenswerten Sachbuches von Rob Hopkins, einem sehr, sehr schlauen Mann, Mitbegründer der Transition-Towns-Bewegung sowie einer der 100 wichtigsten Umweltschützer laut der Zeitung Independent.

Das Buch wurde 2019 publiziert und erschien vor einem knappen Jahr auf Deutsch. Man hätte dem Ganzen ein besseres Timing gewünscht, haben die Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine doch so gut wie alles verändert. Aber was kann der Autor dafür? Genauso wenig wie die Menschen in der Ukraine oder der Corona-Patient auf der Intensiv-Station.

Wenn wir nur wollen.

Dabei gehört ja alles mit allem zusammen. Hopkins stellt in seinem Buch verdammt kluge Fragen, die trotz der Ereignisse in den letzten zweieinhalb Jahren hochaktuell sind. Die wir nicht aus den Augen verlieren sollten, wenn wir weiterhin gewillt sind, diese Welt aus den Fängen des Großkapitals, gieriger Investoren und sadistischen Autokraten zu befreien.

Es beginnt schon in der fulminanten Einleitung, in der Hopkins eine Welt skizziert, in der so einiges besser läuft als jetzt. Was überhaupt keine Utopie ist, sondern sich bereits mit den heutigen Möglichkeiten realisieren ließe. Noch besser: In einigen Gemeinden und Städten funktioniert es bereits, die Häuser, die Straßen und ganze Städte denjenigen zurückzugeben, die darin leben: Menschen wie du und ich.

„Gut ausgeruht erwache ich in der aus Strohballen gemauerten Wohnung, die meine Familie und ich unser Zuhause nennen. Der dreigeschossige Apartmentkomplex, der vor fünfzehn Jahren als Teil einer unsere ganze Stadt umfassenden Initiative für nachhaltiges Bauen errichtet wurde, verursacht praktisch keine Heizkosten. (…) Ich fahre an einem der ehemaligen Supermärkte des Stadtteils vorbei, die meisten Geschäfte dieser Art mussten vor etwa zehn Jahren schließen. Das explosionsartige Wachstum der Nahrungsmittelproduktion der Gemeinde (…) führte dazu, dass die Versorgung über die Supermärkte zurückging, was das System der Nahrungsmittelindustrie innerhalb weniger Jahre zusammenbrechen ließ.“

© Mary Evans | The Watts Collection

Das Ende der Supermärkte.

Wer schnalzt hier nicht mit der Zunge? Praktisch keine Heizkosten! Gemüse im Selbstanbau! Keine Ausbeutung unterbezahlter Arbeitssklaven mehr durch die verlogenen Supermarktketten dieser Welt! Alles möglich.

Was es dazu braucht? Eigentlich nur ein wenig Nachdenken und den Willen zur Veränderung von schlechten Gewohnheiten: Kauft keine Erdbeeren im Winter und lasst den Avocado-Wahnsinn sein. Unsere heimischen Gemüse bieten genug gesunde Vitamine.

Noch eine Frage: Was wäre wenn? Eine Frage, die Mut und Fantasie voraussetzt. Tugenden, die derzeit nicht eben gefragt sind. Stattdessen verrammeln sich viele Menschen in ihren vier Wänden und schmoren vor sich hin, wenn sie nicht gerade abenteuerliche Theorien verbreiten, wer denn so hinter Corona und überhaupt steckt. Ihre Fantasie wurde gekillt durch die sogenannten sozialen Medien, die sie unablässig beschäftigen und erregen mit Push-Nachrichten, Fake-News und Ablenkungen, die das richtige Leben simulieren. Es aber nicht darstellen.

Das wahre Leben findet da statt, wo der Bildschirm aufhört. Im Hier und Jetzt. Da, wo Menschen miteinander sprechen und interagieren. Wo sie sich zusammenschließen zu Gemeinschaften und Kollektiven, die gemeinsam Lösungen erarbeiten, wie sich das Leben in ihrer direkten Umgebung wieder lebenswerter gestalten lässt.

Betrug als Geschäftsmodell.

Natürlich ist es nicht das, was sich die Politik – besonders die FDP oder die Konservativen – erträumen, schließlich basiert deren Daseinsberechtigung auf der Kollaboration mit der Industrie und ihren Interessen.

Nur ein Beispiel: Die Automobilindustrie wurde jahrzehntelang als Rückgrat unserer Wirtschaft und unseres Wohlstandes gepriesen. Eine Industrie, die sich dank ihrer Lobbyarbeit erfolgreich dagegen wehrt, endlich geradezustehen für den Schaden, den ihre Produkte anrichten und darüber hinaus Autos zu entwickeln, die kommenden Generationen keine Ruine von Welt hinterlassen.

© Mary Evans | The Watts Collection

Volkswagen hat die halbe Welt betrogen und vergiftet mit ihren manipulierten Diesel-Motoren. Bei Mercedes und all den anderen sieht es nicht besser aus. Was ist passiert? Gut, ein paar spektakuläre Gerichtsverfahren und Strafen, die allesamt aus der Portokasse bezahlt werden konnten.

Heute stehen all diese Unternehmen glänzender als je zuvor da. Und bauen Feigenblatt-Elektro-Autos, die alleine aufgrund ihrer schieren Größe massiv Feinstaub verursachen und unendliche Ressourcen in der Herstellung verbrauchen. Ganz abgesehen davon, dass die derzeit so beliebten SUV´s unglaublich viel Platz benötigen und im Falle eines Unfalls der sichere Tod für Menschen sind, die sich bewusst oder schlichtweg aus finanziellen Größen in kleineren Autos fortbewegen. Also in Autos, die eigentlich in diese Zeit der knappen Energievorräte gehören. Grotesk.

Stroh statt Beton.

Ähnlich ist es beim Hausbau, der durch Mengen an Beton und Zement Ressourcen im Eiltempo verbrennt. Alternative Baustoffe? Solaranlagen? Schaut euch um, und ihr seht mit eigenen Augen, was da alles schiefläuft. Für den Traum des Eigenheims riskieren die Menschen die Zukunft ihrer Kinder.

Die sie höchstselbst direkt zum Unterricht vor die Schulen karren, bis es dort zu Staus kommt. Oder, um noch ein konkretes Beispiel aus unserem Umfeld aufzuzeigen: Hier, direkt an der Nordsee werden nach wie vor besinnungslos Ferienhäuser, ineffiziente Apartmentklötze und öde Hotelburgen gebaut, die nur einem Zweck dienen: Möglichst schnell möglichst viel Geld für ihre Erbauer einzubringen. Fantasievoll oder nachhaltig ist da gar nix, liebe Leute.

Die Menschen vor Ort, die bezahlbaren Wohnraum brauchen und händeringend suchen, haben das Nachsehen. Wer auf Sylt arbeitet, lebt mittlerweile auf dem Festland, da die Insel konsequent auf Profit getrimmt wurde. Da können wir uns nur freuen, dass es sich dank des 9-Euro-Tickets ein Trupp von Punks auf der Insel gemütlich gemacht hat. Die Geschäftswelt schäumt. Und ich erinnere mich an einen Slogan aus alten Punk-Tagen: „We´re the Romance behind the Screen. We´re the Poison in the Machine.“ Oh ja, Punk war mal eine ernstzunehmende Protestbewegung.

Kehren wir zurück zu Hopkins und seinen Fragen: „Was, wenn sich alles zum Guten wendet?“ Susan Griffin ergänzt: „Man könnte sagen, dass menschliche Gesellschaften zwei Grenzen haben. Eine Grenze wird von den Erfordernissen der physischen Welt gezogen und die andere von der kollektiven Fantasie.“

© Mary Evans | The Watts Collection

Die Kraft des Kollektivs.

Da sind wir wieder bei der Fantasie. Die den Kindern bereits beim Eintritt in die Schule systematisch ausgetrieben wird, nur, um sie möglichst schnell zu folgsamen und erfolgsorientierten Mitgliedern einer moralisch zweifelhaften Wettbewerbs-Gesellschaft zu formen. Und die meisten Eltern? Erwarten geltungsbedürftig nur die besten Noten ihrer Nachkommen. Wenn´s mit dem ersten Kind nicht klappt, werden eben weitere neue Bewohner dieser Erde produziert, die erstens nur dem Ego der Eltern dienen und zweitens gefälligst zu funktionieren haben.

Da passt es hervorragend, wenn Hopkins die Frage stellt: „Was, wenn wir das Spielen ernst nehmen?“ Das Spielen der Kinder, aber auch die spielerische Fantasie von uns großen Kindern, uns sogenannten Erwachsenen.

Ausschließlich erwachsene Menschen mit einer Überdosis Gier haben unseren Planeten an den Rand des Abgrunds gebracht, bis zum Kollaps sind es nur noch wenige Grad.

Alles ist möglich.

Wie also in dieser Zeit einer Zukunft voller Hoffnung entgegenblicken? Zweifellos sind nun radikale Lösungen gefragt. Lösungen, die dem ewigen Lied vom Wirtschaftswachstum endlich ein Ende bereiten. Und den Wohlstandsfetischisten etwas entgegensetzen, was ihre Vorstellungskraft sprengt: Die Fantasie von Menschen, die aus einer kollektiven Imagination die Energie mitbringen, um die richtigen Antworten auf viele brennende Fragen zu finden.

Was wäre also, wenn unsere Politiker endlich mehr Fantasie beweisen und langfristig denken würden anstatt ständig nur auf den schnellen Erfolg oder die nächsten Wahlen zu schauen? Wie oft brauchen wir noch die Warnung, dass wir bereits Mitte des Jahres die Ressourcen fürs ganze Jahr verballert haben? Und die Tatsache, dass wir längst zwei Welten bräuchten, um zu überleben?

Bis es soweit ist, empfehle ich die Lektüre dieses intelligenten und die Fantasie beflügelnden Buches. Nach dem Motto: Stell dir vor, Veränderung ist möglich!

Rob Hopkins – Stell dir vor… Mit Mut und Fantasie die Welt verändern. Löwenzahn Verlag. Aus dem Englischen von Dirk Höfer übersetzt, Illustrationen von Mary Evans, 288 Seiten gebunden, 24,90 €

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