Mann mit Eigenschaften.

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Michel Houellebecq? Ist das nicht dieser Skandalautor? Ist das nicht der mit den provokanten Ansichten, dieser islamophobe Erfolgsschriftsteller? Der mit der Vorliebe für Alkohol und Zigaretten, dieser absolute Befürworter der Prostitution? Ja und nein. Alles stimmt und ist doch nicht wahr. „Wer ist Michel Houellebecq?“ fragt auch Julia Encke, Autorin und verantwortlich bei der FAS für das Literaturressort in ihrem gleichnamigen Porträt des französischen Enfant Terrible. Sie hat den Autor mehrfach getroffen, ist eine Kennerin des Literaturbetriebes und versucht, das Phänomen Houellebecq in mehreren Kapiteln zu erklären. Diesem Mann der vielen Gesichter, auf dem schon zahlreiche Etiketten kleben, die er mit der nächsten Häutung, mit jedem neuen Roman zuverlässig wieder abstreift.

Er ist einfach zu scharfsinnig, um sich vereinnahmen zu lassen. Einer seiner größten Verdienste: Sich zu verweigern. Er verweigert sich dem Mainstream, der Mittelmäßigkeit, der Gefälligkeit, dem Konsensdenken, allen Erwartungen und den Gesetzmäßigkeiten eines nach marketingtechnischen Gesichtspunkten funktionierenden Literaturgeschäftes, in dem man mittlerweile selbst Schriftsteller inszeniert wie Posterboys.

Schon die Evolution seines Erscheinungsbildes ist legendär: In den Neunzigern durchaus ansehnlich, korrekt frisiert, entwickelt er sich im Laufe der Jahre zu einem sagenhaften Wrack mit gräulicher Haut und strähnigen Haaren. Eine herrliche, irreführende Fassade, denn er erfreut sich bester Gesundheit. Wie man auf der Manifesta 11 vor zwei Jahren in Zürich sehen konnte, wo Houellebecq Röntgenbilder seiner Lunge und seines Hirnes ausstellte. Aber auch psychisch müsse man sich um ihn keine großen Sorgen machen, wie er stets versichert.

Er tut das Unerwartete, bedient keinerlei Erwartungen, die seine Leser oder sein Verlag oder wer oder was auch immer an ihn stellen. Rauchverbote, Fitnesswahn und Political Correctness perlen an ihm ab. Übertriebener Minderheitenschutz ist sein Ding nicht. Er schließt sich keiner Bewegung an, und das ist auch gut so. Nur in einer größtmöglichen geistigen Unabhängigkeit kann große Literatur entstehen.

Mehr noch: Er spielt mit hervorragenden Tricks, mit Identitäten, mit vorgefertigten Erwartungsmustern und enttäuscht dabei das Publikum nie. Er ist also nicht nur ein exzellenter Autor, sondern ein fabelhafter Unterhaltungskünstler, der großen Spaß an seiner eigenen Show Schaut her, ich bin ein erfolgreicher Schriftsteller hat. Und das Publikum? Seine Fans spenden stets begeistert Beifall, seine Gegner buhen ihn aus vollen Kehlen nieder.

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Julia Encke nähert sich dem Phänomen Houellebecq pünktlich zu seinem 60. Geburtstag vorsichtig, tritt ihm dabei nie zu nahe und unterhält dabei ganz gut mit der einen oder anderen Anekdote. Mehr kann man nicht erwarten. So ist der Brief eine Offenbarung, den er seiner verhassten Mutter 1992 schrieb, und der völlig frei von verkitschten Versuchen ist, eine Brücke zwischen zwei Menschen zu bauen, die sich einfach nichts mehr zu sagen haben. Ich meine, wo kommen wir denn da hin in der Literatur, wenn alle nur diese wunderbaren Eltern haben, denen heutzutage so oft von zeitgenössischen Autoren in ihren Widmungen gedankt wird? Hemingway brachte es doch auf den Punkt: „Eine unglückliche Kindheit ist die beste Voraussetzung für eine Karriere als Schriftsteller.“

Michel Houellebecq ist und bleibt einer der wichtigsten Schriftsteller unserer Zeit. Und wer er nun wirklich ist, das interessiert dabei eigentlich nicht. Nehmen wir das, was er uns in seinen Büchern anbietet. Was zählt, ist das Werk heißt es doch in einem geflügelten Satz so treffend.

Mich würde höchstens interessieren, ob er auch nach seiner Rückkehr aus Irland noch Silk Cut raucht (die besten Zigaretten der Welt) und ob der Bentley Continental, mit dem er in dem großartigen Film „Die Entführung des Michel Houellebecq“ über die Autobahn fegt, sein eigener war. Und natürlich, wann ein neuer Roman erscheint. Bis dahin empfehle ich, sozusagen als Lektüre zwischen den Romanen, dieses Buch.

Julia Encke: Wer ist Michel Houellebecq? Porträt eines Provokateurs. Rowohlt Verlag, 2017, 251 Seiten, 19,95 €. Jetzt direkt und portofrei das Buch bei Hugendubel.de bestellen. Der Titel ist auch für 16,99 € als eBook erhältlich.

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