Archiv der Kategorie: Biographien

Kafka und die starke Frau an seiner Seite.

Wir sind ihnen allen schon einmal begegnet – Gregor Samsa, Josef K. oder dem Landvermesser K. Doch eine gewisse Felice Bauer habe ich bisher nicht mit Franz Kafka verbunden. Wobei man unterscheiden muss, denn die zuerst genannten Protagonisten entstammen Kafkas Phantasie, seinen Werken. Felice Bauer hingegen hat es als leibhaftigen Menschen wirklich gegeben. Und was für eine beeindruckende Frau sie war! Unda Hörners Neugier habe ich es zu verdanken, dass ich Felice näher kennenlernen durfte und mit ihr einen weiblichen Blick auf den großen Schriftsteller werfen konnte. In ihrem Roman »Kafka und Felice« zeichnet die Autorin die besondere Liebesgeschichte der beiden in Romanform nach, auf Basis von Kafkas Briefen an Felice. Und sie unternimmt mit ihren Lesern gleichzeitig eine aufregende Zeitreise ins Berlin zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Doch wie sind die beiden überhaupt zusammengekommen? Einen Einblick in das kenntnisreiche, berührende und anregende Buch schenke ich euch heute an diesem kalten Novemberabend. Weiterlesen

Mögen wir die Morgenröte noch sehen.

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© X Verleih Stefan Zweig (Josef Hader): Vor der Morgenröte

Kriegsgeschrei, Kriegstreiben und Kriegführen, nur unterbrochen von kurzen, trügerischen Momenten des Atmens im abziehenden Rauch. Zwischendrin steht Stefan Zweig und weiß nicht, wie ihm geschieht. Der Kopf leicht geneigt, der Blick melancholisch. Der bescheidene, besonnene Mann wird überrollt von den Ereignissen einer Welt, deren gewalttätiges Treiben er nicht mehr versteht. Nicht, nachdem er die Welt selbst erklärt, ihre Sternstunden moderiert hat. Die leuchtenden wie die finsteren. Aus der Lust an der Unsterblichkeit wurde die Welt entdeckt, neue Horizonte taten sich auf für die Menschheit. Kleine, eigentliche unbedeutende Zwischenfälle entscheiden über den Untergang eines Reiches, der Wankelmut eines Untergebenen wird zum sprichwörtlichen Waterloo eines Herrschers. Eine einzige Nacht macht aus einem mittelmäßigen Dichter den Schöpfer eines weltbekannten Liedes. Große Künstler werden im Angesicht von Krankheit und Tod zu Sterblichen, ihre Kunst jedoch bleibt unsterblich. Welthistorische Stunden werden wieder lebendig. Der große Denker und Dialektiker Cicero will der Brutalität der Politik entfliehen, nur, es gelingt ihm nicht. Der geistige Mensch wird Opfer seiner eigenen Bestrebungen, das Volk zu befreien. Er vergisst die Mächtigen, denen nur ihre Macht wichtig ist. Man trennt ihm den Kopf ab und stellt diesen grausam zur Schau. Ciceros Gedanken überleben das unwürdige Schauspiel um tausende von Jahren, und die Werke von Stefan Zweig strahlen heute ebenso wie vor achtzig Jahren.
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Dorothy Parker: Lauter Liebeserklärungen.

Seit einigen Wochen trudeln die neuen Bücher der Herbstsaison im Hause der Klappentexterin ein. Herr Klappentexter schlägt die Hände über den Kopf zusammen und fragt: Wohin nur mit all den Büchern? Und ich? Freue mich wahnsinnig, schaue sie jedoch nur kurz an und stelle sie dann seufzend ins Regal. Zugegeben, die Neugier ist groß und es fällt mir nicht leicht, sie erst einmal zu ignorieren. Doch die Neugier auf eine bestimmte Autorin ist mindestens genauso groß: Dorothy Parker. Am 7. Juni jährt sich ihr Todestag zum 50. Mal. Bis vor wenigen Wochen hatte ich noch gar nichts von der New Yorker Autorin gelesen. Was eigentlich gar nicht sein konnte. Nun schreibt hier ein frisch gebackener Fan dieser wunderbaren Autorin, die nie, nie in Vergessenheit geraten darf. Weiterlesen

Aus Liebe zu Nabokov.

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Die Liebe zu einem Autor ist eine ganz besondere – denn es ist ein eigentlich fremder Mensch, mit dem man sich dennoch durch eine unsichtbare Schnur verbunden fühlt. Nur allein dadurch, was und wie er seine Geschichten schreibt und einen so begeistert. Deshalb war ich neugierig, was die junge Autorin Lila Azam Zanganeh in ihrem Buch »Der Zauberer Nabokov und das Glück« über ihren Lieblingsautor Vladimir Nabokov schreiben würde.

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Das Leuchten der Bilder. Und der Worte.

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Zart wie Schneeflocken schweben David Foenkinos Worte in meine Augen. Aber erst einmal muss ich mich an seine ganz eigene Art zu erzählen gewöhnen. Es ist ein wenig so, als würde ich aus dem Licht kommen und einen dunklen Raum betreten. Den ich trotz allem nicht mehr verlassen möchte. Zu anziehend sind seine schlichten Sätze, die nicht hintereinander sondern untereinander stehen, dabei eine enorme Kraft versprühen und an ein sehr langes Gedicht erinnern. So lese ich ganz langsam Satz für Satz auf und tauche in eine zutiefst bewegende Geschichte.

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Kleines Büchlein, große Geschichte, großartige Frau!

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Für gewöhnlich sprudele ich wie eine Wasserfontäne, wenn ich von einer Lesung wieder nach Hause komme. Doch dieses Mal ist die Klappentexterin auffallend still, noch ganz in sich gekehrt. Das fällt dem Liebsten sofort auf. Und selbst jetzt, einen Tag später, bin ich weiterhin tief berührt. Die Buchpräsentation von »Und du bist nicht zurückgekommen« von Marceline Loridan-Ivens im Jüdischen Museum zu Berlin war bewegend, unvergesslich und traurig schön.

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Die starken Frauen von Sarajevo.

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Fortan denke ich beim Kaffeetrinken auch immer ein wenig an die mutigen Frauen von Sarajevo. Sie werden mich daran erinnern, wie gut er schmecken kann, wenn man seinen Geist in die Gegenwärtigkeit taucht. »Die Gedanken stehen still, ruhen sich aus, gönnen dem Kaffeetrinker einen tieferen Atem. Es ist die Versenkung in den Augenblick, die sie diese Erfahrung machen lässt. Ob das der Grund ist, warum der Kaffee in Sarajevo so gut schmeckt?« – Ich habe lange überlegt, wie ich meine Besprechung zu »Mein weißer Frieden« von Marica Bodrožić beginnen soll und mich für die Frauen von Sarajevo entschieden, weil sie mich berührt und zutiefst beeindruckt haben. Ich habe geweint, später die Tränen weggelacht und diesen besonderen Moment mit jeder Fingerspitze gespürt. Frauen von Sarajevo – euch gebührt der Anfang meiner Rezension wie auch die Widmung der Autorin.

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2014 – Bücher, die mich glücklich gemacht haben.

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Bücher zählen zu den schönsten Geschenken. Anderen Menschen ein Buch zu schenken, gehört zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. So möchte ich euch heute meine Lieblinge aus diesem Jahr empfehlen. Zum Verschenken oder selber schenken. Vertraute Herzensbücher sind dabei, genauso wie neue, die ich auf meinem Blog noch nicht vorgestellt habe. Mit diesem Beitrag verabschiede ich mich in eine kleine Weihnachtspause. Ich wünsche euch allen eine restliche – hoffentlich nicht allzu stürmische – Vorweihnachtszeit sowie ein wunderschönes, besinnliches Weihnachtsfest im Kreise eurer Lieben. Mögen euch viele Bücher unterm Weihnachtsbaum beglücken!

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Über den Mut. Und die Liebe zu Büchern.

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Mut. Ich glaube, das ist das einzig richtige Wort um Meine wundervolle Buchhandlung von Petra Hartlieb auf den Punkt zu bringen. Mut und natürlich viel, viel Liebe zum Buch. Petra Hartlieb schenkt uns Buchhändlern und allen Buchliebhabern mit ihrem Werk einen ganz besonderen Schatz, den ich für euch öffnen möchte.

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Nichts ist spannender als die Wirklichkeit.

Miranda July! Miranda July! Miranda July! Miranda July! Miranda July!

Liebe Miranda July,

ich bete zu den Göttern, dass mein Ruf laut genug ist und du mich findest. Endlich möchte ich dir sagen, wie großartig ich deine Arbeit finde. Hab bitte Nachsicht, dass ich meine Gedanken in meiner Muttersprache schreibe, denn darin fühle ich mich am besten aufgehoben. Das Englische ist für mich ein Boomerang, den ich nicht immer ganz so gut beherrsche und blamieren möchte ich mich nicht, nicht vor dir und den anderen. Du wirst das bestimmt verstehen. Das Sie habe ich übrigens umschifft, immerhin sind wir fast gleich alt.

Auf gewisse Weise fühle ich mich mit dir verbunden, auch weil du das July in deinem Namen trägst, meinen Geburtstagsmonat. Meine Augen blitzen auf, wenn ich deinen Namen lese. Ich liebe deine Filme, deine Geschichten und Kunstwerke. Für mich bist du eine Zauberin des Alltags, die aus kleinen Nebensächlichkeiten strahlende Schätze kreiert. Ich denke hierbei an die PR-Aktion zu deinem Erzählband „No One Belongs Here More Than You“, bei der du deinen Kühlschrank und Herd beschrieben hast. Oder das Video „How to make a button“, in dem du uns zuckersüß zeigst, wie man Knöpfe herstellen kann. Unglaublich! Die kleinen Dinge werden mit dir zu riesigen Ereignissen, die magisch anziehen und mich glücklich machen. Du schenkst mir stets ein charmant-verrücktes Lächeln, das haften bleibt, als hättest du es mir höchst persönlich angeklebt. Exklusiv für mich das Miranda-July-Lächeln. Wirklich großartig! Du schärfst meinen Blick, schubst meine Kreativität mit einem Elektrostoß an und begeisterst mich. Da war es sonnenklar, dass ich dein neues Buch lesen musste, über das ich jetzt im Anschluss schreiben werde. Ich werfe meinen Hut und verneige mich vor dir. Thanks a lot! Ich werde deinen Rufen weiterhin folgen.

Herzlichst,

Klappentexterin

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Miranda July ist eine der kreativsten Menschen unserer Zeit. Aber wie alle Kreativen bleibt auch sie vor einer Schaffenskrise nicht verschont. Als sie im Sommer 2009 bei der Arbeit an ihrem Film „The Future“ nicht weiterkommt und die Finanzierung noch unsicher ist, bummelt sie lieber im Internet herum und verrichtet freudlos die Hausarbeit. Dienstags hingegen weht ein frischer Wind in Miranda Julys Heim, weil dann das Anzeigenblatt „PennySaver“ in der Post steckt. Sie liest das Blatt wie eine Detektivin und ist begeistert: „Jede Anzeige war wie ein sehr kurzer Zeitungsartikel.“ Wer steckt hinter den wenigen Zeilen? Ihre Neugier führt sie schließlich zum Telefonhörer. Miranda July ruft den Anbieter einer Lederjacke an und fragt den Mann, ob sie sich die Lederjacke anschauen und ein Interview mit ihm durchführen könnte. Als Entschädigung für den Zeitaufwand würde sie 50 Dollar zahlen. Michael willigt ein. Damit kommt der Stein ins Rollen.

„Diese Gelegenheit, meiner Höhle zu entkommen, war himmlisch.“ Das ist der erste Satz, der Mirandas Erleichterung zusammenfasst, ich höre förmlich ihr Aufatmen. Gemeinsam mit ihrer Freundin Brigitte Sire und ihrem Assistenten Alfred macht sich Mirandy July auf den Weg. Brigitte ist die Fotografin und Alfred der Beschützer, „damit wir nicht vergewaltigt wurden“.

Michael ist der erste von zehn Menschen, die das Team im Laufe der Zeit zu Hause besuchen wird. Er trägt eine „brombeerefarbene Bluse, Busen und lachsrosa Lippenstift“ und ist mehr Frau als Mann, denn Michael unterzieht sich einer Geschlechtsumwandlung. Das ist das erste, was er an der Tür sagt, bevor er sie in ihr Reich lässt. Die drei folgen seiner Einladung und schlüpfen in die Wohnung. Nach dem Betrachten der Lederjacke, eröffnet Miranda July das Gespräch und fragt Michael ohne Umschweife nach seiner Geschlechtsumwandlung. Mit dieser natürlichen Offenheit begegnet sie auch den anderen Männern und Frauen. Wie Ron, der ein siebenundsechzigteiliges Hobbymalset verkaufen möchte und eine elektronische Fußfessel trägt oder Pam, die Fotoalben von fremden Menschen anbietet, die sie gekauft hat und sich damit in fremde Welten träumt. Besonders bewegend ist die Beziehung, die sich zwischen Joe und Miranda July entwickelt. Mit dem Interviewten freundet sie sich an und gibt ihm eine Rolle in ihren Film. Erschrocken bin ich hingegen über Domingos Innenleben, das er sich an die Wand klebt. Auf diese Bekanntschaft ist Miranda July zufällig gestoßen, als sie Domingos Schwester aufsuchte, die Glücksbärchis inseriert hatte.

Meist dienen die angebotenen Dinge im „PennySaver“ als Türöffner. Miranda July fragt stets nach dem Grund der Anzeige und löst eine Kettenreaktion aus, die mitten hinein in das Leben fremder Menschen führt. Es sind Frauen und Männer, mit denen die Künstlerin sonst nicht in Kontakt treten würde. Nach dem Gespräch bei Pauline und Raymond schreibt sie: „Es erschien plötzlich sonnenklar, dass die ganze Welt, und besonders Los Angeles, darauf angelegt war, mich vor genau diesen Leuten, mit denen ich mich nun traf, abzuschirmen. Es gab kein Gesetz dagegen, ihre Bekanntschaft zu machen, aber es passierte einfach nicht. L.A. ist keine Stadt für Fußgänger und hat kein nennenswertes U-Bahn-System – sofern sich nicht jemand in meiner Wohnung oder meinem Auto aufhält, werden wir uns also nie an ein und demselben Ort befinden, nicht einmal für einen Augenblick.“

Miranda July liegen immer zwei Dinge am Herzen: Das Glück und Computer. Fast jedes Mal fragt sie die Menschen nach dem glücklichsten Moment in ihrem Leben und ob sie einen Computer haben. Erstaunlicherweise besitzen die meisten keinen PC, dafür eine Handvoll Geschichten, die aus ihnen fontänenartig aus den Mündern strömen. Manche berühren, manche erschrecken. Mal blinzelt mir die Sonne ins Gesicht und mal erfasst mich ein kalter Regenschauer. Es sind die Fotos, die dem Ganzen die Distanz rauben und mir das Gefühl schenken, als wäre ich direkt vor Ort, würde bei Primila im Wohnzimmer sitzen und mit meiner Hand über den Sari fahren. Ich spüre die feuchte, glibschige Ochsenfrosch-Kaulquappe, die Andrew im Anzeigenblatt anbietet und Miranda July zeigt. Brigitte Sire fängt die persönlichen Puzzleteile mit ihrer Kamera ein, übersieht auch die feinen Details nicht wie die weiß-blonde Frauenperücke in Michaels Wohnung oder der ausgestopfte Tierhintern von einem Reh, der bei Beverly an der Wand hängt. Die Fotos holen mich noch näher an die Menschen heran, die plötzlich keine Fremden mehr sind. Das Objektiv zoomt sich in das Privatleben, ohne aufdringlich zu wirken.

Das Buch „Es findet dich“ schüttelt mich wie ein Mixer durch, weil die einzelnen Geschichten allerhand mit mir anstellen. Ich komme eigentlich gar nicht richtig zum Luftholen, überall lauern Überraschungen. Komische Situationen lassen mich auflachen und bringen meine Augen zum Flattern. In anderen Momenten spüre ich eine Gänsehaut, das Herz fühlt sich zentnerschwer an, ich bin zutiefst betroffen und ringe nach Luft. Miranda July bleibt bei allem sehr menschlich und liebenswert. Sie redet nichts schön und spricht alles an, was ihr durch den Kopf geht. In ihrem Buch gibt sie auch sich selbst Platz und lässt den eigenen Gedanken freien Lauf. Sie schreibt über die Eindrücke, die die Besuche bei ihr hinterlassen, hinterfragt Dinge und natürlich blitzt immer wieder ihr Drehbuch auf. So ist das Ganze auch sehr ein persönliches Werk geworden.
Ihrem bemerkenswerten Feingefühl ist es zu verdanken, dass sich die Interviewten wie Muscheln öffnen. Miranda July zeigt, wie spannend das Leben draußen jenseits des Internets sein kann und wie weit man mit offenen Augen kommt. Es gibt sie, die Geschichten, du musst nur aufmerksam sein. Dann findest du sie oder sie dich. Und irgendwo dazwischen lauert das Glück.

Miranda July.
Es findet dich.
Februar 2012, 220 Seiten, 22,90 €.
Diogenes Verlag.

PS:  Den Film „The Future“ gibt es jetzt übrigens auf DVD:

PS1: Zauberhaft fand ich ihren ersten Film „Ich und du und alle, die wir kennen“:

PS2: „No One Belongs Here More Than You“ gibt es auch auf Deutsch: