Alles geht vorbei.

Der Frühling ist herrlich verregnet! So ungefähr klingt die Euphancholie. Was bitte? Benedict Wells beschriebt mit dieser neuen Wortschöpfung ein Gefühl, irgendwo zwischen Euphorie und Melancholie. In seinem neuen Roman »Hard Land« empfindet eine der Protagonistinnen das folgendermaßen: »Einerseits zerreißt’s dich vor Glück, gleichzeitig bist du schwermütig, weil du weißt, dass du was verlierst oder dieser Augenblick mal vorbei sein wird.« Kurz gesagt: Euphancholie. Melancholie bedeutet für mich in diesem Frühjahr, dass die Pandemie immer noch nicht überwunden ist, dass wir weiter durchhalten müssen, dass es einfach zermürbend ist. Auf der anderen Seite haben wir die Bücher, die uns wieder einmal ihre Rettungsringe zuwerfen.

Benedict Wells hat mit seinem neuen Werk einen Coming-of-Age-Roman geschrieben, den ich aber auch als Erwachsene mit Begeisterung gelesen habe. Hand aufs Herz: Sehnen wir uns alle nicht hin und wieder ein bisschen nach diesem Gefühl von damals? So reise ich zurück in mein jüngeres Ich und setze mich neben Sam, dem Ich-Erzähler. Sam erfährt von seinen Eltern, dass er die Sommerferien bei seinen Cousins verbringen soll, die alles andere als angenehme Zeitgenossen sind. Zornig rennt der 15jährige aus dem Haus und hat nur noch einen Gedanken: Ein Ausweg muss her. Und tatsächlich entdeckt er einen Aushang im Kino »Metropolis« – eine Aushilfe wird gesucht. Sam bekommt die Stelle und  bald noch viel mehr, denn sozusagen zum Inventar des Kinos gehören auch die Tochter des Kinobetreibers, Kirstie, und ihre Freunde Hightower und Cameron.  

Zuerst wollen die drei in ihrem inneren Zirkel nicht gestört werden, doch bald nehmen sie den schüchternen Jungen in ihrem Kreis auf, was nicht nur für Sam eine Bereicherung wird. Auch vor der Leserin entrollt sich ein farbenträchtiger Teppich an Geschichten und Gefühlen: Benedict Wells webt alles hinein, was wir selbst aus der Teenager-Zeit kennen, wie die erste große Liebe. Sam verliebt sich in Kirstie, ein wirklich außergewöhnliches Mädchen. Und noch etwas anderes passiert mit Sam, er wächst über sich hinaus.

Während der verliebte Boy den Sommer seines Lebens erlebt, verschlechtert sich der Zustand seiner an Krebs erkrankten Mutter dramatisch. Wie auch in seinem vorangegangen Werk »Vom Ende der Einsamkeit« konfrontiert uns der Autor auch hier mit den schmerzvollen Momenten des Lebens.

»Hard Land« ist eine vielseitige Geschichte: Witzige Dialoge, tiefschürfende Gespräche, lebenskluge Sätze sowie Szenen von übermütiger Leichtigkeit bis hin zu berührender und stiller Nachdenklichkeit und Trauer. Wir tanzen, wir träumen, wir feiern und wir fallen tief. Wir waten durch den schlimmsten Schlamm, und kommen doch irgendwie durch. All das erlebe ich in einer amerikanischen Kleinstadt der 80er Jahre. Eine Geschichte ohne Internet, soziale Netzwerke und Smartphones – wie erfrischend!

Benedict Wells Figuren haben eine bewundernswerte Tiefe, und das Buch hinterlässt bewegende und wie gleichermaßen aufmunternde Echos. Ich erinnere mich an die Szene, als der Deutschlehrer Sam eine Parabel über das Leben erzählt. Darin geht es um einen sterbenden König, der seinem Sohn zu sich bittet und ihm einen Ring zu schenken. Er sagt ihm, wenn alles gut oder auch schlecht laufe, dann solle er die Innenschrift des Ringes lesen. Darin steht: Auch das geht vorbei. Ein sehr tröstlicher Gedanke, oder?

Noch nicht vorbei ist es mit Benedict Wells auf unserem Blog. Warum er für seinen Roman die 80er Jahre gewählt hat und welche Bücher ihn zuletzt begeistert haben – und noch viel mehr verrät er euch hier in einem ausführlichen Interview am kommenden Sonntag.

Benedict Wells: Hard Land. Diogenes, Februar 2021, 343 Seiten, 24,- €

3 Gedanken zu „Alles geht vorbei.

  1. Frau Katja Bohlander-Sahner

    Liebe Klappentexterin, Benedict Wells hat ohne Frage ein gutes Buch geschrieben. Ich finde es allerdings schade, dass eigentlich immer nur ganz wenige Bücher, vor allem immer die gleichen, gehyped werden. Und das gleichzeitig von Verlagen und Bloggern/Kritikern. Benedict Wells ist ein Beispiel. Der Verlag pumpt Unmengen in Werbung, und in allen Blogs wird er besprochen. Ebenso, oder ähnlich, ist es bei Kracht und „Eurotrash“, natürlich auch bei Juli Zeh: „Unter Menschen“. Man könnt meinen, es gibt nur diese drei Autor/*innen in Deutschland.
    Das ist natürlich eine Übertreibung —- Sie wissen, was ich meine.

    MFG Katja Bohlander-Sahner
    Dipl. Psych., freie Schriftstellerin bei
    Verlag Edition Schaumberg, Saarland

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    1. Klappentexterin Autor

      Liebe Katja Bohlander-Sahner,
      ich kann Ihre Gedanken nachvollziehen, möchte mit Ihnen meine Gedanken dazu teilen.

      Diese genannten Autor*innen haben vor langer Zeit angefangen, zu schreiben – bis sie es in die Bestsellerliste geschafft haben. Es liegen viele Jahre harter Arbeit hinter ihnen. Man wird nicht einfach über Nacht ein Bestsellerautor – außer man hat schon einen Namen – ist eine Person des öffentlichen Lebens wie Christian Berkel beispielsweise.

      In der Verlagswelt ist es auch so, dass gerade solche Zugpferde, wie ich sie mal nennen will, überhaupt erst die kleineren Bücher tragen können. Es gibt immer Spitzentitel, die eine große Aufmerksamkeit bekommen.

      Nun bin ich selbst eine Befürworterin der kleineren stillen Bücher. Die haben mich seinerzeit erst zu diesem Blog geführt. Aber es gibt eben auch Hypes, denen ich mich einfach nicht entziehen möchte, weil mich die Bücher mit großem Glück erfüllen – ob sie nun in der Spiegel Bestsellerliste stehen oder nicht. Benedict Wells habe ich nicht gelesen, weil er ein Bestsellerautor ist. Ich mag seine Texte und Bücher – und das schon sehr lange – seit genau elf Jahren.

      Es gibt natürlich viel mehr Autor*innen als die drei (und ich weiß, wie Sie das meinen) – doch genau deshalb betreibe ich den Blog und stehe täglich im Buchladen. Weil ich genau das liebe – die Vielfalt der Buchwelt zu vertreten, andere zu inspirieren und zu begeistern.

      Viele liebe Grüße

      Klappentexterin

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  2. Klausbernd

    Was Bohlander-Sahner hier schreibt, da ist etwas dran. Obwohl ich seit über 30 Jahren im Verlagsgeschäft arbeitete, habe ich allerdings nie zuvor von dieser Edition Schaumberg gehört. Dieser Verlag wird wahrscheinlich keines seiner Bücher dahin dahin bekommen, dass sie in Blogs und anderen Medien so gehypt wird, dass jeder davon hörte. Als ich als Autor begann, war mir schnell klar, wenn ich bekannt werden möchte, gehe ich zu einem internationalen Großverlag (ich schrieb und lektorierte für Random House und Droemer-Knaur). Bei diesen Verlagen werden in der Tat ‚bessere‘ Bücher produziert, da man mehr Unterstützung beim Schreiben durch ein gutes Lektorat bekommt und auch weiter Inspiration für neue Werke und deren Vermarktung. Das ist ein Grund dafür, dass stets die Bücher der gleichen Verlagsgruppen in den Medien vorgestellt werden.
    Alles Gute
    Klausbernd
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

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