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Untrennbar – Maeve Brennan und New York.

Manchmal meint man geradezu, eine Autorin persönlich zu kennen. Obwohl sie schon nicht mehr lebt, überhaupt auf einem anderen Kontinent und in dieser großen, faszinierenden Stadt zu Hause war, die bekanntlich niemals schläft. Genauso fühlt es sich für mich mit Maeve Brennan an, und dies nicht erst seit gestern. Schon seit geraumer Zeit zieht mich das Werk der Autorin stets aufs Neue geradezu magisch an. Weiterlesen

Ein literarischer Goldnugget.

sydney

Es geschah vollkommen unerwartet – wie eine Windböe, die hinter der Hausecke lauert. Ich öffnete „Sydney Bridge Upside Down“ von David Ballantyne und freute mich auf eine gute Lektüre. Doch der Roman war nicht nur gut, ich habe mich plötzlich wie eine Goldgräberin gefühlt, die ein Goldnugget in den Händen hielt. Dieses Buch wird nicht umsonst als neuseeländischer Klassiker bezeichnet. Ein Werk, das alles hat, um dieser Bezeichnung gerecht zu werden. 1968 ist es erschienen und jetzt liegt es erstmalig auf Deutsch vor. Der Hoffmann und Campe Verlag hat dem Autor damit ein würdiges Denkmal verliehen.

Es beginnt wie eine harmlose Jungsgeschichte, die in den sechziger Jahren an der neuseeländischen Küste spielt. Der Ich-Erzähler rauft sich mit dem jüngeren Bruder und macht mit seinem Freund Cal Schabernack. In ihrer Höhle rauchen sie heimlich Zigaretten, bis ihnen schwindelig wird. Von dort haben sie einen guten Ausblick auf den Hafen, um Leute beobachten zu können. Die neugierigen Jungs treiben sich genauso gern in einer stillgelegten Fleischfabrik herum.

Von Beginn an umgibt dieses Buch eine unheimliche, düstere Stimmung, eine dunkle Gewitterwolke, die über der Geschichte schwebt. Man erahnt es schon nach Sätzen wie diesen: „Es gibt im ganzen Land, auf der ganzen Welt, keinen abgeschiedeneren Ort. Und wenn die Menschen weit weg sind, wenn sie einsam sind, fangen sie oft an, sich merkwürdig zu verhalten, das ist bekannt.“ Nein, dies ist hier nicht nur eine Lausbubengeschichte, das ist viel mehr.

Um die Jungs herum scharren sich recht merkwürdige Gestalten wie der schweigsame Sam Phelps mit seinem alten Pferd, das den Namen Sydney Bridge Upside Down trägt. Statt sich ein jüngeres Pferd anzuschaffen, hält der Mann an dem alten Gaul fest und lässt seine Lore vom Fluss bis zum Hafen ziehen. Früher wohnte er „in einem ordentlichen Haus“ und hatte eine schöne Tochter, doch seit ihrem Verschwinden strahlt Sam Phelps etwas Geheimnisvolles aus. Genauso komisch scheint der Fleischer Mr Wiggins, der sich für junge Damen interessiert wie Caroline, Harrys Cousine, die seine Familie besucht. Sie wirbelt das Leben des Ich-Erzählers mächtig auf, nicht nur ihn, die Geschichte beginnt mit ihrem Eintreffen zu flirren. Es knistert, die Spannung steigt mit jeder Seite und bald merke ich: Hier ist keiner so lieb wie er auf den ersten Blick scheint. Harry und Caroline haben es faustdick hinter den Ohren. So überrascht mich das erste Unglück nur halb, wenngleich ich fassungslos auf das Geschriebene blicke, vor allem deshalb, wie es von Harry erzählt wird.

Permanent bin ich gebannt, habe ein klopfendes Herz und einen schnellen Atem. Ich bin wie ein geladenes Teilchen, das ständig vibriert, weil sich in dem ruhigen Erzählfluss bösartige Wellen mischen. David Ballantyne hat eine düstere Geschichte geschrieben, die zunehmend die verwinkelte Innenwelt von Harry an die Öffentlichkeit trägt, dass es mich gruselt, die Angst in mir nach oben krabbelt und ich mich vor diesem scheinbar netten Jungen verstecken möchte. Einerseits bin ich im Laufe der Geschichte eine gute Freundin geworden, der er seine Gedanken und Gefühle anvertraut. So verliebt sich Harry zum ersten Mal, muss aber gleichzeitig ein großes Stück Verantwortung für seinen Bruder übernehmen und den Großteil der Hausarbeit schmeißen, weil die Mutter auf unbestimmte Zeit in die Stadt gezogen ist und seine Cousine wie eine Drohne im Feriendomizil thront. Andererseits werde ich Zeugin seiner Taten, die eher verschwommen durchsickern, seine List, die mich an einen Fuchs denken lassen. Ich bewege mich auch aus Harrys Universum hinaus und stoße auf die seltsamen Eigenheiten des Dorfes, in dem nicht alles so friedlich ist wie zunächst angenommen. Die Menschen und das, was um sie herum passiert, sind äußerst merkwürdig. Schiefe Fensterläden, die sich nicht richtig schließen lassen. Stimmt das Erzählte oder hat sich Harry das alles nur ausgedacht? Eine Frage, die sich mit einem Fingerzeig dazwischen schiebt. Berechtigt, sehr berechtigt.

Hier haben wir es wirklich mit einem eindrucksvollen Klassiker zu tun. Er ist von vorn bis hinten stimmig: klug durchdacht, sehr raffiniert und gut geschrieben, dicht, spannend und äußerst packend. Besonders großartig empfand ich die faszinierende Sogwirkung, die von ihm ausgeht, bei der man alles liegen lässt und nur eins macht: lesen. Ich tauchte komplett ab, befand mich in einer anderen düsteren Welt und wurde Teil eines bösartigen Schauspiels, das sich vor meinen lesenden Augen offenbarte. Dämonisch und erschreckend zugleich. Selten habe ich ein Buch so schnell verschlungen und es am Ende atemlos zugeschlagen wie dieses. Unerwartet. Mehr als gut und wertvoll, wie ein richtiger Goldnugget.

David Ballantyne.
Sydney Bridge Upside Down.
Aus dem neuseeländischen Englisch übersetzt von Gregor Hens.
August 2012, 333 Seiten, 19,99 €.
Hoffmann und Campe.

Durch den Sprachwolf.

Wolf Haas verdreht einem das Wort im Auge. Ja, ihr lest richtig – der Autor ist ein Wortakrobat allerbeste Güte. Wo der Fleischer sonst das Hack durch den Fleischwolf dreht, macht Wolf Haas das mit Worten und Sätzen. Herauskommt dann so ein fantastisches Buch wie „Verteidigung der Missionarsstellung“.

Bereits zu Beginn begeistert mich Wolf Haas mit einem langen Satz, der an epische Züge grenzt. Ich möchte ihn nicht zitieren. [Auch ich brauche meinen Platz, lieber Herr Haas! Das können Sie bestimmt verstehen.] Aber wenn ich euch verrate, dass dieser Satz dreizehn Kommas enthält, könnt ihr euch in etwa ausmalen, wie stark die Konzentration sein muss, um am Ende noch zu wissen, wie das Ganze angefangen hat. Das Komische ist, sein Protagonist Benjamin Lee Baumgartner, der jenen Satz formt, spricht ihn nicht aus. Was für ein Skandal! – wollte ich da rufen. Nun, er will seine Angebetete nicht verstören und wählt deshalb nur kurze, banale Antworten. Im Londoner Greenwich steht er vor einer Beefburgerverkäuferin, ist schier verzaubert von der umwerfend schönen Frau und macht das, was er normalerweise nicht tut, sich einen Burger bestellen, weil er… nun lasst mich kurz in seinen Redefluss einklinken, keiner kann es so gut wie Wolf Haas [Jetzt zitiere ich Sie doch, lieber Herr Haas und verzichte auf meinen Platz.] „Meine vorhin durchgeführte Wahrscheinlichkeitsrechnung, ob in einem von hundert oder wenigstens in einem von tausend, meinetwegen in einem von hunderttausend Fällen die Chance auf ein entwaffnetes Lächeln, auf eine Sekundenaufmerksamkeit deines Blicks, auf ein zum ewigen Wortwechsel einladendes Widerwort, auf eine Verabredung, auf einen Kuss mit nachfolgendem Geschlechtsverkehr bestehen könnte, führte dazu, dass ich hier für mein letztes Geld, obwohl ich Vegetarier und überdies gar nicht hungrig bin, einen Beefburger kaufte, weil ich mir sagte, dass meine Chance bei aller Aussichtslosigkeit immer noch größer als die Gewinnwahrscheinlichkeit beim Lotto sei…“ – Stopp, Luftholen, nein, ich kann nicht weiter, hier mache ich einen Break!

Dieser junge Mann, der Ähnlichkeiten mit dem stummen Indianer aus „Einer flog über das Kuckucksnest“ hat, versucht, mit der Dame ins Gespräch zu kommen. Sie berichtet ihm von der „Kuhekrankheit“. Diese Krankheit ist eine von weiteren, die Benjamin Lee Baumgartner immer ausgerechnet dann in die Quere kommt, wenn er sich verliebt. In London ist es die Rinderseuche, in China die Vogelgrippe und bald ist er das weltweit erste Opfer der Schweinegrippe. Die Viren kleben an seinen Herzklappen, so möchte man meinen. Obwohl es ein tragisches Element sein müsste, ist es bei Wolf Haas äußerst komisch, zum Kugeln komisch!

Dieses Buch bebt nur so vor Sprachkunstwerken, aus denen ich mich nicht ohne ein Schmunzeln drehen konnte. Die Dialoge zu Beginn sind nur die Türöffnung zu mehr unerhörten Sprachspielen wie die ausländischen Frauen, die die deutsche Sprache nur halb beherrschen. Die Hamburgerverkäuferin hat wie das Indianermädchen ein u-Problem. Beide sprechen den ü-Umlaut seltsam verkehrt aus. Wo ein ü folgen muss, verwendet die umwerfend schöne Beefburgerverkäuferin ein u, und umgekeht, statt einem u gibt es ein ü. Deshalb auch die Kuhekrankkeit. Wobei natürlich das gesamte Wort ein Fehlkonstrukt ist. Das Indianermädchen macht es genauso, und schon haben wir ein „dürstig“. Herrlich suspekt lesen sich auch die Passagen, die in China spielen. Dort schiebt Wolf Haas chinesische Schriftzeichen in den Redefluss ein, baut sie sogar aus und füllt mit ihnen Seiten, bei denen sich mir Fragezeichen und ein amüsantes Grinsen abwechseln. Was verdammt noch mal steht dort? Neben den Wortfeinheiten lässt es sich der Autor nicht nehmen, mit der Topographie zu spielen. Ich zweifle an einer Stelle kurz an meiner Sehkraft, weil die Schrift plötzlich kleiner wird, sie schrumpft und schrumpft, bis ich nur noch auf graumelierte Seiten starre. Nicht zuletzt die ganzen Randbemerkungen, in eckigen Klammern verpackt, beschreiben, was eingefügt werden soll wie „[HIER NOCH EIN BISSCHEN LONDON-ATMOSPHÄRE EINFÜGEN – LEUTE UND FRISUREN UND MODE UND SACHEN. UND VORN EINFÜGEN, DASS SELBST DIE DISKRETEN ENGLÄNDER AUF DIE AUFMERKSAM WURDEN ODER SO.]“

Wolf Haas wechselt die Erzählperspektiven und schiebt sich als Autor dazwischen. Das „Ich“ verrät mir Dinge, die ich als Leser aufsauge. Der Autor holt mich zu sich an den Schreibtisch, plaudert aus dem Nähkästchen und berichtet mir von Ansichten, über die ich länger nachdenken muss. „In all den Jahren habe ich nicht aufgehört, mich über einen Punkt zu wundern. Frei Erfundenes klingt in einem Roman oft überzeugender und realer als die aus der Realität entlehnten Geschichten. Selbsterlebtes oder Begebenheiten, die einem jemand aus dem wirklichen Leben erzählt hat, wirken oft krampfhaft originell und erfunden.“ Das lasse ich einfach so stehen. Der Autor macht sich überdies Gedanken über die Sprache und erläutert zum Beispiel, dass „weil“ ursprünglich einen zeitlichen Zusammenhang darstellte. Den Ursprung dieses Wortes würde man heute am englischen „while“ wiedererkennen oder an der Weile. Er bringt auch gleich im Anschluss plausible und zum Lachen komische Beispiele: „Weil mein Zimmernachbar Tag und Nacht stundenlang seine aus England mitgebrachte Freundin bumste, kam ich mit meiner Arbeit gut voran.“ Wer der Nachbar ist, könnt ihr euch denken. Dieser Benjamin Lee Baumgartner, dessen Mutter ein Hippiemädchen und der Vater ein Hopi-Indianer war. Seinen seltsamen Namen verdankt er übrigens – welch’ Haasisches Wunder – dem Sprachforscher Benjamin Lee Whorf. All diejenigen, die es nicht wissen: Wolf Haas ist promovierter Linguist. So erstaunt es wahrlich nicht, dass sich dieser Roman wie ein Spaziergang durch die Sprache liest. Es fiel mir schwer, mich auf beides zu konzentrieren, die Geschichte und die Sprache. Also entschied ich mich für die vielen, unterhaltsamen und beeindruckenden topographischen und sprachlichen Stilelemente, die mir am Ende zahlreiche Schleifen in die Augen gedreht haben.

Wolf Haas.
Verteidigung der Missionarsstellung.
September 2012, 240 Seiten, 19,90 €.
Hoffmann & Campe.