Der ganze Thomas Bernhard. Und sein Hab und Gut dazu.

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© Suhrkamp Verlag

Am 12. Februar 1989 ist Thomas Bernhard gestorben. Dieser sprachgewaltige Weltankläger hat also vieles nicht mehr miterlebt. Den Fall der Mauer, das Ende der Sowjetunion, den Zerfall Jugoslawiens, wo er mehrfach hinreiste, ganz zu schweigen vom Internet und Menschen, die sich eine Berufsbezeichnung geben, die irgendwie nach dem lateinischen Wort für Grippe klingt. Hochansteckende Hysterie als Reaktion auf seine Literatur war ihm trotzdem nicht fremd. Seine Anklage gegen eine gedankenlose und gleichgültige Welt entlud sich nicht selten in legendären, kunstvollen Beschimpfungen. Kein Fremdenverkehrsverband hätte mehr für Augsburgs Berühmtheit tun können, als Bernhard mit seiner Lechkloake. Und erst das Burgenland! Eine Strafanstalt, fad und häßlich. Aber das mit der Kunst verstanden viele nicht, folgerichtig kam es zu ebenso legendären Reaktionen von Reaktionären, die zumeist unsouverän bis offen feindselig ausfielen. Bestes Beispiel: Die Hasstiraden auf sein letztes Theaterstück Heldenplatz.
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Ein Abschied. Ein Geburtstag. Ein Prozess.

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Herr K. ist Autor und lebt in einer großen Stadt. Gelegentlich schreibt er für den Literaturblog seiner Frau. Eines Morgens klingelt es an der Tür. Zwei Herren in langen, grauen Mänteln bitten ihn, mitzukommen. Jemand muss ihn verleumdet haben. Gelächter im Hausflur. Man führt ihn ab, steckt ihn in eine schwarze Limousine der Marke Wolga und bringt ihn in ein unbekanntes Gebäude. »Was wollen Sie von mir?« fragt Herr K. »Wir sind nicht befugt, Ihnen das zu sagen.« K. ist verzweifelt und möchte seine Frau anrufen. Oder einen Anwalt. Alles unmöglich. »Sie führen sich auf wie ein kindischer Autor.« Man schleppt ihn in den Keller. Eine Zelle, finster. K. fällt in einen fiebrigen Schlaf. Als er wieder aufwacht, fühlt er sich schwer und ziemlich rechteckig, zerfallen in viele Seiten. Er versucht sich aufzurichten, in einen kleinen, nahezu blinden Spiegel zu schauen. »Was ist mit mir geschehen?« Kein Traum, nun erkennt er im Spiegel, dass er zu einem Buch geworden ist.
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Ein Fest für Bücher.

IMG_6421Heute ist der Welttag des Buches. Mittlerweile gibt es ja für alles Mögliche Welttage. So wurde im Januar tatsächlich der Jogginghose gedacht. Aber bleiben wir beim Buch. Bücher sind wichtig. Besonders, wenn sie uns etwas zu sagen haben. Wenn uns die Lektüre eines Buches bereichert, berührt und bestenfalls neue Türen öffnet, durch die unser Geist gehen kann. Erfrischt, gefordert und staunend. Nie sollte ein Buch uns langweilen. Das ist eine Todsünde. Unterhaltung ist selbstverständlich erlaubt, das Niveau bestimmt der Leser selbst. Niemand zwingt uns, schlechte Bücher zu lesen. Oder böse Bücher, die mit der Feder der Agitation, des Hasses oder des Zynismus geschrieben sind. Das sind Bücher, die hässlich machen. Ansonsten macht Lesen tatsächlich schön. Von innen, der Rest ist bekanntlich Hülle.

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Glücklicher Tag.

samuel_beckettDie Dreizehn, natürlich. Samuel Beckett wurde am 13. April 1906 in Dublin geboren. Ein Geburtstagsgruß. Eine Erinnerung. Ein kleiner Totentanz auf seinem Grab. Oh, ist dies ein glücklicher Tag! Und alle sind zu diesem Fest erschienen: Estragon, Wladimir, Pozzo und Lucky. Clov und Hamm, Nagg und Nell. Winnie und Willie. Molloy kommt zu spät. Und auf wen alle noch warten, das muss ich hier nicht erklären. Geschenke werden gereicht: ein Strick, eine Bürste, eine Brille samt Putztuch. Die alten Dinge eben. Wie geht es euch? Ach, keine Verschlimmerung, keine Besserung. Aber auch keine Schmerzen. Gut, singen wir ein Liedchen wie die Drossel. Tanzen wir. Und dann legen wir uns ins Gras. So, genug gefeiert. Genug geredet. Jetzt lesen wir seine Bücher. Oder gehen ins Theater. Unbedingt. Ich muss nun los. Und ich entlasse euch alle! Zurück in die Mülltonne. Licht aus. Die totale Finsternis. Eine Kerze für Samuel Beckett.

Literatur? Alles nur Theater!

Wieder ist es passiert. Wieder habe ich ein Werk von Anton Tschechow nicht gelesen, sondern gesehen. Als Theaterstück. In Frank Castorfs Inszenierung „Nach Moskau! Nach Moskau!“.

Der Intendant der Berliner Volksbühne hat Tschechows „Drei Schwestern“ und die Erzählung „Die Bauern“ damit auf die Bühne gebracht. Ganz nach alter Manier wurde geschrien, um sich geworfen, randaliert und sich aneinander gerieben. Castorf Theater liebt man oder nicht. Ich liebe ihn. Jetzt wieder. Seine letzten Stücke haben mich vor kurzem enttäuscht.

Tschechow mag ich aber immer wieder gern sehen. Meine erste Begegnung war in der Berliner Schaubühne. Damals habe ich „Die Möwe“ gesehen. Ich schätze seine klugen Gedanken und Sätze über die Vergänglichkeit, über das Glück und das Drama dazwischen. Die großen Fragen und die kleinen Fragen. Ja, er fragt viel in seinen Stücken und lässt uns die Antworten selbst suchen. Tschechow war ein Kenner des Volkes. Er reflektiert in seinem Stück „Die Bauern“ die Situation der Armen wieder. Später hat er in „Drei Schwestern“ der russischen Bourgeoisie den Spiegel vors Gesicht gehalten.

Ausgesprochen fühlen sich manche Ausdrücke anders an, als wenn es nur das bloße Auge aufliest. Trotzdem möchte man all das, was sich zwischen dem Zuschauerraum und der Bühne abspielt, auch für sich selbst haben. Aus Neugier auf diesen Autor habe ich mir nach der „Iwanow“ Inszenierung dieses Buch gekauft:

Lange habe ich darin nicht mehr geblättert. Dies werde ich natürlich nachholen. An meinem Klassiker-Sonntag ist das doch ideal! Vielleicht ist es ja so, dass man manche Literaturstücke erst wieder sehen muss, bevor man sie sich zugute zieht? Oder ist es am Ende alles nur Theater? Heute jedenfalls bin ich eine Irina, die sich so glücklich fühlt als säße sie in einem Segelboot „über dem weiße Vögel in einem endlosen blauen Himmel kreisen.“