Der Tod der Anderen. Und das eigene Überleben.

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Viereinhalb Jahre ist es nun her, dass der feige Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo verübt wurde. Ein Anschlag auch auf die freie Meinungsäußerung. Und, Freunde, hat sich seitdem etwas geändert, gibt es weniger Hass und Gewalt zwischen Himmel und Erde? Die Antwort ist kurz und niederschmetternd: Nein. Genau genommen ist es sogar noch schlimmer geworden. Egal, aus welcher Ecke die Gewalt kommt, ob sie politisch, rassistisch oder religiös motiviert ist: Sie hat nie stichhaltige Argumente, aber immer die Aktion auf ihrer Seite. Eine Aktion mit oft entsetzlichen Folgen für die Menschen, die dieser Gewalt ausgesetzt waren und sie überlebt haben. Genau davon erzählt »Der Fetzen« von Philippe Lançon. Einem Mann, der unglaublich viel Glück hatte und dem doch großes Unglück widerfahren ist. Philippe Lançon wurde bei dem Attentat auf Charlie Hebdo schwer verletzt und entsetzlich entstellt. Die Kugeln der Killer haben ihm den halben Kiefer weggeschossen. Aber er hat überlebt: »Ich war einer von ihnen, aber ich war nicht tot.«

Ein Buch hat sein Leben gerettet, so rechnet Lançon später im Krankenhaus immer wieder durch. Nur, weil er dem – getöteten – Cabu unbedingt noch ein Jazz-Buch zeigen wollte, war er noch nicht auf dem Weg nach draußen, wo er den Attentätern vermutlich in die Arme gelaufen wäre. Aber was heißt das schon, das Leben gerettet? Wenn man erleben muss, wie die Kollegen einer nach dem anderen einfach abgeknallt werden, wenn man ihre toten Körper buchstäblich hautnah spürt und betrachten muss? »Die Toten hielten einander fest an den Händen. Der Fuß des einen berührte den Bauch des anderen, dessen Finger das Gesicht des Dritten streiften, welches der Hüfte des Vierten zugekehrt war, und alle, wie nie zuvor und nun für immer, wurden in dieser Anordnung zu meinen Gefährten.«

Plötzlich ist alles zweitrangig geworden, die kleinlichen Streitereien innerhalb der Redaktion, das Gerücht, die Zeitschrift stünde angeblich kurz vor ihrem Ende. Es ist ebenso müßig zu spekulieren, ob Charlie Hebdo mit seinem Spott zu weit gegangen ist – egal, wem gegenüber. Denn die Zeitschrift hat sich über so ziemlich alles und jeden lustig gemacht. Warum? Weil hinter so vielem auf dieser Welt keine Wahrhaftigkeit steht, sondern nur partielle Interessen bestimmter Menschen und Gruppen. Macht, Ruhm, Geld. Darum geht es. Alles andere ist pure Heuchelei und Opium fürs Volk.

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Der Autor vor dem Attentat. Foto: © Catherine Hélie / Editions Gallimard

Umso berührender das Einzelschicksal von Lançon, dessen Leben sich von einer Sekunde zur nächsten zweiteilt – in das Leben vor dem Attentat und dem Überleben danach. Mühsam kämpft sich der Autor zurück in etwas, was nie wieder so sein wird wie zuvor. Insgesamt 17 (!) Operationen muss der Mann über sich ergehen lassen, unzählige Eingriffe und Rehas, ständige Entwürdigungen und Demütigungen. Dazu die Angst, selbst im Krankenhaus, wo er monatelang lag und Polizeischutz genoss. Selbst in diesen geschützten Räumen diese ständige Angst, dass die Männer, die ihm das angetan haben, in irgendeiner Form wieder auftauchen, um ihr Werk zu vollenden: »Diese Zimmer waren mir inzwischen Häfen und Hütten. Manchmal glaubte oder fürchtete ich, wenn ich nachts dem Rollwagen der Krankenschwester lauschte, wenn ich den Schrei eines Patienten oder das Knattern eines Motors hörte, dass die Mörder in den Gängen nach mir suchten.«

Da kann nur noch La Rochefoucauld helfen: Der Sonne und dem Tod kann man nicht ins Auge sehen. Ja, Lançon ist davongekommen, mit dem Leben, wie man so schön sagt. Aber dieses neue Leben fordert ihm alles ab, er erspart sich und auch dem Leser nichts, wird nie sentimental, aber auch nicht zynisch. »Der Fetzen« ist eine autobiografische Schrift und doch einer der besten Romane, die ich zuletzt gelesen habe, weil er schonungslos eine große Traurigkeit beschreibt, eine Verletzlichkeit, die nicht nur den Körper des Autors betraf und sicher immer noch betrifft.

Das Attentat auf Charlie Hebdo war ja nicht der Schlusspunkt der Gewalt. Gerade, als Philippe Lançon so etwas ähnliches wie Normalität spüren möchte und endlich seine chilenische Freundin in New York besuchen kann, diese andere, verwundete Stadt, da geschehen im November 2015 neue entsetzliche Taten in Paris. Ebenso sinnlos. Und plötzlich ist alles wieder da.

Dieses Buch zeigt uns, wie zerbrechlich und wertvoll zugleich das Leben ist. Wie überflüssig und banal die ständigen Aufgeregtheiten über lästige Ärgernisse des Alltags sind. Wir sollten froh sein, noch auf zwei Beinen zu stehen. Und ein Gesicht zu haben, wenn wir uns im Spiegel anschauen, das uns vertraut vorkommt.

Und die Gewalt? Da bleibt uns nur Michel Houellebecq. Ganz genau. Mit ihm fing an diesem 7. Januar 2015 sozusagen alles an, mit seiner Karikatur auf dem Titel von Charlie Hebdo und mit der Veröffentlichung von »Unterwerfung«. Lançon trifft ihn Monate später auf einer Veranstaltung, beide unter Polizeischutz. Nach ein wenig Smalltalk wird Houellebecq ernst und zitiert einen Matthäus-Vers: »Und die Gewalttätigen reißen es an sich.« Bitter, aber wahr. Können wir noch etwas tun? Lasst es uns wenigstens versuchen, jeder für sich erstmal. Bisschen weniger Ego, bisschen mehr Mitgefühl. Bisschen weniger verurteilen, bisschen mehr verstehen. Es geht ums Überleben, ums nackte Überleben. Über den Rest reden wir später.

Philippe Lançon – Der Fetzen. Aus dem Französischen übersetzt von Nicola Denis. Tropen Verlag, 551 Seiten, 25,- €

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Während der Monate in den Pariser Kliniken hatte Philippe Lançon viel Zeit zum Lesen, fand aber nur begrenzt Kraft und konzentrierte sich auf drei Autoren und bestimmte Werke: Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Franz Kafkas Briefe an Milena und Der Zauberberg von Thomas Mann. Werke von zeitloser Kraft, Schönheit und Eleganz. Sie seien hiermit auch von mir ausdrücklich empfohlen.

Marcel Proust – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Frankfurter Ausgabe. Drei Bände in Kassette. Suhrkamp Verlag, 5200 Seiten, 49,95 €

Thomas Mann – Der Zauberberg. Fischer Taschenbuch, 1008 Seiten, 15,- €

Franz Kafka – Briefe an Milena. Fischer Taschenbuch, 423 Seiten, 12,95 €

Weitere Rezensionen findet ihr u.a. bei:

 

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