„Weil das Leben auch an Grenzen geht.“ Benedict Wells im Gespräch.

Foto: © Roger Eberhard

Benedict Wells ist heute Gast auf unserem Blog. Gerade ist sein fünfter Roman beim Diogenes Verlag erschienen: »Hard Land« hat auch mich begeistert, wie ihr ja bereits gelesen habt. Ich freue mich sehr, dass ich ihm zu seinem neuen Werk und ein paar anderen Dingen Fragen stellen durfte. Coronabedingt leider nur per Mail.

Klappentexterin: Gern möchte ich meine erste Frage wieder genauso beginnen wie vor fünf Jahren: Was hast du seit Erscheinen deines letzten Romans unternommen?
Benedict Wells: Hier kommt meine ehrlichstmögliche Antwort: Ich war fast parallel zum Erscheinen monatelang in China und bin mit der Transsibirischen Eisenbahn durch Russland gefahren. Ich war wahnsinnig überrascht vom Erfolg meines letzten Romans, sehr dankbar und zugleich auch ehrlich gesagt ein bisschen überfordert. Ich bin zweimal umgezogen und hatte schöne Momente, auch noch mal eine tolle Reise durch Amerika. Ich hatte aber auch ein paar der dunkelsten Jahre meines Lebens zwischen Verlust und anderen persönlich schwierigen Phasen. Ich bin in meiner zweiten Heimat Schweiz gelandet und ich habe in der ganzen Zeit an „Hard Land“ geschrieben. Und nun antworte ich diese Zeilen.

Zwischenzeitlich gab es ja eine Kurzgeschichten-Sammlung mit dem schönen Titel „Die Wahrheit über das Lügen“. Wie kam es zu den Erzählungen?
Ich hatte im Laufe der Jahre einfach viele Ideen im Kopf, die zwar keinen Roman ergaben, die ich aber unbedingt erzählen wollte. Manche schon lose niedergeschrieben. Und dann hatte ich die Idee zu „Das Franchise“, in der ein erfolgloser Drehbuchautor und Star Wars-Nerd der Gegenwart im Jahre 1973 landet – und nun vier Jahre Zeit hat, George Lucas seine Idee zu stehlen. Als ich diese Geschichte hatte, wusste ich, dass ich um sie herum ein ganzes Buch aus anderen Stories bauen möchte. Und so wenig ich weiß, ob und wie es mit den klassischen Romanen in Zukunft weitergehen wird: Kurzgeschichten werde ich auf jeden Fall noch ein paar schreiben.

Nun ist dein neuer Roman „Hard Land“ endlich da. Er wurde von vielen mit großer Spannung erwartet. Du hast dich für eine Coming-of-Age Geschichte entschieden. Gab es dafür einen Auslöser oder war die Idee einfach da?
Es war schon immer ein Genre, das mir nah war. Ob nun die von mir geliebten Bücher von John Green, ob „The Perks of Being a Wallflower“ von Stephen Chbosky oder Filme wie „Breakfast Club“ und „Stand By Me“. Und zum ersten Mal fühlte ich mich im richtigen Alter für so eine Geschichte, denn zum ersten Mal konnte ich die Jugend von außen sehen, weil ich nicht mehr drin war. Die Peinlichkeiten und Unsicherheiten, das Glück und der Schmerz von damals berührten mich nicht mehr, also konnte ich endlich befreit davon erzählen.

Wie in „Fast genial“ führt dich „Hard Land“ erneut nach Amerika. Ist das Zufall oder pflegst du zu Amerika eine besondere Beziehung?
Das Land hat mich tatsächlich von Kindheit an fasziniert. Ich bin in den Neunzigern aufgewachsen, aber es schwappte auch noch sehr viel von den 80ern zu mir herüber, die Filme und Musik dieser Zeit. Und diese Popkultur war natürlich sehr an Amerika ausgerichtet. Später waren dann die großartigen ersten Simpsons-Staffeln wie ein Schulfach für mich (nicht zu verwechseln mit den Simpsons heute). Und noch später gab es auch große Brüche in der Beziehung zu Amerika, von den Lügen unter Bush beim Irakkrieg bis hin zu den dramatischen jüngsten Ereignissen in diesem längst tief gespaltenen Land.

In Amerika hast du Joey Goebel getroffen, einen weiteren Diogenes Autor, den ich ebenso schätze. War das euer erstes Treffen? Oder seid ihr mittlerweile gut Schriftstellerkollegen?
Wir kennen uns inzwischen wirklich gut. Das erste Mal traf ich ihn 2009 bei einer Lesung, seitdem schrieben wir oft. Auf meinem letzten Roadtrip durch Amerika war ich dann zwei Tage bei ihm zu Besuch in Kentucky. Er ist nicht nur ein großartiger Autor, dessen Bücher ich allen nur sehr empfehlen kann. Er ist auch ein feiner, humorvoller, kluger Mensch.

Die Handlung von „Hard Land“ spielt in den 80er Jahren. Warum?
Weil ich diese Zeit zwar von Kindheit an mitbekommen hatte – und trotzdem knapp verpasste. Aber genau das war der Schlüssel zum Schreiben: meine Sehnsucht nach der Popkultur dieser ansonsten auch düsteren, rückständigen Dekade. Und vor allem: nach diesem Sommer der Jugend, den ich so nie hatte. All das war die Tinte für dieses Buch, nicht meine eigene Erfahrung. Mir war aber auch wichtig, dass es eine analoge Zeit ist. So hatte ich die Hoffnung, mich noch ganz gut in Teenager aus den 80ern hineinversetzen zu können, denn auch ich bin ja ohne Handys und Internet aufgewachsen. Die Gegenwart wäre schwieriger gewesen. Ich war ja schon nie ein Experte für meine eigene Generation, da wollte ich mir erst recht nicht anmaßen über das heutige Jugendgefühl zu schreiben – das aufgrund von etwa Social Media und einer digital beschleunigten, komplexeren Welt sicher ganz anders ist als bei mir damals. Viel lieber möchte ich hier zuhören. Und habe bei Gesprächen mit meinen jüngeren Cousinen und Cousins, aktuellen Diskussionen oder großartigen, die jugendliche Gegenwart reflektierenden Serien wie „Sex Education“ das Gefühl, auch sehr viel zu lernen.

Interpretiere ich das richtig, dass du ein großer Kinofan bist und dich der Film „Metropolis“ seinerzeit begeistert hat? Oder ist es in „Hard Land“ künstlerische Freiheit, dass ein Kino eine bedeutende Rolle spielt, das zufällig „Metropolis“ heißt.
Ich bin ein sehr großer Kinofan, habe den Film auch vor Ewigkeiten gesehen. Aber das Kino gehört nicht mir, sondern wiederum Mr. Andretti aus dem Buch. Und der ist ein noch größerer Cineast als ich und hat lange geschwankt, ob er sein Kino nun nach einem Fellini-Klassiker oder doch nach Fritz Langs „Metropolis“ benennt. Und da letzteres gut klingt, hat er sich dafür entschieden.

Du mutest deinen Romanhelden mitunter einiges zu. Warum gehst du bis an die Grenzen?
Weil das Leben leider auch an die Grenzen geht. Mindestens. Ich will nicht lügen, ich will Schmerz und die Aussichtslosigkeit zeigen, wie sie sind. Aber auch, was man ihnen entgegenstellen kann. Und dass es selbst am tiefsten Punkt noch weitergeht.

Obwohl deine Protagonisten bisweilen viel durchmachen müssen, schenken deine Romane trotzdem Hoffnung. Ist es das, was du uns mitgeben willst? Shit happens. Undwenn ich Sams Lehrer kurz zitieren darf: „Auch das geht vorbei.“ 
Ja. Nur darf und kann ich das eben nicht einfach behaupten, ich muss es zeigen. Und dazu gehört auch, aufrichtig über die schwierigen Themen zu schreiben. Nicht an einem klassischen Coming-of-Age-Punkt am Ende des Sommers aufzuhören, sondern auch den nachfolgenden Winter zu schildern, den wahren Tiefpunkt. Und genauso den Trost oder die liebevollen Momente nicht auszusparen.

„Hard Land“ hat mich nicht nur wegen der tapferen Hauptfigur berührt. Auch die Freundschaft mit Cameron, Hightower und Kirstie fand ich besonders. Was macht für dich gute Freundschaft aus?
Vielen Dank. Es war mir im Buch wichtig, dass Sam zu allen drei Charakteren unterschiedliche Beziehungen hat. Mit Hightower kommuniziert er weniger durch Worte als mit Cameron, Kirstie dagegen ist mal sehr präsent und taucht dann ab. Und doch ist er mit allen gleich befreundet. Ich glaube jedenfalls, es ist bei einer Freundschaft entscheidend, dass man sich überlegt: Wie ist sie oder er überhaupt? Wenn sich jemand ewig nicht meldet, dann aber ganz intensiv und voll da ist bei einem Treffen, sollte man dann wirklich enttäuscht sein über die lange Abwesenheit? Oder ist es nicht genauso schön wie mit jemand anderem, wo man sich vielleicht oft sieht, aber dafür bei den Gesprächen weniger in die Tiefe geht? Ich glaube, je mehr man es schafft, sich in die anderen hineinzuversetzen, desto besser. Nur leicht ist es nicht, das geht mir ja auch so.

Sam ist ein außergewöhnlicher Junge und Außenseiter. Ist der Roman Einzelgängern gewidmet, die bislang nicht das Glück hatten, solche Freunde zu finden?
Nicht bewusst. Aber doch, ja, ein bisschen schon. Ich habe mich auch immer als Außenseiter gesehen, und die Tragik in der Jugend ist vielleicht, dass man da oft das Gefühl hat, damit allein und in der Minderheit zu sein. In Wahrheit sind Außenseiter aber die riesige Mehrheit. Nur steht man da meist einzeln im Schatten und blickt nur auf die hell erleuchtete Bühne mit ein paar wenigen Beliebten, die in dem Alter zumindest nach außen sicher wirken. Deshalb fallen einem die anderen im Dunkeln nicht auf

Wer verbirgt sich hinter William Morris? Reine Fiktion? Ich habe den Namen recherchiert. „Hard Land“ tauchte aber nicht in seiner Werk-Biographie auf.
Der Morris im Buch heißt ja auch William J., er ist nicht zu verwechseln mit dem Morris, der auf Wikipedia zu finden ist. Viel mehr möchte ich hier aber noch nicht verraten, vielleicht schreibe ich dazu noch etwas auf meiner Homepage.

Da uns seit nun mehr zwölf Monaten ein Virus unsere Leben stark beeinflusst, komme auch ich nicht umhin, dich zu fragen, wie du diese Zeit erlebt hast.
Für mich war es seltsam. Meine innere Krise war in etwa vorbei, als die äußere Krise mit der Pandemie begann. Es dauerte, bis ich begriffen hab, dass ich das nicht miteinander verwechseln darf. Ich war also meist stabil, auch wenn es mir zusetzte, dass das Leben auf Pause gestellt wurde, dass man seine Freunde kaum mehr sehen konnte und immer wieder eingesperrt war, dass ständig und überall die Handbremse angezogen wurde. Notgedrungen, aber eben trotzdem für niemanden leicht. Denn hinzu kommen ja auch die ständig neuen Meldungen und Spekulationen, mal mit trügerisch guten Nachrichten, mal mit zermürbenden, finsteren. Ich glaube, ich habe inzwischen meinen 157. Bewusstseinszustand in der Pandemie erreicht, ständig muss man sich neu auf ein verändertes Szenario einstellen. Aber dennoch ging es mir vergleichsweise gut. Ich kenne viele, die geliebte Menschen verloren hatten oder deren berufliche Existenz bedroht ist oder junge Verwandte, die nach der Schule nicht ins Leben ausbrechen durften. Und auch als Autor hatte ich schon vor dem Buchstart von „Hard Land“ vergleichsweise großes Glück. Denn was sollen all die Debütant:innen sagen, die gerade ihren ersten Roman veröffentlichen und deren Träume von der ersten Tour geplatzt sind? Vor allem sie muss man unterstützen – und jetzt lesen. Ob nun „Fang den Hasen“ von Lana Bastašić, „Nur vom Weltraum aus betrachtet ist die Erde blau“ von Björn Stephan und viele weitere starke Debüts aus diesem Frühjahr.

In diesem Jahr planst du mit deinem Verlag eine ganz außergewöhnliche Art von Buchpräsentation. Was wird uns erwarten, sobald Lesungen wieder stattfinden dürfen? Und wie kam es zu dieser Kooperation?
Falls es möglich ist, werde ich mit Jacob Brass eine richtige Tour machen, durch Clubs und Kinos. Er ist ein guter Freund von mir und ein hervorragender Musiker, der sowohl eigene Stücke spielen wird als auch Cover-Songs vom Soundtrack des Buchs wie etwa „Drive“ von den Cars. Wir hatten schon ein paar Lesungen/Konzerte zusammen, ich finde, Musik und Literatur ergänzen sich perfekt. Also hatten wir irgendwann den Traum von einer richtigen gemeinsamen Tour, die nun im Herbst stattfinden wird – falls es bis dahin wieder geht.

Und zum Abschluss hätte ich gewusst, welche Bücher dich zuletzt beeindruckt haben.
„Americanah“ von Chimamada Ngozi Adichie, „Was ich liebte“ von Siri Hustvedt, „The Hate U Give“ von Angie Thomas fand ich alle sehr, sehr stark. Genau wie „Mit Blick aufs Meer“ und „Die langen Abende“ von Elizabeth Strout, letztere waren mein Jahres-Highlight 2020. Und vor kurzem hat mich noch „Zeit der Zauberer“ von Wolfram Eilenberger tief beeindruckt über die Explosion des Denkens in der Philosophie in den 1920er Jahren.

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht dem Autor weiterhin alles Gute!

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