Pferde und Bücher. Gibt´s nur zu Weihnachten.

IMG_3450Tja, da dachte man nun, man wäre bis ans Ende seiner Tage ein staatlich geprüfter Großstadtneurotiker. Aber dann veränderten sich die Städte und wurden zu Kampfzonen. Besonders die besonders große Stadt, in die ich mich schon als Kind verknallt und die ich immer wie den Weihnachtsbaum angestaunt hatte. Wie haste dir verändert! Vom Abenteuerspielplatz zum Monopoly für alle Spielarten von Kapitalisten. »Keiner, der vom Profitsystem profitiert, vermag darin ohne Schande zu existieren.« Selbstverständlich hat Adorno recht. Und ich werde zu einem späteren Zeitpunkt an dieser Stelle noch ausführlicher auf diesen geistreichen und scharfsinnigen Mann zurückkommen. In jedem Fall ist das derzeitige Treiben des Turbokapitalismus nun mal der Lauf der Dinge, auch wenn es ein unangenehmer und ungerechter Lauf ist.
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Der Tod der Anderen. Und das eigene Überleben.

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Viereinhalb Jahre ist es nun her, dass der feige Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo verübt wurde. Ein Anschlag auch auf die freie Meinungsäußerung. Und, Freunde, hat sich seitdem etwas geändert, gibt es weniger Hass und Gewalt zwischen Himmel und Erde? Die Antwort ist kurz und niederschmetternd: Nein. Genau genommen ist es sogar noch schlimmer geworden. Egal, aus welcher Ecke die Gewalt kommt, ob sie politisch, rassistisch oder religiös motiviert ist: Sie hat nie stichhaltige Argumente, aber immer die Aktion auf ihrer Seite. Eine Aktion mit oft entsetzlichen Folgen für die Menschen, die dieser Gewalt ausgesetzt waren und sie überlebt haben. Genau davon erzählt »Der Fetzen« von Philippe Lançon. Einem Mann, der unglaublich viel Glück hatte und dem doch großes Unglück widerfahren ist. Philippe Lançon wurde bei dem Attentat auf Charlie Hebdo schwer verletzt und entsetzlich entstellt. Die Kugeln der Killer haben ihm den halben Kiefer weggeschossen. Aber er hat überlebt: »Ich war einer von ihnen, aber ich war nicht tot.«
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Sympathie für den Teufel?

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Jeder kennt sie, diese Geschichten, die mit einer gewissen Regelmäßigkeit in den Nachrichten erscheinen: Familienvater bringt erst Frau und Kinder um und dann sich selbst. Überall Fassungslosigkeit, schnell werden Kerzen und Plüschtiere am Tatort deponiert, oft mit Zetteln garniert, auf denen ein einziges Wort steht: Warum? Ein paar Tage später wird diese schockierende Nachricht dann bereits von den nächsten Verbrechen, zu denen Menschen fähig sind, ins Reich des Vergessens geschickt.
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Encore une fois: Vive la littérature!

Nachdem sich Herr Klappentexter ja schon mit seinen Favoriten zu Wort gemeldet hat, folgt nun der zweite Teil unseres Frankreich-Specials. Frankreich! Schon das Wort hält für mich viel Schönes bereit: Köstliche Croissants, stilvolle Mode, großartige Filme, eine wunderschön klingende Sprache und natürlich formidable Literatur. Französische Literatur ist für mich stets ein Garant für allerfeinste Lesestunden. Insofern war ich höchst beglückt, als ich vom diesjährigen Gastland der Frankfurter Buchmesse erfuhr. Zu diesem Anlass erschienen etliche frankophone Neuerscheinungen. Eine kleine Auswahl davon präsentiere ich euch heute. Aber nicht nur. So ist die französische Literatur in meinem Regal der Lieblingsbücher zahlreich vertreten. Was wäre ich ohne Françoise Sagan? Oder ohne Simone de Beauvoir und Irène Némirovsky? Auch ein Leseleben ohne Albert Camus oder Patrick Modiano kann ich mir nicht vorstellen. Weiterlesen

Vive la littérature! Auch nach der Buchmesse.

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Die Frankfurter Buchmesse 2017 und alle ihre Aufreger sind Geschichte, aber die Literatur ist immer noch da. So wollen die Klappentexterin und ich als Nachklang und in aller Ruhe ein paar Lieblingsbücher aus unserem Nachbarland vorstellen und den einen oder anderen Klassiker empfehlen. Da ich mich in meiner Funktion als Herr Klappentexter schon länger nicht zu Wort gemeldet habe, hat mir meine wunderbare Frau charmanterweise den Vortritt gelassen.
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Am Ende wird alles gut.

Anna Gavalda und ich – das ist eine schöne Geschichte. Die französische Autorin hat mir seinerzeit mit ihrem wundervollen Buch »Zusammen ist man weniger allein« gezeigt, wie viel Kraft wir Buchhändler haben können. Durch unsere Empfehlungen haben wir den Roman in die Bestsellerliste getragen. Das war 2005, und ich kam gerade frisch im Buchhandel an. Nachdem ich wie eine Protagonistin aus Anna Gavaldas Geschichten durchs Leben gelaufen war und sich vieles falsch anfühlte. Ja, ich war wie ein Yann, den ich jetzt in ihrem Erzählband »Ab morgen wird alles anders«, getroffen habe. Und der mich nun mit aller Macht an mein altes Ich erinnert, so dass ich mich kaum von der Geschichte lösen mag. Weiterlesen

Eine klare Stimme im Sturm der Ereignisse.

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Ich habe Wut in meinem Bauch. Ein richtig fieses Grummeln und Zischen, als würde Rumpelstilzchen herumwüten. Aber es ist nicht meine Wut – sie kommt direkt aus den Seiten von »Erschlagt die Armen!«. Shumona Sinhas Worte hängen noch in der Luft, schillernd schön und gleichzeitig messerscharf. Eine aufatmende Erleichterung erreicht mein Zwerchfell, ich seufze. Und bin froh, dass das Buch zu Ende ist. Als ich den Gedanke denke, erschrecke ich. Darf man so etwas schreiben? Geschweige denn denken, obwohl es sich um ein außerordentlich beeindruckendes Buch handelt?

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Das Mädchen und der Fuchs.

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Es gibt Bücher, die sind vom ersten Augenblick an unwiderstehlich. Sie sind von einer ganz besonderen Aura umgeben, der man sich nicht entziehen kann. „Jane, der Fuchs & ich“ von Fanny Britt und Isabelle Arsenault ist eines dieser wunderbaren Bücher. Schon das Cover verrät, dass es sich hier um einen echten bibliophilen Schatz handeln muss. Als ich das Buch aufschlug, strömte ein betörender Papiergeruch in meine Nase, den ich immer wieder schnuppern musste, als wäre es edles Parfum. Was danach folgte, ist eine eindrucksvolle Reise in ein Land, das ich bis dato noch nicht betreten hatte. Ich hielt meine erste Graphic Novel in den Händen! Und dachte, einen besseren Einstieg kann es nicht geben.

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On the Road to Luck.

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Ein Blinzeln in der Sonne. Sandstaub auf den Lippen. Und in den Tiefen meines Bauches eine ganze Armee an Endorphinen. Ich blicke auf das schmale Buch Zweiundzwanzig von Jean-Philippe Blondel, flach wie eine Flunder und stark wie ein Elefant. Immer noch bin ich erstaunt darüber, was die kurze Geschichte mit mir angestellt hat. Großartig war’s – so viel kann ich euch schon verraten.

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