Der Tod der Anderen. Und das eigene Überleben.

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Viereinhalb Jahre ist es nun her, dass der feige Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo verübt wurde. Ein Anschlag auch auf die freie Meinungsäußerung. Und, Freunde, hat sich seitdem etwas geändert, gibt es weniger Hass und Gewalt zwischen Himmel und Erde? Die Antwort ist kurz und niederschmetternd: Nein. Genau genommen ist es sogar noch schlimmer geworden. Egal, aus welcher Ecke die Gewalt kommt, ob sie politisch, rassistisch oder religiös motiviert ist: Sie hat nie stichhaltige Argumente, aber immer die Aktion auf ihrer Seite. Eine Aktion mit oft entsetzlichen Folgen für die Menschen, die dieser Gewalt ausgesetzt waren und sie überlebt haben. Genau davon erzählt »Der Fetzen« von Philippe Lançon. Einem Mann, der unglaublich viel Glück hatte und dem doch großes Unglück widerfahren ist. Philippe Lançon wurde bei dem Attentat auf Charlie Hebdo schwer verletzt und entsetzlich entstellt. Die Kugeln der Killer haben ihm den halben Kiefer weggeschossen. Aber er hat überlebt: »Ich war einer von ihnen, aber ich war nicht tot.«
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Sympathie für den Teufel?

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Jeder kennt sie, diese Geschichten, die mit einer gewissen Regelmäßigkeit in den Nachrichten erscheinen: Familienvater bringt erst Frau und Kinder um und dann sich selbst. Überall Fassungslosigkeit, schnell werden Kerzen und Plüschtiere am Tatort deponiert, oft mit Zetteln garniert, auf denen ein einziges Wort steht: Warum? Ein paar Tage später wird diese schockierende Nachricht dann bereits von den nächsten Verbrechen, zu denen Menschen fähig sind, ins Reich des Vergessens geschickt.
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Encore une fois: Vive la littérature!

Nachdem sich Herr Klappentexter ja schon mit seinen Favoriten zu Wort gemeldet hat, folgt nun der zweite Teil unseres Frankreich-Specials. Frankreich! Schon das Wort hält für mich viel Schönes bereit: Köstliche Croissants, stilvolle Mode, großartige Filme, eine wunderschön klingende Sprache und natürlich formidable Literatur. Französische Literatur ist für mich stets ein Garant für allerfeinste Lesestunden. Insofern war ich höchst beglückt, als ich vom diesjährigen Gastland der Frankfurter Buchmesse erfuhr. Zu diesem Anlass erschienen etliche frankophone Neuerscheinungen. Eine kleine Auswahl davon präsentiere ich euch heute. Aber nicht nur. So ist die französische Literatur in meinem Regal der Lieblingsbücher zahlreich vertreten. Was wäre ich ohne Françoise Sagan? Oder ohne Simone de Beauvoir und Irène Némirovsky? Auch ein Leseleben ohne Albert Camus oder Patrick Modiano kann ich mir nicht vorstellen. Weiterlesen

Vive la littérature! Auch nach der Buchmesse.

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Die Frankfurter Buchmesse 2017 und alle ihre Aufreger sind Geschichte, aber die Literatur ist immer noch da. So wollen die Klappentexterin und ich als Nachklang und in aller Ruhe ein paar Lieblingsbücher aus unserem Nachbarland vorstellen und den einen oder anderen Klassiker empfehlen. Da ich mich in meiner Funktion als Herr Klappentexter schon länger nicht zu Wort gemeldet habe, hat mir meine wunderbare Frau charmanterweise den Vortritt gelassen.
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Am Ende wird alles gut.

Anna Gavalda und ich – das ist eine schöne Geschichte. Die französische Autorin hat mir seinerzeit mit ihrem wundervollen Buch »Zusammen ist man weniger allein« gezeigt, wie viel Kraft wir Buchhändler haben können. Durch unsere Empfehlungen haben wir den Roman in die Bestsellerliste getragen. Das war 2005, und ich kam gerade frisch im Buchhandel an. Nachdem ich wie eine Protagonistin aus Anna Gavaldas Geschichten durchs Leben gelaufen war und sich vieles falsch anfühlte. Ja, ich war wie ein Yann, den ich jetzt in ihrem Erzählband »Ab morgen wird alles anders«, getroffen habe. Und der mich nun mit aller Macht an mein altes Ich erinnert, so dass ich mich kaum von der Geschichte lösen mag. Weiterlesen

Eine klare Stimme im Sturm der Ereignisse.

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Ich habe Wut in meinem Bauch. Ein richtig fieses Grummeln und Zischen, als würde Rumpelstilzchen herumwüten. Aber es ist nicht meine Wut – sie kommt direkt aus den Seiten von »Erschlagt die Armen!«. Shumona Sinhas Worte hängen noch in der Luft, schillernd schön und gleichzeitig messerscharf. Eine aufatmende Erleichterung erreicht mein Zwerchfell, ich seufze. Und bin froh, dass das Buch zu Ende ist. Als ich den Gedanke denke, erschrecke ich. Darf man so etwas schreiben? Geschweige denn denken, obwohl es sich um ein außerordentlich beeindruckendes Buch handelt?

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Das Mädchen und der Fuchs.

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Es gibt Bücher, die sind vom ersten Augenblick an unwiderstehlich. Sie sind von einer ganz besonderen Aura umgeben, der man sich nicht entziehen kann. „Jane, der Fuchs & ich“ von Fanny Britt und Isabelle Arsenault ist eines dieser wunderbaren Bücher. Schon das Cover verrät, dass es sich hier um einen echten bibliophilen Schatz handeln muss. Als ich das Buch aufschlug, strömte ein betörender Papiergeruch in meine Nase, den ich immer wieder schnuppern musste, als wäre es edles Parfum. Was danach folgte, ist eine eindrucksvolle Reise in ein Land, das ich bis dato noch nicht betreten hatte. Ich hielt meine erste Graphic Novel in den Händen! Und dachte, einen besseren Einstieg kann es nicht geben.

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On the Road to Luck.

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Ein Blinzeln in der Sonne. Sandstaub auf den Lippen. Und in den Tiefen meines Bauches eine ganze Armee an Endorphinen. Ich blicke auf das schmale Buch Zweiundzwanzig von Jean-Philippe Blondel, flach wie eine Flunder und stark wie ein Elefant. Immer noch bin ich erstaunt darüber, was die kurze Geschichte mit mir angestellt hat. Großartig war’s – so viel kann ich euch schon verraten.

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Heiter bis wolkig.

Ich habe mich verliebt. Wieder einmal hat mich David Foenkinos verzaubert und mir mit seinem neuen Roman „Souvenirs“ besondere Lesestunden geschenkt, in denen ich das Gefühl hatte, zu fliegen und die Sonne im Herzen zu tragen, (auch wenn zum Schluss ein unerwarteter Regenschauer auf mich niederging).

Wie bereits in „Nathalie küsst“ konfrontiert mich der französische Autor auch dieses Mal mit den Schattenseiten des Lebens. Gleich zu Beginn berichtet der Ich-Erzähler vom Tod seines Großvaters. Zunächst nimmt ihn der Tod sehr mit, bald hingegen löst sich die dunkle Wolke auf und das Leid verschwindet, bis er seine trauernde Großmutter besucht. Er spürt ihre Leere und Hoffnungslosigkeit: „Ihre Welt war mit dem Tod meines Großvaters zusammengebrochen. Was konnte ihr einen Anreiz geben, sie wieder aufzubauen?“ Von diesen nachdenklichen Worten gibt es zahlreiche. Seine Art durchs Leben zu laufen, aufmerksam denkend und träumerisch wandelnd, setzt in mir einiges in Bewegung. Ich möchte mit ihm im Hotel sitzen, in dem er als Nachtportier arbeitet. Ich möchte ihm auf die Schulter klopfen und sagen, dass er seinen Weg schon finden wird. Jetzt schwimmt er noch im Ungewissen, findet dafür im Schreiben Halt und wünscht sich, Schriftsteller zu sein. Eine konkrete Romanidee hat er allerdings noch nicht, die schlummert in den Tiefen seiner Seele. Wird er sie aufspüren?

Eine weitere große Rolle in dem Roman spielt das Alter, ein Lebensabschnitt, in dem die Zukunft zu einem kleinen Punkt zusammenschrumpft und die Vergangenheit die Größe eines Fußballfeldes hat. So ergeht es der Großmutter, sie ist gefangen, im Nichtmehrganzkönnen und dem Nochwollen. Nachdem sie in der Wohnung hingefallen ist und sich verletzt hat, kommt sie widerwillig in ein Altenheim, in das sie aber eigentlich nicht hingehört, lauscht man den Worten ihres Enkels: „Entweder sah meine Großmutter noch so jung aus, oder die Leute hier gingen schon auf die hundert zu. Das war kein Altenheim in dem Sinne, dass sich Menschen im Alter aus dem Berufsleben zurückzogen und zur Ruhe zu setzen, das war ein Sterbeheim.“ Nicht nur seine Großmutter beschäftigt den Ich-Erzähler. Seine Eltern sind Verlorene, die sich jetzt im Ruhestand zunächst wiederfinden müssen. Während der Vater mit einer inneren Leere kämpft, zieht es die Mutter in die Ferne.

David Foenkinos trägt mich erneut mit seiner leichten Art durch die Geschichte, die an einigen Stellen mit schweren Steinen besetzt ist. So fühlt sich das Ausmaß der Dramen nur halb so schlimm an, nicht wie ein Orkan, eher wie ein Windstoß, der kurz das halbgeöffnete Fenster aufspringen lässt. Er überrascht mich wieder mit kleinen Nebensächlichkeiten wie seinen unaufdringlichen Fußnoten und den Erinnerungen bedeutender und ganz normaler Menschen. Die schieben sich in kursiver Schrift zwischen die einzelnen Kapitel und zeigen auf diese Weise nicht nur Lebensstücke von allen Beteiligten des Romans – selbst von den Nebenfiguren -, sondern auch von Persönlichkeiten wie Patrick Modiano, Francis Scott Fitzgerald oder Serge Gainsbourg. Doch letztlich überwiegt für mich eine tiefe Verbundenheit mit dem Ich-Erzähler, den ich ins Herz geschlossen habe. David Foenkinos hat einen sehr symphatischen und liebenswerten Helden erschaffen, den ich nur lieben kann. Mit anderen Worten: Foenkinos löst die Distanz zwischen dem Protagonisten und mir auf. Wir reichen uns die Hände, spüren eine vertraute Nähe und in mir geht die Sonne auf.

„Souvenirs“ wäre perfekt, wenn er sich für mich auf den letzten Metern nicht drehen würde. Zum Ende hin zieht Foenkinos seinen Roman wie einen Reißverschluss auf und vor meinen Augen schlüpft das Unerwartete heraus und schleicht davon. Der Geschichte wird jede Überraschung entzogen, wobei der Plot für mich an Kraft verliert, weil alles vorhersehbar wird, viel anders als auf den Seiten zuvor. Regen prasselt auf mich nieder und ich rutsche nach meinen Luftsprüngen aus. Plötzlich fällt das Funkeln aus meinen Augen und die ganze Szenerie schmeckt wie abgestandener Kaffee. Mein Puls verläuft wieder in ganz normalen Bahnen und ich sehne mich nach der Sonne. Aber vielleicht sind das nur meine eigenen Erwartungen, die nicht erfüllt worden sind und euch ergeht es da anders. Und ehrlich gesagt, mag ich den Roman immer noch sehr, zu besonders waren die vorangegangen Seiten, die überwiegen. Ich werde die schönen Erinnerungen weiterhin in meinem Herzen tragen und lächelnd an die Momente zurückdenken, in denen die Sonne in mir aufging, trotz des Regenschauers.

David Foenkinos.
Souvenirs.
Juli 2012, 332 Seiten, 17,95 €.
C.H. Beck.