Schlagwort-Archive: Frankreich

Überraschungsmomente.

Foto: Véronique Olmi | © Astrid di Crollalanza

Selbst mich kann die Literaturwelt noch überraschen. Natürlich war mir der Name Véronique Olmi geläufig, aber gelesen hatte ich von der französischen Autorin noch nichts. Nun, das kann selbst der besten Buchhändlerin passieren. Aber dieses kleine Versäumnis wurde mittlerweile korrigiert, denn ich habe »Die Ungeduldigen« gelesen und staune immer noch.

Schon der Klappentext wedelte vielversprechend in meine Richtung: Frankreich in den 70er Jahren, drei Schwestern, die aus der Provinz und dem konservativen Leben in die Metropole nach Paris ausbrechen wollen. Simone de Beauvoir und Gisèle Halimi sind ihre großen Heldinnen. Das klang vielversprechend.  

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Nicht fürs Leben gemacht.

Foto: Michel Houellebecq | © Philippe Matsas /
Flammarion

Wie viele Gegenwartsautoren von Weltrang gibt es noch? Also solche, die wirklich relevant sind, die gesellschaftliche Debatten auslösen und im besten Fall sogar noch in die Zukunft schauen statt auf den eigenen Nabel. Die Liste ist verdammt kurz, liebe Freunde. Ganz oben thront seit Jahren ein unbeugsamer Franzose, für den das Attribut umstritten eher unter- als übertrieben ist: Michel Houellebecq.

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Summertime. And the Readin´ is easy.

Endlich ist der Sommer da! Für viele die Zeit des Urlaubes, des Innehaltens und der Möglichkeit, endlich in Ruhe das eine oder andere Buch zu lesen. So stelle ich euch eine kleine, aber feine Auswahl an schönen Büchern vor, in denen der Sommer eine bedeutende Rolle spielt. Nicht alle vorgestellten Titel sind aus unabhängigen Verlagen, trotzdem möchte ich als Patin der alljährlichen indiebookchallenge auf die Aktion hinweisen. Im Juli heißt es: Lest ein Buch, das nach Sommer schmeckt. Also zeigt uns auf Instagram, Facebook oder auf euren Blogs diesen Monat eure sommerliche Lieblingslektüre. Ganz nach dem Motto: Endlich Sommer, endlich Zeit zum Lesen! 

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Der Tod der Anderen. Und das eigene Überleben.

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Viereinhalb Jahre ist es nun her, dass der feige Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo verübt wurde. Ein Anschlag auch auf die freie Meinungsäußerung. Und, Freunde, hat sich seitdem etwas geändert, gibt es weniger Hass und Gewalt zwischen Himmel und Erde? Die Antwort ist kurz und niederschmetternd: Nein. Genau genommen ist es sogar noch schlimmer geworden. Egal, aus welcher Ecke die Gewalt kommt, ob sie politisch, rassistisch oder religiös motiviert ist: Sie hat nie stichhaltige Argumente, aber immer die Aktion auf ihrer Seite. Eine Aktion mit oft entsetzlichen Folgen für die Menschen, die dieser Gewalt ausgesetzt waren und sie überlebt haben. Genau davon erzählt »Der Fetzen« von Philippe Lançon. Einem Mann, der unglaublich viel Glück hatte und dem doch großes Unglück widerfahren ist. Philippe Lançon wurde bei dem Attentat auf Charlie Hebdo schwer verletzt und entsetzlich entstellt. Die Kugeln der Killer haben ihm den halben Kiefer weggeschossen. Aber er hat überlebt: »Ich war einer von ihnen, aber ich war nicht tot.«
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Natürlich fantastisch: Im weiten Land der Literatur.

Schließt kurz eure Augen und stellt euch eine warme, leuchtende Landschaft vor. Es summt, es raschelt, weit und breit keine Menschen, nur ihr und die wunderbare Welt der Natur. Genau so fühlt sich »Weites Land« an, die neue Graphic Novel von Catherine Meurisse. Die Autorin lässt mich erneut an ihrem Leben teilhaben, denn wir kennen uns ja bereits ein bisschen. In »Die Leichtigkeit« hat die Französin das Überleben nach dem Attentat von »Charlie Hebdo« verarbeitet. Sie kam zu spät zur Arbeit und genau das hat ihr das Leben gerettet. Nach einem ersten Aufatmen über ihre Rettung war sie jedoch wie gelähmt, spürte eine tiefe Ohnmacht, ihre Inspiration war plötzlich weg. Dieser Einschnitt hat Narben auf ihrer Seele hinterlassen, die sie mit der Kraft der Kunst zu überwinden versucht. Weiterlesen

Roman graphique: Graphic Novels à la française.

Illustration: Reprodukt / Pénélope Bagieu

Hier nun der abschließende Teil des Frankreich-Specials: frankophone Graphic Novels. Erst französischsprachige Autoren und Illustratoren haben mich zur begeisterten Anhängerin von Graphic Novels werden lassen. Die Vielzahl von illustrierten Geschichten haben wir besonders kleinen Verlagen wie dem Reprodukt Verlag zu verdanken. Anfang des Jahres durfte ich den unabhängigen Verlag im Berliner Wedding besuchen und war erstaunt, auf wie wenig Raum derart großartige Publikationen entstehen. Wenn man Filip Kolek und seinen Kollegen zuhört, wie viel Arbeit hinter einer Produktion steckt, weiß man erst recht den Preis der Graphic Novels zu schätzen. Denn die Texte müssen nicht nur übersetzt werden, sondern auch die Anzahl der Wörter in die Sprechblasen passen. Viele Feinheiten, bevor das Werk dann fertig ist. Ich zeige euch heute eine kleine Auswahl  aus meinem Fundus der bilderreichen Graphic Novels. Weiterlesen

Encore une fois: Vive la littérature!

Nachdem sich Herr Klappentexter ja schon mit seinen Favoriten zu Wort gemeldet hat, folgt nun der zweite Teil unseres Frankreich-Specials. Frankreich! Schon das Wort hält für mich viel Schönes bereit: Köstliche Croissants, stilvolle Mode, großartige Filme, eine wunderschön klingende Sprache und natürlich formidable Literatur. Französische Literatur ist für mich stets ein Garant für allerfeinste Lesestunden. Insofern war ich höchst beglückt, als ich vom diesjährigen Gastland der Frankfurter Buchmesse erfuhr. Zu diesem Anlass erschienen etliche frankophone Neuerscheinungen. Eine kleine Auswahl davon präsentiere ich euch heute. Aber nicht nur. So ist die französische Literatur in meinem Regal der Lieblingsbücher zahlreich vertreten. Was wäre ich ohne Françoise Sagan? Oder ohne Simone de Beauvoir und Irène Némirovsky? Auch ein Leseleben ohne Albert Camus oder Patrick Modiano kann ich mir nicht vorstellen. Weiterlesen

Vive la littérature! Auch nach der Buchmesse.

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Die Frankfurter Buchmesse 2017 und alle ihre Aufreger sind Geschichte, aber die Literatur ist immer noch da. So wollen die Klappentexterin und ich als Nachklang und in aller Ruhe ein paar Lieblingsbücher aus unserem Nachbarland vorstellen und den einen oder anderen Klassiker empfehlen. Da ich mich in meiner Funktion als Herr Klappentexter schon länger nicht zu Wort gemeldet habe, hat mir meine wunderbare Frau charmanterweise den Vortritt gelassen.
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Kleines Büchlein, große Geschichte, großartige Frau!

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Für gewöhnlich sprudele ich wie eine Wasserfontäne, wenn ich von einer Lesung wieder nach Hause komme. Doch dieses Mal ist die Klappentexterin auffallend still, noch ganz in sich gekehrt. Das fällt dem Liebsten sofort auf. Und selbst jetzt, einen Tag später, bin ich weiterhin tief berührt. Die Buchpräsentation von »Und du bist nicht zurückgekommen« von Marceline Loridan-Ivens im Jüdischen Museum zu Berlin war bewegend, unvergesslich und traurig schön.

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Gefangen im Spinnennetz.

Hier ist eine Spezialistin am Werk. Als erfahrene Drehbuchschreiberin und Regisseurin weiß Hélène Grémillon, wie wichtig ein gut durchdachter Spannungsbogen ist. Genau dieses Wissen hat sie eindrucksvoll in ihrem Debüt „Das geheime Prinzip der Liebe“ umgesetzt.

Der Roman teilt sich in mehrere Erzählebenen auf. Die Rahmenhandlung wird aus der Perspektive einer jungen Pariser Verlegerin erzählt, die im Jahre 1975 – noch vollkommen betäubt vom Tod ihrer Mutter – Kondolenzschreiben durchsieht. Bei einem Brief verspürt Camille sofort eine Neugier: „Der Umschlag hatte meine Aufmerksamkeit geweckt, noch bevor ich ihn öffnete.“ Auf der nächsten Seite wechselt nicht nur die Schrift, sondern auch die Perspektive. Der unbekannte Briefschreiber heißt Louis und erzählt von Annie, einem Mädchen, das „zwei Jahre minus einige Tage“ jünger war als er und das ihm viel bedeutet hat. „Ich habe sie geliebt, wie ein Kind liebt, das heißt, im Beisein der anderen. Ich kam gar nicht auf den Gedanken, mit ihr allein zu sein, ich war noch nicht im Alter für die Zweisamkeit. Ich liebte sie, um zu lieben, nicht um geliebt zu werden. Es genügte, Annie zu treffen, um mich froh zu machen.“ So oft es geht, sucht er ihre Nähe, informiert sich sogar über die Malerei, da Annie leidenschaftlich gern malt. Auf diese Weise möchte er ihr nah sein und Zeit mit ihr verbringen. Was weder Louis noch Annie zum Zeitpunkt ahnen: Ausgerechnet dieses Hobby wird der Ausgangspunkt eines Dramas. Louis beschreibt es so: „Wenn Annie nicht so gern gemalt hätte, wäre das alles nicht geschehen.“

Camille verliert sich zunehmend in dieser Geschichte. Voller Ungeduld wartet sie auf die weiteren Briefe, die stets an einem Dienstag eintreffen. Sie glaubt, dass sich hinter dem Verfasser ein Autor verbirgt, der ihr sein Manuskript auf diesem Wege anbieten will: „Das Schreiben hatte eindeutig was Literarisches.“ Aber ist es wirklich so? Hat die Geschichte nichts mit ihr zu tun? Und was hat es mit der Madame M. auf sich, die plötzlich in Louis Erzählungen auftaucht? Sie ist es, die wie Annie die Malerei liebt und sie eines Tages zum Tee bei sich einlädt. Madame M. ist eine junge wohlhabende Frau, die mit ihrem Mann in das L’Escalier, ein schönes altes Herrenhaus zieht und für Unruhe sorgt: „Als das Ehepaar dort einzog, war es wie ein Gewaltakt. Alle fühlten sich durch das Eindringen dieser Fremden beraubt. Alle außer Annie, die sich über die Gelegenheit freute, neue Bilder zu schaffen.“ Zwischen Madame M. und Annie kommt es zu einer zaghaften Annäherung, aus der sich eine Freundschaft entwickelt. Alles wäre so schön, wäre da nicht der Kummer, der Madame M. bedrückt. Eines Morgens blickt Annie hinter die dunkle Fassade der Madame M. Ich höre ein Glas zerspringen, so eindringlich schlägt sich das Ereignis nieder. Die eine Frau offenbart der anderen ihren Schmerz und entzündet damit eine wahnsinnige Idee, die mir jetzt noch eine Gänsehaut beschert.

Hélène Grémillon webt ein Spinnennetz, in dem ich festhänge. Ich bin ihre Beute und ihr vollkommen ausgeliefert. Zu ergreifend ist das Abkommen zwischen Annie und Madame M., das zunehmend alles vergiftet. Aus Freundinnen werden Feindinnen. Zu mitreißend empfinde ich die Liebesgeschichten, die sich mir offenbaren. Hier zeigt sich die Kunstfertigkeit der Autorin, die mit unerwarteten Wendungen so sehr überrascht, dass der Atem stockt.
Hélène Grémillon erzählt mit einer sehr eleganten Feder eine unglaublich klug ausgefeilte Geschichte, die vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges spielt. In den Wirren des Krieges, in dem die Not und das Elend am größten ist, verlieren sich Grémillons Protagonisten in ihrer eigenen Welt. Sie sind Gefangene ihres Schicksals, vor allem Annie, die die größte Last zu tragen hat. So grausam das Geschehen ist, so schön ist die Sprache der Autorin, wundervoll poetisch. Manche Sätze sind wie Seide, die die raue Fläche mit einer Feinheit überziehen. Zwischen all dem Zerbrechlichen wütet das Drama bis zum Schluss. Es bleibt kaum Zeit, Luft zu holen und sich zu entspannen. Immer dann, wenn ich glaube, die Antwort in den Händen zu halten, schnappt Hélène Grémillon zu. Sie ist wie eine Spinne – grausam und wichtig zugleich.

Hélène Grémillon.
Das geheime Prinzip der Liebe.
Februar 2012, 255 Seiten, 19,99 €.
Hoffmann und Campe.