Bukowski übers Schreiben, das Leben und den Tod.

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Es gibt Neues von Charles Bukowski, genauer: neues Altes. Der Mann war ein eifriger Briefeschreiber, und nun sind eine ganze Reihe seiner Briefe in dem Band Über das Schreiben bei Kiwi erschienen. Aber wir können uns entspannen, denn hier wird keine geschäftstüchtige Bukowski-Folklore betrieben, diese Briefe waren noch nicht in dem ebenfalls lesenswerten Werk Schreie vom Balkon enthalten und bieten selbst demjenigen, der schon alles von Buk gelesen hat, noch neue Einblicke. Er spricht – wie der Titel des Buches schon sagt – übers Schreiben. Und sagt dazu viele kluge und wahre Dinge.

Es wurde dem in Deutschland geborenen Außenseiter nicht leicht gemacht – erst vom Leben, später von den Kritikern. Trotzdem war seine Karriere erstaunlich, vom nahezu mittellosen Trinker und späteren Postangestellten zu Amerikas Underground-Poeten Number One. Es gab genug Stimmen, die seine Gedichte und Storys lediglich als immergleiche und wohl kalkulierte Abbildung seiner eigenen kaputten Lebensgeschichte beurteilten. Seine Antwort darauf unmissverständlich: „Meine Gedichte sind nicht das Ergebnis sorgfältiger Planung, sondern entstehen blind, jedes Wort ist ein Zufallsfund und folgt einem eher fließenden Konzept, von dem ich mir mehr Lebendigkeit verspreche. Hier und da scheine ich als reale Person durch, doch nur, um dem Tänzchen Eleganz und Schwung zu verleihen.

Spät schaffte er den Durchbruch, da war er bereits über vierzig und die Verehrung der rebellischen Jugend ihm fremd: „Die meisten Dichter sind ja nur deshalb so jung, weil sie das Leben noch nicht gepackt hat. Zeigen Sie mir einen alten Dichter, und ich zeige Ihnen entweder einen Wahnsinnigen oder einen Meister.

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© Michael Montfort

Bukowski war sicher kein Pedant, kein manischer Feiler an seinen Texten, kontrolliertes Arbeiten war seine Passion nicht. Ebenso folgte seine Lyrik keinen bekannten Gesetzmäßigkeiten, keinem Versmaß. Das Leben war das Maß aller Dinge. Er gehörte auch nicht zu denjenigen, die sich organisierten und den Kontakt zu anderen Schriftstellern oder Künstlern suchten. „Ich persönlich bin – wenn es denn sein muss – lieber unter Menschen, die noch nie von Dylan oder Proust oder Bach oder Picasso (…) oder was sonst noch gehört haben. Ich kenne eine Reihe Boxer, ein oder zwei Pferdezocker, etliche Nutten und Exnutten und eben Alkoholiker, aber Lyriker sind schlecht für Verdauung und Sensibilität.“ Er war ein Einzelgänger und fühlte sich am besten, wenn er allein war. Allein mit der Flasche und der Schreibmaschine.

Ich bin ein gefährlicher Mann, vor allem wenn eine Schreibmaschine in der Nähe steht.“ Stimmt. Gefährlich für Wichtigtuer und Salonschriftsteller, gefährlich für Selbstgerechte und Humorlose. Denn all das war Bukowski nie. Aber jemand, dem das Leben in seiner ganzen Härte und Ironie mitgespielt hat, und der darauf mit einer unaufgeregten und unverwechselbaren Schreibe voller Wahrhaftigkeit geantwortet hat. „Das Schreiben hat mich vor dem Irrenhaus bewahrt, vor Mord und Selbstmord.“ Das merkt man. Und liest man, auch heute noch. Wobei, ich sage sogar: Gerade heute. Ein letztes Wort, Buk, vielleicht zum Tod? „Das Schöne am Sterben liegt in der Tatsache begründet, dass eigentlich nichts verloren ist.“ Zu dieser Weisheit muss ein Mensch erstmal gelangen. Bukowski hat das geschafft, schreibend.

Die Zitate stammen aus den zahlreichen Briefen, die in Über das Schreiben zu finden sind. Ein tatsächlich sehr empfehlenswertes Buch, ihr könnt es beruhigt eurer Bukowski-Sammlung zufügen.

Charles Bukowski – Über das Schreiben. Briefe an meine Weggefährten und Gönner. Herausgegeben von Abel Debritto. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Marcus Ingendaay. Kiwi Verlag, 288 Seiten, 18,- €

***

bukowski_maroGleich noch eine Empfehlung: Im Maro Verlag, der sich ja in den letzten Jahrzehnten große Verdienste um die Verbreitung des Werkes von Charles Bukowski erworben hat, ist ein schmales Bändchen mit dem wunderbaren Titel Ein schlampiger Essay über das Schreiben und das verfluchte Leben erschienen.

Der Essay beginnt mit dem Satz: „In den Jahren, als ich mich noch für ein Genie hielt und hungerte und keiner was von mir drucken wollte, verbrachte ich so manchen Acht-Stunden-Tag in der Stadtbibliothek.“ Das sollte reichen, um euch die 3,- € für die Worte des schlampigen Genies aus der Tasche zu locken. Mehr kostet dieses kleine Schmuckstück nicht, sozusagen Bukowski für zwischendurch. Obendrauf gibt´s sogar noch ein paar Gedichte, zum Teil aus seinem Standardwerk Gedichte, die einer schrieb, bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang. Übrigens der allererste Gedichtbank von Buk, der 1974 auf Deutsch erschien. Wo? Natürlich im Maro Verlag. Und dort immer noch in einer herrlichen Ausgabe zu bekommen. Wer´s noch nicht hat – unbedingt diese Lücke im Bücherregal schließen!

Herzlichen Dank an dieser Stelle an den Maro Verlag, der uns die großartigen Bilder vom Autor zur Verfügung gestellt hat. Der Fotograf Michael Montfort hat sie beim Dreh zu dem Bukowski-Film Barfly geschossen.

Charles Bukowski – Ein schlampiger Essay über das Schreiben und das verfluchte Leben. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Carl Weissner. Maro Verlag, 2010, 36 Seiten, 3,- €

Charles Bukowski – Gedichte, die einer schrieb, bevor er im 8. Stock aus dem Fenster sprang. Herausgegeben und aus dem Amerikanischen übersetzt von Carl Weissner. Maro Verlag, 1990, 116 Seiten, 9,90 €

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© Michael Montfort.
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7 Gedanken zu “Bukowski übers Schreiben, das Leben und den Tod.

  1. Tolle Fotos! Gelesen habe ich bis zum „Wahnsinnigen oder Meister“. Bukowski hat sehr viele Texte geschrieben, Prosa, Lyrik und hat sehr, sehr viel weggeschickt. Er war tatsächlich sehr fleißig und schaffend. Und, nicht zu vergessen, sehr gut und in seiner Zeit einer der ersten, (wenn nicht sogar der einzige), der so schrieb.
    Danke für diese interessante Buchvorstellung. Die Schreie vorm Balkon habe ich schon mit großem Interesse gelesen, gut der Hinweis, dass diese Briefe nicht darin enthalten, sondern weitere/andere sind. Schönen Advent wünsche ich!

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  2. Du hast mich extrem neugierig gemacht. Schöner Zufall – hatte bereits vor ein paar Tagen empfohlen bekommen, seine frühen Werke zu lesen. Kannst du was empfehlen? Ich denke nämlich, es ist Zeit für Bukowski 🙂

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  3. Mein erstes Buch von Bukowski war „Ausgeträumt“ und anfangs war ich über die Direktheit der Sprache ziemlich „schokiert“ :-D. Doch irgendwann habe ich doch einen Gefallen an seinen Büchern gefunden.

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