Schenkt Liebe, schenkt Bücher.

Vor zweitausend Jahren haben böse Kapitalisten ein rauschhaftes Jahresendzeitfest erfunden, eine verrückte Zeit des Konsums. Glücklicherweise kamen in den letzten Jahren besinnliche, spirituell angehauchte Menschen auf die Idee, dass es doch eigentlich ein Fest der Liebe sein soll. Der Liebe zu anderen Menschen und der Freude, sie zu diesem Anlass reichlich zu beschenken. Zum Beispiel mit Büchern und der Lust auf unglaubliche, phantasievolle und berührende Geschichten. Als Buchhändlerin kann ich das nur vorbehaltlos unterstützen.

Und so möchte auch Familie Klappentexterin die Gunst der Stunde nutzen, um euch in unserem Weihnachtsspezial ganz besondere Bücher zu empfehlen. Bücher, die selten auf dem Bestsellertisch liegen und doch Aufmerksamkeit verdient haben. Ich beginne heute, Herr Klappentexter folgt mir am Montagabend.

Irmgard Keun: Das Werk.

Mein Weihnachtsfest fing schon im September an, als die lang ersehnte Werkausgabe von Irmgard Keun vor mir lag. Was war ich glücklich! Und bin es immer noch, über unglaubliche 2044 Seiten, die dazu einladen, das vielseitige schriftstellerische Schaffen der Autorin zu entdecken. Ja, auch neu zu entdecken. Denn neben ihren famosen, bekannten Romanen finden sich in der prächtigen Ausgabe auch Essays und Erzählungen, die mir selbst im morgendlichen Dämmerzustand augenblicklich die Müdigkeit aus den Augen vertreiben. Auch wegen der hochwertigen Aufmachung nebst angenehmer Schriftgröße.

Irmgard Keuns Witz blitzt stets frech auf, taucht genauso unter und lässt die Melancholie hinein. Doch sie bleibt nicht lange. Diese Mischung ist es wohl, die mich an ihren Geschichten fasziniert und immer wieder staunen lässt – ein schier unerschöpflicher Quell der reinsten Lesefreude. Wer schreibt heute noch so? In einer Rezension stand der sehnliche Wunsch, dass die Autorin niemals in Vergessenheit geraten dürfe. Dem kann ich nur zustimmen, und Herr Klappentexter nickt ebenso in meine Richtung. Hat er doch schon viele Stunden damit verbracht, mir aus Irmgard Keuns Werken vorzulesen.

Irmgard Keun:  Das Werk. Wallstein Verlag, Hg. i. A. der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Wüstenrot Stiftung von Heinrich Detering und Beate Kennedy. Mit einem Essay von Ursula Krechel, 3 Bände, 2044 Seiten, Schuber mit Lesebändchen, 39,- €.

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Betty Smith: Ein Baum wächst in Brooklyn.

Dieses Buch schmiegt sich bereits nach den ersten Seiten um meine Seele. Viel mehr ist es Francie – die Hauptfigur des Romans. Das zehnjährige Mädchen nimmt sofort auf der Couch meines Herzens Platz und bleibt dort sitzen. Ich lausche ihrer Geschichte, die Anfang des 20. Jahrhunderts beginnt. Ihre Familie lebt in Brooklyn in ärmlichen Verhältnissen, jeder Penny muss dreifach umgedreht werden, jeder Krümel findet Verwendung. Doch Francie jammert nicht, das beeindruckt mich sofort, wie ihre bezaubernde Seite und ihre kleinen Marotten. So liebt Francie den Geruch von warmen Kaffee und schüttet ihn, wenn er kalt geworden ist, mit Freude in den Ausguss. Weil sie dann das Gefühl hat, nicht arm zu sein. Genauso beglückt mich ihre Begeisterung für Bücher und ihre Phantasie. Daher verwundert es mich nicht, dass das Werk in den vergangenen Jahren zu einem absoluten Herzensbuch avanciert ist. Obwohl man es ihm nicht anmerkt, dass es bereits vor siebzig Jahren erschienen ist, denn es klingt immer noch wunderbar zeitgemäß. Dies haben wir auch der gelungenen Neuübersetzung von Eike Schönfeld zu verdanken. Ein Herzensbuch für Herzensmenschen – möge es noch viele Jahre so bleiben.

Betty Smith: Ein Baum wächst in Brooklyn. Aus dem Englisch übersetzt von Eike Schönfeld. Suhrkamp Verlag, Oktober 2017, 621 Seiten, 25,- €. Auch als eBook erhältlich.

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Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann.

Noch ein Herzensbuch, das ich bei diesem Special einfach nicht fehlen darf, obwohl es seinen Weg schon gefunden hat. Land ein, Land aus konnte das Buch wunderbare Komplimente einfangen. Trotzdem möchte ich mit diesem überaus beglückenden Buch auch noch die letzten Bücherseelen erreichen. Es kann nicht genug Leser für so ein Werk geben. Mariana Leky schenkt uns eine wärmende Sonne, die wir in den kalten Wintertagen vermissen. Sie zieht unsere mürrischen Münder auseinander und lässt uns am Ende wehmütig werden, und selbst das fühlt sich sonderbar wohlig an. Wahrscheinlich weil wir Freunde gefunden haben, die wir nun in dem kleinen Dorf im Westerwald zurücklassen. Doch im Herzen leben sie weiter. Das ist das Schöne. Jedes Mal lächeln wir, sobald wir das Buch sehen. Wenn ihr das diesjährige Lieblingsbuch der Unabhängigen Buchhändler noch nicht kennt, dann folgt mir gern zu meiner Rezension. Ich kann euch übrigens auch das Hörbuch sehr ans Herz legen. Mit jedem Satz spürt man förmlich die Liebe der Sprecherin Sandra Hüllers zu diesem Glücksfall von Buch.

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann. Dumont Buchverlag, Juli 2017, 320 Seiten, 20,- €. Aus als eBook erhältlich. Das Hörbuch ist bei ROOF Music erschienen und kostet 20,-€.

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Philip Kerr: Friedrich der Große Detektiv.

Hier haben wir eine Hommage an den großen Schriftsteller Erich Kästner! Im Grunde ein Buch für alle großen Kinder, die mit Erich Kästner erwachsen geworden sind. Natürlich auch für alle Kinder, die noch darauf warten. Philip Kerr erzählt in seinem Werk zwei Geschichten oder sagen wir, er beleuchtet zwei Seiten der Medaille – die helle und die dunkle. Die Dunkle berichtet von den Anfängen des Zweiten Weltkrieges, wir sind an Friedrichs Seite, als die große Dunkelheit übers Land kam. Wie die Nazis die Macht ergreifen und zum absoluten Frevel aufrufen – zur Verbrennung von Büchern. Jüdische Mitschüler, die plötzlich nicht mehr in der Schule erscheinen. Der Junge muss zusehen, wie unschuldige Menschen von Braunhemden auf der Straße zusammengeschlagen werden. Die Freundschaft zu Erich Kästner, ein Freund der Familie und Nachbar, fühlt sich da wie eine rettende Hand an. Kästners Gedanken bleiben trotz aller Grausamkeit um ihn herum voller Menschlichkeit. Kein Groll, kein Hass, obwohl er allen Grund dazu hätte haben können. Immerhin wurden seine Bücher als undeutsche Literatur verunglimpft und ebenfalls verbrannt. Ein wichtiges Buch, ein wichtiges Plädoyer für die Menschlichkeit. Ein Dank an meine liebe Bücherfreundin im hohen Norden, die mir dieses Werk empfohlen hat.

Philip Keer: Friedrich der Große Detektiv. Aus dem Englischen übersetzt von Christiane Steen. rororo rotfuchs, September 2017, 256 Seiten, illustriert,  Hardcover, 14,99 €. Leseempfehlung ab 11 Jahre. Auch als eBook erhältlich.

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Friederike Schilbach: The Bathroom Chronicles: 100 Frauen, 100 Bilder, 100 Geschichten.

Mit diesem Buch könnt ihr mal so richtig abtauchen. Am besten in der Badewanne oder unter der warmen Bettdecke. Meiner geschätzten Buchhändlerkollegin Maria-Christina Piwowarski aus dem ocelot habe ich diese Entdeckung zu verdanken. Äußerlich unscheinbar, beinah kunstvoll zurückhaltend, wäre mir dieses Kleinod fast entgangen. Sobald man es aufgeklappt hat, eröffnet sich eine inspirierende und berührende, geradezu intime Welt. Über hundert Frauen zeigen fotografische Ausschnitte aus ihren Bädern und erzählen kleine Geschichten dazu. Einige sind nur zwei Sätze kurz, andere füllen eine halbe Seite. Mag die Küche der Mittelpunkt vieler Wohnungen sein, so ist das Bad stets der am meisten über die Bewohner verrät. Ich schmunzle, staune und bin mitunter sehr bewegt. Beiträge von bekannte Autorinnen sind hier zu finden, etwa von Mirna Funk, Lilly Brett, Simone Buchholz oder Sonja Heiss. Aber seid schon mal vorgewarnt: Einmal geöffnet, werdet ihr das Buch nicht mehr aus der Hand legen wollen. Also kauft es am besten gleich zweimal.

Friederike Schilbach: The Bathroom Chronicles: 100 Frauen, 100 Bilder, 100 Geschichten. Suhrkamp Verlag, November 2017, 222 Seiten, 18,-€, auch als eBook erhältlich.

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7 Gedanken zu “Schenkt Liebe, schenkt Bücher.

  1. Vielen Dank für die schönen Anregungen! Ich verschenke in diesem Jahr fast ausschließlich Bücher. Die Menschen haben schon so vieles, manchmal auch reichlich unnützes Zeug, aber eine gute Geschichte geht immer! Ein richtig gutes Buch kann man nämlich durchaus mehrmals lesen…Fröhliche Weihnachten!

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  2. „Was man von hier aus sehen kann“ ist wirklich großartig. Ich möchte mir jeden zweiten Satz aus dem Buch an die Wand nageln! Die Postkarten wären ein guter Anfang – wo gibt oder gab es die denn? Und den Okapiaufsteller? Kannst Du mir da weiterhelfen?

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