Bücherbilderzauber mit Tomi Ungerer.

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Stellt euch vor, ihr öffnet euren Briefkasten und ein Diogenes-Buchcover springt in eure Augen. Das geht mit den wundervollen Bücherbildern von Tomi Ungerer, die der Diogenes Verlag zum 60. Verlagsjubiläum im vergangenen Herbst in einer Postkarten-Box herausgebracht hat.

Wie einige von euch wissen, habe ich mich seinerzeit in Tomi Ungerers Geschichtenwelt verliebt. Damals las ich mit großem Entzücken das „Tomi Ungerer Kinderbuch Schatzkästlein“ und verwandelte mich in Frau Klappenquietsch. Mit wenigen Sätzen erzählt er freche, unheimliche, phantasievolle Geschichten und nutzt als kraftvolles Element seine großartigen Zeichenstriche. Die sind es auch, die mich neben seinem besonderen Humor um den Finger gewickelt haben. Ich schätze Tomi Ungerers einmalige geniale Illustrationen. Die Zeichnungen sind klar, bisweilen unheimlich und lassen das Betrachterauge vor Schmunzeln zucken.

In solch einem fantastischen Tomi Ungerer-Bilderschatz durfte ich nun erneut eintauchen. Obwohl dieses Mal die Buchstaben fehlten, hatte ich das Gefühl, mitten in einem spannenden Buch zu sitzen. Die Bücherbilder enthalten 60 Postkarten und nehmen die Betrachterin gleichzeitig mit in die Diogenes Verlagsgeschichte.

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Der Diogenes-Verlag ist ein Meister darin, die Liebe für das Besondere zu zelebrieren. Genau das merkt man diesem liebevoll gestalteten Produkt an. Sobald man die Box aufschlägt, geht die Sonne auf. Die Karten liegen in einer viereckigen Wanne, die man ganz leicht durch ein eingearbeitetes seidenfeines Band herausziehen kann. Auf der linken Seite befindet sich eine ausführliche Erläuterung zur Beziehung zwischen dem Diogenes Verlag und Tomi Ungerer. So erfahre ich, dass Tomi Ungerer nicht nur zahlreiche Kinderbücher illustriert hat, sondern bis in die Achtziger Jahre mehrere hundert Diogenes Bücher-Umschläge. Er versprach dem Verleger Daniel Keel 1973 in einem Brief: „Umschlagvignetten, Du kannst auf mich zählen, ich werde alle zeichnen.“ Das Versprechen hält er. Tomi Ungerer malt anhand von Inhaltsangaben oder besucht den Verlag, „wo er an einem einzigen Nachmittag ein ganzes Verlagsprogramm kongenial umsetzt.“ Ich sehe Tomi Ungerer leibhaftig vor mir, wie er in dem Verlagshaus sitzt und zeichnet. Was für eine Freude!

Herausgekommen sind Cover-Unikate, die uns allen vertraut sind, wie die bekannte schwarz-gelbe Krimireihe. So tragen die damaligen Ausgaben von Raymond Chandler, Dashiell Hammett, Ross Macdonald, Eric Ambler, Ray Bradbury oder Patricia Highsmith den wespenfarbenen Tomi Ungerer-Anzug mit einzigartigen Illustrationen. „Der dünne Mann“ von Dashiell Hammett gehört dazu und ich bin glücklich, dass ich dieses alte Buch antiquarisch erstanden habe. Doch eine Sache ist komisch: Der Pistolenrauch auf der Karte ist schwarz und auf dem Buchcover weiß. Wie kam es wohl zu diesem Unterschied? Ansonsten sind die beiden identisch. Auch die Werkausgaben von Robert Louis Stevenson, Anton Čechov, William Faulkner, W. Somerset Maugham und George Orwell erhalten vom Illustrator ihre besonderen Hüllen. Charakteristisch sind vor allem die speziellen Autorenfarben, so sticht ein Orwell in Rot oder Faulkner in Blau hervor.

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Ich stoße auf bekannte Cover wie das rebellierende Schwein aus „Farm der Tiere“ oder „John Thomas & Lady Jane“ von D. H. Lawrence. Daneben erstreckt sich eine Vielzahl von fremden Büchern, die mir eine leichte Verlegenheitsröte ins Gesicht pusten, weil mir einige unbekannt sind. Doch der Diogenes Verlag lässt mich nicht im Regen stehen. Auf der Rückseite erwartet mich die Auflösung, dort finde ich den Titel und Autor sowie das Erscheinungsjahr des Buches. Als Briefmarke dient das Buchcover, ganz herzallerliebst! Besonders faszinierend finde ich „Das blaue Hotel“ von Stephen Crane. Diese Zeichnung ist in Schwarz-Weiß gehalten, zeigt eine Schneelandschaft, in der ein Zug entlangfährt und von einer Krähe beobachtet wird. Urplötzlich wachsen Geschichten in meinem Kopf hervor wie Ranken an einer Hauswand. Und die Röte zieht sich zurück, denn ich bemerke eine feine Sache. Das Kartenbetrachten zieht einen tollen Nebeneffekt nach sich: die Phantasie! Die kommt alsbald angebraust und setzt sich der unwissenden Buchcoverbetrachterin auf den Schoß.

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Die Postkarten entführen mich in die aufregende Welt der Diogenes Buchcover. Ein Augenzwickern reiht sich an einen Gänsehautgruselschauer. Ich staune und verwandle mich in ein kleines Mädchen, dessen Augen mit jeder Karte größer werden, bis sie wie Lavalampen im Dunkeln glühen und Raubkatzenaugen sehr ähneln. Es dauert nicht lange und schon sehe ich Dampf aus der Box aufsteigen. Kein Wunder, geht es doch heiß her zwischen den frechen, gruseligen und übermütigen Zeichnungen.

Jede Karte ist ein wahres Kunstwerk. Einzigartig und unglaublich anziehend. Sofort möchte ich meine Wohnzimmerwand mit diesen Bildern schmücken. Ich gestehe ehrlich und aufrichtig, ans Verschicken denke ich immer weniger, je mehr Karten ich in den Händen halte und sie vor mir auf dem Boden zu einem großen Bild auslege. Schwierig, schwierig. Aber sind die Geschenke, die man nur ungern aus den Händen legt, nicht die schönsten?

Tomi Ungerer.
Bücherbilder.
2012, 15,- €.
Diogenes Verlag.

Ein Vater, ein Sohn, ein Geheimnis.

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Es gibt Momente im Leben, die du nicht vergisst. Sie rauben dir die Sprache und schubsen dich in eine Wolke des Schweigens, weil du nicht glauben kannst, was dir passiert ist. Deine Worte fliegen wie Vögel davon und du schaust ihnen ratlos hinterher. So ist es mir mit „Wie keiner sonst“ von Jonas T. Bengtsson ergangen. Ein Buch von unglaublicher Intensität.

Der dänische Autor erzählt in seinem Roman die Geschichte eines Vaters und seines Sohnes. Beide führen ein recht seltsames Leben. So wohnen sie anonym in verschiedenen Unterkünften und ziehen ständig um. Besonders suspekt ist die gute Laune, die sich dann beim Vater einstellt. Warum sie wie Flüchtige umherziehen bleibt ein großes Geheimnis. Der Vater schickt seinen Sohn auf keine Schule, unterricht ihn stattdessen selbst und verrät ihm lebenskluge Weisheiten: „Wenn man die Dinge sieht, wie sie sind. Dann trägt man auch Verantwortung. Dann ist man gezwungen, etwas zu tun“.

Der Junge fügt sich dem Nomadenleben, wirkt erstaunlich erwachsen, hat jedoch keine Freunde. Stattdessen entdeckt er für sich das Zeichnen, taucht in eine Welt, mit der er sich die Zeit des Wartens vertreibt und später das Geschehen um ihn herum reflektiert, während der Vater unterschiedlichen Jobs nachgeht. Obwohl der Junge ein unstetes Leben führt, habe ich in keiner Minute das Gefühl, dass er viel vermisst, ist er doch erfüllt von der Vaterliebe, die ihn wie ein warmer Schal vor der Kälte beschützt. Immer wieder erzählt ihm sein Vater abends vorm Einschlafen das Märchen von der “Weißen Königin” und den “Weißen Männern”. “Vor den Weißen Männern muss man immer auf der Hut sein”, sagte er. Sie wollten immer den König und den Prinzen fangen. Damit erzeugt der Autor einen märchenhaften Glanz, der wie ein heller Lichtstrahl der düsteren Kulisse eine beruhigende, verträumte Nuance verleiht.

Der Vater bleibt ein Mysterium. Ein Nebelschleier durch den ich nicht schauen kann. So sehr ich die Augen auch zusammenkneife, ich steige nicht durch das Versteckspiel, bin wie ein Wachhund, der jede Regung des Vaters aufmerksam beobachtet, wie seine Eigenart, sich stundenlang in Zeitungen zu vertiefen und dabei alles um sich herum zu vergessen. Sucht er etwas Bestimmtes? An anderen Stellen beeindruckt er mich, indem es ihm wie von Zauberhand gelingt, Unwirkliches wahr werden zu lassen und seinem Sohn auch ohne Geld Dinge zu ermöglichen. Wie er das anstellt, ist sein Geheimnis. Doch manchmal öffnen sich die Schleusen zur verborgenen Vaterwelt. Wenn er nachts von Albträumen heimgesucht wird und sich sein Sohn rührend um ihn kümmert. Genau dann verschwindet der Nebelschleier, erahne ich den Kern des Ganzen und bleibe trotzdem enttäuscht mit leeren Händen zurück. Eine Auflösung gibt es nämlich nicht, nur eine Ahnung, die schattenhaft durch den Roman schleicht. Irgendetwas ist passiert. Nur was? Statt auf eine Antwort stoße ich auf tiefes Schweigen. Also bewege ich mich weiter mit den beiden durch dieses befremdliche Leben – bis es zum Eklat kommt. Eine unerwartete Wendung, mit der ich insgeheim gerechnet habe und doch kracht sie überraschend laut in den Lesefluss.

Der Roman erfasst mich wie ein Schlag. Obwohl der dänische Autor in einem nüchternen Ton erzählt, rüttelt er an den Festungen meiner Gefühle. Nicht zuletzt auch durch die Geschichte, die unter die Haut geht. Einerseits ist der Ich-Erzähler ein Verlorener am Rande der Gesellschaft, ein isolierter junger Mensch, der nie seinem Herzenswunsch – dem Schulbesuch – nachgehen kann und ganz allein bleibt. Andererseits ist er ein leuchtender Stern im dunklen Universum seines Vaters. Von ihm erhält er die Aufmerksamkeit und Zuneigung, die man sich als Kind wünscht. Nach dem großen Eklat seiner Kindheit, folgt bald der nächste, als er älter ist. Ein Ereignis, das kein Richtig und kein Falsch duldet. War es nur eine notwendige Konsequenz oder ein Akt der bedingungslosen Liebe?

Jonas T. Bengtsson verwandelt mit seiner Erzählkunst einen ruhigen Fluss in einen tobenden Strudel, darin liegt für mich die Kraft dieses Romans. Unglaublich, wie ihm das mit seiner schlichten Sprache gelingt. Er bringt Glas zum Dampfen. Im Mittelpunkt leuchtet die Liebe zwischen Vater und Sohn, die keine Schranken kennt und den Normen der Gesellschaft trotzt. Es zählt einzig und allein das Band, das sie verbindet. Ein Vater, der nur das Beste für seinen Jungen will und für ihn da ist. Eine Beziehung, die den Jungen für sein Leben prägt. Dieses Band ist widerstandsfähig, es brennt sich in das Herz des Jungen und der Leserin – bis zum Schluss.

Jonas T. Bengtsson.
Wie keiner sonst.
Aus dem Dänischen übersetzt von Frank Zuber.
Februar 2013, 448 Seiten, 22,90 €.
Kein & Aber.

Über den Autor:

Jonas T. Bengtsson wurde 1976 geboren, lebt in Kopenhagen und wurde 2005 für seinen ersten Roman “Aminas Briefe” mit dem Dänischen Debütantenpreis ausgezeichnet. Sein zweiter Roman, “Submarino”, wurde verfilmt. 2010 gewann der Autor den PO Enquist Literaturpreis. Die Filmrechte für seinen dritten Roman “Wie keiner sonst” sind bereits verkauft.

Die Bücherglücksfee hat ausgelost.

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Habt vielen Dank für eure zahlreichen Kommentare zu der Aktion “Blogger schenken Lesefreude”! Es war mir eine große Freude, durch bekannte und unbekannte Titel zu laufen, die euch die Köpfe zersaust haben. Doch am Ende kann nur eine oder einer von euch gewinnen. Jetzt hat die Bücherglücksfee das Los gezogen. Trara! Freuen darf sich Fiona. Ich wünsche dir viel Spaß beim Lesen und beim Zersausen des Kopfes. Den anderen sei an der Stelle verraten, dass im Juni schon die nächste Verlosungsaktion bei mir ansteht.

Klappentexterin feiert den Welttag des Buches und verlost “In Boston?” von Russell H. Greenan.

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Als ich vor drei Jahren über den Welttag des Buches berichtet habe, war ich taufrisch in der bibliophilen Blogwelt. In der Zwischenzeit hat sich einiges bei mir getan. Ich habe wunderbare Menschen kennengelernt, unzählige feine Bücher gelesen, meterlange Texte geschrieben und aufregende Veranstaltungen besucht. All das wäre nie passiert, wenn es die Bücher nicht gegeben hätte. So verneige ich mich vor ihnen und danke euch, liebe LeserInnen, dass ihr mit mir gemeinsam diese faszinierende Welt teilt.

Mein Dankeschön möchte etwas Besonderes sein und ist ein Buch, das ich im Rahmen von „Blogger schenken Lesefreude“ verschenken möchte. Initiiert wurde diese großartige Aktion von Christina und Dagmar, die eine Welle der Begeisterung ausgelöst haben. So beteiligen sich über 900 BloggerInnen.

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Welches Buch sollte es bei mir sein? Was für eine laut knirschende Frage! Es war nicht leicht. Ehrlich gesagt, war es verdammt schwer, wie das Erklimmen eines hohen Berges. Doch am Ende konnte nur ein Buch gewinnen. Tagelang habe ich gebrütet und nachgedacht, bis die Wahl auf einen Roman fiel, der sich in meinen Kopf gebrannt hat wie ein Tattoo in die Haut. Trara! Jetzt tritt es unter meinem lauten Applaus auf die Bühne. Zeig dich, du wunderbares Buch!

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Ich liebe Bücher, die mich wie eine Windböe zersausen und mit ihrer schönen Sprache verführen. Genau das trifft auf dieses Buch zu. Der ausgewählte Roman erschien erstmalig 1968 unter dem Titel „It Happened in Boston?“ und ist ein literarisches Meisterwerk, das ich vergöttere. Ich wünsche mir aus tiefstem Herzen noch weitere LeserInnen, die mit leuchtenden, staunenden Augen in diesem Buch versinken. Deshalb möchte ich euch mit dieser besonderen Lesefreude beglücken.

Hier habe ich eine Kostprobe aus meiner Rezension:
„Jonathan Lethem spricht in dem Nachwort von einem „Zauberbuch“. Ja, das ist es, aus dem Bereich der Extraklasse wohlbemerkt! Es berührt die Sinne und offenbart Geheimnisse, von denen du nicht ansatzweise geahnt hast. Gerade zum Ende hin wird es äußerst rasant und skurril. Der Wahnsinn kriecht wie eine Maus aus dem Loch und hängt sich dem Protagonisten ans Hosenbein. “

Ich freue mich wahnsinnig, diesen unglaublich facettenreichen Roman zu verschenken und verbinde dies mit einer kleinen Frage: Welches Buch hat euch zuletzt den Kopf zersaust? Ich freue mich auf eure Kommentare!

Nach der Auslosung nehme ich mit dem Gewinner oder der Gewinnerin Kontakt auf. Ein Rechtsweg ist ausgeschlossen. Noch ein wichtiger Hinweis meinerseits: Da ich ab kommenden Freitag verreise, kann ich eure Kommentare nicht jederzeit freischalten. Deshalb verschiebt sich die Auslosung auch auf den 2. Mai. Ich danke für eure Nachsicht und Geduld!

Ekaterine Togonidze, Nino Haratischwili und Tamta Melaschwili über Georgien.

522696_492943927433301_311941260_nNEUEkaterine Togonidze wurde 1981 geboren, ist Schriftstellerin, Moderatorin und Journalistin. Ihr Debüt, Das Schöne, wurde vom Kulturministerium Georgiens mit dem Preis “Die beste Erzählung des Jahres 2011″ ausgezeichnet. Für ihren Roman Anästhesie erhielt sie 2012 den “Saba” für das beste Debüt des Jahres. (Foto: Nakanimamasakhlisi)

nino_haratischwili13-1NEU Nino Haratischwili wurde 1983 geboren. Sie wurde mehrfach für ihre Arbeit als Theaterautorin und -regisseurin ausgezeichnet. 2010 erhielt sie für ihre Theaterarbeit den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis. Ihr Romandebüt Juja erschien 2010 und war für die Longlist des Deutschen Buchpreises und die Shortlist des ZDF aspekte Literaturpreises nominiert. 2011 gewann sie für Juja den Debütpreis des Buddenbrockhauses Lübeck. Im gleichen Jahr wurde ihr Roman Mein sanfter Zwilling mit dem Preis der Hotlist der unabhängigen Verlage ausgezeichnet. Die Autorin schreibt auf Deutsch und lebt in Hamburg.
(Foto: Julia Bührle-Nowikowa)

IMG_3097damdidiNEU Tamta Melaschwili wurde 1979 geboren. Die Autorin wuchs in Georgien auf, lebte ein Jahr in Deutschland und begann hier zu schreiben. 2010 erschien ihr Debütroman Abzählen und wurde im gleichen Jahr mit dem Literaturpreis “Saba” ausgezeichnet. 2012 erschien Abzählen auf Deutsch und wurde für die Hotlist nominiert. Im gleichen Jahr war sie für einen Monat Gast des Literarischen Colloquiums in Berlin. Tamta Melaschwili lebt derzeit in Georgien und engagiert sich für Frauenrechte und Genderfragen. (Foto: Nino Kharchilava)

Klappentexterin: Ich treffe in Ihren Geschichten Frauen, die ihre Rolle in der modernen Welt suchen und ihr Gehör verschaffen wollen. Teilweise sind sie Suchende, manchmal Verlorene. Inwiefern spiegeln sie das heutige Bild der modernen Frau in Georgien wider?
Ekaterine Togonidze: Ich habe mir bewusst eine Frau ausgesucht, die geographisch nirgendwo verortet ist. Es war mir wichtig, ihr keine Art von ethnischen und nationalen Merkmalen mitzugeben. Würde man diese Frau in georgischen Kontext setzen, dann würde sie zu einer Minderheit zählen. Weil sie eine von den Frauen ist, die karriereorientiert, auch selbstbewusst, unabhängig, frei sind und so ihr Leben leben. Das ist nach wie vor nicht die Mehrzahl.

Nino Haratischwili: Das Stück spielt im Westen und ist nicht georgischtypisch. Es gibt Lena, die für den Osten steht und die definitiv keine moderne oder meine Generation repräsentiert, sondern eine ältere. Sie ist für mich eher ein symbolisches Sinnbild für den Osten.

Tamta Melaschwili: Die Romanheldin in meiner Erzählung ist eine professionelle Killerin. Sie ist eine Frau, die gegen das System kämpft, es dafür aber auch gleichzeitig nutzen muss.

Das literarische Georgien wurde durch Sie – Nino Haratischwili und Tamta Melaschwili – in Deutschland bekannter, und doch scheint es noch recht leise zu sein in dem internationalen Literaturuniversum. Woran mag das liegen?
TM: Das Allererste war natürlich, dass man über 70 Jahre komplett im Sowjetraum eingesperrt war. Danach die 20 Jahre war man mit dem Krieg und Überleben, wirtschaftlicher Inflation, Arbeitslosigkeit beschäftigt und keiner hatte Zeit, sich um Literatur zu kümmern. Und jetzt gerade – so peu à peu – hat man damit begonnen. Man kümmert sich erst seit wenigen Jahren, hier auf der Messe. In Leipzig, glaube ich, ist es das zweite Mal, aber in Frankfurt waren es mehr als sieben, acht Mal.

NH: Man steckt noch wirklich in Kinderschuhen und braucht Zeit.

Was wünschen Sie sich für die georgische Literaturszene?
ET: In erster Linie wünschen wir uns Übersetzungen, beidseitig, vor allem das Georgische ins Deutsche, Englische oder Italienische übersetzt wird. Alles, was übersetzt wurde, ist nichts für die Schublade oder im Computer geblieben. Jeder hat seinen Verlag oder eine Nische gefunden, sei es eine Anthologie oder direkt ein Roman. Es wurde tatsächlich publiziert, ob ins Russische, Englische oder Deutsche. Deswegen muss man das viel mehr machen, weil offenbar Interesse vorhanden ist. Und wenn man das statistisch betrachtet, dann ist das keine so schlechte Zahl. Angesichts dessen, wie wenig letztlich dafür getan wurde, hat man schon ganz gut Andockungen gefunden. Ein bisschen mehr Aufmerksamkeit in der Kulturpolitik wäre wichtig, damit mehr und gezielter getan wird.

Wie sehen Sie die Lage für Künstler in Georgien?
ET: Die meisten brauchen einen zweiten Job, weil man von Kunst allein nicht leben kann.

TM: Jetzt ist gerade eine spannende Umbruchzeit und eine neue Generation entsteht, die viel experimenteller ist, die ganz viel ausprobieren und etwas Neues beginnen könnte.

NH: Ich würde mich Tamta anschließen, denn es passiert schon Etwas, auch in Richtung Theater, nicht nur Literatur, aber es ist schon finanziell sehr schwer. Ich kenne eigentlich niemanden, der von der Kunst allein leben kann, bis auf sehr wenige Ausnahmen.

Wie unterscheidet sich der Alltag einer georgischen von dem einer deutschen Frau?
NH: Ich glaube, dass es eine Frau in Deutschland grundsätzlich leichter hat, über ihr Leben selbst zu entscheiden. Sie hat viel mehr Möglichkeiten. Und das hängt nicht von der sozialen Schicht ab, denn hier kann auch jemand mit wenig Geld studieren. Die georgischen Frauen haben weniger Auswahl, weil der wirtschaftliche und finanzielle Rahmen nicht gegeben ist und nur ganz wenige sich das leisten können, wirklich loszumarschieren und einen Job zu kriegen, mit dem sie sich selbst ernähren können. Man lebt sehr stark in Gemeinschaften. Das führt zu weniger Selbstbestimmung und mehr Einfluss seitens der anderen Generationen und auch der Männer. Deshalb haben die Frauen in Georgien gar nicht das Bewusstsein, was sie alles könnten und welche alternativen Lebensformen es noch gibt. Auch die, die in Europa und Amerika studiert haben, sind nicht von diesen Zwängen und Bestimmungen der Gesellschaft befreit. Viele gehen dann doch in diese Form zurück.

Wieso?
NH: Ich glaube, es ist ganz viel Angst.

TM: In erster Linie ist die Gemeinschaft wichtig und dann das Individuum. Das ist die Norm. Und alles, wogegen du abweichst, erfordert eine unglaubliche Geduld und Kraft, Individualität und einen Willen, das durchzuziehen, weil du ständig in dem Kampf mit der Mehrheit stehst. Es ist nun nicht so, dass es dein Leben bedroht, aber du kannst ganz leicht von der Gemeinschaft ausgeschlossen werden.

ET: Zunächst war es eine schöne Idee. Wenn sie dann jedoch Realität wird, kann man schnell Angst bekommen und man merkt, dass es doch schwieriger ist, es durchzuziehen.

Haben Sie AutorInnen, zu denen Sie aufschauen?
TM: Ich bin verliebt in Etgar Keret. Er ist der beste Kurzgeschichten-Autor. Außerdem schätze ich Elfriede Jelinek.

ET: Meine letzte Entdeckung war Doris Lessing.

NH: Von den georgischen Autoren gibt es für uns Autoren wie Michael Javakishwili. Ich habe unendlich viele Autoren, gerade die allerletzte Entdeckung, die mich total umgehauen hat, war Arundhati Roy. Ich bin gerade auf einen Inder-Trip. Kürzlich habe ich auch Per Olov Enquist entdeckt. In letzter Zeit bin ich forschungsbezogen auch mit Literatur zum zweiten Weltkrieg beschäftigt.

Wie die Autorin Marica Bodrožić schreiben Sie, liebe Nino Haratischwili, auf Deutsch und nicht in Ihrer Muttersprache. Fühlen Sie sich der Sprache näher?
NH: Ich weiß es nicht. Es gibt immer diese Frage. Es gab für mich keine bewusste Entscheidung, ich fange jetzt an, auf Deutsch zu schreiben. Das war ein schleichender Prozess. Ich sehe schon ein, dass es für die meisten ungewöhnlich ist, doch für mich ist es sehr natürlich geworden. Deswegen habe ich das auch nicht so groß und viel hinterfragt. Ich glaube aber, wenn man es ganz küchenpsychologisch betrachtet, war die Zeit, als ich anfing zu schreiben, eine Umbruchzeit. Das war eine Teeniezeit, in der ich einen gewissen Abstand zu bestimmten Dingen brauchte, die mir sehr nahe gingen. Ob es auf Georgien bezogen war oder auf das Private. Da bot sich Deutsch tatsächlich an, eine bestimmte Distanz einzunehmen und so eine Art Außenblick zu bekommen. Irgendwann wurde es zu einer Selbstverständlichkeit, weil ich halt hier lebe. Würde ich wieder in Georgien leben, ich weiß nicht, ob das Georgische in die literarische Sprache zurückkäme. Ich hoffe. Für mich hat Sprache sehr viel mit dem Hier und Jetzt zu tun. Es wäre komisch, hier zu leben und auf Georgisch zu schreiben.

Tamta Melaschwili, Ihr Debüt “Abzählen” wurde 2010 mit dem nationalen Literaturpreis “Saba” für das beste Debüt des Jahres ausgezeichnet. Ihr Debütroman, liebe Ekaterine Togonidze, “Anästhesie” erhielt 2012 den “Saba”. Und Sie, liebe Nino Haratischwili, haben den Preis der Hotlist der unabhängigen Verlage gewonnen. Was hat sich damit für Sie verändert?
TM: Der Verkauf hat sich gesteigert. Sobald man diesen Preis gewinnt, merkt man in Georgien, dass das öffentliche Interesse geweckt wird und dass die Leute gezielt das Buch in Buchhandlungen suchen. Es trägt mehr dazu bei, dass die Wahrnehmung eines Autors gesteigert wird.

ET: Es ist natürlich – preisbezogen – eine kurze, kleine erfreuliche Erleichterung für jeden Autor, der – wie gesagt – gerade in Georgien um so schwieriger mit dem finanziellen Überleben zu kämpfen hat. Das ist bei “Saba” eine verhältnismäßig gute Summe.

Wann dürfen wir uns über neue Bücher von Ihnen freuen?
NH: Ich schreibe an einem Roman und hoffe, dass ich 2013 noch fertig werde und der Roman 2014 erscheint. Mehr kann ich dazu noch nicht sagen, weil ich mich noch im Schreibprozess befinde.

TM: Ich will Anfang September beginnen und irgendwann Mitte 2014 fertig werden. Es reift und keimt alles in meinem Kopf und ich hoffe, dass es qualitativ hochwertig ist, damit das Werk wieder übersetzt wird.

ET: Ich schreibe an meinem Roman und ich will, dass er 2013/14 fertig wird.

Ich danke den drei Autorinnen für die Zeit, die sich genommen haben. Und für das Interview, das mir viel Freude bereitet hat. Ich wünsche Ekaterine Togonidze, Nino Haratischwili und Tamta Melaschwili alles Gute und weiterhin viel Erfolg!

Scharfe Krallen und laute Beats.

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Das kann nicht sein! Nach jeder Erzählung in „Techno der Jaguare“ kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Hatte ich bei diesem Titel etwas anderes erwartet? Sanft schnurrende Katzen etwa? Wohl kaum. Scharfe Krallen und laute Beats schon eher, dazu unerhörte Plots, die wie Kometen einschlugen. Diese Anthologie hinterlässt sichtbare Spuren und macht dem Titelnamen alle Ehre.

Die Frankfurter Verlagsanstalt vereint in dem Band sieben Autorinnen aus Georgien. Eine ist mir bereits vertraut: Nino Haratischwili. Sie hat mich seinerzeit mit dem Roman „Mein sanfter Zwilling“ sehr beeindruckt. Für dieses Werk wurde die junge Autorin 2011 mit dem Preis der Hotlist unabhängiger Verlage gekürt. Ebenfalls im deutschsprachigen Raum bekannt ist Tamta Melaschwili. Ihr Roman „Abzählen“ stand 2012 auf der Hotlist und wurde 2010 mit dem Georgischen Literaturpreis „Saba“ ausgezeichnet.

Die Erzählungen sind sehr unterschiedlich, aber in einem Punkt gleichen sich alle: sie explodieren. Im Mittelpunkt stehen Frauen, die neue Wege suchen und ausbrechen wollen, es werden die Rufe nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung laut. So wie jede Heldin für sich ihren eigenen Lebensentwurf sucht, so verströmt jede Schriftstellerin ihren ganz persönlichen Stil.

Die Erzählungen sind kraftvoll, bizarr und stellenweise surreal. Sie entspringen aus einem reichhaltigen Phantasiemeer wie „Eine mit Buch und ihre erlesene Leserschaft“. In Maka Mikeladze Geschichte wird Tino morgens überrascht: Der Protagonistin sind über Nacht zwei Bücher gewachsen. Das große sitzt auf ihrem Kopf, das kleinere im Nacken. Statt in Panik zu geraten, arrangiert sie sich mit dem neuen Erscheinungsbild. „Sie zuckte nur mit den Schultern. Dann legte sie ein leichtes Make-up auf und überlegte, wie sie sich nun frisieren sollte. Das frisch hervorgesprossene Buch ging ihr, ehrlich gesagt, schon ein wenig auf die Nerven. Heute passte ihr das nicht ganz und gar nicht. Ausgerechnet heute… aber auch nicht morgen, auch nicht gestern.“ Noch etwas beschäftigt sie: Tino möchte unbedingt wissen, was im großen Buch steht. Jeder Leser, den sie befragt, liest etwas anderes daraus vor. Beim Geliebten sind es Zahlen und Tabellen. Eine Freundin entdeckt in den Seiten eine herzzerreißende Seifenopern-Folge. Am Ende trifft Tino die Erkenntnis, dass nur sie allein ihr Buch lesen kann. Die Geschichten lösen sich nicht immer beruhigend klar auf. „Der andere W-E-G“ von Ekaterine Togonidze mündet an einer unerwarteten Stelle. Unheimlich ist die Erzählung von Beginn an. Der Journalistin Lisa gelingt etwas Grandioses: Sie kann ein Interview bei einem unnahbaren bekannten Künstler führen. Stößt sie zunächst bei ihrem Interviewpartner auf Widerstand, entwickelt sich die Beziehung bald schon in eine andere Richtung. Doch die Annäherung wird von dem dunklen Geheimnis des Künstlers aus seiner Kindheit überschattet und genau das zieht für Lisa eine folgenschwere Wendung nach sich.

Etwas leichter, auf charmante Weise frech und spritzig wie ein Glas Prosecco, empfand ich „Das historische Gedächtnis“ von Anna Kordzaia-Samadaschwili. Eine Lovestory mit einem unzuverlässigen Liebhaber und einem asiatischen Wilden, die unsere Titelheldin auf Trab halten. Eka Tchilawa schickt in ihrer Erzählung „In den neun Hütten“ ihre Protagonistin durch die Vergangenheit und schafft ein sehr eindringliches Leseerlebnis. In Tamta Melaschwilis „Killer’s Job“ begegne ich einer selbstbewussten Auftragskillerin. Sie bringt ihre Meinung über den Job klar auf den Punkt: „Wissen Sie, hier kann man nur zwischen zwei Möglichkeiten wählen: flachlegen oder flachgelegt werden. Ich habe keine Wahl. Ich habe etwas anderes: ich bin unsichtbar. Das ist meine Stärke.“ Die Killerin ist „eher klein und schmal, nur eins fünfundsechzig.“ So klein, doch so groß in ihren Handlungen. Knappe Sätze schießen aus der Protagonistin, als wären sie die Munition ihrer Waffe. Atemlos laufe ich durch die kurze Erzählung, weil alles so verdammt schnell geht: die Handlungen, das Erzählte – Peng! Die Luft in der Titelgeschichte „Techno der Jaguare“ ist unglaublich heiß und vibriert. Hier stoße ich auf Sätze wie: „Die Hellseher sagten, dass Georgien überleben würde, aber sie sagten nicht, auf wessen Kosten. Wir haben nur eine Chance: Wir müssen den Underground stärken!“ Nino Haratischwili erlebe ich in ihrem Einakter „Die zweite Frau“ wie gewohnt aufwühlend und poetisch. Die Dialoge zwischen Agnes, Lena und Laura sind schneidend scharf, bisweilen gehen sie an meine Substanz. Sie haben viel Zorn und aufgestaute Energie in sich, so dass mich einige Sätze wie Faustschläge treffen. Lange Monologe reihen sich an Dialoge und ziehen die innere Gedankenwelt nach draußen, wie Vulkane, die ihre Lava ausspucken. Es brennt lange auf meiner Haut.

Georgien war literarisch gesehen bisher für mich ein unbekannter Fleck. Das hat sich mit diesem Band schlagartig geändert. Man könnte auch sagen, es hat mich mit allen literarischen Sinnen erfasst. Die Geschichten lesen sich eindringlich und sind zutiefst bewegend. Sie fauchen und erheben ihre scharfen Tatzen, dringen durch die Netzhaut direkt den Kopf und beschäftigen mich noch lange nach dem Lesen. Den Herausgebern Manana Tandaschwili und Jost Gippert ist ein ausgezeichnetes Buch gelungen, das mir auf vielfältige Art die georgischen Autorinnen näher gebracht hat. Die biographischen Informationen zu jeder Autorin dienen als ausgezeichnete Ergänzung. Mehr über Georgien erfahrt ihr am Dienstag, 16.04., abends. Wie kürzlich berichtet, habe ich auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse Ekaterine Togonidze, Tamta Melaschwili sowie Nino Haratischwili getroffen und interviewt.

Manana Tandaschwili, Jost Gippert (Hrsg.)
Techno der Jaguare. Neue Erzählerinnen aus Georgien.
Die Erzählungen wurden aus dem Georgischen übersetzt von Maia Tabukaschwili, Maka Kandelaki, Anastasia Kamarauli, Irma Schiolaschwili, Susanne Schmidt und Mariam Kamarauli.
Februar 2013, 256 Seiten, 19,90 €.
Frankfurter Verlagsanstalt.

Eine Herausforderung – aber was für eine!

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Verdammt! Ich glaube, ich habe eben das erste graue Haar entdeckt. Und ich weiß auch, wo es herkommt: Von einer Lese-Odyssee, die unglaublich konträr war. Auf der einen Seite faszinierte sie mich, auf der anderen Seite trieb sie mich fast in den Wahnsinn. „Ada oder Das Verlangen“ von Vladimir Nabokov lautet das schillernde und herausfordernde Werk, das ich nach dem dritten Anlauf endlich bis zur letzten Seite durchgelesen habe.

Die über 700 Seiten habe ich wie dichte Wälder durchschritten, die ersten fünfzig auf Anraten einer begeisterten Ada-Leserin fast fliegend abgespeist (was ich ebenfalls nur raten kann). Jetzt weiß ich einiges mehr über das opulente Werk, bei dem allein der bloße Anblick eine große Ehrfurcht auslöst. „Ada oder Das Verlangen“ erinnert mich an ein altes Uhrwerk, das man sich mit Bedacht anschaut. Du stehst staunend davor, befühlst vertraute Dinge und im selben Moment tun sich dir fremde Gegenstände auf, die du nicht einordnen kannst und einem Maulwurf gleich hektisch nach Licht gräbst.

Vladimir Nabokov erzählt die Liebesgeschichte zwischen Ada und Van. Beide sind Cousin und Cousine, eigentlich Geschwister, wie sich später herausstellt und sehr jung, als sie sich ineinander verlieben. Ada ist 12 und Van 14. Der Beginn dieser Liebesgeschichte erstreckt sich über mehrere Kapitel und ist der Teil, der mich am meisten in den Bann schlug. Helles Licht drang in meine Augen, das Summen von Bienen sauste in meine Ohren und von hinten vernahm ich glückliches Kinderlachen, bei dem die Sonne neckisch in dein Antlitz strahlt und deine Unbeschwertheit wach küsst.

Als Schauplatz dieser traumhaften Kulisse dient ein altes Herrenhaus, Ardis Hall. Wir schreiben das Jahr 1884 und beobachten zwei Menschen, die sich wie zwei magnetische Teilchen anziehen. Die Annäherung knistert wie ein abendliches Kaminfeuer. Nabokov erzählt das auf unglaublich subtile Weise: „Als er sich zu ihr beugte (er war eine gute Handbreit größer und gar das Doppelte davon, als sie einen griechischen Katholiken heiratete und sein Schatten von hinten die Brautkrone über sie hielt), bewegte sie ihren Kopf, damit er den seinen in den erwünschten Winkel brächte, und ihr Haar rührte an seinem Hals. In seinen ersten Träumen von ihr stellte sich stets aufs neue heraus, daß dieser nachgespielte Kontakt, so leicht, so kurz, jenseits dessen lag, was der Träumer ertragen konnte und wie ein erhobenes Schwert Feuer und heftige Erlösung kundtat.“

Zauberhaft ist die Liebesgeschichte, weil sie unter einem geheimen Stern geboren wurde. Das Verbots-Schild prangert vor den Türen der beiden Herzen, Ada und Van lieben sich trotzdem wie gewöhnliche Liebende, indem sie sich Schlüpflöcher bauen, durch die sie kriechen. Die Liebesbeziehung wird durch zahlreiche Unterbrechungen auseinandergezogen. In den Jahren dazwischen nimmt das Leben seinen Lauf, Van wird Psychologe, schreibt Bücher und lebt in verwunschenen Villen sein sexuelles Vergnügen aus. Ada heiratet einen wohlhabenden Russen und tritt in die Fußstapfen ihrer Mutter: Sie wird Schauspielerin.

Das Buch fordert heraus – zum Beispiel durch die unruhige Erzählperspektive. So mischt sich ein agierendes Ich in den allwissenden Er-Erzähler und Ada meldet sich ebenfalls sporadisch zu Wort. Dazu sind die Sätze verschachtelt, durch Kommas und Klammern eingekeilt. Diese Konstruktion pustet das Licht aus und nimmt mir häufig den Durchblick. Gezwungenermaßen musste ich zu manchen Anfängen umkehren, um den Faden erneut aufnehmen zu können. Zwischen diese gefühlte Lesequal drängen sich Anagramme, Zitate – gern mehrsprachig – und Wortspiele, die um Aufmerksamkeit buhlen. Dennoch sind diese Elemente höchst interessant und stellenweise äußerst erheiternd. Hierzu fallen mir gleich zwei bemerkenswerte Beispiele ein. „Um Pottes Willen“ nutzt der Autor statt „Um Gottes Willen“. Und da wäre noch das Luftogramm. Das brachte mich in eine peinliche Verlegenheit, die ich eigentlich für mich behalten wollte, aber ich möchte euch diesen Spaß nicht verschweigen. Zunächst dachte ich, die Beschreibung sei der veraltete Ausdruck für Fax, bis mir aufging, dass es sich um eine Nabokov-Erfindung handeln muss. Eine Nachrichtenform der luftigen Art.

Unwahrscheinlich bereichernd und erkenntnisreich empfand ich das Becken raffinierter, psychologischer und philosophischer Betrachtungen, in die mich Nabokov taucht: „Was sind Träume? Eine willkürliche Folge von Szenen, die trivial oder tragisch, reisend oder rasend, phantastisch oder vertraut mehr oder weniger glaubhafte Ereignisse darstellen, aus grotesken Details zusammengeflickt sind und Tote auf neuen Schauplätzen von neuem agieren lassen.“ Oder: „Unsere bescheidene Gegenwart ist demnach die Zeitspanne, derer man sich direkt oder tatsächlich bewußt ist, wobei die verweilende Frische der Vergangenheit noch als Teil der Jetztheit wahrgenommen wird.“

Nabokov nimmt seine Leser mit auf eine große Reise, bringt sie mit den Reichen zusammen, verfrachtet sie auf Schiffe, setzt sie in Hotels inmitten Metropolen einer bizarren Welt ab. Er hat sich eine eigene Welt erschaffen, die sich Anti-Terra nennt. Nein, es ist zu verrückt, euch diese bis ins kleinste Detail zu erklären, verrückt wie das komplette Werk. Nabokov agiert als Teufel und Engel, zwischendurch ist er ein Schelm, ein tanzender Till Eulenspiegel. Er ist ein Don Juan, der mit unglaublichen schönen Beschreibungen verführt und im nächsten Augenblick wie ein Rumpelstilzchen alles zerstampft und mich zur Weißglut bringt.

Dieses Buch bleibt für mich unvergesslich und ist an dieser Stelle absolut erwähnenswert, weil es mich zum ersten Mal in eine Hass-Liebe zwischen Buch und Leserin versetzt hat. Anders kann ich diese Begegnung nicht beschreiben. Sie wirkt wie der Biss eine Giftschlange. Hat es dich erstmal erwischt, kommst du nicht davon los, da kannst du saugen, was das Zeug hält. Das Gift wandert durch deinen Blutkreislauf. Es versetzt dich in einen fiebrigen Zustand, dass du am Ende die Wirklichkeit mit der Phantasie verwechselst und aus einem Staubkrümel ein graues Haar machst. So verworren und skurril dieser Klassiker auch ist, so eindrucksvoll bleibt er und wandert deshalb schnurstracks in mein Notfall-Regal.

Vladimir Nabokov.
Ada oder Das Verlangen.
Gebundene Ausgabe: 1152 Seiten, übersetzt von Uwe Friesel und Dieter E. Zimmer, Gesammelte Werke, Band 11, Rowohlt, 38,- €.
Taschenbuch Ausgabe: 736 Seiten, übersetzt von Uwe Friesel und Marianne Therstappen, rororo, 11,- €.