Nichts ist einfach. Aber auch nichts unmöglich.

 

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Als ich aufwachte, war ich plötzlich schwarz. Meine Bindfädenhaare kräuselten sich auf meinem Kopf zu einem kleinen Nest. So sehr war ich in dem Roman Americanah von Chimamanda Ngozi Adichie gefangen. Ich hatte mich vollkommen aufgelöst und in Ifemelu verwandelt. Ihr Leben wurde zu meinem, viele Tage lang atmete ich ihre Luft und dachte ihre Gedanken. Selbst jetzt bekomme ich noch eine Gänsehaut, wenn ich daran zurückblicke.

Entfremdung, die große Liebe, Heimweh und Rassismus sind die Themen, denen sich die preisgekrönte Autorin in ihrem aktuellen Werk widmet. Im Mittelpunkt stehen Ifemelu und Obinze aus Nigeria, beide treffen sich in Jugendtagen und verlieben sich. Eigentlich war der Plan ein anderer, denn Obinze sollte mit Ifemelus Freundin verkuppelt werden, daraus wurde nichts, das Schicksal sah eine andere Geschichte vor. Aus Ifemelus Kopf liest sich das so: „Sie legte den Kopf an seinen und spürte zum ersten Mal, was sie oft mit ihm spüren würde: Sie mochte sich. Er brachte sie dazu, sich selbst zu mögen. Bei ihm war sie entspannt; ihre Haut fühlte sich an, als hätte sie die richtige Größe.“ Aus der jungen Pflanze der Liebe entwickelt sich eine wunderschöne Blume, die einen süßen Duft verströmt.

Obinzes und Ifemelus Wege werden allerdings an der Uni getrennt, und als die Streiks an Nigerias Universitäten zunehmen, folgt sie dem Vorschlag ihrer Tante Uju, sich für ein Stipendium in den USA zu bewerben. Ihre Tante lebt dort mit dem Sohn und studiert. Obinze soll später nachkommen. Mit dem Umzug beginnt eins der aufwühlendsten Kapitel in dem Buch, hier entsteht ein Kampf, der sich über viele Seiten erstreckt. Sich in der amerikanischen Gesellschaft zu integrieren, einen Job zu bekommen, erweist sich schwieriger als erwartet und führt Ifemelu zu einer Verzweiflungstat. Danach fühlt sie sich von Obinze entfremdet. Und fällt in eine schwere Depression.

Auch Obinzes Weg aus Nigeria ist steinig, ein Visum für Amerika erhält er nicht und gibt das Vorhaben nach mehreren Versuchen auf. Daraufhin sucht er einen Job, besteht die Leistungstests und meistert Vorstellungsgespräche, doch nichts passiert. Während seine Freunde nacheinander Jobs finden, bleibt Obinze arbeitslos und mit der Vermutung allein zurück: „Er fragte sich, ob die Arbeitgeber seine Sehnsucht nach Amerika in seinem Atem rochen oder spürten, wie obsessiv er die Websiten amerikanischer Universitäten studierte.“ Seine Mutter rettet ihn schließlich: Als sie zu einer Konferenz nach London eingeladen wird und gibt sie ihn als Assistenten an. Sein Visum ist allerdings auf ein halbes Jahr begrenzt. Ihre Hoffnung ist, dass Obinze von dort aus nach Amerika gelangt, doch Obinzes Kampf des Überlebens macht die Aussicht zu einer Weiterreise fast unmöglich. Unter einem anderen Namen fängt er an zu arbeiten, putzt Toiletten und spart das wenige Geld, das er sich mit seinem Namengeber teilen muss, für eine Scheinehe.

Indes hat Ifemelu Fuß in Amerika gefasst. In kleinen Schritten kommt sie immer mehr an. Erst ein Aushilfsjob als Babysitterin, bald Mitarbeiterin in einer Presseabteilung und später Stipendiatin in Princeton. Anfangs verbiegt sie sich noch, versteckt ihren Akzent und versucht ihre krausen Haare zu bändigen. Das ist ein äußerst schmerzhafter Prozess, der mir bis dahin so gar nicht bewusst war. Als ihr an der Schläfe die ersten Haare ausfallen, macht sie einen Cut mit dem chemischen Glättungsprozess. Dennoch stößt sie als emigrierte Schwarze an Kanten, die sie nicht einfach so hinnehmen will und gründet einen Blog, Raceteenth oder Ein paar Beobachtungen über schwarze Amerikaner (früher als Neger bekannt) von einer nicht-amerikanischen Schwarzen, auf dem sie mit scharfer Zunge ihre Ansichten gegen Ungleichheit und Diskriminierung teilt und damit Erfolg hat. Ihre Gedanken reißen auch mich mit, hier ein Ausschnitt: „Rasse ist kein Genotyp; Rasse ist ein Phänotyp. Rasse ist wichtig, weil es Rassismus gibt. Und Rassismus ist absurd, denn es geht ihm darum, wie du aussiehst. Und nicht um dein Blut. Es geht um die Schattierung deiner Haut und die Form deiner Nase und die Krause deines Haars.“

Der Roman ist eine aufregende Reise von Nigeria nach Amerika und England. Gleichzeitig ist er eine Reise durch das Leben der Protagonisten auf holprigen Straßen, so empfinde ich die Wege. Die 1977 geborene Autorin lässt mich spüren, wie sich das Leben einer Nigerianerin in der Fremde anfühlt: „Aus der Dritten Welt zu sein heißt, sich der vielen verschiedenen Zugehörigkeiten bewusst zu sein und zu verstehen, dass Ehrlichkeit und Wahrheit immer vom Kontext abhängen.“ Obwohl Ifemelu sich in der amerikanischen Gesellschaft integriert hat, einen klugen, schönen Mann an ihrer Seite hat, klopft die Sehnsucht nach ihrer Heimat im Herzen. Die führt dazu, dass sie nach 13 Jahren ihre Zelte in den USA abbricht, ihren Blog schließt und zurück nach Lagos geht. Dort angekommen, trägt sie den Titel Americanah – so heißen die aus Amerika zurückgekehrte Afrikaner. In Lagos trifft sie auf alte Freundinnen und nach vielen Tagen des Herauszögerns auch Obinze.

Dieses Buch ist tief beeindruckend. Es hat mich selbst nach dem Zuschlagen in meinen Träumen begleitet. Alles wird sichtbar, jede Gefühlsregung, jede Entscheidung kann ich nachvollziehen, jeden Schmerz spüre ich auch in meiner Brust. Adichie zoomt sich so nah heran, dass Americanah zu einer zweiten Haut wurde. Die Autorin bewegt sich bis in den hintersten Winkel und erstickt Fragezeichen. Es hat meine Sicht auf die ausgewanderten Afrikanerinnen noch mehr geschärft. Nicht zuletzt zeichnet sich der Roman durch große Menschlichkeit aus. Wie bereits in Heimsuchungen hat mich die Autorin mit ihrem eigenen Stil gefesselt und ganz auf ihre Seite gezogen. Americanah ist ein großes, kluges und ergreifendes Werk! Ein Werk, das gegen die Wand von Ignoranz und Vorurteilen ankämpft und gewinnt.

Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah. Aus dem Englischen von Annette Grube. Fischer Verlag, April 2014, 608 Seiten, 24,99 €. Das Buch direkt und portofrei hier bei ocelot.de bestellen. Oder das eBook für 21,99 € downloaden.

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Ähnliches Buch und sehr empfehlenswert:
> Chimamanda Ngozi Adichie: Heimsuchungen

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21 Gedanken zu “Nichts ist einfach. Aber auch nichts unmöglich.

  1. Liebe Klappentexterin,
    ich schleiche ja schon ein paar Wochen um diesen Roman herum. Nach Deiner tollen Besprechung ist es nun aber vorbei mit dem Schleichen: ER kommt umgehend ins Regal für eine lange wunderbare Sommerlesezeit.
    Viele Grüße, Claudia

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  2. Das Buch ist der Hammer. Ein wahrer Pageturner. Hatte damals schon „Die Hälfte der Sonne“ verschlungen. „Heimsuchungen“ steht auch schon bereit. Übrigens, hast Du noch mehr neue „Schätze“ entdeckt, die Du empfehlen kannst?
    LG
    lesesilly

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    1. Liebe lesesilly,
      ich höre deine Begeisterungsschreie bis zu mir – oh, ist das schön, das ist wie Musik in meinen Ohren! Ja, was für ein Buch! Die Hälfte der Sonne kenne ich noch nicht. Danke, dass du hier mit euphorischen Worten auf dieses Buch aufmerksam machst!

      Zu deiner Frage: Es gibt einige Frühjahrsschätze, die ich noch gar nicht erwähnt habe. Ich denke da z. B. an Das Haus des Windes von Louise Erdrich. Bücherwurmloch hat es kürzlich wundervoll besprochen (http://buecherwurmloch.wordpress.com/2014/04/29/louise-erdrich-das-haus-des-windes/). Oder Die Ungehaltenen von Deniz Utlu, erschienen im feinen Graf Verlag. Elif Shafak kennst du schon, oder? Da ist jetzt Die vierzig Geheimnisse der Liebe als Tb erschienen. Ebenso im gleichen Verlag (Kein & Aber) in gleicher entzückenden Ausstattung Der Trafikant von Robert Seethaler. Beide Bücher hat u.a. masuko13 auf ihrem Blog besprochen. Da kommt in den nächsten Wochen noch einiges bei mir ans Licht und dann, und dann… klopft bald der Bücherherbst an die Pforten, der uns mit vielevielenvielen großartigen Büchern begeistern wird. Du kannst dich schon jetzt freuen!

      Sonnige Grüße zum Sonntag,
      Klappentexterin

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  3. Mir ging es ganz ähnlich wie dir. Habe 10 wundervolle Tage mit Ifemelu und Obinze verbracht. Man bekommt einen ganz neuen Blick – Adichie erzählt wirklich außergewöhnlich. Du empfiehlst auch ihre Erzählungen „Heimsuchungen“. Toller Tip – kommt auf meine Liste 😉
    Ebenfalls sehr lesenswert, ist von ihr „Blauer Hibiskus“.
    Schöne Grüße, masuko

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  4. Liebe Klappentexterin, erst habe ich mir ein persönliches Leseverbot für deine Rezension auferlegt und dann lockte die Sonne mich eher nach draußen als an den Bildschirm, aber nun habe ich deine wunderbare Buchvorstellung zu „Americanah“ endlich gelesen und bin in Leseerinnerungen geschwelgt. Ich dachte erst, das Buch wäre nicht unbedingt was für mich (oder hätte nichts mit mir zu tun, was ein Fehler!), aber dann habe ich es aufgeschlagen und konnte es nicht mehr weglegen – wie man sich irren kann! Herzlich, Karo

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    1. Liebe Karo, es war mir eine besondere Freude, deine schöne Rezension zu lesen. Dabei ging es mir übrigens wie dir. Inmitten deiner Worte sah ich plötzlich wieder alles vor mir. Und ich freue mich sehr, dass dich das Buch trotz anfänglicher Skepsis vollends gepackt hat. Schön – so soll es sein! Herzlich, Klappentexterin

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