Zu gut, um nicht wahr zu sein.

Ich erzähle ja nichts Neues, wenn ich sage, dass Haruki Murakami mein absoluter Lieblingsschriftsteller ist. Da werde ich schon mal nach dem Einstiegswerk in die Welt des japanischen Autors gefragt. Die Antwort will wohlüberlegt sein, denn sie kann Leben ändern, wenn jemand plötzlich in die phantastische Welt dieses Ausnahmeschriftstellers eintaucht. 

Bisher lautete meine Antwort oft Naokos Lächeln oder Die farblosen Pilgerjahre des Herrn Tazaki. Aber die Zeiten ändern sich, alles ist im Fluss, und nun würde ich allen Ratsuchenden antworten: Startet mit Erste Person Singular.  

Denn dieser eben erschienene Erzählungsband ist sozusagen das Destillat aller bisherigen Bücher. Aus jeder Geschichte klingt diese einzigartige, besonders feine, klare, lebenskluge und mitunter melancholische Melodie von Murakamis Sprache. Übrigens wieder herausragend übersetzt von Ursula Gräfe. Obendrein tauchen in den Erzählungen die kompletten Motive aus Murakamis Welt auf: Die Leidenschaft für Baseball, Schallplatten, Jazz, Klassik, die Beziehung zwischen Mann und Frau und seine legendäre Zwischenwelt, in der sich Realität und Phantasie traumhaft verbinden. 

Das alles ist sehr vertraut, fühlt sich an wie Nachhauskommen. Zu vertraut? Nichts Neues? Das würde bei Haruki Murakami selbstverständlich zu kurz greifen, denn vertraut bedeutet hier keineswegs bekannt oder gar schon mal gelesen. Weit gefehlt. Wiederholungen gibt es in seinem Kosmos nicht. 

Wohl schimmern mitunter kluge Weisheiten hervor: »Tatsächlich gibt es im Leben mehr Niederlagen als Siege. Und wahre Lebenserfahrung entsteht weniger aus dem Wissen, wie man einen Gegner schlägt, sondern vielmehr daraus, ein guter Verlierer zu sein.« Wobei Weisheit bei Murakami nie bedeutungsschwer oder aufgesetzt daherkommt, eher beiläufig, wie das Anstellen eines Wasserkochers. Aber gerade diese lakonische Form ist äußerst kunstvoll, eingewoben in seinem ruhigen Sprachfluss, der nie gekünstelt oder aufgesetzt wirkt und oft wunderbare Sprachbilder hervorzaubert: »Es pochte, als würde eine Horde wildgewordener Zwerge in meinem kleinen Brustkorb Bungee springen.«

HARUKI MURAKAMI | © 2011 Markus Tedeskino | Agentur Focus

Natürlich nimmt uns Murakami auch wieder mit auf Ausflüge in die Welt des Unerklärbaren, die Welt jenseits der Norm und Realität, wo Dinge passieren, die eigentlich nicht passieren können. In Charlie Parker Plays Bossa Nova erfindet der Ich-Erzähler einfach eine Platte eines längst verstorbenen Jazz-Musikers und schreibt dazu eine Rezension. Jahre später schlendert er in einen New Yorker Plattenladen und findet genau diese Platte , die es eigentlich nicht geben dürfte. Er kauft sie nicht, überlegt es sich aber später anders. Als unser Mann zurückgeht, hat der Laden bereits geschlossen, und am nächsten Tag… – nun, die Auflösung lasse ich mal in der Schwebe. Auch hier hat uns Haruki Murakami in seinem phantastischen Spinnennetz gefangen. 

Meine absolute Lieblingsgeschichte ist Bekenntnis des Affen von Shinagawa. In einem Onsenbad trifft ein Mann auf einen Affen. Leicht benebelt fragt er sich, ob er sich das nur einbildet. Der Affe spricht mit ihm, wäscht sogar seinen Rücken und hat für alles Fragwürdige eine plausible Antwort. Aber das ist noch nicht das Ende der Geschichte, denn vorhersehbar ist so gut wie nichts in den Stories von Murakami.

Foto: Pixabay

So hält dieser Band noch eine ganz besondere Überraschung parat: Murakami öffnet die Tür in seine eigene Innenwelt. Denn Gesammelte Gedichte über die Yakult Swallows scheint eindeutig autobiographisch, zumal zwischen Baseball und Murakamis Schriftstellerlaufbahn eine kosmische Verbindung besteht. Besonders rührend in dieser Geschichte ist die jahrelange Nibelungentreue zu einer eigentlich erfolglosen Mannschaft. Und Gedichte? Nun, das ist wirklich eine komplett neue Entdeckung und unbedingt lesenswert. 

Überhaupt ist jede Geschichte nicht nur ein Genuss für sich, sondern auch eine lesende Zen-Übung: Stets erleben wir einen genügsamen Erzähler. Nie wird gejammert und nahezu jedes Unglück mit Fassung ertragen. Sehr wohltuend in Zeiten wie diesen! Nehmen wir es als Murakamis Appell an uns westliche Langnasen: Bleibt gelassen, das Leben passiert, wir können es nicht ändern, nur so hinnehmen. Wenn ihr wollt, können wir uns gern bei Murakamilesen.de darüber austauschen.   

Noch viel mehr über Murakami erfahrt ihr hier. Eine Sammlung aus meiner langjährigen Blogarbeit: Buchbesprechungen, Murakami-Gedanken und Interviews mit Ursula Gräfe, Kat Menschik und allen anderen, die nicht genug vom Meister bekommen können. Aber vorher lesen wir diese Geschichten, die allesamt zu gut sind, um nicht wahr zu sein.

Haruki Murakami: Erste Person Singular. Aus dem Japanischen übersetzt von Ursula Gräfe. Dumont Buchverlag, Januar 2021, 217 Seiten, 22,- €.

2 Gedanken zu „Zu gut, um nicht wahr zu sein.

  1. Elke Schneefuß

    Vielen Danke, das ist ja wirklich eine beinahe enthusiastische Besprechung! Jetzt bin ich neugierig, nur… eigentlich mag ich Kurzgeschichten nicht sonderlich gerne. Vielleicht steige ich doch mit den „farblosen Pilgerjahren…“ ein…In jedem Fall wird es Zeit für diesen Autor und unser Kennenlernen!

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