Finsteres Nigeria, von der Literatur hell erleuchtet.

Lola_Shoneyin_die_geheimen_leben_der_frauen_des_baba_segi

Nigeria ist finster und strahlend zugleich. Natürlich bewegen mich die furchtbaren Nachrichten über die Gewalt der Terrorsekte Boko Haram. Mit großer Sorge denke ich an die vielen unschuldigen Toten, die zahlreichen Opfer der Gräueltaten und an die zweihundert entführten Schulmädchen, von denen bis heute jede Spur fehlt. Zudem bin ich fassungslos über die Armut in dem afrikanischen Land, das aufgrund seiner reichlichen Ölvorkommen gar nicht arm sein müsste. Ein Widerspruch, der sich leider oft in Afrika findet. Das Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich fördert die Korruption und bietet gleichzeitig einen Nährboden für Menschen, die von Gier und Macht angetrieben werden. Im Gegensatz dazu leuchten die Stimmen der nigerianischen Gegenwartsliteratur wie eine Hoffnungskerze. Viele Bücher aus diesem zerrissenen Land begeistern mich auf ihre Weise. Und ich weiß am Ende nicht, ob ich weinen oder lachen soll über diesen Zwiespalt, den ich mit Nigeria verbinde.

Hierbei denke ich wohlwollend an Teju Cole, dessen neues Buch »Jeder Tag gehört dem Dieb« kürzlich bei Hanser erschienen ist. Der Autor, der in Amerika lebt, öffnet glasklar den Blick in das Leben Nigerias und brilliert durch eine unglaublich schöne, weiche Sprache, die sich im Kontrast zum harten Alltag geschmeidig über die Augen legt. Auch die von mir geschätzte Autorin Chimamanda Ngozi Adichie hat mich bereits zweimal mit ihrem Heimatland vertraut gemacht. Wobei in ihren beiden Büchern »Heimsuchungen« und »Americanah« vorrangig ausgewanderte Nigerianer im Fokus stehen. Nun durfte ich eine weitere Autorin aus Nigeria kennenlernen, die anders als ihre beiden Schriftstellerkollegen in Lagos lebt. Lola Shoneyin hat mir mit ihrem schönen und sehr poetischen Debüt »Die geheimen Leben der Frauen des Baba Segi« tiefe Einblicke in eine Form des nigerianischen Ehelebens gewährt. Geht es doch um Polygamie. Ein Wort, bei dem ich erst einmal zusammenzucke, als hätte sich ein Splitter in meinen Finger gebohrt. Doch meine Neugier war zu groß, obendrein hätte ich eine höchst talentierte Autorin verpasst.

Bevor ich in das Buch einsteige, möchte ich ein paar Worte zu der 2008 entstandenen Reihe »Weltlese« verlieren, in dem dieser Roman bei der Edition Büchergilde erschienen ist. Herausgeber ist Ilija Trojanow, der mit diesen Publikationen den Blick für Literatur aus anderen Ländern schärfen möchte: »Die ganze Welt sei schon entdeckt, wird immer wieder behauptet. Nur stimmt dies nicht. In der Literatur zum Beispiel beschränkt sich unsere Leseneugier überwiegend auf englische und amerikanische Romane und auf Werke aus unseren Nachbarländern. Es ist schade, einen wunderbaren Roman zu verpassen, nur weil er das Pech hat, in Haiti geschrieben worden zu sein.« So dürfen wir uns über die 13. Publikation erfreuen, die bereits auf Platz 1 der »Weltempfänger-Bestenliste« gestanden hat und aktuell für den LiBeraturpreis 2015 nominiert ist.

Gleich zu Beginn der Geschichte macht Bolanle – die vierte, neue Ehefrau von Baba Segi – deutlich, warum sie diese Beziehung eingegangen ist und sich für eine polygame Ehe entschieden hat. Für mich befremdlich, aber Literatur ist ja nicht nur zur Unterhaltung da, sondern zum Verstehen und Schlaumachen. Einerseits will Bolanle der Nörgelei ihrer Mutter entkommen, die wie die ganze Familie nicht nachvollziehen kann, weshalb ihre Tochter diesen Schritt geht. Andererseits weiß die Familie nichts von dem Geheimnis, das Bolanle in ihrer Brust trägt. Zu groß ist die Scham, sich zu offenbaren, sie fühlt sich schmutzig. Warum – das verrät die Autorin erst später. Nur so viel vorweg sei zitiert: »Als ich Baba Segi traf, schien sich alles zu fügen. Endlich würde ich meine Sorgen abschütteln können.«

Es gibt so einige Gründe, die die vierte Eheschließung im Hause Baba Segi zu einem Problem machen: Bolanle fällt aus dem Rahmen, sie ist gebildet und hat sogar einen Hochschulabschluss. Dass sie obendrein noch jung und hübsch ist, macht die Sache nicht gerade einfacher. Ganz im Gegenteil – all das sorgt im Harem für großen Unmut. Die Hennen plustern sich auf und lassen sich vielerlei einfallen, um ihrer neuen Gespielin das Leben schwer zu machen. Als Bolanle durch Zufall ein lang gehütetes und äußerst hinterhältiges Geheimnis der Frauen aufdeckt, kommt es zum Eklat.

Lola Shoneyin belässt es nicht dabei, nur aus der Sicht Bolanles zu schreiben. Sie schenkt jeder Figur ihren Raum und erzählt deren eigene Lebensgeschichte. Diese gewählte Erzählform spült pralles Leben ins Buch und verwandelt es in ein reiches Leseerlebnis. Auf diese Weise erfahre ich auch die verschiedenen Beweggründe, die alle Frauen in die Ehe mit Baba Segi geführt hat. Oft hatten sie schlichtweg gar keine andere Wahl, weil sie aus armen Verhältnissen stammten oder nicht so hübsch waren, oder sogar homosexuell sind. Und natürlich deshalb: Nur mit einem Mann erreichen sie eine besondere Stellung in der Gesellschaft. Das ist erschreckend und für mich als Europäerin nur schwer zu verstehen. Jede Frau – egal wo – sollte die Möglichkeit haben, sich zu verwirklichen, unabhängig ihren Weg zu gehen und nur als sie selbst anerkannt werden. Aber wir hier haben ja gut reden.

Auch dem Hahn – der ohne Scham frei pupst oder sich mit einem voll gekotzten Hemd im Auto sitzt, ohne Rücksicht auf seinem Chauffeur und seine Frau – gibt die Autorin Zeit, um seinen Blickwinkel darzulegen. Fast habe ich mit ihm Mitleid, als Baba Segi von der großen Tragödie erfährt, aber nur fast. Lola Shoneyin verurteilt nicht direkt. Viel mehr schickt sie ihre Figuren vor, die bisweilen tragische Geschichten erzählen, die oft von Gewalt und Missbrauch geprägt sind.

Lola Shoneyin hat bereits drei Gedichtbände veröffentlicht. Dieses feine Gespür für poetische Sprache spiegelt sich in ihrem Roman in allerbester Form wider. Schöne Sprachbilder und ihre geschmeidigen Sätzen sind eine himmlische Verführung, wie zart schmelzende Schokolade. Eine Kostprobe gefällig? Et voilà: »Mein Inneres fühlte sich an, als wäre es mit einem schweren Kochlöffel umgerührt worden.» Ein Satz, bei dem ich – trotz aller Tragik – schmunzeln muss. Das ist eine weitere bemerkenswerte Komponente in diesem Roman: Der kluge Witz belebt selbst meine müden Augen abends vorm Einschlafen. Teilweise hüpfen herbe Ausdrücke wie Hagelkörner dazwischen, doch sie zerstören das feine Sprachbild in keiner Weise.

Dieses Buch – übrigens wunderschön gestaltet – klärt auf, erschüttert und schenkt dennoch viel Lesefreude. Eben kein verkitschtes Afrika, sondern das echte, mit all seinen dunklen Seiten. So kann ich am Ende trotz all der schrecklichen Nachrichten aus Nigeria lächeln, weil die nigerianische Gegenwartsliteratur sich wie ein heller Hoffnungsschimmer über die Düsternis legt und Mut macht. Genauso wie Bolanle: »Ich bin wieder da und die Welt liegt vor mir wie ein aufgeschlagenes Ei.« Ein schöneres Schlusswort kann es nicht geben.

Lola Shoneyin: Die geheimen Leben der Frauen des Baba Segi. Aus dem Englischen von Susann Urban. Edition Büchergilde 2014, Herausgeber: Ilija Trojanow, 352 Seiten, 22,95 €.

karenina-illustration

 Weiterführende Links zu Lola Shoneyin und Nigeria:

> Ein Interview, das die Autorin mit der Brigitte geführt hat
> Rezensionen beim SWR und bei der NZZ
> Artikel über Nigeria bei der Süddeutschen Zeitung

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13 Gedanken zu “Finsteres Nigeria, von der Literatur hell erleuchtet.

  1. Ergänzung zu einem Thema, welches wunderbar skizziert wurde und mich auch umtreibt.
    „Der dunkle Fluss“ – Chigozie Obioma (Übersetzung durch Nicolai von Schweder-Schreiner) – ein tolles Debüt, welches Elemente der Fabel mit der Tragödie kombiniert. Und wie du auch schreibst, erliest man/frau sich diesen Kontinent und dieses Land Nigeria in all seinen Widersprüchen – ökonomischer, politischer oder religiöser Art- um dann festzustellen, welche Opulenz von Schönheit hier eingefangen wurde.

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    1. Hallo skelligs,
      »Der dunkle Fluss« steht auch noch auf meiner Leseliste. Daher lese ich mit großer Freude, dass dir das Debüt sehr gefallen hat. Überdies gefallen mir die beiden Umschreibungen Tragödie und Elemente der Fabel sehr. Die Lektüre nigerianischer Literatur ist wahrlich nicht nur eine besondere, sondern auch eine blickerweiternde. Hast du denn schon mal Bücher von Chimamanda Ngozi Adichie gelesen?

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  2. Liebe Klappentexterin,
    habe dieses Buch bereits gelesen und war auch sehr begeistert. Es ist immer wieder interessant Geschichten aus anderen Ländern zu lesen und damit fremde Kulturen kennenzulernen. Ich hoffe es gibt noch mehr von diesen Büchern.
    Lg
    lesesilly

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  3. Ich habe zufällig diese interessante Seite gefunden. Danke für den Lesetipp! Das Buch wartet schon, der Stapel ist hoch, aber jetzt wird es vorgezogen. Danke auch für die Hinweise auf nigerianische Literatur, auf die ich durch „Öl auf Wasser“ von Helon Habila aufmerksam wurde. Eines von mehreren wunderbaren Leseerlebnissen aus einer ganzen Afrika-Reihe des Heidelberger Verlags Wunderhorn: http://www.riegweb.de/nord-sud/rufus-mein-freund-sag-mir-was-suchen-wir-eigentlich/

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  4. Schöner Zufall, dass ich hier gelandet bin. Ich habe Americanah von Chimamanda Ngozi Adichie gelesen und fand es hochinteressant, obwohl ich fand, dass das Gewicht der Erzählung zu sehr auf Amerika fixiert war. Aber ein Buch einer nigerianischen Schriftstellerin, die in Lagos lebt, kommt auf meine Leseliste!! Danke. Dem Thema der Polygamie stehe ich auch völlig unwissend und ablehnend gegenüber, da ich finde, dass es frauenverachtend ist. Aber bestimmt hochinteressant.
    Eine weitere nigerianische Schriftstellerin ist Adaobi Tricia NWAUBANI, die „die meerblauen Schuhe meines Cash-Daddy’s “ geschrieben hat. Eine gesellschaftliche Tragödie der inzwischen hochgebildetetn Mittelschicht Nigerias.
    Vielleicht interessiert euch die Rezension auf meinem Blog http://www.irmgardrahn.com (Books of Reality)

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