Ein Buch, stark wie ein Löwe.

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»Der Löwensucher« von Kenneth Bonert ist ein Geschenk des Bücherhimmels. So fühlte es sich für mich an, denn ich begann das Buch exakt zum letzten Weihnachtsfest. Gerade noch saß ich ein wenig ermattet auf dem Sofa und fragte mich, ob ich des Lesens müde bin. Zerstreut griff ich zu dem weißen Wälzer, der mit anderen Neuheiten neben mir lag und öffnete ihn neugierig wie eine Katze, die ein Spielzeug gefunden hat. Schon in der nächsten Minute blinzelte mich ein Weihnachtsstern an, und ich dachte wieder einmal an die kosmischen Kräfte des Bücherhimmels.

Diese umwerfend schöne, sinnliche Sprache Bonerts! Grandios! Zum Niederknien! Sie sprüht vor Leben, beschwört wundervolle Bilder herauf, verzaubert durch zarte Poesie und erzeugt sofort eine Herzenswärme zwischen den Zeilen. Damit hat man die Klappentexterin bekanntermaßen schnell um den kleinen Finger gewickelt. Dabei hatte ich mir mit dem Werk wahrlich viel vorgenommen – 782 Seiten umfasst es. Oha! »Der Löwensucher« packte mich jedoch von der ersten Seite an, so dass ich mich voller weihnachtlicher Vorfreude in dieses Abenteuer stürzte.

So treffe ich im Jahr 1924 auf Isaac, der quasi ein zweiter Michel aus Lönneberga ist. Ein richtiger Wildfang, der durch die Straßen seines Ghettos flitzt und Ärger wie Staub anzieht. Seine Mutter Gitelle hat es nicht leicht mit ihrem Spross, ist sie doch erst kürzlich mit Isaac und der Tochter zu ihrem Mann nach Johannesburg gezogen. Die jüdische Familie ist aus Litauen geflüchtet und hofft, irgendwann ihre Schwestern nachholen zu können. Dann sollen sie auch das Haus beziehen, das sich Gitelle erträumt. Vorerst lebt die Familie in einem Eckhaus in Doornfontein und dreht jeden Cent zweimal um. Der Vater ist Uhrmacher und hat dort eine Werkstatt, in der er auch seine Freunde – die sogenannten Sofahocker – gern zu Besuch hat. Auf einem alten durchgesessenen Sofa sitzen Tates Freunde, trinken Chateau-Brandy, rauchen, zerlegen eingelegten Fisch, essen Goldenbergs koschere Fleischwurst und reden. Der kleine Isaac liebt diese Zusammenkünfte: »Von ihnen ging eine intensive menschliche Wärme aus, und Isaac hätte den ganzen Tag vor ihnen sitzen können wie vor einem Kamin im Winter, wenn Mame nicht gewesen wäre.« Als ich die Zeilen lese, verwandle ich mich urplötzlich in Isaac, denn ich finde mich in ihm wieder.

Ich könnte Kenneth Bonert ewig zuhören, folge ihm mit aufgewecktem Geist, sammle die schönen Umschreibungen auf, tanze auf seinen witzigen Zwischentönen, vergesse dabei fast die Tragik, die in dem Buch immer wieder hervorschimmert. Isaac wächst heran, aber sein roter Haarschopf bleibt ihm ebenso treu wie seine unzähmbare Art, die ihn schließlich von der Schule fliegen lässt. Danach mausert sich Isaac durch verschiedene Jobs, bis er seine wahre Berufung findet. Er trifft auf eine weitere wichtige Figur in diesem Roman: den verrückten, spielsüchtigen Hugo Bleznik. Was es mit dem Handelsvertreter vom ominösen Lichtzauber auf sich hat, das lasse ich mal schön im Roman wie all die anderen Abenteuer und die Geheimnisse, die darin verborgen sind.

kenneth_bonertFoto: © Richard Dubois

Kenneth Bonert ist ein Fabulierkünstler und ein großer Verführer. Zu Recht wurde sein Romanerstling 2013 mit dem National Jewish Book Award und dem Edward Lewis Wallant Award ausgezeichnet. Zudem stand sein Debüt auf der Shortlist für den Governor General’s Award und den Amazon.ca Frist Novel Award. Der Autor versteht es meisterhaft, die Leser mit seiner sinnlichen Sprache zu verführen, Wörter werden zu Kissen, auf denen ich meinen Kopf lege und sie staunend betrachte. Ja, bei Kenneth Bonert fühle ich mich zu Hause. Genauso erstaunlich ist der breite Spannungsbogen, der sich durch die vielen Seiten zieht. Bisweilen fühle ich mich an John Irving erinnert – so prall gefüllt ist das Buch mit vielerlei Geschichten und ungewöhnlichen Figuren, die einfach liebenswert sind und mein Herz erobern. Das Buch hat auch seine komischen Seiten und bewegt gleichzeitig durch unglaubliche, schmerzvolle Szenen. Wie die Passage, als Isaac mit seiner Liebsten im Cadillac ihres Vaters durch den Slum fährt. Überall Schlamm und fremde Hände, die sich das Auto zu Eigen machen wollen. Wahnsinn!

Kenneth Bonert hat eine berührende Familiengeschichte geschrieben, um die eine Vielzahl tragischer Ereignisse und ergreifender Schicksale kreist. Der 1972 in Johannesburg geborene Autor bewegt sich aber nicht nur im familiären Kosmos. Achtsam wie ein Luchs tritt er mit mir nach draußen ins Weltgeschehen der 30er Jahre und konfrontiert mich mit unglaublichen Ungerechtigkeiten. So spielen der Rassenkonflikt und der Antisemitismus eine große Rolle. Bonert agiert auf diese Weise als Chronist der Zeitgeschichte und zeigt die grausamen Taten der Grauhemden sowie die Ausgrenzung der Schwarzen. Parallel öffnet der Autor den Blick nach Europa, wo Hitler und seine Kriegsmaschine wüten.

Mit einer Leichtigkeit streut Bonert aufwühlende Ereignisse in seinen Roman ein – das ist zutiefst beeindruckend. Er nimmt uns dorthin mit, wo es weh tut, lässt uns aber auch wieder durchatmen, wenn er warme, leuchtende Momente in sein Werk einwebt, in dem auch eine besondere Liebesgeschichte ihren Platz hat. Ein großes Dankeschön an den Bücherhimmel für dieses Werk. Ja, es ist wirklich stark wie ein Löwe.

Kenneth Bonert: Der Löwensucher. Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer. Diogenes Verlag, März 2015, 782 Seiten, 25,90 €. Eine kostenlose Leseprobe zum Buch gibt’s hier beim Diogenes Verlag.

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31 Gedanken zu “Ein Buch, stark wie ein Löwe.

  1. Hallo ihr zwei, ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich freue, dass euch dieses grandiose Buch ebenso begeistert hat bzw. noch begeistert. Lieber Pop-Polit, das Parallellesen kenne ich. 🙂 Ich wünsche dir noch viele schöne Stunden mit Isaac und den anderen. Deine Rezension, lieber Hauke, habe ich soeben mit großer Freude gelesen.

    Es grüßt euch herzlich
    Klappentexterin

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  2. Das liegt bei mir auch noch auf dem (mittlerweile bedrohlich anwachsenden) Stapel der unbedingt noch zu lesenden Bücher. Ach, hätte ich doch mehr Zeit. »24 Hours isn’t enough!«
    Nach Deiner Besprechung rückt Bonert weit nach oben im Stapel und ich freue mich jetzt noch mehr drauf. lg_jochen

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  3. Weißt du was, liebe Klappentexterin: es gibt tausende, die über Bücher schreiben, man hat vor lauter „Drüberlesen“, was andere drüber schreiben, kaum mehr Zeit, selber zu lesen! Was Dich soooo unverwechselbar macht, ist Deine Freude am geschriebenen Wort, diese große Freude, die Du ausstrahlst, die überall aus Deinen Texten hervorquillt, diese Freude ist einfach unwiderstehlich! Ja, und natürlich werd ich dieses Buch lesen! Hab Dank, ich les auch Dich gern, Du machst echt gute Arbeit! Liebe Grüsse

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  4. Ich habe dich für den real neat blOg award Nominiert. Freue mich wenn du teilnimmst und meine Fragen beantwortest. :)https://worthunger.wordpress.com/category/meine-worte-2/

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    1. Vielen lieben Dank! Ist nichts Schlimmes passiert. Alles gut. Ich freue mich über deine Auszeichnung, muss dir allerdings gestehen, dass ich bei Awards nie mitmache. Dennoch freue ich mich sehr über diese besondere Geste! Herzlich, Klappentexterin

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  5. Eigentlich (!) wollte ich das Buch nicht kaufen, weil es ziemlich teuer ist, weil ich eigentlich Entwicklungsromane junger Männer nicht so besonders mag, weil ich mit den vielen historischen Sachbüchern über „Juden in Litauen“ (auch beruflich) schon ziemlich mit diesem Thema „gesättigt“ war – und dann habe ich diese Rezension gelesen und war verloren:

    Vor drei Tagen habe ich angefangen zu lesen. Letzte Nacht musste ich schließlich nach über 500 Seiten aufhören, weil ich nichts verpassen wollte. Und nun fürchte ich mich vor dem Augenblick, wenn ich heute oder morgen das Buch zuende gelesen habe.
    Deiner Rezension stimme ich in jeder Hinsicht zu. Sie und das Buch haben mich verzaubert!

    Und was soll ich nun lesen? Würdest du als „Anschlusslektüre“ Nino Haratischwilis Roman empfehlen? Oder hast du spontan noch eine andere Idee?
    Mit einer Empfehlung würdest du mich wirklich glücklich machen 😉

    Ein schönes Wochenende wünsche ich dir!

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    1. Liebe Heidi,
      wie wunderschön! Vielen lieben Dank für die begeisterten Zeilen über »Der Löwensucher«. Sofort stecke ich wieder mittendrin – in diesem Meisterwerk. Und wie bekannt kommt mir der Moment vor, wenn das Ende eines geschätzten und geliebten Buches naht. Aber es gibt ja noch so viele andere erstaunliche Werke. »Das achte Leben (Für Brilka)« ist eins davon. Wenn du dich vor dem Umfang nicht scheust, »Der Löwensucher« ist ja auch recht üppig, dann würde ich es empfehlen – jederzeit. Wie du vieleicht weißt, ist es eins meiner absoluten Lieblinge. Genauso gerne empfehle ich Carl Nixons Buch »Lucky Newman«, das im kleinen feinen Weidle Verlag erschienen ist, oder Karen Köhlers Erzählband »Wir haben Raketen geangelt«. Obwohl das Wochenende schon vorbei ist, hoffe ich, dass meine Antwort nicht allzu spät kommt. Wobei, das nächste Wochenende kommt bestimmt. 😉

      Eine schöne Woche und sonnige Grüße
      Klappentexterin

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      1. Liebe Klappentexterin!
        Letzten Mittwoch habe ich „Das achte Leben“ angefangen – und noch intensiver als „Der Löwensucher“ nimmt mich dieses Buch mit weit weg in eine andere Welt. In jeder freien Stunde versinke ich in dieser wundervollen Familien-Geschichte und Geschichts-Lehrstunde.
        Danke für deine appetitanregende Rezension auch dieses Buches!
        In Vorfreude auf weitere Anregungen
        Heidi, die dicke Bücher LIEBT 😀

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      2. Liebe Heidi, die dicke Bücher liebt, 🙂
        was für eine Freude! Was bin ich glücklich! Du liest dieses großartige Wunderwerk, welches derart viele Menschen beeindruckt und bewegt hat. Unterschiedliche Menschen, aber alle teilen sich eine Meinung: Brilka ist einmalig. Insofern wünsche ich dir wundervolle Lesestunden und lasse für deine Begeisterung für umfangreiche Werke gleich noch zwei Tipps da: »Fünf Kopeken« von Sarah Stricker, eins der schönsten, sprachgewaltigsten und beeindruckendsten Debüts, das ich je gelesen habe sowie »Das Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr. Im Herbstprogramm schlummern auch schon mindestens zwei umfangreiche Bücher, die dir gefallen könnten. Dazu bald mehr. 🙂

        Herzliche Grüße
        Klappentexterin

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  6. Inzwischen „strecke“ ich die letzten 200 Seiten, weil ich mir im Moment nicht vorstellen will, wie es sich anfühlt, wenn ich das Buch endgültig zuklappe … Ich könnte mir sogar vorstellen, für die „einsame Insel“ genau dieses Buch mitzunehmen und noch einmal zu lesen – was ich normalerweise nie tue, weil es ja noch soo viele Bücher gibt, die auf mich warten.
    Mehr als durch das Studium historischer Sachbücher zum Thema „Sowjetunion“ hat dieses Buch es geschafft, das Leben im Herrschaftsbereich der SU für mich „fühlbar“ zu machen. Es ist für mich unvorstellbar, wie eine so junge Schriftstellerin es geschafft hat, ihre Familiengeschichte in Form eines Romans so lebendig und sprachlich eindrucksvoll zu erzählen, dass ich als Leserin den Eindruck habe, Teil dieser Familie zu sein und jede(n) Einzelne(n) zu kennen.
    Und jetzt werde ich erstmal die „Unamerikanischen“ von Molly Antopol lesen. Dann wartet Sofi Oksanens „Als die Tauben verschwanden“ auf mich.
    Und dann: bin ich seeehr gespannt auf die beiden umfangreichen Bücher des Herbstprogramms 🙂
    Kannst du nicht wenigstens eine Andeutung machen??
    Herzlicher Gruß
    Heidi.

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    1. Oh, ich fühle ganz mit dir, liebe Heidi. Weiß ich doch noch allzu gut, wie sich die letzten Seiten von Brilka damals angefühlt haben. Ach! Danke für deinen Leseeindruck, der mich gleich nochmal ins wundervolle Buch gezogen hat. »Die Unamerikanischen« ist aber ein schönes Trostpflaster nach dem Ende der beeindruckenden Lektüre. Da schließt sich gleich das nächste Highlight an. Viel Freude mit Molly Antopols erstaunlichem Erzählband.

      Gerne verrate ich dir schon zwei umfangreiche Werke: »Die Schatten von Race Point« von Patry Francis und »Das gläserne Meer« von Josh Weil. Auf die Bücher eingehen, darf ich ja noch nicht wegen der Sperrfrist. Aber hier hast du schon mal die Titel.

      Viele Grüße
      Klappentexterin

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      1. Ich fühle mich in deinen Worten wieder …
        Und danke für deine Andeutungen! Ich weiss von meiner Buchhändler-Freundin, dass du nichts verraten darfst!!
        Auf hoffentlich viele weitere „Buch-Verarbeitungs-Beschreibungen“ deinerseits freue ich mich sehr!
        Und bei meinem nächsten Berlin-Besuch im September werde ich mich mit Sicherheit bei „Ocelot“ in der Brunnenstraße wiederfinden ,-)))
        „Heidi, die dicke Bücher liebt“!!

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