Ahornbäume und Atwood.

Bild von Leslin_Liu auf Pixabay

Wer an Kanada denkt, dem fallen sicher zuerst endlose Weiten, unberührte Natur und Ahornbäume ein. Viele sagen auch, es wäre das bessere Amerika. Und literarisch? Da wäre Margaret Atwood wohl die erste Assoziation. Das Gastland der diesjährigen Buchmesse löst in jedem Fall viele Bilder vor unseren inneren Augen aus.  

Wobei es neben der ewigen Anwärterin für den Literaturnobelpreis zahlreiche andere Autor:innen zu entdecken gibt. Naturgemäß habe ich für euch ein paar Bücher gelesen, die ich euch nicht vorenthalten möchte. Denn sie sind wirklich gut. 

Louise Penny – Das Dorf in den roten Wäldern

Was verbindet Louise Penny mit George Simenon? Nun, zum einen erscheinen beide beim Schweizer Kampa Verlag. Zum anderen sind ihre Krimis nicht nur spannend, sondern auch wirklich Krimiliteratur. Allen, die die Gamache-Reihe von Louise Penny noch nicht kennen, möchte ich diese Reihe eindringlich empfehlen.  

»Das Dorf in den roten Wäldern« ist der erste Fall und beginnt natürlich mit einem Mord. Oder war es ein bedauerlicher Unfall? Jane Neal wird, durchbohrt von einem Pfeil, tot im Wald aufgefunden. Und die Jagdsaison ist im vollen Gange. Oder gibt es doch einen Zusammenhang mit dem Zwischenfall, der sich kürzlich in dem kleinen Dorf Three Pines ereignet hat?  

Inspector Gamache reist mit seinem Team aus Montreal an und beginnt zu ermitteln. Ein kluger und empathischer Mensch, der mir sofort sympathisch ist. Aber er ist auch wirklich gut in seinem Job, lässt sich nicht blenden und behält stets die Übersicht. 

Zuerst nimmt er Janes Freunde unter die Lupe genommen, und die sind allesamt nicht ohne. Da gibt es das Künstlerpaar, die Buchhändlerin, die früher Psychologin war (sind wir Buchhändler nicht alle auch ein bisschen Psychologen?) und eine bekannte Dichterin. Dann wäre da noch Janes Nichte, die immerhin das Haus ihrer Tante erbt.  

Louise Penny schafft eine außergewöhnliche, fast herzerwärmende Stimmung. Letzteres mag für einen Krimi seltsam klingen, aber hier ist wirklich ein gewisser  Wohlfühlcharakter vorhanden. Wenngleich die Autorin bei aller Wärme stets die Spannung bis zum Schluss aufrecht erhält. Nicht zu Unrecht hat Penny auch hierzulande eine treue Fangemeinschaft – und es können ruhig mehr werden. 

Louise Penny: Das Dorf in den roten Wäldern. Der erste Fall für Gamache. Aus dem kanadischen Englisch übersetzt von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck. Kampa Verlag, 400 Seiten, 16,90 €.

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Mireille Gagné – Häsin in der Grube 

Noch mehr arbeiten, dafür weniger schlafen – das wünscht sich die Protagonistin Diane in Mireille Gagnés furiosem Debüt »Häsin in der Grube«. Deshalb unterzieht sich die karrierefixierte Frau einer Operation und lässt sich ein Hasengen implantieren. Klingt phantastisch, und ist es auch.  

Statt erstmal die Ruhephase einzuhalten, geht Diane sofort wieder an die Arbeit. Was nicht ohne Konsequenzen bleibt. Dianes Aussehen verändert sich zusehends, die Augen weiten sich und ihr wachsen rote Haare. Fortan schaut sie nicht mehr in den Spiegel. Aber auch ihre Sinne und ihr Verhalten werden zunehmend animalisch. Was ist passiert? Nicht weniger, als eine Transformation der besonderen Art.   

Mireille Gagné hat eine Saga der Algonkin – den kanadischen Ureinwohnern – als Inspiration für ihren Roman genutzt. Nanabozo ist eine mythologische Figur, sie kommt vorwiegend in Gestalt eines Hasen auf die Welt. In diesem Fall ist es die des Schneeschuhhasen.   

Dabei wechselt die Autorin ihre Erzählperspektiven. Zum einen ist es die rastlose – und auch atemlos gesetzte – Beschreibung der Hauptfigur. Eine schonungslose Beschreibung der neoliberalen Arbeitswelt. Zum anderen erfahren wir nahezu alles über das Wesen des Schneeschuhhasen. Ein äußerst anpassungsfähiges Wesen, das bis zu 80 km/h schnell laufen, pardon, hoppeln kann.  

Auch Dianes Erinnerungen an die Kindheit auf einer Insel werden wach, besonders ihre Freundschaft zu Eugéne, den sie bis heute nicht vergessen kann. Und Eugene hatte ein Faible für Hasen. Wunderlich, alles sehr wunderlich.   

Häsin in der Grube ist ein außergewöhnliches Buch, eine Parabel auf das moderne Leben, eine Persiflage auf die heutige Arbeitswelt.  Und wer sich auf diese phantastische Geschichte einlässt, wird reichlich belohnt mit wunderschönen Naturbeschreibungen und sinnlichen Erlebnissen. Ich gebe zu – ein ungewöhnlicher Mix. Aber das Gewöhnliche, ganz ehrlich, davon haben wir doch genug vor der eigenen Haustür.  

Mireille Gagnés: Häsin in der Grube. Aus dem kanadischen Französisch übersetzt von Birgit Leib. Verlag Klaus Wagenbach, September 2021, 120 Seiten, 17,- €.

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Kenneth Bonert – Toronto (Was uns durch die Nacht trägt) 

In einem Kanada-Spezial darf Kenneth Bonert natürlich nicht fehlen. Schon, als ich vor sieben Jahren »Der Löwensucher« aufschlug, wusste ich – dieser Autor wird mich noch länger begleiten. 

Seitdem zählt der Kanadier mit südafrikanischen Wurzeln zu meinen Lieblingsautoren. Seine Romane waren stets mächtige Werke, selten unter 600 Seiten stark. Nun zeigt er sein außergewöhnliches Können in einer Sammlung von Erzählungen. 

In seinen ersten beiden Romanen führte uns Bonert zurück nach Südafrika und erzählte über die Apartheid, den Antisemitismus, die Verfolgung und die Flucht der Juden im zweiten Weltkrieg. Ebenso war der allgegenwärtige Rassismus in Südafrika und die Armut in den Slums von Johannesburg sein Thema.  

Im Erzählungsband »Toronto – Was uns durch die Nacht trägt« widmet sich der Autor der Liebe. Dem stärksten aller Gefühle. Und so ist auch hier nichts seicht oder oberflächlich. 

Mit Tiefgang, Raffinesse und glänzend formulierten Sätzen erzählt der Autor aus dem Alltag der Menschen. Ich werde Teil ihres Alltags, der oft aus den Fugen gerät. Da ist Blake, der über eine Dating App Dirty Cougar kennenlernt. Eine für sein bisheriges Beuteschema eigentlich zu alte Frau. Obendrein ist sie keine Schönheit, zu klein, hat Mundgeruch und ist offenbar ein Messie. So ekelt sich der junge Mann geradezu vor seiner neuen Eroberung. Und fühlt sich doch zu ihr hingezogen und ist süchtig nach dem Sex mit Dirty Cougar.  

Da wäre auch noch Trevor, den eine zufällige Umarmung mit seiner Arbeitskollegin Ping derart aus der Bahn wirft, dass er fortan sämtliche Massagesalons mit asiatisch aussehenden Frauen aufsucht, um die Erinnerung an diesen einzigartigen Moment lebendig zu halten. Denn Ping taucht von einem Tag auf den anderen nicht mehr an ihrem Arbeitsplatz auf. Der Beginn einer unendlichen Suche… 

Auch die Erzählung »Familienangelegenheiten« hat befremdliche Züge. Was ist in der oberen, an sich leerstehenden Wohnung passiert? Wer ist verstorben? Der Mann der trauernden Frau, um die es hier eigentlich geht? Aber welches Spiel spielt die Frau mit ihrem neuen Mieter? Fragen über Fragen… 

Kenneth Bonert bietet keine einfachen Antworten, der Autor lotet Grenzen aus, schaut in die dunklen Kammern seiner Figuren und erzeugt eine unglaubliche Spannung. Da geht es mir ein bisschen wie einer seiner Protagonisten: Ich bin erschüttert und fasziniert zugleich. Was durchaus als Kompliment zu verstehen ist. 

Kenneth Bonert: Toronto – Was uns durch die Nacht trägt. Aus dem Kanadischen übersetzt von Stefanie Schäfer. Diogenes, September 2021, 256 Seiten, 22,-€

Wenn ihr auf die anderen beiden Bücher neugierig geworden seid, dann schaut mal hier vorbei: Der Löwensucher und Der Anfang einer Zukunft.

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Mary Lawson – Im letzten Licht des Herbstes 

Mary Lawson hat mit »Im letzten Licht des Herbstes« einen berührenden Roman geschrieben, der meine Augen sanft wie goldenes Herbstlicht gestreichelt hat. In ihrem für den Booker Prize nominierten Roman verbindet sie das Schicksal von drei Menschen. Da ist die siebenjährige Clara, die jeden Tag am Fenster sitzt und sehnsüchtig auf die Rückkehr ihrer älteren Schwester wartet. Rose ist nach einem Streit von zu Hause ausgebüxt, seitdem fehlt jede Spur von ihr. Eines Tages fällt Clara ein Mann auf, der ins gegenüberliegende Haus Umzugskartons schleppt. Wie kann das sein, das Haus gehört doch Mrs. Orchard? Was wird Mrs. Orchard dazu sagen? Dem Kater Moses gefällt der Eindringling schon mal gar nicht – Moses sucht das Weite, sobald der Fremde im Haus ist.  

Clara kümmert sich weiter um Moses, das hat sie Mrs. Orchard versprochen. Sie behält auch den Schlüssel für das Haus. Der Mann heißt Liam und hat sich von seiner Frau getrennt, obendrein noch den Job gekündigt. Nach und nach erfahre ich, warum er gerade dort eingezogen ist, was ihn beschäftigt und welche Rolle Liam in Mrs Orchards Leben eingenommen hat. Auch die ältere Dame lerne ich kennen, allerdings liegt sie im Krankenhaus. Dort spricht sie in Gedanken mit ihrem verstorbenen Mann und lässt ihr Leben Revue passieren.  

Stimmungsvoll, eindringlich und voller Menschlichkeit erzählt Mary Lawson diese Geschichte. Für mich gehört »Im letzten Licht des Herbstes« zu den Favoriten meiner literarischen Entdeckungstour nach Kanada.  

Mary Lawson: Im letzten Licht des Herbstes. Aus dem Englischen von Sabine Lohmann. Heyne, August 2021, 352 Seiten, 22,- €.

4 Gedanken zu „Ahornbäume und Atwood.

    1. Klappentexterin Autor

      Vielen Dank, das lese ich mit großer Freude, liebe Elke! Ja, das stimmt, Kanada ist mit Sicherheit ein Traumreiseziel von so vielen. Ein schönes und reizvolles Land.

      Ich winke durch die Dunkelheit und lasse viele Grüße hier, Klappentexterin

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      Antwort
    1. Klappentexterin Autor

      Hallo Stefan, wunderbar – das freut mich wirklich sehr! Kenneth Bonert ist eine Entdeckungsreise wert. Bin gespannt auf deinen Leseeindruck.

      Leuchtende Grüße in die kriminelle Gasse und einen schönen Wochenendausklang, Klappentexterin

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      Antwort

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