Karen Köhler: Wir haben Raketen geangelt | Blogtour

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Funkelnde Raketen, tanzende Indianerfedern.

Die Indianerfeder auf meinem Kopf wippt und meine Augen funkeln wie Raketen, die am Himmel explodieren. Soeben bin ich aus einem der schönsten Erzählbände seit Langem aufgetaucht und tanze vor Freude, ach was, ich fliege. „Wir haben Raketen geangelt“ von Karen Köhler ist ein Feuerwerk an ganz außergewöhnlichen Geschichten, an dem kein Mädchen – ob groß oder klein – in diesem Bücherherbst vorbeikommt.

Der preisgekrönte Autor Saša Stanišić schreibt es so fabelhaft im roten Band, von dem das Buch wie von einem Gürtel umschlossen wird: „Wollt ihr Geschichten, die euch wärmen in kalten, kalten Nächten? Wollt ihr noch mal Indianer sein? Wollt ihr Raketen? Hier! Hier!“ „Ja, ich will!“ rief ich begeistert. Eine bessere Einladung kann es für dieses liebevoll gemachte Buch kaum geben. Der gesamte Buchumschlag wurde von der Autorin selbst gestaltet, die auch als Illustratorin arbeitet. Sie hat u.a. das Logo für den „Indiebookday“ entworfen und auch unserem Blog „We read Indie“ mit zwei Illustrationen beglückt. Ganz zauberhaft ist die Rückseite des Umschlags. Aber mehr verrate ich jetzt nicht.

Im Mittelpunkt von Karen Köhlers Erzählungen stehen meist Frauen, die eines vereint: Sie sind allesamt gebrochene Seelen. Und haben dadurch für mich etwas Beschützendwertes, wie junge Rehkitze, die ihre Mütter verloren haben und allein in der Welt zurechtkommen müssen. Da haben wir zum Beispiel die Ich-Erzählerin aus „Cowboy und Indianer“. Vollkommen überhitzt und ausgetrocknet wird sie am Straßenrand im Death Valley von einem Indianer gefunden. Beherzt nimmt sich Bill, dessen Indianername Schnee im Herbst lautet, der verlorenen Frau an. Zuallererst reicht er ihr eine halbvolle Wasserflasche und legt in ihre linke Hand ein Steinchen, das er als eine Träne von Mutter Erde bezeichnet. Was Bill nicht weiß – die Erzählerin „war immer auf der Seite der Indianer“. Selbst dann noch, als alle in ihrem Umfeld längst Cowboys waren und ihr Bruder dazu riet, endlich die Seite zu wechseln. Doch sie blieb eine Indianerin. Die Zeitebenen in der Erzählung wechseln sich ab, mal schaue ich mit ihr zurück in die Jugend als einsame Indianerin, die den Gemeinheiten der Schüler ausgesetzt ist und ein schreckliches Unglück erleben muss. Ein anderes Mal sitze ich mit der Erzählerin neben ihrem Indianer und fahre durch den Süden Amerikas, erlebe ein aufregendes Roadmovie und bin umgeben von wundervollen Beschreibungen, die mich träumen lassen. „Und als wir den Mount Potosi überwinden, liegt vor uns die Königin der Nacht. Glitzernd, blinkend, verführerisch lockend trägt sie gerade ihre Lichterschminke auf. Bietet sich an, wie eine, die man nur im Rausch ertragen kann.“ Karen Köhlers Sätze und Wörter sind Liebkosungen, die mich umarmen und von denen ich nicht genug bekommen kann. Ich schwebe durch die Seiten und spüre das Flattern sanfter Schmetterlingsflügel auf meinen Armen.

Besonders eindringlich empfinde ich auch die vorletzte Erzählung „Wild ist scheu“. Hier setzt mich die Autorin in einen Hochsitz an einer kleinen Lichtung am Wald ab. Dorthin hat sich die Protagonistin geflüchtet, mit wenig Wasser und nur einem Müsliriegel. Hat Schluss gemacht mit ihrem alten Leben, einfach alles zurückgelassen. Sie dokumentiert jeden Tag für B. und schon die ersten beiden Sätze schnüren mir die Kehle zu, wie ein spitzer Pfeil treffen sie mich in meinem Innersten: „Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird. Dreißig Tage, vielleicht, je nachdem.“ Ich ahne, will es aber nicht zu Ende denken und tauche lieber ein in die Wildnis. Die Protagonistin beschreibt, was um sie herum passiert, wie klamm die Nacht ist, die Tiere unter ihr, die Natur mit ihrem Eigenleben und die Eule, die eines Nachts vor ihrem Hochsitz liegt. Karen Köhler spricht nicht jedes Detail direkt aus, sie geht sanft und zurückhaltend vor. Die Teile des Puzzles schlüpfen – Schneeflocken gleich – sanft in meine Augen. Damit erzeugt sie eine ganz eigene Spannung. Und ich bin vollkommen gefangen in der Natur, rieche den Herbst, spüre die Erde unter meinen Fingernägeln, höre das Rufen der Vögel und atme die Trauer in den Sätzen.

Jede einzelne Erzählung hat ihr Eigenleben und ein kleines Maskottchen, das eingangs unten rechts auf der leeren Seite steht. Mal ist es ein Bär, mal ein Fuchs, mal ein Insekt. Geschichte für Geschichte entfaltet sich ein eigener Charme, verzaubert und macht trotz der Tragik auf einzigartige Weise glücklich. Es ist das stille Glück, das nicht an prickelnde Sektgläser erinnert, sondern viel mehr an das sanfte Schnurren einer Katze. Die Autorin entfaltet eine strahlende Lebendigkeit und schafft dabei unglaublich schöne Atmosphären. Ich spüre den kalten Wind Sibiriens und den heißen Bulle – wie sie die Sonne an einer Stelle bezeichnet. Überall zeigt sich Karen Köhlers sprudelnde kreative Ader, mit der sie auch als Illustratorin kleine Wunderwerke kreiert. Die Autorin erzählt von den dunklen Seiten des Lebens, wenn eine große Liebe zerplatzt und ein Loch im Herzen zurückbleibt. Oder vom Tod, der unerwartet ins Leben tritt und Pläne willkürlich zertrampelt. Sie erzählt von der Hoffnungslosigkeit, wie ich ihr in der Krebserkrankung in „il Commandante“ begegne. Die Autorin gräbt sich in die Tiefen der Seele ihrer Protagonistinnen. Und in alldem erfreut sie mich mit ihrer weichen, bildreichen Sprache, die dem Unglück ins Gesicht blickt, mich erschaudern lässt und trotzdem besänftigt. So oft ich zittere, so oft lächele ich und bin unheimlich glücklich. Am Ende sitzt die Indianerfeder auf meinem Kopf. Wippt und tanzt mit mir in die Arme der glitzernden Königin der Nacht.

Karen Köhler: Wir haben Raketen geangelt. Hanser Verlag, August 2014, 237 Seiten, 19,90 €. Das Buch sofort und portofrei bei ocelot.de bestellen. Oder das eBook für 15,99 € downloaden.

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Karen Köhlers Universum ist so mitreißend, dass Caterina, Bibliophilin, Sophie, Mariki, Bücherliebhaberin und ich uns zusammengetan haben, um mit unseren Raketen von Blog zu Blog zu fliegen und euch den eindrucksvollen Erzählband aus unterschiedlichen Perspektiven zu zeigen. Dazu haben wir uns etwas Besonderes ausgedacht. Was waren wir traurig, dass Karen Köhler »il Comandante« nicht beim Bachmannpreis vortragen konnte, ist diese Erzählung doch eine, die sich ins Herz brennt und geradezu prädestiniert ist, um die Kritiker vor Erstaunen von den Plätzen zu fegen! Deshalb bekommt »il Comandante« bei uns einen Ehrenplatz: Nacheinander werden wir je einen Abschnitt daraus veröffentlichen – er ist der Sternenschweif, der uns verbindet. Am Ende habt ihr nicht nur die komplette Erzählung, wir landen auch auf unserem Gemeinschaftsblog We read Indie. Dort empfangen wir euch zusammen mit der Autorin, die uns ein schönes Interview geschenkt hat. Die Raketen-Blogtour ist am Montag bei SchöneSeiten gestartet und führt jeden Tag zu einer anderen Bloggerin. Am Dienstag war sie bei Bibliophilin. Seid also gespannt und lasst uns fliegen! Weiter geht es morgen bei Literaturen, anschließend auf den Blogs Bücherwurmloch sowie glasperlenspiel13 und schließlich am Sonntag auf „We read Indie“.

Blogtour – das schreiben meine Bloggerkolleginnen über das Buch:

Caterina von SchöneSeiten: „Die Storysammlung Wir haben Raketen geangelt ist ein Gesamtkunstwerk, Köhler hat alles richtig gemacht – bis auf eine Sache: Sie hätte schon viel früher debütieren sollen, denn kühne und außergewöhnliche Texte wie diese braucht die deutschsprachige Gegenwartsliteratur.“ Die ausführliche Rezension lest ihr hier.

Bibliophilin: „Am Ende weiß ich, dass “Wir haben Raketen geangelt” eines der besten Bücher ist, die ich in meinem Leben gelesen habe. Karen Köhler hat mich begeistert, erschüttert, mit ihren Worten gestreichelt, mich glücklich gemacht und ganz viele Bücher, die ich bisher gelesen hatte in den Schatten gestellt. Ich weiß, es ist unfair vielen Autoren gegenüber, aber im Moment habe ich das Gefühl, dass ich keine anderen Erzählungen mehr lesen will.“ Die ausführliche Rezension lest ihr hier.

banner_il_comandanteEine Erzählung aus Wir haben Raketen geangelt von Karen Köhler

 MITTWOCH

Doktor Kehlmann redet nicht lang herum. In vier von sechzehn Lymphknoten wurden bösartige Tumorzellen gefunden, was bedeute, dass das Karzinom bereits gestreut habe und nun weitere Therapien mit Zytostatika anstünden. Man wolle ganz sichergehen, dass alle eventuell im Körper befindlichen Krebszellen abgetötet würden. Dazu sei auch ein stärkeres Medikament notwendig. Es wird eine ambulante Behandlung mit FOLFOX vorgeschlagen, und anschließend, nach einer Pause von drei Wochen, nochmals mit FU5, das ich ja bereits gut vertragen habe. Ambulant bedeute, dass man mir nun einen Port einpflanzen werde, das sei eine Art Andockstation, die über dem Herzen an eine Vene operiert würde, in die dann die Chemotherapien der nächsten Monate laufen werden. Die wöchentliche Dosis könne ich mir in einer Praxis in der Nähe abholen, das Medikament werde mit einer kleinen Pumpe an einem Gürtel um den Bauch getragen, ein Schlauch führe dann über eine Kanüle zum Port, von wo es dann kontinuierlich in den Körper gelange. Die Operation sei nächste Woche, der genaue Termin werde mir mitgeteilt. Der Port habe den enormen Vorteil, dass ich während der nächsten Monate ein weitgehend selbständiges Leben führen könne. In einem halben, dreiviertel Jahr sei ich damit spätestens durch. Wenn alles gut ginge, also bei günstiger Entwicklung der Heilung, würde danach der künstliche Darmausgang wieder entfernt und eine Rückoperation des Darms durchgeführt werden.

Alles ist wie in Watte, als ich im Fahrstuhl nach unten fahre. Und weil ich mich verdrückt habe, fahre ich nach ganz unten. Ins UG. Das merke ich aber erst, als ich ausgestiegen bin und der Fahrstuhl wieder weg ist. Vor mir tut sich ein schmuddeliger Gang auf. Ein Schild weist links den Weg zum Bettenlager. O ja. Da will ich hin. Unbedingt. Ich bin so müde. Ich folge den Schildern, bis ich in einem großen Raum voller leerer Krankenhausbetten stehe, die nicht bezogen sind. Ich überlege, in welchen wohl Leute gestorben sein könnten und lege mich in eines, von dem ich glaube, dass es unbestorben ist.

Ich stehe am Fenster eines hohen Turms und aus meinem Bauch kommt ein Schlauch, den ich aus dem Fenster lasse. Unten steht Tom. Er versucht, an dem dünnen Schlauch zu mir hochzuklettern, aber der Schlauch wächst, wird länger und länger und Tom landet immer wieder auf dem Boden, während ich oben stehe und vor Schmerzen schreie. Ich denke noch im Traum, dass das ein gefundenes Fressen für die Diplompsychologin wäre, dann weckt mich ein Pfleger. »Was machen Sie denn hier? Hier können Sie nicht schlafen.« Ich sammle mich zusammen und verschwinde.

Mein Blick wandert zwischen den sechs Fahrstühlen hin und her, von denen keiner kommen will, und bleibt an dem Wort Kapelle hängen. Das Schild zeigt nach rechts und ich folge ihm, weil ich nicht glauben kann, dass hier unten irgendwo eine Kapelle sein soll.

Aber doch: Gottesdienst nächsten Sonntag um 10:15 Uhr.

Ein Gästebuch liegt auf einem Pult am Eingang des Vorraums. An den Wänden hängen christliche Symbole. Ein Gang führt weiter in eine rechtsdrehende Schnecke und mündet in einen runden Raum, der das Herz der Kapelle bildet. Die Atmosphäre ist klar und freundlich. Es gibt eine runde Holzbühne mit einem Altar darauf, die von einem Oberlicht beleuchtet wird. An der gegenüberliegenden Raumseite sind Stühle im Halbkreis angeordnet. Ich setze mich und lausche. Eine Lüftung rauscht. Vor mir steht ein kleines Tischchen mit einer Schale darauf, in der Steine liegen. Hinter dem Altar sind Seile von der Decke zum Boden gespannt, an denen Goldquadrate befestigt sind, die in unterschiedlichen Winkeln zueinander das Licht reflektieren. Das sieht sehr schön aus. Ich zähle die Seile. 14. An jedem Seil sind 21 Goldplättchen. Macht 294. Ist das eine christliche Zahl? Ich will ein Foto machen und sehe, dass ich eine Nachricht von Tom erhalten habe.

Gib mir Zeit. Tom

Ich stehe auf und fotografiere wirr herum. Kerze. Klick. Altar. Klick. Decke. Klick. Orgel. Klick. Der Raum Klickklickklick. Pfingstrosen. Bibel. Klickklick. Ein Relief an der Wand zeigt einen Kranken, der am Boden liegt und einen Gesunden, der ihm aufhilft. Nur sieht es eben so aus, als würde der Gesunde den Kranken runterdrücken. Klick.

Neben der Schale mit den Steinen auf dem Tisch liegen Gebrauchsanweisungszettel.

Einladung zur Begegnung mit Gott.

Haben Sie Kummer? Sorgen? Ist Ihr Herz schwer?

Nehmen Sie sich einen Stein aus der Schale, lassen Sie ihren Schmerz und Ihre Angst, alles, was Sie beschwert, aus sich heraus und in den Stein hineinfließen. Gott trägt Ihre Last gern für Sie. Er kann Ihnen dabei helfen, leichter zu werden. Legen Sie Ihren »Stein der Schwere« in die Schale auf den Altar. Beim nächsten Gottesdienst wird für jeden in der Schale liegenden Stein eine Fürbitte gesprochen werden.

Haben Sie einen Wunsch? Nehmen Sie sich einen der Zettel, einen Augenblick Zeit und schreiben Sie Ihren Wunsch auf. Gottes Ohren sind offen. Auch für Sie.

Ich glaube ja nicht an so was, also dass das irgendwas bringt, nehme aber trotzdem Stein, Zettel und Stift und setze mich auf die Holzbühne.

Ich packe meinen Beutel in den Stein. Meine Scheiße. Meine Angst. Den ganzen Krebs. Ich packe Toms Unsicherheit in den Stein. Meine Trauer. Meine verlorenen Wimpern. Ich presse und drücke alles Schlechte in den Stein. Dann schreibe ich LIEBE auf den Zettel, falte ihn zweimal und denke, dass das blöd war, dass ich mir lieber Gesundheit hätte wünschen sollen. Ich trete an den Altar, lege Zettel und Stein in die Schale, und betrachte danach die aufgeschlagene Seite in der Bibel. Johannes 21.1 Die Erscheinung des Auferstandenen am See.

See, denke ich.

Natürlich sitzt er da. Er sitzt da am Ufer, in der Sonne, mit dem Kopf im Nacken und weit geöffnetem Mund. Der Paradiesvogelpopstarsonnenbrillenopa im Rollstuhl. Sieht aus, als schicke er einen stummen Schrei in den Himmel. Diesmal trägt er eine Art Kapitänsmütze, ansonsten ist die Verkleidung wie gestern. Nur ist der Union Jack ein Sternenbanner, wie ich jetzt erkennen kann.

»Hello«, sagt er, als ich an ihm vorbeigehen will.

»Hello«, sage ich und bleibe stehen.

»Hola, beautiful Donna, come va? It is such a nice day, si? Why don’t you take a piccolo Pause? Would you like to sit on the bench?«

Warum nicht.

»Why not«, sage ich.

»Hablas Espanol?«

»Nö«, sage ich. »I don’t speak Spanisch. But a little Italian. Posso parlare un po italiano.«

»Italiano, muy bien. Boungiorno.«

»You want me to push you?«, frage ich und will schon hinter seinen Rollstuhl greifen, um ihn anzuschieben, aber er legt den Kopf schräg und fragt, ob ich verrückt sei, dann arbeitet er sich an den Rädern des Rollstuhls ab, bugsiert sich neben die Bank und macht wieder diesen stummen Sonnenschrei. Er sagt: »Ohhh it’s so good, the sun.«

»What are you doing?«

»I am drinking the sunlinght.«

»What?«

»Try it. This is good, Baby.«

Mir ist alles egal, ich reiße meinen Schnabel auf, und, tatsächlich, es fühlt sich gut an, wie die Sonne meinen Mund von innen wärmt. Aber noch viel besser fühlt es sich an, etwas Komisches zu tun. Etwas Seltsames. Etwas, was nicht alle machen. Etwas, das diese Krankheitseinöde verläßt.

»Good, ehm?«

»Gnhm.«

»Baby, can you feel it?«

»I can feel Kiefernstarre«, sage ich nach einer Weile.

»Yeah.«

Wir fangen an zu lachen, es schüttelt uns, wir können gar nicht mehr aufhören, immer heftiger werden die Salven, wir krümmen uns, meine Bauchmuskeln tun weh und die Narbe schmerzt, und trotzdem reißen wir immer wieder unsere Münder auf, um Sonne zu trinken, bis bei mir Tränen laufen und mein Lachen in ein Weinen übergeht.

Als es vorbei ist, hängt Rotze aus meiner Nase und ist in meinem ganzen Gesicht verteilt. Er gibt mir ein Taschentuch. Das nicht ausreicht. Und noch eines.

»Why are you so sad, Baby?«

Warum ich traurig bin. Sehr witzig.

»I have cancer.« Idiot.

»Yeah, I can see that.« True.

»I might die«, versuche ich. Aber er lacht nur sein Donnergrollenlachen.

»You will die for sure, Baby. We all will… My name ist Cesar, and I am happy to have met you before you died.«

Eine Stunde später schiebe ich meinen neuen Freund zu Musik aus seinem Smartphone, Love’s Theme von Barry White, zurück zum Haupteingang. Inzwischen weiß ich, dass er Sohn einer Kolumbianerin und eines Amerikaners ist und in Kuba geboren wurde, weshalb ich ihn Comandante nenne. Ich weiß auch, dass er in New York und in San Francisco gelebt hat. Dass er zweimal verheiratet war, und dass seine zweite Frau vor vier Jahren gestorben ist. Der Comandante ist 72 Jahre alt und wird seit zwei Wochen hier im Krankenhaus behandelt, dies ist sein erster Krankenhausaufenthalt überhaupt. Sein Bett ist auf Station 12, Zimmer 5. Wir haben Handynummern ausgetauscht. Jetzt wollen wir Eis essen.

Ich kutschiere ihn zu seinem Fenstertisch, der gerade frei wird, sage, ich käme gleich wieder und zeige in Richtung der Toiletten. Auf dem Klo knie ich mich vor die Schüssel, schraube den Verschluss vom Beutel auf und lasse den Inhalt ablaufen, ist nicht viel drin, aber ich will sichergehen.

Als ich wieder am Tisch ankomme, stehen da zwei Banana-Split-Eisvariationen bereit und Cesar hat schon den Löffel in der Hand.

»My favourite!«, sagt er und fällt über das Eis her.

_ _ _

Morgen landet die Raketen-Blogtour bei Literaturen.

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27 Gedanken zu “Karen Köhler: Wir haben Raketen geangelt | Blogtour

  1. Ihr schwärmt so sehr von Karen Köhlers „Raketen“, dass ich da einfach nicht dran vorbei komme … lese schon! Und bin begeistert. Danke für Eure grenzenlose Euphorie. Sie ist so wundervoll ansteckend.

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  2. Bei allem Respekt, ich bezweifle, ob Ausbrüche wie: „Bietet sich an, wie eine, die man nur im Rausch ertragen kann“ sich wirklich für junge Mädchen eignen. Genauso, wie weibliche Protagonisten mit gebrochenen Seelen sicherlich ganz besonders gut dazu geeignet sind, jungen Heranwachsenden als Ideal zu dienen. Ich glaube, hier folgt man irreführenden Prioritäten. Aber wer will denn heutzutage auch noch Werte tradieren, die eine Gesellschaft zum Besseren wenden könnten …

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    1. Nun, es ist schwer, über ein Buch zu urteilen, wenn man nur einen einzigen Satz kennt, richtig? Und in diesem Falle ist es auch noch ein Vergleich, der sich auf die Nacht bezieht, weniger auf einen Menschen. Bevor man hier also den Werte – und Sittenverfall beklagt, …sich vielleicht einen Moment länger Zeit nehmen oder gar irgendwo ins Buch reinlesen.

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      1. Es ging mir nicht um die Stadt, sondern um das Bild, welches zur Beschreibung der Stadt verwendet wird, hier also der Rausch. Des weiteren solte möglicherweise eine Rolle spielen, daß eine Korrelation noch lange keine Kausalität verkörpert. Oder sind Sie sicher, daß Sie mit Lesen oder Nichtlesen gebrochene Seelen verursachen? 🙂

        Herzlichen Dank auf jeden Fall, daß Sie sich Zeit genommen haben, auf meinen Kommentar zu antworten; das hat mich sehr gefreut.

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    2. Ich sprach nicht von Idealen, sondern davon, dass sich die Geschichten gut anfühlen. Gebrochene Seelen gehören genauso in das Leben wie glückliche Seelen. Wenn die Literatur das auf so wunderbare Weise darstellen kann wie Karen Köhler es getan hat, dann sehe ich das als großartige Bereicherung. Außerdem spreche ich nicht von kleinen Mädchen, sondern von Heranwachsenden, die durchaus reif genug sind, mit solchen Beschreibungen – wie von mir zitiert – wissen umzugehen. Übrigens ein Blick ins Programmheft des 14. internationalen literatufestivals berlin zeigt u.a. Kinder- und Jugendbücher, die sich mit schweren Themen wie Trennung, Tod, Krankheit und Demenz auseinandersetzen. Ich denke mir, man sollte jungen Lesern die Augen vor der Wirklichkeit nicht verschließen. Lachen gehört dazu wie Weinen. Ob im wahren Leben oder in den Büchern.

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      1. Ich fühle mich wirklich geehrt von Ihrer Stellungnahme; vielen Dank für Ihre Ausführungen.

        Da auch meine Wenigkeit nur von jungen Heranwachsenden geschrieben hatte, nehme ich mal an, daß wir uns diesbezüglich nicht mißverstanden haben. Was gebrochene Seelen anbetrifft, gehören diese unzweifelhaft zum menschlichen Spektrum, verkörpern indes nichts Positives, sondern allein die Unfähigkeit, Herausforderungen bewältigt zu haben. Deswegen heißt es ja wohl auch gebrochen und nicht anders.

        Und eine Auseinandersetzung mit schweren Themen sagt doch nichts über Seelenzustände aus. Ich glaube, hier unterliegen Sie einem Fehlschluß.

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    3. Das erinnert mich an eine Meldung, die ich heute morgen im Radio hörte. In Australien wurde ein Kinderbuchklassiker von Roald Dahl aus dem Sortiment von ALDI genommen, weil sich jemand über ein unanständiges Wort beschwerte.

      Ich glaube weder, dass die Welt an Kinderbüchern von Roald Dahl oder an Kurzgeschichten von Karen Köhler zugrunde geht, noch, dass diese zu einem Werteverfall beitragen. Im Gegenteil, ich halte sie für einen Gewinn.

      Gäbe es nicht wichtigere Dinge für/gegen die man sich engagieren könnte/sollte, als sich an solchen Banalitäten und Wortklaubereien aufzureiben?

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      1. Ich denke, wir alle leben im Austausch verschiedenster Meinungen, gerne auch in verschiedenen Ländern und verschiedenen Kulturen. Insofern möchte ich mir kein Urteil dahingehend anmaßen, ob eine Gesellschaft, die nicht die meinige ist, sich dazu entscheidet, so oder so eben nicht zu handeln.

        Cum hoq ergo propter hoc nennt man das, wenn falsche Kausalitäten hergestellt werden. Über einen Verfall von Werten habe ich mich nicht geäußert. Sondern nur ein Postulat erhoben.

        Gegen Wortklauberei verwehre ich mich. Und Worte sind nicht banal. Auch heute hat die Aussage von Konfuzius nichts von ihrer Berechtigung verloren, als er lehrte:

        „Wenn die Sprache nicht stimmt, so ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist. Ist das, was gesagt wird, nicht das was gemeint ist, so entstehen Unordnung und Mißerfolg. Gibt es Unordnung und Mißerfolg, so geraten Anstand und gute Sitten in Verfall. Sind Anstand und gute Sitten in Frage gestellt, so gedeihen Moral und Kunst nicht. Gedeihen Moral und Kunst nicht, so gibt es keine gerechten Strafen mehr. Gibt es keine gerechten Strafen mehr, so weiß das Volk nicht, was es tun und was es lassen soll. Also dulde man keine Willkürlichkeit in den Worten – das ist es, worauf es ankommt.“

        Danke auch Ihnen für die Zeit, die Sie sich genommen haben und herzliche Grüße zurück.

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      2. Anmaßend? Wo hat sich eine Gesellschaft wie entschieden?
        Ich kann mit Ihrem Kommentar nicht so viel anfangen, was an folgenden Dingen liegt:
        Sie weisen auf falsche Kausalitäten hin und bezeichnen es als anmaßend, wenn ich zu dieser Anekdote, die ich im Radio hörte, Stellung nehme.

        Nun könnte ich entgegnen, dass ich nicht gesagt habe, Worte seien banal. Und so weiter und so fort. Ehrlich gesagt habe ich auf so ein Hin und Her keine große Lust. Vorsicht, es folgt nun eine allgemeine Annahme meinerseits, die auf Erfahrungen beruht. Es wäre mir Recht, wenn Sie das also nicht persönlich nähmen: In Diskussionen dieser Art, in denen sich an einzelnen Worten oder Sätzen abgearbeitet wird, geht es meist um Metaebenen. Das kann durchaus interessant sein, allerdings sehe ich das in diesem Fall nicht. Sie kennen weder das Buch, wehren sich gegen vermeintliche Insinuationen um fast im gleichen Atemzug erneut ein Zitat zu bringen, das so allgemein ist, dass man es auf alle möglichen Werke der Literatur beziehen könnte.

        Wer legt fest, ob die Sprache stimmt? Liegt das nicht auch im Auge des Betrachters, gerade im Literarischen? Da Sie dieser einzelne Satz Sie so zu beeindrucken vermag, möchte ich Sie mit einem Ausschnitt von Juri Lotman ein wenig zum Nachdenken bringen:

        „Der Gedanke des Schriftstellers realisiert sich in einer bestimmten künstlerischen Struktur und ist nicht von ihr zu trennen. L.N. Tolstoj schrieb über den Hauptgedanken der „Anna Karenina“: „Wenn ich aber mit Worten all das sagen wollte, was ich durch den Roman auszudrücken vorhatte, so müsste ich den gleichen Roman, den ich schon geschrieben habe, noch einmal schreiben. (…) Bei allem, fast bei allem, was ich schrieb, leitete mich die Notwendigkeit, die Gedanken zu sammeln, die miteinander verkettet sind, um sich ausdrücken zu können; jeder Gedanke aber, der für sich allein mit Worten ausgedrückt wird, verliert entsetzlich, wenn man ihn so für sich nimmt und ohne die Verkettung, in der er sich befindet.“ Tolstoj hat hier ungewöhnlich klar und deutlich zuim Ausdruck gebracht, dass ein künstlerischer Gedanke sich durch „Verkettung“ realisiert, also durch eine Struktur, und dass er außerhalb dieser Struktur nicht existieren kann, dass die Idee des Künstlers sich in seinem Modell der Wirklichkeit realisiert.“

        Das ist auch nur ein theoretischer Mosaikstein, jedoch kann ich mich damit ganz gut identifizieren. Alles was über ein bestimmtes Kunstwerk oder in diesem Fall ein bestimmtes literarisches Werk geschrieben wird, kann bestenfalls einen kleinen Eindruck transportieren, der dann womöglich dazu führt, etwas lesen zu wollen oder eben nicht. Einzelne Worte oder Sätze in diesem Zusammenhang als nicht stimmig bezeichnen zu wollen [nein, das haben Sie nicht direkt gesagt], empfinde ich als mindestens unangebracht bzw. als nicht zielführend. Da stellt sich mir die Sinnfrage.

        Freundliche Grüße.

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