Nur für Erwachsene.

Hesse Burkhard Neie_SV
Bild: © Burkhard Neie/Suhrkamp Verlag

»Hesse! Unlesbar, wenn man kein Jugendlicher mehr ist.« Ich höre ihn noch, den berühmten Literaturpapst, wie er dieses Urteil in seiner ihm eigenen Urteilsverkündungsprosa ausrief. Ebenso gut erinnere ich mich, wie ich von einem befreundeten Büchersammler durch seine gesamte, mit tausenden von Werken sogenannter bedeutender Autoren bis unter die Decke zugesammelten Wohnung verfolgt wurde und er genauso vehement wie der Bücherpapst vorwurfsvoll predigte: »Hesse? Hast du als Erwachsener etwa noch Hesse gelesen?«

hesse_steppenwolfJa, ich bekenne mich schuldig. Liebe Bücherpäpste, Büchersammler und Richter am Obersten Literaturgericht – ich lese Hesse. Immer noch. Und bin damit nicht allein. Ken Kesey und Hunter S. Thompson beriefen sich auf Hesse, und Henry Miller schrieb: »Ein Buch, dessen Tiefe in der kunstvoll einfachen und klaren Sprache verborgen liegt, einer Klarheit, die vermutlich die geistige Erstarrung jener literarischen Philister aus dem Konzept bringt, die immer so genau wissen, was gute und was schlechte Literatur ist.« Miller spricht hier von Siddhartha, zusammen mit dem Steppenwolf und dem Glasperlenspiel die Hauptwerke des Autors.

Besonders die ersten beiden sind mir treue Begleiter geworden. Nicht zuletzt in Zeiten, in denen es mal nicht so gut läuft im Leben hält die Literatur von Hermann Hesse oft genug Trost bereit. Trost und Orientierung, die richtigen Worte zur richtigen Zeit. Vergessen wir nicht: Hesse hat den Nobelpreis für Literatur erhalten und gehört zu den meistübersetzten und –gelesenen deutschen Autoren.

Viele seiner Arbeiten sind eindeutig von der Romantik beeinflusst, heute schon fast ein erfrischendes Gegenstück zum bemüht abgeklärten oder deprimiert-nöligen Sound vieler zeitgenössischer Autoren. Aber auch mystische und vor allem spirituelle Elemente finden sich in seinen Arbeiten, nicht zuletzt im Siddhartha. Sein Interesse für fernöstliche Weisheiten wurde bereits durch seine Eltern geweckt, die als Missionare in Indien gewirkt hatten. Hesse selbst war weit davon entfernt, irgendjemanden missionieren oder belehren zu wollen. Er selbst war ja Zeit seines Lebens ein Suchender, ein Zweifelnder, ein oft am Leben Verzweifelnder. Und wie es so ist: Die, die sterben wollen, werden weiter leben, und die, die unbedingt leben wollen, müssen sterben.

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Auch die Angst, wahnsinnig zu werden, suchte Hesse heim und führte zu einem unsteten Leben mit Trennungen von seinen ersten beiden Frauen. Wir erkennen also einen empfindsamen Menschen und ausgewiesenen Individualisten, für den das Schreiben ebenso Rettung bedeutete wie für andere das Lesen seiner Werke.

Erst in der Schweiz kam Hesse zur Ruhe, nachdem er 1919 ins Tessin gezogen war, nach aufreibenden Jahren, in denen er familiäre Schicksalsschläge hinnehmen musste und als Kriegsgegner dem nationalistischen Hass in Deutschland ausgesetzt war. Während des Zweiten Weltkrieges wurde sein Casa Rossa zur Zufluchtsstätte, unter anderem für Bertolt Brecht, Thomas Mann und andere Emigranten, die gezwungen waren, Nazideutschland zu verlassen.

Und heute? Da hätten wir ein paar prophetische Zeilen aus dem Steppenwolf: »Da saß der fleißige junge Mensch an seinen Abenden und stocherte eine solche Maschine zusammen, hingerissen von der Idee der Drahtlosigkeit, anbetend auf frommen Knien vor dem Gott der Technik, welcher es fertiggebracht hat, nach Jahrtausenden Dinge zu entdecken und höchst unvollkommen darzustellen, welche jeder Denker schon immer gewusst und klüger benutzt hat.« Mit besten Grüßen an die Hohepriester der Digitalisierung, die unser aller Leben ja zu einem nie versiegenden Strom von Glück machen wollen. Allmächtiger, verzeih mir, aber dank KI werde ich eines Tages ewig leben! Bis ich also in den Genuss dieses schier endlosen Vergnügens komme, segne mich mit Reichtum, damit ich mir alle zwei Jahre die neueste Technik leisten kann.

Hermine, Hermine, sag dem Harry, dem Steppenwolf, warum alles so ist, wie es ist! »Weil ich gerade so allein bin wie du und das Leben und die Menschen und mich selber gerade so wenig lieben und ernst nehmen kann wie du. Es gibt ja immer einige solche Menschen, die vom Leben das Höchste verlangen und sich mit seiner Dummheit und Roheit schlecht abfinden können.«

Das Leben nicht ernst nehmen – ob Big Data das gefällt? Hesse konnte das herrlich egal sein, im Sterbelied des Dichters möchte er viel lieber im Schatten, im Nichts bleiben, denn dort kann man über alle diese Sachen lachen, lachen, lachen, lachen.

hesse_das_leben_bestehenGut, soweit sind wir noch nicht. So sei an dieser Stelle Das Leben bestehen – Krisis und Wandlung sehr empfohlen. Eine Sammlung von Texten aus nahezu allen Werken von Hermann Hesse, in dem sich auch das melancholisch-heitere Sterbelied findet. Ansonsten viele kluge, kurze und längere Texte, die sich mit den kleinen Freuden und großen Herausforderungen des Lebens auseinandersetzen, sozusagen ein Begleiter für alle Lebenslagen, der sich sehr, sehr gut dazu eignet, stets in greifbarer Nähe zu liegen. Und wer den Siddhartha noch nicht im Bücherregal stehen hat, der sollte dies selbstverständlich sofort ändern, kann aber auch gleich zu Blick nach dem Fernen Osten greifen. Darin nicht nur die ganze indische Dichtung, wie Hesse Siddhartha untertitelte, sondern auch biografische Texte aus dem Umkreis der Dichtung sowie Erzählungen, Legenden und Gedichte zu spirituellen Themen. Nur noch als gebundene Ausgabe von Suhrkamp lieferbar, was nur allzu gut ist.

»Wer aufmerksam auch nur eine kleine Zahl der zahllosen Reden Buddhas liest, dem tönt daraus bald eine Harmonie entgegen, eine Seelenstille, ein Lächeln und Drüberstehen…« Das stimmt. Erfordert jedoch Disziplin, denn mit einmaligem Lesen ist es nicht getan. Immer wieder zur Hand nehmen, jeden Tag ein Satz genügt. Ob von Buddha oder Hesse. Hesse, als Erwachsener? Wann sonst? Und natürlich nur für Verrückte.

Hermann Hesse – Der Steppenwolf. Suhrkamp Taschenbuch, 277 Seiten, 9,- €

Hermann Hesse – Blick nach dem Fernen Osten. Suhrkamp Verlag, 492 Seiten, 24,99 €

Hermann Hesse – Das Leben bestehen. Insel Taschenbuch, 196 Seiten, 8,- €

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3 Gedanken zu “Nur für Erwachsene.

  1. Ich habe „Siddharta“ selbst auch erst vor etwa 3 Jahren gelesen – zu einem Zeitpunkt also, an dem ich dem Jugendalter auch bereits das eine oder andere Jahrzehnt entwachsen war. Und er hat seine Wirkung dennoch nicht verfehlt.

    Vielleicht gefallen sich die Leute, die behaupten, man könne Hesse nicht als Erwachsener lesen, nur darin, gravitätisch die Worte des Literaturpapstes nachzuplappern. Oder aber sie sind im Herzen nicht jung geblieben, wer weiß das schon so genau!?

    Ich jedenfalls danke für die Anregungen, auch weil ich glaube, dass momentan für mich ein guter Zeitpunkt wäre, mal wieder intensiver in Hesses Werk einzusteigen.

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  2. Bemüht abgeklärt und deprimiert nölig ? Ganz genau, dieser Tonfall ist es, der auch mir die Gegenwartsliteratur oft so schwer verdaulich macht. Es bedarf schon eines sehr guten Gläschens mit Rotwein, um das zu ertragen, was in der Gegenwartsliteratur häufig verzapft und im Feuilleton sodann distanzlos bejubelt wird. Auch ich flüchte gerne mal in die Klassik… Hesse, Mann, Tolstoi oder Balzac, um nur einige zu nennen: unsterblich gut sind sie, das Alter des Lesers spielt da keine Rolle, finde ich…

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  3. Ich finde „Unterm Rad“ oder „Die Nürnberger Reise“ noch immer als älterer Mensch sehr interessant und lesenswert. Außerdem ist es grundsätzlich eine nette Erfahrung, Texte, die man früher gelesen hat, 40 Jahre später noch einmal zu genießen. Daran kann man gut erkennen, was sich bei einem selbst geändert hat, wie Stimmungen und Einstellungen auch das beeinflussen, was man zu sich nimmt.

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