Trolle Bücher. Teil Eins.

Norwegen, Land im hohen Norden Europas, Land der Fjorde und Mythen, der Trolle und Elfen. Und der Literatur. Denn selten hat mich ein Gastland der Frankfurter Buchmesse mit der Vielfältigkeit seiner Literatur derart begeistert wie Norwegen. Ein wunderbarer, nicht endenwollender Traum. Ganz nach dem Motto der Buchmesse: »Das ist der Traum, den wir tragen, dass etwas Wunderbares geschieht.« Ein Zitat aus dem Gedicht »Det er den draumen« von Olav H. Hauge.

Das skandinavische Land hat eine Vielzahl an Autoren hervorgebracht, Klassiker wie Henrik Ibsen und Knut Hamsun, zeitgenössische Autorinnen wie Anne B. Radge, Maja Lunde oder Anne Holt, nicht zu vergessen Autoren wie Karl-Ove Knausgård, Jo Nesbø und Tomas Espedal. Auf meiner literarischen Entdeckungsreise habe ich auch neue Namen und Stimmen entdeckt, die ich zum ersten Mal vernommen habe und von denen ich noch mehr lesen möchte. Welche das sind und wen Herr Klappentexter für euch bereithält, das präsentieren wir Stück für Stück in unserem Norwegen Spezial in insgesamt drei Teilen. Heute starte ich mit Teil Eins.

Johan Harstad – Max, Mischa und die Tet-Offensive

© George Steinmetz, Über den Dächern von New York, DUMONT Kalenderverlag

Begonnen hatte meine norwegische Reise bereits im Sommer, erstaunlicherweise in Amerika. Denn Johan Harstad hat sich von seinem norwegischen Kinderzimmer aus nach Amerika geträumt und in sieben Jahren einen üppigen Roman geschrieben. Ausführlich habe ich das Buch ja bereits auf unserem Blog vorgestellt, aber für alle, die meine Rezension seinerzeit nicht gelesen haben, hier eine kurze Zusammenfassung eines langen Abenteuers: Auf über 1200 Seiten erzählt Harstad die Geschichte von Max, der mit seiner Familie aus Stavanger nach Long Island, New York, auswandert. Dort verändert er sich, wird zum Außenseiter, bis er in der Schule einen Freund fürs Leben findet. Es beginnt ein ganzer Geschichten- und Figurenreigen, der sich wie ein Mosaik zu einem großen Gesamtkunstwerk zusammensetzt. Johan Harstad erzählt davon, was es bedeutet, seine Heimat zu verlassen, um in einem neuen Land anzukommen. Er beschreibt auf eine faszinierende Weise New York, diese Traumstadt vieler Sehnsüchtiger. Wie die Stadt sich selbst verändert hat in den letzten Jahrzehnten, aber auch, wie sie die Menschen verändert, die sie in sich förmlich aufsaugt. Eine Geschichte von Liebe und Freundschaft, ein großer Gewinn für die norwegische Literatur und auch für mich selbst.

Johan Harstad: Max, Mischa & die Tet-Offensive. Aus dem Norwegischen übersetzt von Ursel Allenstein. Rowohlt, März 2019, 1244 Seiten, 34,- €. Das eBook kostet 29,99 €.

Erik Fosnes Hansen – Ein Hummerleben

Meine norwegische Entdeckungsreise ging mit Erik Fosnes Hansen und seinem Roman „Ein Hummerleben“ weiter. Die Geschichte überzeugt mit ihrem grundsympathischen Ich-Erzähler Sedd. Obendrein diese elegante wie warmherzige Sprache! Nicht zu vergessen das hinreißende norwegische Bergweltpanorama! Alles zusammen ergibt die Summe eines luftigleichten Lesevergnügens. Sedd wächst in einem etwas angestaubten mondänen Hotel bei seinen Großeltern auf. Sie umgarnen ihn liebevoll und geben dem Enkel lebenskluge Tugenden mit auf den Weg. Immerhin soll der „Buberl“, wie ihn seine österreichische Großmutter gern nennt, das Hotel später weiterführen. Wie so oft kommt es anders als man denkt. Hansen trifft es auf den Punkt: »Das Leben ist ein großes Durcheinander.« Und bei unserem Sedd geht so einiges durcheinander. Aber lest selbst, denn dieses Buch hat großes Potenzial, die Leserherzen im Sturm zu erobern. Oder, um Hansen erneut zu zitieren: »Es geht einfach darum, die Augen offen zu halten, und dann kann die Entdeckung kommen und einen überwältigen, wenn man am wenigsten darauf gefasst ist.«

Erik Fosnes Hansen: Ein Hummerleben. Aus dem Norwegischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. KiWi, August 2019, 384 Seiten, 24,- €.

Helga Flatland – Eine moderne Familie

»Eine moderne Familie« von Helga Flatland zählt ebenfalls zu meinen persönlichen Lieblingen. Bevor ich in die Geschichte eingetaucht bin, hatte mich bereits das seidenweiche Papier entzückt – es ist so zart wie das Familienglück, das gleich zu Beginn der Geschichte zerbricht. Helga Flatland öffnet eine bewegendes Panorama, das in Italien seinen Anfang nimmt, am feierlich gedeckten Tisch für Sverres 70. Geburtstag. Doch es kommt anders, ganz anders. Sverre und Torill verkünden ihren drei erwachsenen Kindern, dass sie sich scheiden lassen werden. Eine Nachricht wie eine Bombe, die das Leben der Kinder Liv, Ellen und Håkon in seinen Grundfesten erschüttert. Ängste rütteln an seit der Kindheit sicher verschlossenen Fenster, Zweifel werden wach und Denkmuster werden hinterfragt. Helga Flatland schlüpft dabei in die Köpfe der drei Kinder und erzählt aus deren Perspektiven. So erzielt der Roman eine äußerst berührende Tiefe und stimmt oft nachdenklich. Doch der unterhaltsame Erzählton nimmt der Geschichte an vielen Stellen ihre Schwere, lockert auf und schafft Raum für Hoffnung. Eine überaus lesenswerte Lektüre. Das fanden 2017 auch die norwegischen BuchhändlerInnen und haben das Buch mit dem »Preis der norwegischen Buchhändler« ausgezeichnet.

Helga Flatland: Eine moderne Familie. Aus dem Norwegischen übersetzt von Elke Ranzinger. Weidle Verlag, August 2019, 308 Seiten, fadengeheftete Broschur, 25,- €.

Mona Hovring – Weil Venus bei meiner Geburt ein Alpenveilchen streifte

Wenn es einen Preis für die schönste Gestaltung und den außergewöhnlichsten Titel geben würde, dann hätte ihn dieses edel anmutende Buch wahrlich verdient. »Weil Venus bei meiner Geburt ein Alpenveilchen streifte« heißt es, und der Text wie auch der Mond sind in Bronze in den Leinenband geprägt. Wirklich hinreißend! Und das Innenleben? Steht dem in nichts nach. Seit ihrem Debüt »Was helfen könnte« ist Mona Hovring auch hierzulande keine Unbekannte mehr. Das Buch führt uns einmal mehr in die faszinierende Landschaft Norwegens, diesmal in ein Kurhotel in den Bergen. Es ist Winter, der Schnee allgegenwärtig, die Kälte kriecht durch alle Ritzen – auch zwischen Ella und Martha. Die Schwestern waren einst unzertrennlich wie Zwillinge, bis Martha überstürzt ihren Job kündigte, um mit einem Mann nach Dänemark zu gehen.

Mona Høvring / Foto: Agnete Brun
Mona Høvring / Foto: Agnete Brun

Für Ella brach eine Welt zusammen, doch sie nahm diesen Schmerz tapfer an. Plötzlich braucht ihre Schwester Hilfe, sie ist zurückkehrt, verschweigt jedoch ihre gescheiterte Liebesbeziehung. Sie reagiert oft schroff, aggressiv und landet schließlich in einer Klinik. Eigentlich könnte alles gut werden. Eigentlich. Doch Mona Horving hat etwas anderes vor und stellt Ella erneut vor eine Herausforderung. Dies alles wird in einer feinen, ausgefeilten Sprache erzählt. Mit starken Sätzen wie diesem: »Wir müssen unser Wollen und unseren Willen schützen, dachte ich – wir müssen nur aus dem Zerstörungswillen und diesem willenlosen Wollen herausfinden.« Was will man mehr, als so ein gutes Buch?

Mona Høvring: Weil Venus bei meiner Geburt ein Alpenveilchen streifte. Aus dem Norwegischen übersetzt von Ebba D. Drolshagen. Mit einem Nachwort von Nicole Seifert, die übrigens auch den schönen Literaturblog nachtundtag regelmäßig mit feinen Beiträgen füllt. edition fünf, 2019, 136 Seiten, Hardcover mit Kupferprägung, 19,- €.

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