Die Blumen des Guten.

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Bücher von Banana Yoshimoto sind für mich immer kleine Seelenreisen. Die Autorin öffnet die Tür in die Innenwelt von Menschen, die auf ihren Schultern so manches Gewicht tragen. Doch sie drücken mich niemals zu Boden. Ganz im Gegenteil: Stets fühle ich mich leicht und auf besondere Weise aufgehoben, wie in einer warmen Höhle. Daher strecke ich mich mit einem Lächeln nach dem neuen Roman Der See und begebe mich erneut auf die Reise.

Auf den ersten Seiten merke ich bereits, wie der Alltag von mir abfällt und ich langsamer atme. Die lauten Geräusche um mich herum prallen an mir ab und ich bin ganz bei Chihiro. Die Ich-Erzählerin träumt nach langer Zeit von ihrer verstorbenen Mutter, in jener Nacht, als ihr Freund zum ersten Mal bei ihr übernachtet. Sie schaut zurück, erinnert sich, wie die Liebe ihrer Eltern einst begann. Chihiros Vater stammt aus dem Haus »eines begüterten Grundbesitzers«, aber ihre Mutter hingegen führt eine Bar im Vergnügungsviertel. Dennoch verlieben sich die beiden sofort ineinander, doch sie heiraten nie. Seine Familie war von Anfang gegen diese Verbindung, doch ihr Vater hielt an seiner Liebe fest und schenkt ihr Chihiro. Trotz der Fürsorge ihres Vaters fühlt sich Chihiro in der Kleinstadt als uneheliches Kind unwohl. »Ich spürte es mit meinem Körper, leise, aber untrüglich: wie es ist, wenn man geschnitten wird. Ich war zwar die Tochter einer lokalen Größe, letztlich aber doch das Kind einer Bardame. Dieses Bewusstsein prägte mich stark.« So nutzt Chihiro nach der Oberschule die Gunst der Stunde und zieht für ein Kunststudium nach Tokyo, kann dort endlich wieder aufatmen.

In dieser Nacht spricht ihre Mutter zu ihr, und schenkt ihrer Tochter einen lebensklugen Ratschlag, der das Herz beruhigend umarmt. »Halte deinen Bauchnabel warm, bewahre Ruhe und Gelassenheit, damit das Blut dir nicht in den Kopf steigt, versuch einfach wie eine Blume zu leben. Das ist dein gutes Recht.« Die Sehnsucht nach ihrer Mutter und dem Zuhause  pocht so laut, dass ich sie spüren kann. Nachdem Chihiro aufgewacht ist, sieht sie Nakajima neben sich schlafend liegen. »Dass so ein eigenartiger Mensch bei mir übernachtete, war doch ziemlich ungewöhnlich.« Auch Nakajima trägt eine schwere Last in seinem Herzen. Die zwei haben sich auf entzückende Weise gefunden, indem sie sich aus den gegenüberliegenden Wohnungen entdeckten und eines Tages grüßten. Der rätselhafte Mann zieht Chihiro an. Und obwohl er ihr Leben wie ein Wirbelsturm durcheinander gebracht hat, genießt sie das Zusammensein mit ihm und die Ruhe, die von ihm ausgeht. »Für uns existierte die Zeit nicht. Wir waren vom Rest der Welt isoliert. Ich hatte das Gefühl, als wären wir vollkommen aus der Zeit gefallen, alterslos.« Und sie denkt, sollte er sich eines in einen Stern verwandeln, dann wird ihre Seele bei ihm sein. Wohin ich schaue, blinzeln mich liebevolle Gedanken der Romanheldin an. Sätze, die mich berühren und die ich alle einsammle, erzählen sie doch das Glück des jungen Frau auf so wunderschöne Weise. »In unserer Beziehung sah ich mein Selbst wie in einem Spiegel. Und an dem, was ich sah, konnte ich nichts Falsches erkennen. Es gab mir Sicherheit und Frieden.«

Ganz behutsam öffnet Banana Yoshimoto die Tür zu Nakajimas Leben, dessen Seele durch ein einschneidendes Erlebnis in seiner Vergangenheit Narben trägt. Erst durch seine Freundin bewegt er sich zu diesem wunden Punkt und reist mit ihr zum See, an dem die Wurzeln zu seiner traurigen Geschichte schlummern. An diesem Ort kommt Chihiro ihrem Freund sehr nah, als er fast wie eine Porzellanschale auf dem Boden zerbricht. Die Momente am See sind auch für mich sehr intensiv, umgeben von einer starken Leuchtkraft, die in die eigene Seele strahlt.

Der Roman ist ein zärtliches Vorantasten in das Leben zweier verletzten Menschen, die sich mit ihren jungen Jahren suchen und den Frieden in ihrer Brust fühlen wollen. Sie erinnern mich an zwei Blumen, die den letzten Winterfrost überleben und vorsichtig die Blüten in die Morgensonne wenden. Die Liebenden halten sich an den Händen, schauen zurück, und sind gleichzeitig mit der eigenen Zukunftsplanung beschäftigt. Nakajima ist Medizinstudent, er arbeitet an seiner Doktorarbeit im Bereich der Chromosomenforschung und will für ein halbes Jahr ans Pasteur Institut nach Paris. Chihiro hingegen befindet sich in einer Experimentierphase. Noch ist sie nicht angekommen in ihrem Beruf, der sich wie ein Hobby für sie anfühlt. Sie bemalt kunstvoll Hausmauern, Schuppen von Nachbarschaftsvereinigungen, Gartenanlagen, baufällige Aquarien. Obwohl ihre Kunstwerke noch nicht bekannt sind, werden sie bereits im Fernsehen gezeigt. Durch ein neues Projekt, das ihr eine Freundin verschafft, könnten sich im Anschluss daran neue Möglichkeiten ergeben.

Banana Yoshimoto verzaubert mich erneut mit ihrer Poesie, die wundervolle Bilder schafft. Sie erzählt von einem der schönsten Geschenke, die dir das Universum bereiten kann. Indem es dir einen Menschen schenkt, der dir unglaublich vertraut ist, so nah wie das eigene Herz. Die Gefühle packt sie in wohltemperierte Dosen, aus denen ich genüsslich schlürfe. Und sie lässt mich spüren, wie viel Glück wir aus der Kunst schöpfen können. Wenn wir uns in dem Geschriebenen wiedererkennen und wir uns geborgen fühlen. Ihre Botschaft lautet: Du bist hier genau richtig, so wie du bist. Und das in dem vertrauten Ton, wie ich ihn aus den japanischen Büchern kenne. Der See fließt ruhig in die eigene Innenwelt und nimmt den Leser auf diese Weise mit in eine wunderschöne Seelenreise, die noch lange im Herzen zu hören ist.

Banana Yoshimoto: Der See. Aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg. Diogenes Verlag, Februar 2014, 224 Seiten, 19,90 €. Auch als eBook für 17,99 € bei ocelot.de erhältlich.

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21 Gedanken zu “Die Blumen des Guten.

  1. Liebe Klappentexterin,

    das klingt nach einer Geschichte, die Ruhe und Kraft schenkt… Danke für den Tipp und Deine wie immer wunderschön geschriebenen Sätze!

    Ein herzlicher Gruß, Ailis

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  2. Habe mich auf deine Rezension mindestens genauso gefreut, wie auf das Buch selbst. Nun weiß ich ungefähr, was ich erwarten darf (danke!).
    Da liegt es nun. Ich lese mal schnell den ersten Satz (klingt gut) und werde wohl heute noch beginnen.

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  3. Liebe Klappentexterin, ich habe mir deine Besprechung erstmal aufgehoben, da ich das Buch selbst noch lesen und darüber schreiben wollte….jetzt habe ich mich dem Vergnügen voll und ganz hingegeben 😉 Auch ich habe mich im „See“ verloren und Kraft geschöpft aus Yoshimotos Erzählung, in der das Leben vielleicht nicht immer gütig ist, aber die Protagonisten ihres Glückes Schmied sind. Herzlichst, Karo

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    1. Liebe Karo, lange schon wollte ich deine Rezension zu Der Seelesen, aber ich habe es nicht geschafft, weil ich so viel um die Ohren hatte und immer noch habe. Jetzt nehme ich aber meine Augen in die Hand und eile geschwind zu dir. Bis gleich und allerliebste Grüße, Klappentexterin

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