Rettung vor der Vergangenheit.

Bei Banana Yoshimoto muss ich immer an eine warme Nudelsuppe denken. Dampf steigt aus ihren Büchern, die Sätze schlängeln sich wie Reisbandnudeln durch die Augen und mein Bauch fühlt sich beim Lesen an, als würde in ihm die Sonne sitzen. Wir kennen uns nicht persönlich und doch ist die Autorin inzwischen eine gute Freundin geworden. Ihre Geschichten lösen viel in mir aus, von Kopf bis Fuß spüre ich eine Wärme und ein vertrautes Echo hallen, das mich an meinen Atem erinnert. Wie die Feder eines Seelenvogels, die mir über die Seele streift. Ihr neuer Roman „Ihre Nacht“ macht da keine Ausnahme.

Banana Yoshimto spricht das aus, vor dem wir uns am liebsten verstecken wollen. Die Autorin erzählt von Menschen, die sich in der Welt verloren fühlen und denen die Balance abhanden gekommen ist. Sie schwanken und spüren einen stechenden Schmerz im Herzen. Was sich sonst befremdlich anfühlt, hat bei Banana Yoshimoto etwas ganz Gewöhnliches, als würde ich mir morgens die Zähne putzen und mich dabei im Spiegel betrachten. Wie schafft sie das nur? Indem sie sehr gefühlvoll in die Rolle ihrer Protagonisten schlüpft und sie mit feiner Hand zu Menschen macht, die mir sehr nah sind.

Die Ich-Erzählerin in „Ihre Nacht“ ist so eine verlorene Seele. Yumikos Eltern sind vor einigen Jahren verstorben und seitdem irrt sie wie ein halb erloschener Funken durch die Welt. Die Vergangenheit hat bei der jungen Frau einen Fußabdruck hinterlassen, der heute noch schmerzt und ihr die Ruhe raubt. Yumiko meidet die Menschen, igelt sich ein und lässt sich von anderen aushalten. An eine Beziehung mit einem Mann denkt sie nicht, denn die Vergangenheit nagt an ihr und verweigert Yumiko den Zutritt ins Reich der Liebe. „Ich hatte das Gefühl, mich allein vor der Vergangenheit meiner Familie retten zu müssen. Ich hatte Angst davor, jemanden ernsthaft in mein Leben hineinzulassen, und ich hatte auch keine Lust, lang und breit zu erklären, warum das so war. Ich fühle mich wie eine Art Krankheitserreger, das wurde ich einfach nicht los. Wo ich bin, ist immer auch ein Hauch von Tod, der sich wie ein Schleier über alles legt.“ Einzig ihrem Cousin Shôichi öffnet sie die Tür, als er sie eines Tages aufsucht. Seine Mutter ist gestorben und es war ihr letzter Wunsch, dass er sich um Yumiko kümmern soll. Schon nach den ersten Dialogen ist er mir mehr als sympathisch. Er ist ein aufrichtiger und herzlicher Mensch, das spürt auch Yumiko. Und so begeben sich beide auf die Reise in Yumikos Vergangenheit, die nicht nur Schmerzen, sondern auch einige dunkle Stellen in ihrem Gedächtnis hinterlassen hat.

Banana Yoshimoto ist eine Meisterin des Übersinnlichen. Sie überschreitet Grenzen zwischen der Wirklichkeit und einer anderen Welt. Geisterhafte Schatten huschen durch ihre Bücher. Gerade für uns Europäer mag sich das teilweise komisch anfühlen, hat es doch etwas Befremdliches, wie ein Stein, den man versucht mit der Schere zu teilen. Bei Yoshimoto gibt es Verbindungen mit Menschen aus einer anderen Welt, das Leben und der Tod streifen sich für Momente und schauen sich ins Gesicht, bis sie ein tiefes Schweigen umhüllt.

Wird Yumiko zur Ruhe kommen? Nun, das verschweige ich euch, genauso wie die plötzliche Wendung in der Geschichte. Wenn man es jedoch genau betrachtet, kommt sie gar nicht überraschend, sie ist ein typischer Schachzug der Autorin. Wie gern möchte ich noch so viel schreiben, aber mir versagt die Stimme, weil ein Großteil der Gedanken nicht in Worte fließen wollen. Gefühle haben ihre eigene Sprache, die vor allem durchs Erleben sichtbar werden so auch hier. Banana Yoshimoto legt mir Frieden und einen warmen Schal aus Herzlichkeit um die Seele, ja, sie ist wie ein beschützender Seelenschal. Was für ein Wort, das so gar nicht im Wortschatz existiert, aber es fließt mir jetzt heraus, ein Atemstoß aus meinem Inneren. Obwohl die Töne hier sehr melancholisch klingen, sind sie gleichzeitig hoffnungsfroh und beruhigend, wieder einmal. Die Japanerin sagt mir: Du kannst dich verlieren, vielleicht musst du es sogar, um dich am Ende zu erden und wiederzufinden. Diese Erkenntnis ist warm, so warm wie meine innig geliebte Nudelsuppe.

Banana Yoshimoto.
Ihre Nacht.
März 2012, 206 Seiten, 18,90 €.
Diogenes Verlag.

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20 Gedanken zu “Rettung vor der Vergangenheit.

  1. Schon wieder japanische Literatur. Schon wieder eine bezaubernde Rezension, die mein Herz berührt. Gut lese ich das erst heute, sonst hätte ich gestern gleich noch alle Bücher von Yoshimoto im Antiquariat gekauft. Von Japan werde ich seit meiner Kindheit angezogen und trotzdem bleiben mir die Menschen fremd. Aber, unter anderem in der Literatur, sind sie ganz gross und unschlagbar, wie deine Rezension erneut beweist und die Romane, die ich gelesen habe 🙂

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  2. Das literarische Universum von Banana Yoshimoto ist wirklich schwer in Worte zu fassen. Doch du, liebe Klappentexterin, hast mit deinen Worten direkt das Herz dieser ihrer Welt getroffen: schwebende, verlorene Seelen. Ja, ja und nochmals ja. Ich schleich ja schon seit ein paar Tagen um Yoshimotos neuen Roman herum. Jetzt werde ich einfach zugreifen, weil du mir mal wieder den Mund wässrig gemacht hast. Vielen Dank dafür!

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  3. Ein grandioser Satz:
    „Du kannst dich verlieren, vielleicht musst du es sogar, um dich am Ende zu erden und wiederzufinden.“

    Allein wegen dieser Aussage würde es sich lohnen, dieses Buch zu lesen!

    Liebe Klappentexterin,
    vielen Dank für diese tolle Rezension und liebe Grüße,
    Sunelly Sims

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  4. Ihr Lieben,
    meine Zeit ist die Tage im Netz sehr knapp, aber ich möchte die wenigen Sekunden nutzen, um euch für die schönen Kommentare zu danken! Ich wünsche euch schon jetzt wunderbare Stunden mit Banana Yoshimoto und bin gespannt, wie euch diese besondere Welt gefällt.

    Herzlichst,

    eure Klappentexterin

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  5. Liebe Klappentexterin,
    ich habe das Buch ebenfalls kürzlich gelesen – ehrlich gesagt finde ich deine Rezension fast noch schöner als den Roman selbst. Du bist wirklich die Königin der ganz besonderen Sprachkunstwerke, in jeder Rezension glitzert mindest eine dieser Perlen 🙂

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  6. Liebe Klappentexterin,

    von Banana Yoshimoto habe ich bisher noch nichts gelesen, du hast sie mir durch deine Worte aber sehr schmackhaft machen können. „Ihre Nacht“ klingt nach einem Roman ganz nach meinem Geschmack – beim Lesen deiner Rezension habe ich mich an die Atmosphäre in „Ich nannte ihn Krawatte“ erinnert gefühlt. Zumindest ein wenig.

    Ich freue mich schon auf schöne Lesestunden!
    Mara

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  7. @Mara Auch ich möchte dir Banana Yoshimoto sehr ans Herz legen und schwöre darauf, das sie auch dir gefallen wird. Mir ist sie schon seit Jahren eine wunderbare Wegbegleiterin bei meiner Reise durch die Literatur …

    @Klappentexterin Vielen Dank, mal wieder, für eine wunderbare Rezension. Ich bedauere es so sehr, das ich aktuell so wenig zum lesen komme – aber Banana Yoshimoto sollte ich eigentlich dennoch einschieben, irgendwie. Aber irgendwie eingeschoben – das hat sie doch irgendwie nicht verdient. Eine Zwickmühle.

    Ich musste schmunzeln wegen deiner ersten Zeilen … das du bei ihr immer an essen denken musst, an Suppe und Reisnudeln … ebenso erging und ergeht er mir, ein Startpunkt für die Idee zu unserem Bachelorthema und dem Projekt ‚Lesefutter‘ 🙂

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  8. Wie herrlich ist es, durch eure Kommentare zu schlendern! Ein wunderbarer Spaziergang über eine grüne Frühlingswiese mit Krokussen und Tulpen, die ihre Blüten in den Himmel strecken. Die Sonne lacht mir ins Gesicht und ich lächle glücklich. Vielen lieben Dank!

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