Komm herein, bunte Welt!

Ich habe auf »Was man von hier aus sehen kann« von Mariana Leky lange Zeit gewartet, wusste es aber erst, nachdem ich das Buch gelesen hatte. Ein ganz besonderes Buch, an dem ich hänge und das ich einfach nicht gehen lassen möchte. Glücklicherweise habe ich noch all die Stimmen von Selma, Luise, Elsbeth, Marlies, Frederik, Palm und dem Optiker im Kopf. Selbst Alaskas Hundehecheln nehme ich wahr. Die Figuren aus dem Roman sind mir gefolgt. »Du solltest ein bisschen mehr Welt hereinlassen«, sagt Luises Vater. Dann wird es wieder besser. Gute Idee.

Vorher schließe ich meine Augen und versuche erneut, das Helle zu sehen: »Wenn man etwas gut Beleuchtetes lange anschaut und dann die Augen schließt, sieht man dasselbe vor dem inneren Auge, noch mal, als unbewegtes Nachbild, in dem das, was eigentlich hell ist war, dunkel ist, und das, was eigentlich dunkel war, hell erscheint.« Ich erinnere mich gut an unsere erste Begegnung, da hatte ich noch keine ganze Seite gelesen und wollte mich schon in die Sprache hineinlegen. Diese Sprache! Sie verzaubert und lächelt, ist weich und überraschend. Sie schmiegt sich um die Liebe und sie tröstet die Trauer. Und Trost kann man immer gut gebrauchen.

Auch in diesem märchenhaft anmutenden Roman gibt es mitunter dunkle Täler. Wie in dem Moment, als Selmas Traumprophezeihung wahr wird und mich von der weichen Wolke hinunterschubst. Die kluge, herzensgute Selma träumt manchmal von einem Okapi. Wenn das passiert, stirbt innerhalb der nächsten 24 Stunden ein Mensch. Die Nachricht zieht schnell wie der Wind durch das Dorf und verbreitet eine große Unruhe. Von nun an bewegt man sich besonders vorsichtig, achtet auf jede Körperregung, schreibt noch schnell alle bis dahin verborgenen Wahrheiten auf und hofft insgeheim, mit einem blauen Auge davonzukommen. Als am nächsten Morgen noch alle leben, treffen sich die Bewohner am Dorfbriefkasten, um ihre Post wieder zurückzuholen. Aber da hat das Schicksal schon seinen Lauf genommen…

Selma ist die Großmutter der Ich-Erzählerin Luise, eine große Naschkatze und eine der tragenden Figuren im Roman. Neben ihr steht der Optiker, der schon lange in Selma verliebt ist, es ihr aber nicht gestehen kann. Immer wieder beginnt er Briefe, die er jedoch nie vollendet und so natürlich auch nie abschickt. Vor allem die liebenswerten Macken der Charaktere lassen mich immer wieder schmunzeln. Sie sind herrlich skurril und fühlen sich trotzdem normal an. Weil sich die Dorfbewohner nehmen, wie sie sind. Da ist die allein lebende, ständig meckernde Marlies, die nachts oft am Fenster steht und dabei Erbsen löffelt. Oder Elsbeth mit ihren esoterischen Rezepten gegen böse Zipperlein. Und natürlich Luises Vater, der für alle Probleme nur einen Satz parat hat: »Du solltest ein bisschen mehr Welt hereinlassen!« Oder Martin, der stets seine Freundin Luise hochheben darf. Schließlich will er eines Tages Gewichtheber werden.

In dieser wunderbaren Geschichte werden nicht nur tonnenweise Süßigkeiten vernascht. Es wird auch geliebt – versteckt, offenherzig, zögerlich, verstockt und rührend. Selbst Luise erwischt es. Ungünstig ist nur, dass sich Frederik dem Buddhismus zugewandt hat und in einem japanischen Kloster lebt. Hoffnungslos? Das wird nicht verraten. Hoffnungsfroh ist indes der Optiker, der mit dem Buddhismus versucht, seine Stimmen im Ohr zu besänftigen.

»Was man von hier aus sehen kann« erinnert mich an ein schiefes Haus. In dem es geheimnisvoll knarrt, angenehm warm und verwunschen ist. Zuerst staunt man, doch bald fühlt man sich darin heimisch – das ist den wundersamen Figuren sowie der samtweichen und witzigen Sprache der Autorin zu verdanken. Das Buch umarmt mich und schenkt Trost mit Sätzen wie diesen: »Keiner ist alleine, solange er noch wir sagen kann.« Schöner kann ein Buch nicht sein, das ich nun doch gehen lassen muss. Und öffne die Tür für die Welt.

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann. Dumont Buchverlag, Juli 2017, 320 Seiten, 20,- €. Jetzt direkt und portofrei bei Hugendubel.de bestellen.

Weitere Stimmen über das Buch findet ihr bei:

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5 Gedanken zu “Komm herein, bunte Welt!

  1. Liebe Klappentexterin,
    dank Deinem wundervollen Text konnte ich nochmals in diese Geschichte eintauchen. Dies ist ein Buch, in dem kein Wort zu viel ist. Man versinkt förmlich darin und möchte nie mehr auftauchen.
    Hast Du von ihr auch schon „Die Herrenausstatterin“ gelesen?
    LG
    lesesilly

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe lesesilly,

      das ist ein Buch, wie für uns gemacht. 😉 So freue ich mich, dass es dich ebenso beglückt hat.

      Oh ja, „Die Herrenausstatterin“ ist toll! Ich habe das Buch vor zwei Jahren etwa um die gleiche Zeit gelesen. Eine fantastische Sommerlektüre, die mich hat staunen lassen.

      Liebe Grüße
      Klappentexterin

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