Das fremde Buch des vertrauten Herrn Murakami.

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Stellt euch eine Lotusblüte vor, die in einem wunderschönen Blau die Sonnenstrahlen reflektiert und glänzt, aber gar nicht duftet. Genau so fühlt sich für mich Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki von Haruki Murakami an. Einerseits glänzt das Buch vor farbenfroher Eleganz. Andererseits ist es für mich ein Buch zwischen meinen Murakami-Büchern, das mir fremd ist und eine schreckliche Leere hinterlässt.

Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn alle um einen herum ein Buch loben und ich nicht ganz mitjubeln kann, zumal es sich um ein Werk meines Lieblingsautors handelt. Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki ist schriftstellerisch gesehen, herausragend – keine Frage. Stilistisch gibt es gar nichts zu bemängeln. Er ist elegant und schlicht, und in der aktuellen »Spiegel«-Bestsellerliste das beste und schönste Buch. Einfach tadellos, wie eine Hose, die auf Anhieb passt. Es ist erstaunlich und gleichzeitig bewundernswert, wie Haruki Murakami mit seiner glasklaren und teilweise medizinisch erklärenden Sprache einnehmende Stimmungen erzeugen kann. Trotzdem kann ich mich nur in eine der hinteren Reihen der Begeisterungsrufer stellen. Und auf gewisse Weise fühle ich mich wie Tsukuru Tazaki – mittendrin und doch im Abseits.

Haruki Murakami steckt seinen Roman in einen melancholischen Mantel. Ein Aspekt, den ich als Liebhaberin nachdenklicher Bücher zu schätzen weiß. Die Geschichte des Protagonisten ist traurig und sehr berührend. Tsukuru Tazaki gehört während seiner Jugend einer besonderen Clique an. »Wir mussten eine nach innen konzentrierte Einheit sein. Wie soll ich sagen, wir versuchten, unsere vollkommen harmonische Gemeinschaft zu erhalten. Nichts sollte diese Harmonie stören.« Dies erzählt Tsukuru Sara, die wieder das klassische Murakami-Mädchen darstellt. Selbstsicher, stilvoll und äußerst klug. Sara bemerkt instinktiv, das Tsukuru etwas beschäftigt und so berichtet er Sara, dass er eines Tages ohne ersichtlichen Grund von seinen Freunden verstoßen wurde.

Im Grunde seines Herzens fühlte sich Tsukuru unter seinen Freunden wie ein Außenseiter, weil er im Gegensatz zu den anderen im Nachnamen keine Farbe trägt. Während seine vier Freunde sich mit den Farben Rotkiefer, blaues Meer, weiße Wurzel und schwarzes Feld schmücken, enthält Tazaki einzig das Wort »machen«. Dennoch ist das Band der Freundschaft stark, auch dann noch, als Tsukuru nach Tokio zieht, weil dort an der Universität der »beste Professor für Bahnhofsarchitektur» lehrt. Tsukuru ist begeisterter Bahnhofsliebhaber und will seine Leidenschaft zum Beruf machen. Seine Freunde bleiben in Nagoya. Als er eines Tages nach Hause fährt, wenden sich seine Freunde plötzlich von ihm ab. Er erfährt nie, warum und fällt in ein dunkles Loch, in dem ihm der Tod beängstigend nahe kommt. Nun – sechzehn Jahre später – bricht Sara die verdeckte Wunde wieder auf. Seine zwei Jahre ältere Freundin spürt, dass Tsukuru noch keinen Frieden gefunden hat und sagt einen lebensklugen Satz: »Auch wenn man ein Erlebnis tief in sich begräbt, kann man die Geschichte, die es hervorgebracht hat, nicht auslöschen.« Sie verlangt von Tsukuru, dass er sich seiner Vergangenheit stellt, damit sie ihre Beziehung weiterführen können.

Haruki Murakami schenkt seinen Lesern wie gewohnt kluge, nachdenkliche Gedanken. Dies geschieht auf unkomplizierte Weise, als würde er einen Kaugummi aus seiner Tasche herausholen. Nichts wirkt aufgesetzt oder überladen, eher wie die natürlichste Sache der Welt. Dennoch – verglichen mit seinen älteren Werken – fehlen mir einige Dinge, wie die Wärme, die ich sie z.B. in Wilde Schafsjagd sofort empfange. Sicherlich hängt dies von der Erzählstruktur ab, ein Großteil seiner Bücher hat Haruki Murakami aus der Perspektive eines Ich-Erzählers geschrieben. So ist man automatisch näher am Romanhelden dran. Dieser Punkt missfiel mir bereits zu Beginn von 1Q84. Doch in dem opulenten Werk entführte mich Murakami in ein irres, phantastisches Großstadtmärchen, das mir schlaflose Nächte bereitete. In Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki stehen keine zwei Monde am Himmel und es tauchen keine »Little People« auf. So irrte ich wie Gretel durch einen finsteren Wald.

Dieser Roman ist kein ganzer Exot, entdecke ich doch neben dem klassischen Murakami-Mädchen durchaus andere Parallelen, wie die schönen Bildvergleiche in seinen Sätzen oder den gewöhnlichen Tsukuru. Sein Protagonist ist kein Wunderknabe oder besonders talentiert. Er führt ein geordnetes Leben, geht zweimal die Woche schwimmen und interessiert sich für Bahnhöfe. Alles ganz normal und genau darin liegt für mich die große Kunst. Murakami kann in dem Alltäglichen seine Leser fesseln und sie dieses Mal mit den kurz einsetzenden Traumsequenzen, die von der einen Realität abweichen, verzaubern. Nur verglichen mit anderen Büchern sind sie ein zarter Hauch, allerfeinste Fäden, die sich durch das Auge des Lesers ziehen. Mir ist dieser Roman zu real. Die anhaltende Leere in den Seiten stößt mich ab und ich vermisse die Märchen, die Parallelwelten, das Verrückte – all das, das meinen Kopf zum Glühen bringt. Daher ist dieses Buch das ideale Einstiegswerk für all diejenigen, die mit dem Favoriten des Literaturnobelpreises bislang nicht warm geworden sind. Und andere wie ich, betrachten dieses Werk leicht fragend, leicht staunend und am Ende doch mit einem Lächeln, das zurückhaltend wie die Morgenröte am Horizont aufgeht.

Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki. Aus dem Japanischen übersetzt von Ursula Gräfe. Dumont Buchverlag, Januar 2014, 350 Seiten, 22,99 €. Auch als eBook für 18,99 € bei ocelot.de erhältlich.

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Weitere Rezensionen zum Buch findet ihr hier:
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23 Gedanken zu “Das fremde Buch des vertrauten Herrn Murakami.

  1. Das ist wirklich interessant – denn ich habe bisher immer mit Murakami gefremdelt, weil mir diese surrealen Elemente nicht gefielen. Ich kann damit nicht viel anfangen, so erging es mir schon mit Isabel Allende und Garcia Marquez. Wenn solche merkwürdigen Dinge vorkommen, möchte ich sie nachvollziehbar erklärt haben, ich befürchte, ich bin da ein ziemlich pragmatischer Leser. Dementsprechend fand ich es gerade gut, dass es bei Herrn Tazaki nicht so magisch zuging. So unterschiedlich sind die Geschmäcker. 😉

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  2. Danke für diesen anderen (und für mich sehr spannenden neuen) Blick auf Herrn Tazaki. Es gibt dem gar nichts entgegenzusetzen. Ich mag deine distanzierte Sicht und sie rückt in meinem Kopf ein paar Dinge gerade, die ich in meiner grenzenlosen Begeisterung auch schon mal übersehe. Beim nächsten Mal darf Murakami gern auch mal wieder zwei Monde am Himmel stehen lassen. Da stimme ich dir zu –

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  3. Interessant, liebe Damen, da habe ich hier gleich zwei verschiedene Stimmen. Einmal eine scheue Murakami-Leserin und ein begeisterte Murakami-Leserin. Ich finde es wunderbar, dass sich durch dieses Buch auch LeserInnen an Haruki Murakami gewagt haben, die sonst wenig mit seinem literarischen Schaffen anfangen konnten, weil sie vor den surrealen Elementen zurückgeschreckt sind oder nichts damit anfangen konnten. LeserInnen wie ich (in der Zwischenzeit habe ich erfahren, dass es anderen Murakami-Fans ähnlich ging wie mir) hatten durchaus spannende Lesestunden, aber es war anders und wie lese, liebe masuko, hast du auch nichts dagegen, wenn Murakami das nächste Mal wieder ein bisschen fantastischer wird.

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  4. Du machst mich neugierig auf das Buch. Es steht seit seinem Erscheinen zum Lesen bereit, aber mir fehlt gerade die Muße, es anzufassen.
    Ich habe Murakami 2004 für mich entdeckt und nach „Kafka am Strand“ noch viele tolle Bücher von ihm gelesen. Einige aber auch wieder weggelegt, weil ich nach vielen Seiten noch immer nicht „Feuer gefangen“ hatte.

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    1. Liebe Frau Tonari, dann ist wohl noch nicht die richtige Zeit für euch zwei gekommen. Hoffentlich bald. Welche Murakami-Bücher haben das Feuer bei dir nicht entfachen können? Da bin ich jetzt aber neugierig!

      Sonnige Grüße,
      Klappentexterin

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  5. Liebe Klappentexterin,
    der Murakami liegt ja nun schon seit einigen Wochen auf dem Stapel, blinzelt mich mit seinem wunderbar farbenfrohen Cover an und hat sich zumindest mal das feste Versprechen gesichert, dass er spätestens in den Osterferien erlesen wird. Da ich so neigierig bin au f diesen Roman – und Murakami-Neuling – verfolge ich besonders neugierig Rezensionen aller Art. So bin ich froh, in dem Kanon der begeitserten Blogger nun eine andere Stimme zu hören, sodass meine Leseerwartung nicht in unendliche Höhen steigt. Auch in den Zeitungen ist die Euphorie ja eher groß. Kritische Stimmen dagegen gab es im schweizer Literaturclub, und die Argumente sind so ähnlich gewesen: gut gemacht, aber nicht ganz gut (http://www.srf.ch/sendungen/literaturclub/frisch-mcewan-murakami-und-juenger). Nun bin ich ja noch neugieriger, muss mich aber vorher noch um ein paar andere Bücher bemühen.
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Liebe Claudia,
      der Anblick des Buches macht wirklich glücklich. Du hast das gute Stück also noch vor dir, da bin ich schon jetzt auf deine Meinung gespannt! Ich danke dir für deinen Link, den du mir mitgebracht hast. Die Sendung habe ich gesehen und erleichtert aufgeatmet. Man kommt ja schon arg ins Zweifeln, wenn andere um einen herum, ein Roman in den Himmel heben und man selbst aber nicht mitfliegen kann. Die Kritiker in der Sendung haben das Buch schon mächtig durch die Mangel genommen.

      Viele Grüße,
      Klappentexterin

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  6. Hallo Klappentexten,

    für mich empfiehlt Deine Rezension das neue Buc, denn ich denke, mir sagt es sehr zu, wenn es nicht so märchenhaft zugeht!

    Liebe Grüße und viel Freude mit interessanter Literatur!

    Christiane (Texthase Online)

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  7. Liebe Klappentexterin

    Der Roman wurde auch im „Literaturclub“ des SRF besprochen. Elke Heidenreich hat ihn vorgeschlagen. Die Kritiker waren aber auch nicht wirklich begeistert.

    Ich hoffe, das tröstet dich ein wenig.

    LG buechermaniac

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    1. Liebe buechermaniac,
      ich habe die Besprechung im »Literaturclub« des SRF gesehen und dabei aufgeatmet. Aber ganz so hart bin ich dann doch nicht mit dem Roman ins Gericht gegangen wie die Kritiker.

      Liebe Grüße,
      Klappentexterin

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  8. Ein sehr schöner Leseeindruck, muss man schon sagen. Deine Meinung ist sehr ehrlich und authentisch. Mir gefällt, wie du wirklich alles sagst, was dir gefallen hat und was dich gestört hat. Das Buch befindet sich schon längst auf meiner Wunschliste, ich freue mich darauf, es mal zu lesen und mir meine eigene Meinung dazu zu bilden.

    Sonnige Grüße,
    Henni. 🙂

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    1. Lieber Henni,
      danke für deinen Kommentar und Besuch! Ehrlich gesagt, war’s schon komisch und ein bisschen traurig, aber am Ende auch sehr befreiend.
      Ich wünsche dir schöne Lesestunden mit diesem Buch. Ist es eigentlich dein erstes Murakami-Buch, das du lesen wirst?

      Viele Grüße,
      Klappentexterin

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  9. sehr interessant! der Autor wird überall hochgejubelt und ich muss gestehen, ich habe mich dem immer gekonnt entziehen können. nun juckt es mir aber in den fingern ihm eine chance zu geben – wenn auch nicht zwangsläufig mit diesem werk, doch aber generell blindlings in seinem schaffenswerk etwas herauszufischen. liebe Grüße

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  10. Liebe Klappentexterin,
    ich habe das Buch gleich nach Erscheinen „inhaliert“ und muss sagen, mir hat es sehr gut gefallen. Wahrscheinlich bin ich nicht der klassische Murakami-Leser, denn bisher kenne ich nur Naokos Lächeln und Südlich der Grenze, westlich der Sonne, die mir beide auch sehr gut gefallen haben. Vielleicht sollte ich mir mal noch ein anderes Werk von ihm zu Gemüte führen, um meinen Blickwinkel zu erweitern. Fakt ist jedoch, dass ich mit diesem Buch ein großartiges Leseerlebnis hatte.
    LG
    lesesilly

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    1. Liebe lesesilly,
      wie immer danke ich dir für deine Rückmeldung, zu der ich mich leider etwas verspätet zurückmelde. Nun, ich weiß gar nicht so genau, ob es die/den klassische/n Murakami-Leser/in gibt… und wenn dann bist du in jedem Fall eine. So haben dich auch andere Werke von dem Autor begeistert. Falls du in Murakamis fantastische, surreale Welt eintauchen möchtest, dann wären Mister Aufziehvogel, Kafka am Strand oder Wilde Schafsjagd die passenden Bücher.

      Mich freut es, dass dich dieses Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki begeistern konnte.

      Herzlichst,
      Klappentexterin

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  11. Tja, ich glaube manchmal ist das einfach so. Dass ein Buch einen ratlos zurücklässt und man sich den Mengen euphorischer Fans einfach nicht anschließen kann. Ich selbst habe bisher noch nicht viele Murakami-Bücher gelesen, aber ich mag seine Art zu schreiben sehr gerne. Sein Stil ist nicht einfach und für mich manchmal nicht klar zu greifen, aber das wird es sein, was mich an ihm so reizt. Ob ich mir dieses Buch jetzt zu Gemüte führen soll oder nicht, kann ich nicht sagen. Ich bin gerade etwas ratlos.

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    1. Du hast alle Zeit der Welt, dieses Buch zu lesen. 😉 Weil mir das noch nie passiert ist, bin ich so erschrocken, dass es passiert ist. Unterm Strich ist es natürlich ein gutes Buch, aber es bleibt fremd und irgendwie nicht meins. Übrigens gab es auch an anderen Stellen kritische Töne dazu. Schau mal weiter oben bei den Kommentaren nach, dort führt ein Link direkt zur SRF-Literatursendung.

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  12. Dass dieser Roman von Murakami – wie man ja auch hier liest – selbst von seinen treuen Anhängern so zwiespältig aufgenommen wurde, hat mich überrascht. Ich war nach den ersten Seiten schon wieder verliebt und glücklich, eine diese einzigartigen Romanwelten zu betreten. Doch liegt es damit auf der Hand, dass Murakami wohl nicht in den Geschichten eint, sondern in seiner Kunst, eine ganz besondere Stimmung zu komponieren. Überhaupt spielen bei ihm die malerischen und besonders die musikalischen Analogien eine besondere Rolle. Bekanntermaßen ist Murakami ein große Musikkenner. In diesem Roman wird ja auf eine – für mich wunderbare – Komposition von Liszt „Années de pèlerinage“ in der Interpretation von Lazar Berman aufmerksam gemacht. Ich habe sie natürlich auch erst beim Lesen entdeckt. Sie zu hören ist noch mal eine eine erweiterte Erfahrung des Romans – zumindest für mich. Die Musik harmoniert für mich mit der Komposition des Romans. Und auch auf die Gefahr hin, die Musik-Analogie etwas überzustrapazieren, so könnte man wohl die Werke Murakamis in Musikarten (Jazz, Rock, Klassik) und klassische musikalische Werkformen wie Symphonien, Kammerstücke, Solosonaten aufteilen. Zu letzteren zähle ich diesen Roman, Gefährliche Geliebte und Kafka am Strand, während 1Q84 oder Mister Aufziehvogel man als große Sinfonien empfinden kann. Sehr aufschlussreich für mich wahr auch eines der seltenen Interviews, das er vor kurzem der Zeit gegeben hat: http://www.zeit.de/2014/03/haruki-murakami.

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