Das große Warten hat ein Ende.

Als der dritte Band von „1Q84“ erschien, stand wieder ein leuchtender Mond am Himmel. War dies purer Zufall oder gar ein Zeichen? Ich fand die Tatsache kosmisch genug, um geheimnisvoll vor mich hin zu lächeln und riss den Umschlag auf. Um mich herum verstummte die Welt, ich stand mit zitternden Händen in der Postfiliale, hielt den leuchtend grünen Silberbarren fest, war glücklich und gierig auf die Fortsetzung, die den Abschluss der murakamischen Trilogie geben sollte.

Als Erstes treffe ich auf Herrn Ushikawa, die Schattengestalt aus dem zweiten Buch von „1Q84“. War Herr Ushikawa bislang eine Nebenfigur, steigt er nun direkt in die Kampfarena. Jetzt sitzt der großköpfige Mann mit den beiden Leibwächtern des Leaders zusammen und wird mächtig in die Mangel genommen. „Diese Typen können einen ganz schön in die Enge treiben, dachte Ushikawa.“ Ungeduldig pochen sie auf seine Ermittlungsergebnisse, die darauf schließen lassen, dass Aomame den Leader umgebracht hat. Jetzt solle er die Wahrheit herausfinden, Hintergründe zu der Tat liefern und Tengos Rolle in der ganzen Sache durchleuchten. Mit den ungemütlichen Drohungen der Leibwächter im Nacken setzt er seine Nachforschungen fort.

Der zweite Erzählstrang führt zu Tengo, der in der Stadt der Katzen weilt und seinen Vater im Sanatorium besucht. Er nimmt extra Urlaub und lässt Fukaeri allein in seiner Wohnung zurück. Was keiner weiß, sein Aufenthalt gilt vorrangig der Puppe aus Luft, die er einst nach Sonnenuntergang auf dem Bett des Vaters gesehen hat. Seitdem hat Tengo das Schauspiel jedoch nicht mehr zu Gesicht bekommen, doch die Hoffnung sitzt fest verankert auf seiner Schulter. Demütig gibt sich Tengo seinem Schicksal hin und taucht in das stille Warten während in seinem Herzen die Sehnsucht nach Aomame unaufhörlich hin und her flackert.

Was Tengo nicht weiß, Aomame ist ganz in der Nähe von seiner Wohnung, hält sich dort versteckt und hat den gegenüberliegenden Park im Visier. Auch sie trägt eine Hoffnung in sich, Tengo endlich wiederzusehen. Ihre Tage sind von einer Stille umgeben, die sie bald mit einem regelmäßigen Ablauf füllt. Sportübungen gehören genauso dazu wie die Lektüre von Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Die Tage plätschern wie feiner Nieselregen vor sich hin, einzig ein NHK-Mitarbeiter mischt aufdringlich dazwischen und vertreibt damit die zarte Ruhe.

Das dritte Buch hat einen ganz anderen Spannungsbogen als die beiden Vorgänger, die in Deutschland vor einem Jahr zusammen in einem Band erschienen sind. Herrschte noch in Buch 1 und 2 ein starker Orkan, weht im Buch 3 ein lauer Wind. Das verwundert nicht, denn die Protagonisten sind genauso vertraut wie der Kern der Geschichte. Hier stehen immer noch zwei Liebende, die sich seit der Kindheit tief verbunden fühlen und sich endlich wiederfinden wollen. Diese Tatsache mag vielleicht abwegig klingen, aber fest greifbar ist bei Haruki Murakami einiges nicht, viel mehr verschwimmen bei ihm die Grenzen zwischen Realität und Traum. Der japanische Autor hat mit „1Q84“ eine kosmische Liebesgeschichte geschaffen, die einen stillen Raum füllt und auf eine besondere Weise lebendig macht.

Im dritten Band tickt die Uhr anders, der Autor verbringt viel Zeit mit Umschreibungen und Wiederholungen. Das hat ihn einigen Lesern negative Kritik beschert. Es fielen Worte wie langatmig, schleppend und langweilig. Dem kann ich nicht zustimmen. In keiner Minute hatte ich Ermüdungserscheinungen oder den Wunsch, Seiten zu überfliegen. Gerade im letzten Drittel konnte er mich einfangen und hat mich durch einen Strohhalm aus meiner Umwelt förmlich herausgezogen. Auf den über fünfhundert Seiten beweist der japanische Autor erneut, dass er ein meisterhafter Erzähler ist, der mich überrascht. Hoho! Ja, da waren plötzlich wieder die Little People, die in einem Gespräch aus dem Nichts auftauchten und sich den Lesern ins Gedächtnis riefen. Hoho! Solche Überraschungen sind brillant und unvergesslich.

Obwohl Murakamis Erzählstil sehr schlicht gehalten und von einer Kälte umgeben ist, erzeugt er eine eigene Spannung, die sich nicht mit den beiden ersten Bänden vergleichen lässt. Der japanische Autor schafft aus Belanglosigkeiten aufregende Momente und stupst mich wie ein Kater an. Er webt wieder mystische Komponenten ein, verwischt die Realität mit fantastischer Farbe und tunkt damit den Kopf in eine klebrige Masse, dass selbst nach dem Schluss offene Fragen umherschwirren wie feine Pollen. Ungewöhnlich klar und einfach hingegen ist das Ende, einerseits. Andererseits frage ich mich, muss ein Autor stets im gleichen Schema seine Geschichten enden lassen? Wohl kaum. Deshalb schließe ich den dritten Band mit einem Lächeln. Das große Warten hat jetzt für alle Beteiligten ein Ende.

Haruki Murakami.
1Q84. Buch 3.
Oktober 2011, 578 Seiten, 24,- €.
DuMont Buchverlag.

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15 Gedanken zu “Das große Warten hat ein Ende.

  1. Hallo Klappentexterin

    Eine fantastische Rezension die genau das wiedergibt was ich auch denke. Und das große Warten hat übrigens nie ein Ende. Wir können uns doch jetzt schon wieder auf ein neues Werk freuen. Und irgendwie habe ich das Gefühl, diesmal wird er uns etwas schneller mit einer komplett neuen Geschichte bereichern.

    Zu einem anderen Thema. Ich wollte nicht nachfragen weil es mir zu dem Zeitpunkt etwas unangenehm war, und ich auch nicht nach den Details fragen wollte. Gerade als ich aufgeholt habe und wieder mit der gemeinsamen Lesung mithalten konnte, habe ich den Beitrag auf Reading Murakami entdeckt. Was war der Grund das es endete? Etwa die mangelnde Beteiligung? Fand ich auch schade das diesmal weniger los war. Viele waren natürlich auch verhindert.

    Zumindest geht es auf euren Blogs noch weiter. Vielen Dank für die schöne Rezension.

    Liebe Grüße,
    Aufziehvogel

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  2. Hallo Aufziehvogel oder Marcel (was ist dir lieber?),

    du meinst, wir sind die ewig Murakami-Wartenden? ; ) Das gefällt mir. Obwohl es jetzt anders für mich ist. Noch zeichnet sich am Literaturhimmel kein Murakami-Schweif ab, deshalb verschiebe ich das Warten vorerst. Ich denke auch, dass dies hier das Ende der Geschichte ist. Da kommt keine Fortsetzung, denn die Liebenden haben sich jetzt. Mochtest du das Ende eigentlich?

    Bei RM kamen mehrere Faktoren zusammen, die mich zu dem Schritt geführt haben. Die Zurückhaltung, der Zeitaufwand, wenig Zeit… Das Bloggen soll Spaß machen und wenn es das irgendwann nicht mehr zu hundert Prozent tut, sollte man in sich hineinhorchen und lauschen. Dies habe ich bei RM getan und fand dann die Antwort für mich. Ist natürlich sehr schade, aber unser Blog atmet noch, wenn nicht mehr so schnell. ; )

    Im Gegensatz zu mir hast du ja noch einige Murakami-Werke vor dir. Ich wünsche dir viel Freude beim Entdecken und Einttauchen in die einmaligen fantastischen Welten.

    Mit besten murakamischen Grüßen

    Klappentexterin

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  3. Na, da hätt‘ ich doch glatt meinen Einsatz verpennt – und diese Neuerscheinung nicht mitbekommen! Werd’s gleich morgen hier bei meinem Buchladen um die Ecke bestellen. 😀

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  4. Ich habe bisher noch nicht einmal Band 1 gelesen, irgendwie habe ich es nie geschafft, wirklich mit Haruki Murakami warm zu werden … das einzige, was ich von ihm gelesen habe, das mir auch gefallen hat, war die Dokumentation „Untergrundkrieg“ – alles andere konnte mich leider nicht wirklich begeistern.
    Deine Rezension klingt aber doch zu verlockend, um weiterhin an Murakami vorbei gehen zu können …

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  5. Wenn ich neugierig fragen darf: Welche Bücher hast du außer „Untergrundkrieg“ bisher von Haruki Murakami gelesen? Das Spektrum seines schriftstellerischen Schaffens ist vielfältig, doch gerade das begeistert mich an Murakami. Ich bin schon öfter danach gefragt worden, welches Buch ich zum Einstieg, quasi zum murakamischen Warmlesen, empfehle. Mit „Naokos Lächeln“ lag ich meist richtig. Aber manchmal ist das eben so, dass man mit einem Autor oder einer Autorin einfach nicht zusammenkommt, so sehr ich mir als Murakamifan natürlich wünsche, dass noch mehr Menschen das Glück in seinen Büchern finden…

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  6. Hallo Klappentexterin,

    Murakamis Trilogie liegt immer noch erwartungsvoll auf meinem Wunschzettel. Eigentlich ein Unding. Wo ich doch nach „Gefährliche Geliebte“ schon Blut nach seinem Schreibstil geleckt hatte. Das heißt, ich muss das unbedingt ändern und schleunigst den nächsten Buchladen aufsuchen. Am besten heute noch ;-P

    Vlg Steffi

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  7. Liebe klappentexterin,

    bisher habe ich von Murakami „Kafka am Strand“ und „Mister Aufziehvogel“ gelesen und beide konnten mich leider nicht begeistern.Gefallen hat mir – wie erwähnt – bisher nur der „Untergrundkrieg“ … da „Naokos Lächeln“ bei mir jedoch noch ungelesen schon im Regal steht, werde ich mich daran auf jeden Fall noch mal versuchen.
    Und auch die Trilogie klingt sehr interessant – nach meinen Murakamierfahrungen zögere ich einfach ein bisschen, so viel Geld auszugeben …

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  8. Wie schade! Vielleicht soll es dann wirklich nicht sein, denn gerade die beiden Bücher wurden von vielen begeisternd aufgenommen. Das soll nun nicht heißen, dass sie entscheidend sind.

    Kannst du kurz in Worte fassen, was dich gestört hat? Oder fehlte einfach das gewisse Etwas? „Naokos Lächeln“ wäre in jedem Fall noch einen kleinen Versuch wert, auch weil es eine andere Richtung einschlägt als die anderen beiden. Ich bin sehr gespannt, wie es zwischen dir und Murakami weitergeht.

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  9. Es ist leider schon einige Jahre her, dass ich mich an diesen beiden Romanen versucht hatte – wirklich erinnern kann ich mich dementsprechend nicht. Ich habe beide auch zu Ende gelesen, nur irgendwie der letzte Funke konnte dabei nicht so richtig überspringen … *schulternzuck*

    Ich denke, ich werde mich auf jeden Fall noch einmal an „Naokos Lächeln“ herantrauen und dann gerne hier über meine Erfahrungen kurz berichten!

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  10. Du beschreibst das Buch schon ganz richtig. Und empfehlenswert ist es trotzdem, auch meiner Ansicht nach, auch wenn ich es etwas schlechter bewertet habe. Ob wohl noch Band 4 erscheint? Oder wird Murakamis nächstes Buch vielleicht von den aktuellen Ereignissen in Japan beeinflusst sein?

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  11. Du gibst Murakami noch eine Chance, maragiese? Da verneige ich mich und hoffe für uns alle nur das Beste! : ) Ich bin schon jetzt auf deinen Eindruck gespannt und warte auf deine Wortmeldung.

    Ich denke nicht, dass noch Band 4 erscheint. Da hätte das Ende sicherlich anders ausgesehen. Aber bei Murakami kann man ja nie genau wissen. ; ) Ich könnte mir gut vorstellen, dass Murakami in seinem nächsten Buch die Ereignisse aus seinem Land mit verarbeitet.

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  12. Da habe ich doch glatt vergessen wieder in die Kommentare zu blicken. Mist.

    Du darfst mich gerne bei meinem Vornamen nennen. Das finde ich auch ehrlich gesagt persönlicher. Wobei unsere Pseudonyme für unsere Blogs ja alles andere als peinlich sind (wie so manch andere. Hat man erst einmal World of Warcraft und Guild Wars gespielt, wird man sich wundern, wie wenig manche Leute doch kreativ inspiriert sind).

    Danke für deinen Kommentar zu Reading Murakami. Genau das habe ich mir schon gedacht.

    Mit dem Ende zu 1Q84 schließe ich mich ganz deinen Worten an. Murakami kann auch mal anders. Ein optimistischeres Ende bedeutet nicht gleich das alle Fragen geklärt sind. Ich fand diese ausgewogene Mischung sehr gut.

    Murakami wird denke ich mal keinen vierten Band vorlegen. Zumindest vorerst. Wie ich es schon einmal erwähnt habe wünsche ich mir ja wieder einen neuen Band mit Kurzgeschichten. Ich denke das sich das Medium der Kurzgeschichte bestens dafür eignen würde die aktuellen Ereignisse in Japan zu verarbeiten. Doch auch ein Roman in einer postapokalyptischen Welt wäre nicht undenkbar. Das wäre mal etwas ganz neues für Haruki Murakami. Kenzaburo Oe hat es bereits getan, und ich war begeistert.
    In solch einer Welt könnte er noch wesentlich mehr mit surrealen Elementen spielen.

    Aber ich werde einfach mal abwarten was kommen wird. Dauern wird es ja noch. Und zur Überbrückung habe ich ja noch einige Romane. Als nächstes lese ich Pinball, 1973. Dann habe ich die Trilogie der Ratte beendet. Und mit dem Schafsmann habe ich ja auch schon getanzt. Das wäre doch nochmal was. Den Schafsmann mal wieder einladen. Aber bei dem Ende des letzten Bandes leider sehr unwahrscheinlich.

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    1. Kein Problem, lieber Marcel, hat ja alles Zeit, dennoch danke ich dir für deine Antwort! Ob Murakami als Nächstes Kurzgeschichten schreibt, weiß ich nicht, bin mir da unsicher. Irgendwie sehe ich sie immer am Anfang seiner Schriftstellerkarriere (wie bei anderen Autoren). Erst das Kurze, dann das Lange. Ich rechne eher wieder mit einem Roman, obwohl ich auch nichts gegen Kurzgeschichten einzuwenden hätte. : ) Die Literaturform hat es ja leider oft nicht leicht, weil Romane meist vorgezogen werden. Wie von Blaumraum angesprochen, glaube ich, dass er die aktuellen Ereignisse in Japan in jedem Fall literarisch verarbeiten wird.

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